{"id":4498,"date":"2021-08-19T12:50:52","date_gmt":"2021-08-19T10:50:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4498"},"modified":"2021-08-19T18:09:52","modified_gmt":"2021-08-19T16:09:52","slug":"giacinto-scelsi-sabine-liebner-strenge-exerzitien-statt-totaler-versenkung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/08\/19\/giacinto-scelsi-sabine-liebner-strenge-exerzitien-statt-totaler-versenkung\/","title":{"rendered":"Strenge Exerzitien statt totaler Versenkung"},"content":{"rendered":"\n<p>Wergo 7328 2; EAN: 4 010228732825<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Scelsi-Suiten-811-Liebner-Wergo.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Scelsi-Suiten-811-Liebner-Wergo-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4499\" width=\"456\" height=\"452\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Scelsi-Suiten-811-Liebner-Wergo-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Scelsi-Suiten-811-Liebner-Wergo-300x297.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Scelsi-Suiten-811-Liebner-Wergo-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Scelsi-Suiten-811-Liebner-Wergo-768x761.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Scelsi-Suiten-811-Liebner-Wergo.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 456px) 100vw, 456px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Nach den Suiten Nr. 9 &amp; 10 (Wergo 6794) hat die M\u00fcnchner Pianistin Sabine Liebner nun Einspielungen der Klaviersuiten Nr. 8 &amp; 11 des italienischen Au\u00dfenseiters Giacinto Scelsi auf CD ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sabine Liebner<\/em> hat sich seit etlichen Jahren vor allem einen Namen durch engagierte Interpretationen von Klavierwerken aus dem Umfeld der sogenannten <em>New York School <\/em>gemacht, namentlich der Komponisten <em>Morton Feldman, Earle Brown, Christian Wolff <\/em>und vor allem <em>John Cage. <\/em>Dieser Musik ist sicher gemeinsam, dass sie sich allem \u201eGewollten\u201c \u2013 wof\u00fcr exemplarisch das Werk Beethovens wie auch ein Gro\u00dfteil der Musik romantischer Tradition st\u00fcnde \u2013 ganz bewusst (oder ist dieses Wort daf\u00fcr bereits zu stark?) verweigert; nur eine Form der <em>\u201eAblehnung des k\u00fcnstlerisch sich ausdr\u00fcckenden Subjekts als kompositorische Instanz\u201c<\/em> (Federico Celestini) in den 1950ern. Au\u00dferdem spielt nicht nur bei Cage die Besch\u00e4ftigung mit fern\u00f6stlicher Philosophie und Mystik (<em>I Ging)<\/em> eine gewichtige Rolle. Was liegt da n\u00e4her, als sich nun mit der Klaviermusik des italienischen Exzentrikers <em>Giacinto Scelsi <\/em>(1905\u20131988) zu besch\u00e4ftigen?<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die 1980er Jahre nahezu unbekannt, erlangte der wohlhabende, italienische Adlige \u2013 der nur sporadisch unterrichtet wurde, sich selbst mehr als <em>Medium <\/em>denn als Komponist sah \u2013 durch hochrangige Darbietungen auf internationalen Festivals noch kurz vor seinem Tod fast Kultstatus. Man unterscheidet bei Scelsi zwei Schaffensphasen: vor und nach einer veritablen psychischen Krise an der Wende der sp\u00e4ten 1940er zu den 1950er Jahren. Nur die Werke ab 1952 sah der Komponist als \u201eeigentlich\u201c an. Tats\u00e4chlich hielt Scelsi \u2013 zumindest in dieser 2. Periode \u2013 die Musik in seinem Kopf nicht etwa auf Papier fest, sondern nahm Improvisationen am Klavier, sp\u00e4ter an der <em>Ondiola, <\/em>einem fr\u00fchen, elektronischen Instrument, auf Tonband auf und lie\u00df diese dann von anderen Musikern transkribieren, bis hin zu kompletten Orchestrationen gro\u00dfbesetzter St\u00fccke. Klar, dass das bis heute zu Diskussionen \u00fcber deren Authentizit\u00e4t f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Scelsi verstand seine Asien-Rezeption \u2013 gerade die intensive Besch\u00e4ftigung mit Yoga, aber vor allem die Erforschung der \u201eKlanglichkeit\u201c des Einzeltons: wesentlicher Aspekt seiner spiritualistischen \u00c4sthetik \u2013 als L\u00f6sung seiner psychischen Probleme. Bereits im ersten, umfangreicheren St\u00fcck nach der \u201eWende\u201c, eben der Suite f\u00fcr Klavier Nr. 8 <em>Bot-Ba <\/em>(\u201eTibet\u201c) von 1952, wird die Bedeutung von wenigen Zentralt\u00f6nen deutlich: etwa <em>f <\/em>im ersten oder <em>a<\/em> im dritten Satz. Dies f\u00fchrt dann in extremer Reduktion bis zu seinen ber\u00fchmten <em>Quattro pezzi su una nota sola <\/em>(1959) f\u00fcr Orchester, in der sich die Musik komplett den \u2013 mikrotonalen und klanglichen, dort also instrumentierten \u2013 Aspekten des Einzeltons widmet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Scelsi seine 8. Suite als <em>\u201eeine Evokation Tibets mit seinen Kl\u00f6stern im Hochgebirge \u2013 Tibetische Rituale \u2013 Gebete und T\u00e4nze\u201c<\/em> beschreibt, darf der H\u00f6rer nat\u00fcrlich keinerlei pittoreske Darstellungen, ebenso wenig direkte, klangliche Bez\u00fcge zu tibetanischer Musik erwarten. Hier geht es um komplexe Seelenzust\u00e4nde, ein obsessives In-sich-Hineinhorchen: reine Kontemplation. Dies f\u00e4llt gar nicht leicht angesichts der flirrend-schillernden, oft hochvirtuosen Faktur dieser Klaviermusik, die dann doch der Feldmans irgendwie diametral entgegengesetzt erscheint. Sabine Liebner ist \u2013 wie schon in ihrer Einspielung der Stockhausen-Klavierst\u00fccke (siehe <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/03\/18\/stockhausen-wie-durchs-vergroesserungsglas\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/03\/18\/stockhausen-wie-durchs-vergroesserungsglas\">Rezension<\/a>) \u2013 zun\u00e4chst einmal eine zuverl\u00e4ssige Sachwalterin des Notentextes, mit enormer Pr\u00e4zision in der Umsetzung gerade dynamischer Angaben. Dar\u00fcber hinaus wird durch ihr Spiel das durchaus vorhandene Bem\u00fchen Scelsis um Form \u2013 der zweite Satz z.B. ist fast ein Rondo \u2013 \u00fcberaus deutlich. Dennoch wirkt dies aber langatmig und viel zu gleichf\u00f6rmig; eine vollkommene Versenkung in den Klang, wie etwa beim beinahe ekstatischen Werner B\u00e4rtschi, findet absolut nicht statt. Versucht Liebner allen Ernstes, Scelsis Musik zu objektivieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Weitaus \u00fcberzeugender gelingt ihr die etwas anders gelagerte Suite Nr. 11 von 1956 \u2013 bereits das letzte St\u00fcck der Reihe. Danach gab Scelsi sein Interesse f\u00fcr das Klavier praktisch auf, wohl vor allem wegen der fehlenden M\u00f6glichkeit, Tonh\u00f6hen zu manipulieren: Die sp\u00e4teren Instrumentalwerke verlangen in der Regel mindestens Viertelt\u00f6nigkeit. Hier finden sich nun ebenso gr\u00f6\u00dfere Akkordballungen und Cluster; dies kommt Sabine Liebner, die sich intensiv mit <em>Henry Cowell<\/em> oder <em>Galina Ustwolskaja<\/em> auseinandergesetzt hat, anscheinend sehr entgegen. Die im Vergleich zu <em>Bot-Ba <\/em>schrofferen Gegens\u00e4tze mei\u00dfelt sie teils gnadenlos heraus, eine f\u00fcr den H\u00f6rer wirklich existenzielle Klangerfahrung: Scelsi verglich dies mit seiner <em>Action Music <\/em>(1955), eine Anspielung auf das <em>action painting <\/em>(Jackson Pollock) des amerikanischen, abstrakten Expressionismus. Liebner hat allerdings auch bei dieser Suite Probleme mit der schieren L\u00e4nge (&gt; 38 Min.!). Einen gro\u00dfen Bogen \u2013 den die erst nachtr\u00e4glich vom Komponisten kompilierten St\u00fccke kaum hergeben \u2013 versucht die K\u00fcnstlerin erst gar nicht zu spannen. So erlebt man pianistisch h\u00f6chst beeindruckende, oft sehr strenge Exerzitien, denen aber das entscheidende Moment totaler Versenkung \u00fcber weite Strecken fehlt und die den H\u00f6rer schwerlich bei der Stange halten. Die Aufnahmetechnik hebt den klaren, harten Klang der Pianistin eher noch hervor, was dem Verst\u00e4ndnis Scelsis von R\u00e4umlichkeit wenig zugutekommt, ist aber ansonsten vorz\u00fcglich. Dies gilt auch f\u00fcr den sehr detaillierten Booklettext von Friedrich Jaecker.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichseinspielung:<\/strong> Suiten Nr. 8 &amp; 9 \u2013 Werner B\u00e4rtschi (Accord 200802, 1991)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, August 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wergo 7328 2; EAN: 4 010228732825 Nach den Suiten Nr. 9 &amp; 10 (Wergo 6794) hat die M\u00fcnchner Pianistin Sabine Liebner nun Einspielungen der Klaviersuiten Nr. 8 &amp; 11 des italienischen Au\u00dfenseiters Giacinto Scelsi auf CD ver\u00f6ffentlicht. 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