{"id":4536,"date":"2021-09-19T17:43:57","date_gmt":"2021-09-19T15:43:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4536"},"modified":"2021-09-20T13:34:01","modified_gmt":"2021-09-20T11:34:01","slug":"grigori-krein-jonathan-powell-herrliche-entdeckungen-aus-der-skrjabin-nachfolge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/09\/19\/grigori-krein-jonathan-powell-herrliche-entdeckungen-aus-der-skrjabin-nachfolge\/","title":{"rendered":"Herrliche Entdeckungen aus der Skrjabin-Nachfolge"},"content":{"rendered":"\n<p>Toccata Classics, TOCC 0581; EAN: 5 060113 445810<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Krein-Powell-Toccata-Classics.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Krein-Powell-Toccata-Classics-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4537\" width=\"483\" height=\"483\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Krein-Powell-Toccata-Classics-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Krein-Powell-Toccata-Classics-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Krein-Powell-Toccata-Classics-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Krein-Powell-Toccata-Classics-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Krein-Powell-Toccata-Classics.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Von den drei bedeutenden Komponisten aus der russisch-j\u00fcdischen Musiker-Dynastie der Krein-Familie ist Grigori (1879\u20131955) heute der unbekannteste. Gut die H\u00e4lfte seiner Klavier-Solowerke hat nun der britische, f\u00fcr seine unglaublichen Sorabji-Einspielungen ausgezeichnete Pianist Jonathan Powell auf Toccata Classics herausgebracht, darunter die 2. Sonate, die zu den faszinierendsten russischen Klavierkompositionen ihrer Zeit z\u00e4hlen darf. Abgesehen davon h\u00f6ren wir 60 Minuten Erstaufnahmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die sieben S\u00f6hne des Klezmer-Violinisten Abram Krein, der mit seiner Familie um 1870 von Litauen nach Nischni Nowgorod ziehen durfte, wurden allesamt hervorragende Musiker. Drei Komponisten entstammen der Krein-Dynastie: Alexander (1883\u20131951) ist sicher noch der bekannteste \u2013 und war neben f\u00fcnf anderen Pers\u00f6nlichkeiten bereits Gegenstand der Dissertation Jonathan Powells <em>After Scriabin: six composers and the development of Russian music<\/em> (1999). Als Wunderkind wurde Julian (1913\u20131996), Grigoris Sohn, fr\u00fch eine Ber\u00fchmtheit; hingegen ist sein Vater ziemlich in Vergessenheit geraten. Die vorliegende CD beweist: V\u00f6llig zu Unrecht, denn Grigoris Klavierwerke sind absolut auf Augenh\u00f6he mit seinen modernen russischen Zeitgenossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Grigori Krein wurde zun\u00e4chst in seiner Heimatstadt an der Geige ausgebildet und arbeitete bereits als 16-J\u00e4hriger als erster Violinist in der Oper von Tiflis. 1900 folgte er dann seinen Br\u00fcdern David und Alexander ans Moskauer Konservatorium und entschied sich dort bald f\u00fcr die Komponistenlaufbahn. Nach seinem Abschluss 1905 wurde er sp\u00e4ter noch Sch\u00fcler Max Regers und des damals ebenfalls in Leipzig lebenden Reinhold Gli\u00e8re. Zusammen mit Alexander war Grigori einer von f\u00fcnf aufstrebenden, modernen Komponisten, die 1914 in einem denkw\u00fcrdigen Konzert in Moskau vorgestellt wurden: neben Alexei Stantschinski, Leonid Sabanejew und Jewgeni Gunst \u2013 die Basis f\u00fcr kommende Erfolge. Von 1927\u20131934 lebte Grigori mit seinem hochbegabten Sohn Julian in Paris, wo dieser bei Paul Dukas studierte. Nach der R\u00fcckkehr in die UdSSR wurde es jedoch ziemlich still um ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Jonathan Powell folgt Grigoris Klaviermusik chronologisch: Beginnend mit dem fr\u00fchen Einfluss Griegs (<em>Pr\u00e9lude <\/em>op.\u00a05, Track [08]), kann der H\u00f6rer die ungemein schnelle Entwicklung Kreins nachvollziehen. Bereits die <em>Cinq pr\u00e9ludes <\/em>op.\u00a05a und die <em>Deux po\u00e8mes<\/em> op.\u00a05b sind auf der Linie von Skrjabins mittlerer Schaffensperiode. Und in den <em>Deux po\u00e8mes <\/em>op.\u00a010 hat Grigori die komplexe Harmonik Regers schon hinter sich gelassen: Hier finden sich zwar Gemeinsamkeiten mit Skrjabin \u2013 exquisite Akkordformationen und -sequenzen \u00e4hnlich wie in dessen Sp\u00e4twerk, etwa der 7.\u00a0Sonate \u2013, allerdings gleichzeitig und unabh\u00e4ngig von ihm, ganz eigenst\u00e4ndig. Grigori Krein \u00fcbernimmt nicht Skrjabins neue Harmonik auf Basis oktatonischer Skalen, ist eher bi- oder polytonal, scheut nicht das absolut dissonante Aufeinandertreffen verschiedener Ebenen in seiner Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Werken (<em>Po\u00e8me <\/em>op.&nbsp;16, <em>2 Mazurken <\/em>op.&nbsp;19, <em>3 Po\u00e8mes <\/em>op.&nbsp;24) manifestiert sich Grigoris Sprache: Das achtmin\u00fctige <em>Po\u00e8me antique <\/em>op.&nbsp;24, Nr.&nbsp;3 verweist sowohl auf zeitgen\u00f6ssisches franz\u00f6sisches Repertoire (Ravel) wie auch j\u00fcdische Volksmelodik \u2013 immer zentrales Anliegen bei seinem Bruder Alexander. Der <em>Cort\u00e8ge mystique <\/em>op.&nbsp;22 besticht durch seinen fast rituellen, irgendwie manischen Charakter mit flirrenden Arpeggien: <em>Vers la flamme<\/em> ex negativo. Ist das St\u00fcck als Trauermarsch f\u00fcr das kurz zuvor verstorbene Vorbild Skrjabin gedacht?<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu diesem Punkt hat Jonathan Powell bereits eine gute Stunde bisher nicht auf Tontr\u00e4gern eingespielter Musik vorgestellt. Am Schluss dann noch das Hauptwerk: Grigori Kreins 24-min\u00fctige 2.&nbsp;Sonate (1924). Sie ragt, nicht nur vom Umfang her, \u00fcber viele eins\u00e4tzige Sonaten der Zeit weit hinaus, selbst die von Nikolai Roslavets oder Samuil Feinberg. Bestechend, wie hier ein riesiger Sonatenhauptsatz sehr verschiedene Elemente konsequent verarbeitet, mit stark modifizierter Reprise. Powell erw\u00e4hnte dem Rezensenten gegen\u00fcber, dass neben den direkten, russischen \u201eKonkurrenten\u201c seiner Zeit insbesondere wohl auch die Sonate Alban Bergs daf\u00fcr als Vorbild gelten kann. Das St\u00fcck ist wahrlich ein Mount Everest an Virtuosit\u00e4t, verlangt aber vor allem ein tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Kreins besondere Harmonik sowie die st\u00e4ndig werkelnden strukturellen Prozesse innerhalb der dichten, meist polyphonen Faktur. Ein in jeder Hinsicht faszinierendes Werk, von dem es bereits eine Aufnahme mit Sascha Nemtsov gibt, jedoch mit geringerer Strahlkraft als bei Powell (H\u00e4nssler PH13059).<\/p>\n\n\n\n<p>Powell agiert dabei kongenial \u2013 freilich nicht nur aufgrund der Erkenntnisse seiner Doktorarbeit. Erst mit Ende zwanzig erhielt der Brite Unterricht bei Sulamita Aronofsky, die noch Sch\u00fclerin von Alexander Goldenweiser war, und somit in direkter Verbindung zu diesem speziellen Repertoire steht. Innerhalb weniger Jahre gewann Powell bei ihr den Feinschliff, um nun einer der bef\u00e4higtsten Klaviervirtuosen weltweit zu sein. Kaum jemand sonst bew\u00e4ltigt derart komplexe und herausfordernde Werke so zuverl\u00e4ssig wie hinrei\u00dfend. Quasi als Botschafter der intrikaten und endlos langen Klaviermonstrosit\u00e4ten des britisch-parsischen Komponisten <em>Kaikhosru Sorabji<\/em> steht er praktisch konkurrenzlos da. F\u00fcr seine Einspielung von Sorabjis 8\u00bd-st\u00fcndiger <em>Sequentia cyclica <\/em>erhielt er im Mai 2020 den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Sein Steckenpferd bleibt jedoch die russische Klaviermusik vor der Stalin-\u00c4ra: Skrjabin und dessen Umfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl die Miniaturen als auch die Sonate Grigori Kreins sind schon rein klanglich eine Offenbarung. Die teils komplizierte Stimmf\u00fchrung ist immer klar, die Energie der dramatischen Passagen absolut elektrisierend, die brillanten Ausbr\u00fcche in Form von schwierigsten Akkordkaskaden oder irrwitzigem Arpeggien- bzw. Passagenwerk erscheinen absolut folgerichtig, nie als pures Blendwerk. Und die neuartige Harmonik klingt bei Powell v\u00f6llig nat\u00fcrlich und logisch, wobei Kreins Farbenreichtum punktgenau ausgekostet wird. So macht unbekannte Klaviermusik sofort Freude, wozu noch eine ordentliche Aufnahmetechnik kommt. Der Booklettext f\u00fchrt tief in die Thematik ein und stammt von Powell selbst  \u2013 mit der ihm eigenen, wissenschaftlichen Akribie; leider nur auf Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Frage, dass nicht nur der Rezensent total begeistert von dieser Ver\u00f6ffentlichung sein d\u00fcrfte. Bei der Gelegenheit soll der Hinweis auf \u00e4hnlich wertvolle Ausgrabungen russischer Musik durch Jonathan Powell auf Toccata Classics nicht fehlen: Dort findet man bislang Georgi Konjus, Leonid Sabanejew, Konstantin Eiges und Alexander Goldenweiser.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, September 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toccata Classics, TOCC 0581; EAN: 5 060113 445810 Von den drei bedeutenden Komponisten aus der russisch-j\u00fcdischen Musiker-Dynastie der Krein-Familie ist Grigori (1879\u20131955) heute der unbekannteste. Gut die H\u00e4lfte seiner Klavier-Solowerke hat nun der britische, f\u00fcr seine unglaublichen Sorabji-Einspielungen ausgezeichnete Pianist Jonathan Powell auf Toccata Classics herausgebracht, darunter die 2. 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