{"id":4519,"date":"2021-09-03T19:37:58","date_gmt":"2021-09-03T17:37:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4519"},"modified":"2021-09-03T19:38:02","modified_gmt":"2021-09-03T17:38:02","slug":"ich-uebe-gebe-mein-bestes-und-bete-um-klarheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/09\/03\/ich-uebe-gebe-mein-bestes-und-bete-um-klarheit\/","title":{"rendered":"\u201eIch \u00fcbe, gebe mein Bestes und bete um Klarheit.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Thinnes.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Thinnes.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4520\" width=\"501\" height=\"501\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Thinnes.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Thinnes-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Thinnes-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der saarl\u00e4ndische Pianist Marlo Thinnes hat vor allem mit seiner gemeinsam mit Ingolf Turban eingespielten Gesamtaufnahme aller Violinsonaten Beethovens im Fr\u00fchjahr 2021 viel Aufsehen in der Presse erregt. Das CD-Box-Set war auch f\u00fcr den \u201ePreis der deutschen Schallplattenkritik\u201c nominiert. Thinnes ist aber auch als Solok\u00fcnstler aktiv und legt nunmehr sein bereits zweites Album als Solist vor. Dabei \u00fcberrascht manches \u2013 von der Werkauswahl bis hin zur Repertoiregewichtung. So ergaben sich die Fragen an den Pianisten fast von selbst. Marlo Thinnes gibt im Gespr\u00e4ch mit the-new-listener.de interessante Einblicke in den Entstehungsprozess seines neuen Albums mit Werken von Beethoven, Liszt, Faur\u00e9, Ravel und Vi\u00f1es.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herr Thinnes, Sie haben im Fr\u00fchjahr eine viel beachtete Gesamtaufnahme der Beethoven-Violinsonaten mit dem M\u00fcnchner Geiger Ingolf Turban aufgenommen. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unser gemeinsamer Produzent Joachim Krist brachte uns im Fr\u00fchjahr 2018 zusammen. Ihn reizte dieses Projekt schon seit Jahren. Er wollte die Sonaten zyklisch mit Musikern seiner Wahl f\u00fcr das Label \u201etelos\u201c im Portfolio haben. Ich bin gl\u00fccklich, dass ich einer der beiden Musiker sein durfte, die dieses Prestige-Projekt stemmen durften.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Ingolf Turban gestaltet? Er ist ja als Alben aufnehmender Musiker schon sehr lange im Gesch\u00e4ft, w\u00e4hrend Sie vor der Zusammenarbeit mit ihm gerade erst ein Deb\u00fctalbum herausgebracht hatten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist richtig. Bis auf verschiedene Rundfunk- und Videoproduktionen war bis zum damaligen Zeitpunkt nur ein offizielles Album von mir auf dem Markt:&nbsp;\u201e<em>Ombre et Lumi\u00e9re\u201c<\/em>, \u00fcbrigens auch bei telos music erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zusammenarbeit mit Ingolf war spannend, professionell und vor allem menschlich sehr angenehm. Die Proben in M\u00fcnchen, bei denen auch unser Produzent manchmal zugegen und dann fordernd und formend beteiligt war, brachten vielversprechende Ergebnisse. Bald fanden wir zu einer gemeinsamen Sprache, die Beethovens Duktus auf ideale Weise zum \u201eSprechen\u201c zu bringen schien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf Ihrem neuen Album geht es nun mit Beethoven weiter, was aber \u00fcberrascht, ist, dass Sie sich dabei f\u00fcr eine Beethoven-Bearbeitung entschieden haben. Wie kam es zu der Idee, eine der Sinfonie-Transkriptionen aufzunehmen, die Franz Liszt f\u00fcr Klavier gesetzt hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Transkriptionen kam ich bereits vor 10 Jahren in Kontakt, als ich eingeladen wurde, im Rahmen eines Festivals \u2013 quasi als Auftragsprogramm \u2013 die Zweite und Sechste der neun Sinfonien in der Bearbeitung f\u00fcr Klavier Solo aufzuf\u00fchren. Die restlichen wurden damals unter drei weiteren Pianisten aufgeteilt. Das war ein Abenteuer und eine Entdeckungsreise, die bleibende Eindr\u00fccke hinterlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit dieser Zeit war ich dem Beethoven-Bazillus verfallen. Und so war es ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass seine Musik in den letzten Jahren zunehmend in meinen k\u00fcnstlerischen Fokus r\u00fcckte: Ein Marathon mit allen Klaviersonaten, den ich mir mit einem Pianistenfreund teilte (jeder \u00fcbernahm 16 Sonaten), die eben bereits erw\u00e4hnte Auff\u00fchrung und Gesamteinspielung der Violinsonaten mit Turban, Lecture-Recitals mit der Hammerklaviersonate usw. zeigen in diese Richtung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich also durch diese wunderbaren Sinfonie-Transkriptionen die Chance hatte, auch interpretierend als Pianist am sinfonischen Schaffen Beethovens teilhaben zu k\u00f6nnen, das ich seit jeher verehre, war doch jetzt die Zeit, genau das zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Man k\u00f6nnte sagen, das Album ist vom Programm her zweigeteilt: Ein \u201eHauptwerk\u201c, das einen Gro\u00dfteil der Spielzeit f\u00fcr sich verbucht, und mehrere (vom Umfang her) kleinere Werke. Bei so einer Konstellation passiert es leicht, dass H\u00f6rer die von der Spielzeit her k\u00fcrzeren Werke als \u201enebens\u00e4chlich\u201c einstufen, oder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das glaube ich nicht. Ich w\u00fcrde die Platte eher als ein zweiteiliges Konzertprogramm betrachten. Nach der gro\u00dfen Aufmerksamkeit, die die Beethoven-Transkription fordert, braucht&#8217;s danach einen Ausgleich, einen anderen musikalischen Duktus, andere Farben, leichtere&nbsp;&nbsp;<em>Bedeutungsschwere<\/em>; besonders, wenn man die Platte ganzheitlich \u2013 sozusagen in einem Guss \u2013 h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das war nat\u00fcrlich etwas \u00fcberspitzt formuliert, denn es w\u00fcrde wohl niemand auf die Idee kommen, beispielsweise Ravels \u201eJeux d\u2019eau\u201c als Bagatelle einzustufen. Aber liegt in Ihrer Programmkonstellation nicht die Gefahr eines Ungleichgewichts? Oder anders formuliert: \u201eWiegen\u201c Liszt, Ravel, Faur\u00e9 und Vi\u00f1es zusammen so schwer wie Beethoven?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammen allemal. Aber ich glaube nicht, dass man sich diese Frage \u00fcberhaupt stellen sollte. &#8222;Wie ein Konzertprogramm&#8220; so titelte vor kurzem ein Fachmagazin \u00fcber diese Einspielung. Genau das ist es. Abwechslungsreich, bunt und spannend \u2013 durchaus mit Gedankenzusammenhang, wenn man das Booklet erkl\u00e4rend zur Hand nimmt. Dieses Programm auf die B\u00fchne gebracht, wird auch ganz unterschiedlichen Anspr\u00fcchen gerecht werden. Mir jedenfalls hat es pers\u00f6nlich viel Spa\u00df gemacht, auch mal wieder au\u00dferhalb von \u201eIntegralem\u201c zu wandeln&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei Ihrer Interpretation geben Sie f\u00fcr alle Werke alles, das h\u00f6rt man dieser Aufnahme auf jeden Fall an. Wie bereiten Sie sich auf eine Klavieraufnahme vor?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00fcbe, versuche immer mein Bestes zu geben und bete um Klarheit \u2013 nicht nur in der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Spielen Sie auch bei einer CD-Aufnahme aus dem Ged\u00e4chtnis? Ich kenne Pianisten, die spielen live aus dem Ged\u00e4chtnis, bevorzugen bei einer Aufnahme aber, die Noten vor Augen zu haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Noten bei einer Aufnahme vor Augen zu haben, ist immer gut, obwohl ich live eigentlich aus dem Ged\u00e4chtnis spiele. Bei einer Aufnahme \u2013 besonders wenn man einen kompetenten und fordernden&nbsp;<em>Producer<\/em>&nbsp;hat, der sehr kritisch ist, auch spannender Austausch \u00fcber Interpretationen im Tonraum beim Abh\u00f6ren herrscht \u2013 ist die Partitur dein bester Freund in Aufnahmesessions.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>M\u00f6gen Sie die Situation einer CD-Aufnahme? Manche K\u00fcnstler f\u00fchlen sich \u201eim Studio\u201c ja sehr wohl, andere betrachten eine Aufnahme eher als eine Art l\u00e4stige Pflicht\u00fcbung, um ein Album am Markt zu haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man gut vorbereitet ist, dann kann es trotz der nicht immer stressfreien Situation Freude machen, kann aber auch sehr zerm\u00fcrbend sein. Nirgendwo lernt man als Musiker mehr \u00fcber sich und seine Interpretationen als im Studio und bei der Nachbereitung. Jedes Ger\u00e4usch \u2013 sei es ein Quietschen des Stuhls, ein zu lautes Atmen, Mitbrummen \u2013 jede Note, jede Unachtsamkeit klingt \u00fcberdeutlich, und das macht es manchmal schwer, sich freizuspielen. Gl\u00fccklicherweise hatte ich bis jetzt immer ein wunderbares Aufnahmeteam, das es mir erm\u00f6glichte, sch\u00f6ne Interpretationen zu liefern und einzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind einer der wenigen klassischen Pianisten, die sich auch im Jazz-Sektor tummeln: Zusammen mit Ihrer Frau sind Sie Teil der Gruppe Venerem Early Art Music. Dabei entsteht eine Melange aus Musik der Renaissance und des Barock mit Jazz. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Frau wusste um meine Vergangenheit. Vor \u00fcber 25 Jahren bestand das Musizieren f\u00fcr mich vor allem aus Improvisieren, Arrangieren, gelegentlichem harmlosem Komponieren, vor allem f\u00fcr das Akkordeonorchester meines Vaters, das ich inklusive der Musikschule damals \u00fcbernahm. Auch hatte ich Mitte der Neunziger eine Band formiert, die ausschlie\u00dflich Eigenes zu Tage f\u00f6rderte, komponierte in meinem Studium Kadenzen, entwarf Transkriptionen f\u00fcr Klavier Solo. Das hat immer Freude gemacht, doch habe ich diese <em>affairs de coeur<\/em>&nbsp; aufgegeben, da Anfang des neuen Jahrtausends die Ausbildung zum professionellen Pianisten aufzehrend und fast r\u00fccksichtslos in den Lebensmittelpunkt r\u00fcckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Frau bohrte ziemlich lange, bis ich Anfang 2019 endlich soweit war, mich darauf wieder einzulassen \u2013 nun in besonderer Besetzung und mit dem Ziel, Alte Musik neu zu erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Warum Alte Musik?<\/em>&nbsp;Meine Frau, die Sopranistin Laureen Stoulig-Thinnes, ist Barocks\u00e4ngerin und spezialisiert auf diesem Gebiet.&nbsp;<em>Warum besondere Besetzung?&nbsp;<\/em>Einen guten Freund aus alter Zeit, der professioneller Bassist ist, wollte ich unbedingt dabei haben. Die Kunst beim Arrangieren bestand nun f\u00fcr mich darin, elektronischen Bass, Klavier, Gesang und Percussion so zusammenzubringen, dass in dieser kleinen Besetzung ein interessantes, polyphones und volles Klangbild, sozusagen ein individueller Sound mit eigenem Gesicht, entsteht. Das ist gelungen. Das Deb\u00fctalbum von \u201eVenerem early art music\u201c ist seit einigen Monaten am Start, wird in der Fachpresse sehr gut besprochen und die Formation wartet auf wieder offene B\u00fchnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Obwohl das Klavier ein typisches \u201eJazz-Instrument\u201c ist, scheint es mehr klassische Geiger zu geben, die ihre Nase in den Jazz gesteckt haben als Pianisten. Gibt es eigentlich einen Grund daf\u00fcr, warum so wenige klassisch ausgebildete Pianisten gibt, die sich mal im Jazzgenre versuchen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist der Wunsch und der Mut zum Risiko sich mit Eigenem in einem anderen musikalischen Umfeld zu bet\u00e4tigen \u2013 und auch hier ein ad\u00e4quates Niveau zu halten und damit zu \u00fcberzeugen \u2013 bei vielen nicht da. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir brauchte es ja auch die Inspiration (m)einer Muse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Das Interview f\u00fchrte Ren\u00e9 Brinkmann]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der saarl\u00e4ndische Pianist Marlo Thinnes hat vor allem mit seiner gemeinsam mit Ingolf Turban eingespielten Gesamtaufnahme aller Violinsonaten Beethovens im Fr\u00fchjahr 2021 viel Aufsehen in der Presse erregt. Das CD-Box-Set war auch f\u00fcr den \u201ePreis der deutschen Schallplattenkritik\u201c nominiert. 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