{"id":4533,"date":"2021-09-17T05:20:00","date_gmt":"2021-09-17T03:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4533"},"modified":"2021-09-18T05:24:47","modified_gmt":"2021-09-18T03:24:47","slug":"neu-und-wiederentdeckte-musik-verfolgter-komponisten-in-weimar-raphael-heller-sekles","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/09\/17\/neu-und-wiederentdeckte-musik-verfolgter-komponisten-in-weimar-raphael-heller-sekles\/","title":{"rendered":"Neu- und wiederentdeckte Musik verfolgter Komponisten in Weimar"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Weimar, Festsaal F\u00fcrstenhaus, 10. September 2021, 20 Uhr: Mit Liedern und Klavierwerken von G\u00fcnter Raphael (1903\u20131960), Hans Heller (1898\u20131969) und Bernhard Sekles (1872\u20131934) er\u00f6ffneten Jascha Nemtsov, Klavier, und Tehila Nini Goldstein, Sopran, die Ausstellung \u201eVerfolgte Musiker im nationalsozialistischen Th\u00fcringen. Eine Spurensuche II\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die 2019 in Weimar durchgef\u00fchrte Ausstellung <em>Verfolgte Musiker im Nationalsozialistischen Th\u00fcringen<\/em>, der sich eine von den Projektleiterinnen Helen Geyer und Maria Stolarzewicz herausgegebene Buchver\u00f6ffentlichung anschloss (<em>Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Th\u00fcringen. Eine Spurensuche<\/em>, K\u00f6ln: B\u00f6hlau-Verlag 2020), war damals auf gro\u00dfes Interesse gesto\u00dfen. Die im Rahmen der Vorbereitungen zu Tage gef\u00f6rderten Dokumente regten zu weiteren Nachforschungen \u00fcber die Schicksale zahlreicher von den Nationalsozialisten entrechteter Musikerpers\u00f6nlichkeiten an, sodass bald eine Fortsetzung der Ausstellung ebenso erw\u00fcnscht wie n\u00f6tig erschien. Am 10. September 2021 wurde das Ergebnis dieses zweiten Teils der Spurensuche, das bis zum 31. Oktober im Stadtmuseum Weimar zu sehen sein wird, im Festsaal der Hochschule f\u00fcr Musik Franz Liszt feierlich er\u00f6ffnet. Nach Gru\u00dfworten von Vertretern der Hochschule, der lokalen Politik, unterst\u00fctzender Stiftungen, sowie der die Ausstellung betreuenden Kuratorin Maria Stolarzewicz, hielt Peter G\u00fclke (geboren 1934 in Weimar) einen Vortrag \u00fcber <em>Nicht k\u00fcndbares Gedenken \u2013 Buchenwald<\/em>, aus welchem vor allem die Schilderungen seiner pers\u00f6nlichen Erlebnisse als Kind w\u00e4hrend des Krieges einen Einblick in die Schrecken der damaligen Zeit boten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Hauptpunkt des Programms bildete ein Konzert mit Liedern und Klavierwerken von Komponisten, die w\u00e4hrend der NS-Zeit wegen ihrer j\u00fcdischen Abstammung verfolgt wurden. Der Pianist Jascha Nemtsov und die Sopranistin Tehila Nini Goldstein kn\u00fcpften damit an ein Konzert an, das sie im November 2020 am gleichen Ort gegeben hatten (siehe <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/14\/verdraengte-musik-juedischer-meister-zu-neuem-leben-erweckt\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/14\/verdraengte-musik-juedischer-meister-zu-neuem-leben-erweckt\/\">Besprechung<\/a>). Erneut wurden Werke dreier deutscher Komponisten j\u00fcdischer Abstammung vorgestellt, die nach dem Willen rassistischer Ideologen f\u00fcr immer h\u00e4tten verstummen sollen: G\u00fcnter Raphael, Bernhard Sekles und Hans Heller, der bereits im Konzert von 2020 vertreten war. Jascha Nemtsov, der an der Weimarer Musikhochschule eine Professur f\u00fcr die Geschichte der j\u00fcdischen Musik inne hat, muss einmal mehr f\u00fcr seinen Entdeckersp\u00fcrsinn und seinen unerm\u00fcdlichen Einsatz f\u00fcr in die Vergessenheit abgedr\u00e4ngte Musik gelobt werden. Wie zahlreiche seiner fr\u00fcheren Konzerte bot auch dieses Ur- und Erstauff\u00fchrungen. Mit kurzen, auf den Punkt gebrachten Einf\u00fchrungen zwischen den Programmnummern umriss der Pianist zudem den Lebenslauf eines jeden der Komponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fcnter Raphael hat als einziger der im Konzert zu Geh\u00f6r gebrachten Komponisten bislang eine ausgiebige diskographische W\u00fcrdigung erfahren. Mittlerweile liegt ein gro\u00dfer Teil seiner Orchester- und Kammermusikwerke auf CD vor \u2013 verwiesen sei hier namentlich auf die mittlerweile auf sieben CDs angewachsene G\u00fcnter-Raphael-Edition von Querstand und die beiden Boxen mit Symphonien und Violinmusik von cpo \u2013, doch kann man keineswegs behaupten, alle Sch\u00e4tze aus seinem umfangreichen Schaffen seien gehoben (so fehlt nach wie vor eine Einspielung der Ersten Symphonie). Der 1903 geborene Raphael, in den 1920er Jahren einer der erfolgreichsten j\u00fcngeren Tonsetzer Deutschlands, war nie j\u00fcdischen Glaubens gewesen, galt aber als Sohn eines zum Protestantismus konvertierten j\u00fcdischen Kirchenmusikers der NS-Rassenlehre zufolge als \u201eHalbjude\u201c und wurde 1934 aus seinem Lehramt am Leipziger Konservatorium entlassen. Ab 1939 war ihm jede musikalische Bet\u00e4tigung untersagt, sodass er nur durch die Hilfe von Freunden \u00fcberleben konnte. Den Gro\u00dfteil der NS-Zeit verbrachte er in Meiningen. Die <em>Drei geistlichen Lieder<\/em> op.&nbsp;3, ein beeindruckend souver\u00e4nes Fr\u00fchwerk, zeigen Raphaels k\u00fcnstlerischen Ursprung in der protestantischen Kirchenmusik. Mit ihren choralartigen Harmonien, dem durchweg kontrapunktischen, ostinate Satztechniken bevorzugenden Klaviersatz und einer rhythmisch einfachen, in gleichm\u00e4\u00dfigen Notenwerten ruhig dahinstr\u00f6menden Melodik wirken sie betont altmeisterlich, wie ein Bekenntnis zu Bachschem Geist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Raphael, der sich immerhin in der Nachkriegszeit als Komponist und Lehrer wieder etablieren konnte, gelang es dem 1898 in Greiz geborenen Hans Heller weder in Amerika, noch in Deutschland nach 1945 erneut Fu\u00df zu fassen. Heller geh\u00f6rte zum Berliner Sch\u00fclerkreis Franz Schrekers und floh nach Frankreich, wo er nach dem Einmarsch der Wehrmacht verhaftet wurde. Aus einem Arbeitslager geflohen, hielt er sich mit Hilfe franz\u00f6sischer Widerstandsk\u00e4mpfer bis zum Kriegsende versteckt. Er starb 1969. Wie die Klaviersonate, die Jascha Nemtsov 2020 in Weimar spielte, zeigen auch die diesmal vorgestellten Werke, dass Heller ein unbedingt beachtenswerter Komponist ist, dessen Schaffen verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden. In seiner Musik verbinden sich \u201eneusachliche\u201c Kontrapunktik und expressive Harmonien zu eindringlichen \u00c4u\u00dferungen einer starken Pers\u00f6nlichkeit. Ein Lied in deutscher und eines in franz\u00f6sischer Sprache, die beide durch Goldstein und Nemtsov zum ersten Mal \u00fcberhaupt vorgetragen wurden, boten Bilder von ausgesprochener D\u00fcsternis. Sehr spannungsvoll wirkten auch die sechs kurzen S\u00e4tze einer <em>Little Suite<\/em> f\u00fcr Klavier.<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Sekles f\u00e4llt insofern etwas aus dem Rahmen der Veranstaltung, als dass er weder aus Th\u00fcringen stammte, wie Heller, noch dort zeitweilig lebte, wie Raphael. Seinen Lebensmittelpunkt bildete Frankfurt am Main, wo er 1872 geboren wurde und 1934 starb. Nichsdestoweniger kann man die Aufnahme seiner Werke in das Konzert nur begr\u00fc\u00dfen. Sekles ist kein unbekannter Name. Man wei\u00df, dass er viele Jahre das Hoch&#8217;sche Konservatorium in Frankfurt leitete und kennt ihn als Lehrer hervorragender Musiker wie Rudi Stephan, Hans Rosbaud und Paul Hindemith. Jazzfreunde werden ihm stets daf\u00fcr danken, dass er 1925 M\u00e1tyas Seiber mit der Einrichtung der ersten Jazzklasse an einem deutschen Konservatorium betraute und damit der akademischen W\u00fcrdigung des Jazz den Weg wies. Wer Sekles dagegen als Komponisten kennen lernen m\u00f6chte, dem steht derzeit nur eine einzige CD mit Klavierkammermusik zur Verf\u00fcgung, die bei Toccata Classics herausgekommen ist. Seine Orchesterwerke, Streichquartette, Opern, Lieder und Klavierst\u00fccke warten dagegen noch auf ihre Ersteinspielungen. Wom\u00f6glich gibt es auch noch St\u00fccke, die bislang gar nicht gespielt worden sind. Einen solchen Fall stellten bis vor kurzem jedenfalls die <em>Fantasietten<\/em> f\u00fcr Klavier dar, deren Manuskript Jascha Nemtsov im Archiv des Frankfurter Konservatoriums fand. Er stellte sie als erster Pianist der \u00d6ffentlichkeit vor, die Weimarer Auff\u00fchrung war die zweite \u00fcberhaupt. Es handelt sich um eines der letzten Werke des Komponisten und konnte aufgrund widriger Umst\u00e4nde nicht mehr zeitnah zu seiner Entstehung ver\u00f6ffentlicht werden: 1933 wurde Sekles von der neuen Machthabern aus seinen Lehr- und Verwaltungs\u00e4mtern gedr\u00e4ngt. Er erkrankte an Tuberkulose und starb eineinhalb Jahre sp\u00e4ter. Die insgesamt 24 <em>Fantasietten<\/em> zeigen den Komponisten als einen Meister musikalischer Miniaturkunst. Viele der St\u00fccke dauern keine Minute, doch wirken sie durchweg in sich geschlossen: aphoristisch, nicht fragmentarisch. Innerhalb weniger Takte entfaltet Sekles erlesene harmonische und kontrapunktische Kunst. Vom Abwechslungsreichtum des Zyklus m\u00f6gen die Titel einiger St\u00fccke einen Eindruck geben: <em>F\u00fcr die rechte Hand<\/em>, <em>F\u00fcr die linke Hand<\/em>, <em>Rhapsodie<\/em>, <em>Thema und Variationen<\/em>, <em>Slawischer Tanz<\/em>, <em>Triumphmarsch<\/em>, <em>Trauermarsch<\/em>, <em>L\u00e4ndler<\/em>, <em>Polonaise<\/em> (im geraden Takt!), <em>Menuetto<\/em>, <em>Duo<\/em>. Das Finale bildet eine <em>Fuge \u00fcber den Ton C<\/em>, deren Thema tats\u00e4chlich nur aus vier gleich langen Cs besteht. Minimalistischer geht es wahrlich nicht! Wie Sekles es schafft, diesem Thema eine interessante kontrapunktische Bearbeitung angedeihen zu lassen und daraus einen bei aller K\u00fcrze reichhaltigen musikalischen Verlauf zu entwickeln, verdient Bewunderung. Hoffen wir, dass eine Ver\u00f6ffentlichung dieses hochinteressanten Zyklus bald erfolgen wird! Auch vom Liederkomponisten Sekles gaben Goldstein und Nemtsov einen sehr vorteilhaften Eindruck. Die exotisch angehauchten Lieder aus dem Zyklus <em>Aus dem Schi-King<\/em> boten zarte, feinsinnige Impressionen der Asien-Sehnsucht des Fin de Si\u00e8cle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, September 2021]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>NB: Am 23. September 2021 wird im Erfurter Dom Hans Hellers <em>Requiem f\u00fcr den unbekannten Verfolgten<\/em> seine Urauff\u00fchrung erleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weimar, Festsaal F\u00fcrstenhaus, 10. 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