{"id":4511,"date":"2021-08-31T23:13:16","date_gmt":"2021-08-31T21:13:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4511"},"modified":"2021-09-06T16:58:43","modified_gmt":"2021-09-06T14:58:43","slug":"langer-atem-und-polyphonie-im-kornspeicher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/08\/31\/langer-atem-und-polyphonie-im-kornspeicher\/","title":{"rendered":"Langer Atem und Polyphonie im Kornspeicher"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210828_193941-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210828_193941-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4512\" width=\"547\" height=\"410\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210828_193941-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210828_193941-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210828_193941-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210828_193941-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210828_193941-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 547px) 100vw, 547px\" \/><\/a><figcaption>Der Kornspeicher der Dorfm\u00fchle in Lehrberg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Am 28.&nbsp;August 2021 spielte das Streichorchester Symphonia Momentum unter Leitung von Christoph Schl\u00fcren im Kornspeicher des Hotels Dorfm\u00fchle in Lehrberg die Streichersymphonie Nr.&nbsp;13 c-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, <\/em>Bitten<em>, den von Lucian Beschiu f\u00fcr Streicher gesetzten Schlussteil der Motette <\/em>\u00dcber die Schwelle<em> von Reinhard Schwarz-Schilling, und das Streichquintett F-Dur von Anton Bruckner als Streichersymphonie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Kornspeicher der ehemaligen Dorfm\u00fchle, deren Geb\u00e4ude nunmehr das Hotel Dorfm\u00fchle beherbergen, verf\u00fcgt Lehrberg, ein Markt in Mittelfranken nahe Ansbach, \u00fcber eine Spielst\u00e4tte besonderer Art. Der mit einer Orgel ausger\u00fcstete Konzertsaal dient seit seiner Einweihung im Jahr 2017 als Veranstaltungsort der Lehrberger M\u00fchlenkonzerte, in deren Rahmen es bereits zu einer stattlichen Anzahl an Auff\u00fchrungen von Chor-, Orgel-, Kammer- und auch Orchestermusik gekommen ist. Die Ereignisse des Jahres 2020 hatten zu einer vor\u00fcbergehenden Unterbrechung der erfolgreichen Reihe gef\u00fchrt, sodass im Kornspeicher insgesamt 20 Monate lang keine Konzerte stattfinden konnten. Nicht nur aus diesem Grund konnte man h\u00f6chst gespannt sein auf das Konzert, das die erzwungene Stille am 28.&nbsp;August 2021 beendete und damit hoffentlich den Auftakt zu einem neuen Kontinuum musikalischer Veranstaltungen in Lehrberg gegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das 19-k\u00f6pfige Streichorchester Symphonia Momentum (f\u00fcnf erste und vier zweite Violinen, je drei erste und zweite Bratschen, drei Violoncelli und eine Kontrabassistin, die die ihr zugeteilten Stellen profund st\u00fctzte) brachte unter der Leitung seines Gr\u00fcnders Christoph Schl\u00fcren drei Kompositionen zur Auff\u00fchrung, die nicht nur verschiedenen Epochen angeh\u00f6ren, sondern auch urspr\u00fcnglich verschiedenen Besetzungen zugedacht waren: Die 1823 begonnene und nach dem ersten Satz nicht weiterf\u00fchrte Streichersymphonie Nr. 13 c-Moll des 14-j\u00e4hrigen Felix Mendelssohn Bartholdy, die den Abend er\u00f6ffnete, wurde als einziges Werk des Programms original f\u00fcr Streichorchester komponiert. Mit Reinhard Schwarz-Schillings <em>Bitten<\/em> folgte ein St\u00fcck instrumental ausgef\u00fchrter Vokalmusik: Es handelt sich um den Schlussteil der A-cappella-Motette <em>\u00dcber die Schwelle<\/em> op.&nbsp;76 aus dem Jahr 1975, den der Komponist Lucian Beschiu der Streicherliteratur hinzugewonnenen hat. Das weitaus umfangreichste St\u00fcck bildete den Abschluss: Anton Bruckners Streichquintett F-Dur von 1879 war in chorischer Auff\u00fchrung zu h\u00f6ren, und damit als zweite Streichsymphonie in diesem Konzert. Diese Werke m\u00f6gen zeitlich weit auseinanderliegen \u2013 Mendelssohns Symphoniesatz entstand im Jahr vor Bruckners Geburt, Bruckners Quintett ein knappes Jahrhundert vor Schwarz-Schillings Motette \u2013, und in ganz verschiedenen Schaffensphasen der jeweiligen Komponisten entstanden sein \u2013 ein Jugendwerk steht den Kompositionen eines 55- und eines 71-J\u00e4hrigen gegen\u00fcber \u2013, dennoch kam in dieser Vortragsfolge das ihnen Gemeinsame, sie miteinander Verbindende au\u00dferordentlich deutlich zum Ausdruck, w\u00e4hrend das, was sie historisch-stilistisch voneinander trennen mag, in den Hintergrund trat. Neben der formalen Abrundung, der Nat\u00fcrlichkeit, mit welcher sich die Verl\u00e4ufe der St\u00fccke entfalten, als k\u00f6nnte es nicht anders sein, haben sie vor allem den f\u00fcnfstimmigen Satz als Grundlage gemeinsam. Alle drei Werke entfalten die in ihnen niedergelegten musikalischen Gedanken in meisterhafter Polyphonie.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Zusammenwirken voneinander unabh\u00e4ngiger Stimmen h\u00f6rbar zu machen, ist Christoph Schl\u00fcren der rechte Mann. Die Konzerte, die er in den letzten Jahren gegeben hat, sind s\u00e4mtlich Feste der Polyphonie gewesen. Wie sehr er sich in die Struktur der Werke vertieft hat, zeigte sich in Lehrberg nicht nur an den Auff\u00fchrungen selbst, sondern auch bei dem Einf\u00fchrungsvortrag, den er vor dem Konzert hielt. Mit knappen, auf den Punkt gebrachten S\u00e4tzen umriss er die Thematik des polyphonen H\u00f6rens im Allgemeinen und ging dann auf die besonderen Merkmale der Kompositionen ein, wobei ihm zur Verdeutlichung des Gesagten die Stimmf\u00fchrer der Orchestergruppen zur Seite standen.<\/p>\n\n\n\n<p>Polyphonie ist melodische Musik, entwickelt sich aus der Linie heraus. Im Konzert zeigte sich, wie intensiv sie erlebbar wird, wenn die Melodielinien nach den ihnen innewohnenden tonalen Verh\u00e4ltnissen entwickelt und gut artikuliert vorgetragen werden. Die Einleitung des Mendelssohnsschen Symphoniesatzes bereitete angemessen darauf vor: Da h\u00f6rte man nicht ein blo\u00dfes Hintereinander punktierter Motive, sondern einen gro\u00dfen melodischen Verlauf, der kontinuierlich Spannung aufstaute, welche sich dann blitzartig im ersten Thema des Allegros in Bewegungsenergie verwandelte. In der damit beginnenden Doppelfuge, deren Ereignisfolge wesentliche Eigenschaften eines Sonatensatzes aufweist \u2013 eine v\u00f6llig organische Verschmelzung klassischer und barocker Formungsprinzipien gelingt dem jugendlichen Komponisten hier! \u2013, h\u00f6rte man jeden Einsatz der Themen genau. Alle Stimmen verstanden sich darauf, deutlich das Wort zu ergreifen, wenn es verlangt wurde, und vereinten sich zu einem veritablen kontrapunktischen Sturmwind. Die Themenkombinationen wurden in ihrer Eigenschaft als Momente gesteigerter Aktivit\u00e4t trefflich erfasst, was gerade dem Schlussteil des Satzes zugutekam.  Der Energie, mit der das Orchester zu Werke ging, entsprach seine Fertigkeit im Spiel. Die Brillanz, mit der die Musiker Mendelssohns rasantes Allegro meisterten, lie\u00df keinen Zweifel daran aufkommen, dass man es hier mit einem h\u00f6chsten technischen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgenden Klangk\u00f6rper zu tun hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwarz-Schillings Motettensatz evoziert mit seinen subdominantischen Harmoniefolgen eine Stimmung der Introspektion und R\u00fcckschau. Aus dieser entsteht gleichsam ein vorbarocker Stil auf Grundlage einer dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert entstammenden Harmonik. Die Musiker l\u00f6sten in dieser <em>sehr ruhig und verhalten<\/em> vorzutragenden Musik die Aufgabe, auf ihren Instrumenten zu \u201esingen\u201c und einen vollen Chorklang zu erzeugen, aus welchem keine Stimme \u00fcber Geb\u00fchr heraussticht, durchweg \u00fcberzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruckners Streichquintett teilt mit den Symphonien seines Komponisten die expansive Anlage und weitgehend auch den formalen Grundriss. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass alle Themen des Quintetts aus dem Geiste der Streichinstrumente erfunden sind. Besonders f\u00e4llt dies im Kopfsatz auf, dem lyrischsten und zartesten, den Bruckner geschrieben hat, und seinem einzigen, der im Dreiertakt steht. Nichtsdestoweniger verzichtet der Komponist auch in diesem Werk nicht auf gro\u00dfangelegte Steigerungen, lautstarke H\u00f6hepunkte und abrupte Wechsel zwischen forte und piano, sprich: auf pr\u00e4gende Stilmittel seiner symphonischen Tonsprache. Eine Darbietung des Quintetts als Symphonie f\u00fcr Streichorchester liegt nicht zuletzt deshalb nahe. Mit rund einer Stunde war Schl\u00fcrens Auff\u00fchrung die l\u00e4ngste, die ich je von dem Werke h\u00f6rte, aber sie war auch die spannungsreichste. Der Dirigent nahm sich die Zeit, die zahlreichen Sch\u00f6nheiten des Werkes pr\u00e4zise herauszuarbeiten. Das kontrapunktische Miteinander, namentlich Bruckners bevorzugtes Tonsatzmodell mit einer tragenden Stimme als Hintergrund, um die sich die anderen Stimmen ranken, wurde in all seinen Varianten erlebbar gemacht. Dabei behielt Schl\u00fcren immer den \u00dcberblick \u00fcber den Verlauf der Musik, war sich an jeder Stelle sicher, wie er diesen Moment als Teil des Gesamtgeschehens darzustellen habe \u2013 eine Sicherheit, die sich h\u00f6rbar auf die Musiker \u00fcbertrug und ihnen erm\u00f6glichte, stimmige Rubati auszuf\u00fchren, in denen der Grundpuls der Musik bei aller Freiheit im Tempo noch vernehmbar nachklang. So entfalteten die Violinen und Bratschen wunderbar ihre <em>breit gezogenen<\/em>, durch den Raum schwebenden Achtelfolgen zu Beginn der Durchf\u00fchrung im ersten Satz und f\u00fchrten in der \u00e4hnlich gestalteten R\u00fcckleitung zur Reprise ebenso sicher wieder ins Hauptzeitma\u00df zur\u00fcck. Schl\u00fcrens umsichtige Tempogestaltung kam besonders dem Finale zu gute, dessen Anfang und Schluss eine selten zu h\u00f6rende melodische Geschlossenheit ausstrahlten und nicht, wie leider in zu vielen Auff\u00fchrungen, \u00fcbereilt wirkten \u2013 <em>lebhaft bewegt<\/em> muss nicht gehetzt hei\u00dfen. Die ungew\u00f6hnliche Bogenform des Satzes erfasste Schl\u00fcren als ein allm\u00e4hliches Vordringen zum Kern, n\u00e4mlich dem wuchtigen Fugato in der Mitte, nach dessen beruhigtem Abklingen die Musik in umgekehrter Reihenfolge zum Ausgangspunkt zur\u00fcckkehrt. Der gleiche Prozess einer Intensivierung mit anschlie\u00dfender Entspannung wurde im Scherzo deutlich gemacht, das sich ebenfalls in seiner Mitte verlangsamt. Zum H\u00f6hepunkt des ganzen Konzerts geriet das Adagio des Quintetts, das sich voll innerer Ruhe in gro\u00dfen B\u00f6gen entfaltete. Der Beschaffenheit dieser B\u00f6gen konnten die Zuh\u00f6rer bis in die kleinsten Phrasen nachsp\u00fcren: Man h\u00f6rte genau, wie die Melodien die metrischen Schwerpunkte ber\u00fchrten, sich von ihnen l\u00f6sten und sich sammelten, um auf die jeweils n\u00e4chsten zuzusteuern. Der wahre Takt dieser Musik wurde vernehmlich: nicht das metronomische Klopfen, wohl aber das musikalische Atmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, August 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28.&nbsp;August 2021 spielte das Streichorchester Symphonia Momentum unter Leitung von Christoph Schl\u00fcren im Kornspeicher des Hotels Dorfm\u00fchle in Lehrberg die Streichersymphonie Nr.&nbsp;13 c-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, Bitten, den von Lucian Beschiu f\u00fcr Streicher gesetzten Schlussteil der Motette \u00dcber die Schwelle von Reinhard Schwarz-Schilling, und das Streichquintett F-Dur von Anton Bruckner als Streichersymphonie. 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