{"id":4495,"date":"2021-08-13T02:31:34","date_gmt":"2021-08-13T00:31:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4495"},"modified":"2021-08-19T13:00:18","modified_gmt":"2021-08-19T11:00:18","slug":"mit-makelloser-technik-im-dienst-am-ganzen-friedrich-gulda-chopin-beethoven","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/08\/13\/mit-makelloser-technik-im-dienst-am-ganzen-friedrich-gulda-chopin-beethoven\/","title":{"rendered":"Mit makelloser Technik im Dienst am Ganzen"},"content":{"rendered":"\n<p>SWR Classic, SWR19097CD; EAN: 7 47313 90978<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/GuldaChopinBeethoven.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/GuldaChopinBeethoven.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4496\" width=\"469\" height=\"469\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/GuldaChopinBeethoven.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/GuldaChopinBeethoven-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/GuldaChopinBeethoven-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 469px) 100vw, 469px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>SWR Classic hat in den letzten Jahren eine stattliche Reihe von CDs ver\u00f6ffentlicht, auf denen die Zusammenarbeit Friedrich Guldas mit dem S\u00fcdwestrundfunk w\u00e4hrend der 50er-, 60er- und 70er-Jahre dokumentiert ist. Daran kn\u00fcpft die vorliegende Doppel-CD an, auf welcher Gulda mit Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins Pr\u00e9ludes op.&nbsp;28 und zwei Variationswerken Ludwig van Beethovens, den chaconneartigen Variationen c-Moll WoO&nbsp;80 und den Diabelli-Variationen op.&nbsp;120, zu h\u00f6ren ist. Die Aufnahmen entstanden 1953 und 1968.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dass Friedrich Guldas Ruf sich in sp\u00e4teren Jahren vor allem auf seine Bach-, Mozart- und Beethoven-Auff\u00fchrungen, sowie sein Wirken als Jazzmusiker gr\u00fcndete, sollte nicht den Ruhm vergessen machen, den er zu Beginn seiner Pianistenlaufbahn als Chopin-Spieler genoss. Chopins Balladen, Sonaten und Pr\u00e9ludes bildeten zun\u00e4chst gar einen der Grundpfeiler seines Repertoires. Die 24&nbsp;Pr\u00e9ludes op.&nbsp;28 spielte er 1947 als 17-J\u00e4hriger zum ersten Mal \u00f6ffentlich und setzte sie in den folgenden Jahren regelm\u00e4\u00dfig auf seine Programme. F\u00fcr den SWR nahm er den Zyklus am 11.&nbsp;April 1953, kurz vor seinem 23. Geburtstag, auf. Die lange Lagerungszeit der B\u00e4nder mag die klangliche Qualit\u00e4t der Einspielung etwas beeintr\u00e4chtigt haben, aber die \u00fcberw\u00e4ltigende Frische, die einem aus den T\u00f6nen hier entgegenschl\u00e4gt, l\u00e4sst diesen kleinen Makel als vollkommen vernachl\u00e4ssigenswert erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Gulda war Chopin ein \u201em\u00e4nnlicher, ritterlicher\u201c Komponist. Er empfand keinerlei Bed\u00fcrfnis, die Werke des Meisters mit jener Patina aus willk\u00fcrlichen Temposchwankungen und verschwommener Rhythmik zu \u00fcberziehen, mit welcher weniger einsichtsvolle Pianisten dem romantischen Geist dieser Musik Rechnung zu tragen streben. Stattdessen zeigte er, dass die Gr\u00f6\u00dfe Chopins \u2013 des Romantikers, der das Vokabular der Virtuosen- und Salonmusik seiner Zeit vollkommen transzendiert und dadurch f\u00e4hig gemacht hat, Tr\u00e4ger wahrer Leidenschaft und tragischer Handlungen zu sein \u2013 namentlich dann zur Geltung kommt, wenn man die Konturen dieser Musik durch Disziplin im Rhythmischen und stringente Tempi sch\u00e4rft. Gulda versucht nicht, Chopin einen \u201eAusdruck\u201c aufzuzwingen. Ihre Ausdruckskraft erhalten die Pr\u00e9ludes dadurch, dass er Chopins Meisterschaft im Formen, seine F\u00e4higkeit, durch kleinste Ver\u00e4nderungen den Verlauf der Musik voranzubringen, verdeutlicht \u2013 eben jene Eigenschaft, die Chopin mit Johann Sebastian Bach gemeinsam hat. Durch subtile Rubati, unaufdringliche Beschleunigungen und Verlangsamungen, die stets im Einklang mit den harmonischen Ereignissen geschehen, macht Gulda die Entfaltung der Chopinschen Melodieb\u00f6gen immer wieder zu einem Erlebnis. Ebenso kommt unter seinen H\u00e4nden die Vielschichtigkeit des Tonsatzes zur Geltung. Sehr deutlich pflegt er Melodien hervorzuheben, die sich in raschen Figurationen verstecken. Die makellose Technik, mit der der Pianist dies alles leistet, wird dabei im Grunde zur Nebensache: Sie geht vollkommen im Dienst am Werk auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gleichen Vorz\u00fcge lassen sich f\u00fcr die 15 Jahre sp\u00e4ter, am 6. November 1968 aufgezeichneten Variationszyklen Beethoven anf\u00fchren. Die 32 Variationen \u00fcber ein eigenes Thema in c-Moll WoO\u00a080 \u2013 eigentlich m\u00fcsste man sagen: Beethovens Chaconne \u2013 spielt Gulda mit einem Brio, das vom ersten bis zum letzten Takt fesselt. Mit nicht einmal achteinhalb Minuten ist seine Einspielung eine der schnellsten, die es von diesem St\u00fcck gibt. Bei aller Ausrichtung auf Vorw\u00e4rtsdrang wirkt sie dennoch nicht \u00fcbereilt, da Gulda es trotz sehr hohem Tempo schafft, die dynamischen und artikulatorischen Kontraste, die Beethoven nicht nur zwischen den einzelnen Variationen, sondern auch h\u00e4ufig innerhalb derselben auskomponiert hat, herauszuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Beethovens Diabelli-Variationen op.&nbsp;120 geh\u00f6rt Gulda zu den schnellen Pianisten. Das ganze Werk, mit allen vorgeschriebenen Wiederholungen, bringt er in 46 Minuten zu Ende. Gulda fasst den Zyklus, wie die ganz anders gearteten c-Moll-Variationen, offensichtlich als ein zusammenh\u00e4ngendes Ganzes auf, nicht als Suite von knapp drei Dutzend Charakterst\u00fccken. Seine rhythmische Pr\u00e4zision, sein wacher Sinn f\u00fcr melodische Entwicklungen und seine Sicherheit in der Darstellung des kontrapunktischen Zusammenwirkens der einzelnen Stimmen erweisen sich hier als nicht minder vorteilhaft als im Falle der anderen Werke. Auch die dynamischen Kontraste kommen trefflich zur Geltung. Die ausgedehnte Largo-Variation (Nr.&nbsp;XXXI) spielt Gulda so zart, dass man beinahe meinen k\u00f6nnte, er h\u00e4tte ein Clavichord unter den Fingern. Die anschlie\u00dfende Fuge klingt sehr straff, das Hauptthema wird bei jedem Erscheinen markant herausgehoben. Grazi\u00f6s, aber mit allem Gewicht, das dem Finale eines solch umfangreichen und vielgestaltigem Werkes zukommt, tr\u00e4gt Gulda die abschlie\u00dfende Menuett-Variation vor.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung dieser Aufnahmen, die Friedrich Gulda als vorz\u00fcglichen Vermittler der Werke Chopins und Beethovens zeigen, kann man SWR Classic nur dankbar sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, August 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SWR Classic, SWR19097CD; EAN: 7 47313 90978 SWR Classic hat in den letzten Jahren eine stattliche Reihe von CDs ver\u00f6ffentlicht, auf denen die Zusammenarbeit Friedrich Guldas mit dem S\u00fcdwestrundfunk w\u00e4hrend der 50er-, 60er- und 70er-Jahre dokumentiert ist. 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