{"id":4547,"date":"2021-09-22T08:53:00","date_gmt":"2021-09-22T06:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4547"},"modified":"2021-09-22T10:59:23","modified_gmt":"2021-09-22T08:59:23","slug":"islaendischer-postminimalismus-gunnar-andreas-kristinsson","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/09\/22\/islaendischer-postminimalismus-gunnar-andreas-kristinsson\/","title":{"rendered":"Isl\u00e4ndischer Postminimalismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Sono Luminus, DSL-92246; EAN: 0 53479 22462 0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Kristinsson-Moonbow-Sono-Luminus.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Kristinsson-Moonbow-Sono-Luminus-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4548\" width=\"456\" height=\"456\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Kristinsson-Moonbow-Sono-Luminus-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Kristinsson-Moonbow-Sono-Luminus-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Kristinsson-Moonbow-Sono-Luminus-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Kristinsson-Moonbow-Sono-Luminus-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Kristinsson-Moonbow-Sono-Luminus.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 456px) 100vw, 456px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das US-amerikanische Label Sono Luminus hat sein Album \u201eMoonbow\u201c ganz dem isl\u00e4ndischen Komponisten Gunnar Andreas Kristinsson (Jahrgang 1976) gewidmet. Neben dem titelgebenden Streichquartett, gespielt vom Siggi String Quartet, erklingen noch die Ensemblewerke \u201eSisyfos\u201c, \u201eRoots\u201c und \u201ePatterns IIb\u201c, die vom international renommierten CAPUT Ensemble unter Leitung von Gu<\/em><em>\u00f0<\/em><em>ni Franzson dargeboten werden, sowie das Trio \u201ePASsaCAgLia B\u201c f\u00fcr Harfe, Schlagzeug und Bassklarinette mit dem Duo Harpverk und Ing\u00f3lfur Vilhj\u00e1lmsson.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das in Virginia beheimatete Label <em>Sono Luminus <\/em>ver\u00f6ffentlicht als eines der ersten seine Eigenproduktionen jeweils auf zwei Scheiben: einmal als normale Compact Disc (Digital Audio) und dann nochmals auf Bluray in verschiedenen hochaufl\u00f6senden Formaten wie 5.1 DTS HD MA 24\/192kHz, Dolby Atmos und 9.1 Auro-3D, so dass sich der High-End-H\u00f6rer die f\u00fcr sein Equipment optimale Technik aussuchen kann. Die Gestaltung des Booklets ist ebenso hochwertig, wenn auch die Texte zu den einzelnen vorgestellten Kompositionen eher knapp ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der aus Reykjavik stammende Komponist <em>Gunnar Andreas Kristinsson<\/em> wurde zun\u00e4chst in seiner Heimatstadt ausgebildet, ging danach nach K\u00f6ln, wo er bei Krzysztof Meyer, sp\u00e4ter in Den Haag bei Martijn Padding, Diderik Wagenaar und Clarence Barlow studierte. 2009 kehrte Kristinsson wieder nach Island zur\u00fcck. Seine Musik wurde aber bereits auf zahlreichen internationalen Festivals \u2013 wie etwa den Darmst\u00e4dter Ferienkursen \u2013 aufgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hier vorgestellten Werke des Isl\u00e4nders \u2013 in den eingespielten Fassungen alle nicht \u00e4lter als zehn Jahre \u2013 k\u00f6nnte man am ehesten als \u201epost-minimalistisch\u201c bezeichnen. Suchte man nach \u00c4hnlichkeiten zu anderen Komponisten, w\u00fcrde man beim ersten H\u00f6ren wahrscheinlich zuerst auf den k\u00fcrzlich verstorbenen Louis Andriessen kommen, der ja unter anderem Lehrer von Padding war. Jedenfalls begegnet man einer typisch westeurop\u00e4ischen Variante des Minimalismus, die weit mehr auf philosophische \u2013 bei Kristinsson daneben vor allem mathematische \u2013 Hintergr\u00fcnde zur\u00fcckgreift als bei den US-Gr\u00fcnderv\u00e4tern der <em>minimal music.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das dargebotene Repertoire ist dabei leider nicht immer auf derselben H\u00f6he. Entwickelt sich die Musik von <em>Sisyfos <\/em>\u2013 ein eins\u00e4tziges Konzert f\u00fcr Klarinette und 13-k\u00f6pfiges Ensemble \u2013 anfangs aus in verschiedenen Zeitschichten ablaufenden Skalen, so wird die mythologische Vorlage trotzdem nicht wirklich h\u00f6rbar umgesetzt, schon gar nicht so wie in den Liner Notes beschrieben, als Kampf des Solisten \u2013 stark: <em>Ing\u00f3lfur Vilhj\u00e1lmsson<\/em> \u2013 gegen <em>sein<\/em> Instrument. Trotzdem sind die beiden gr\u00f6\u00dfer besetzten Werke \u2013 neben <em>Sisyfos <\/em>noch die dreis\u00e4tzigen <em>Roots <\/em>(2019) \u2013 klar die st\u00e4rksten dieses Albums. Zwar werden auch in diesen St\u00fccken manche Patterns zu Tode geritten, jedoch zumindest die Intensit\u00e4t einiger Klangfarbenkombinationen l\u00e4sst aufhorchen. Das isl\u00e4ndische CAPUT Ensemble \u2013 hier unter Leitung von <em>Gu\u00f0ni Franzson \u2013 <\/em>hat mittlerweile \u00fcber 20 CDs herausgebracht, darunter so horrend schwierige St\u00fccke wie Nikos Skalkottas\u2018 3. Klavierkonzert (BIS). Wiederum gelingen ihm eindringliche, pr\u00e4zise und durchsichtige Wiedergaben \u2013 ph\u00e4nomenal die genauestens durchgeh\u00f6rte, aus der Obertonreihe gewonnene und am franz\u00f6sischen Spektralismus orientierte Mikrotonalit\u00e4t von <em>Roots<\/em>, die den H\u00f6rer g\u00e4nzlich in Bann h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Quintett <em>Patterns IIb<\/em> \u2013 urspr\u00fcnglich f\u00fcr Gamelan- und westliche Instrumente, nun von Xylophon, Vibraphon, Marimba, Violine u. Bassklarinette vorgetragen \u2013 und das Streichquartett <em>Moonbow<\/em> k\u00f6nnen den Rezensenten hingegen kompositorisch nicht \u00fcberzeugen: Das ist schlicht nur langweilig, egal wie durchdacht die im Hintergrund ablaufenden mathematischen Prozesse auch sein m\u00f6gen. Da hilft dann selbst das an sich klanglich spannungsreiche Spiel des <em>Siggi String Quartet <\/em>wenig. Die monoton wirkenden Wiederholungen einiger Elemente nerven mit der Zeit sogar. So etwas, bis hin zur Stille, konnten Andriessen oder Feldman immer irgendwie mit Sinnhaftigkeit f\u00fcllen, die mir bei Kristinsson (noch?) fehlt. Deutlich interessanter wieder das Trio <em>PASsaCAgLia B <\/em>f\u00fcr Harfe, Schlagzeug und Bassklarinette, das sich aus einem scheinbar dem <em>Dies irae <\/em>angelehnten Modell zur Form eines Pascalschen Dreiecks (darauf verweisen schon die Gro\u00dfbuchstaben im Titel) entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine exzellent ausgestattete, aufnahmetechnisch schon in der normalen Stereoversion hervorragende Ver\u00f6ffentlichung, die einmal mehr ein positives Licht auf die nicht zu untersch\u00e4tzende, lebendige Neue-Musik-Szene Islands mit hochengagierten Interpreten wirft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, September 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sono Luminus, DSL-92246; EAN: 0 53479 22462 0 Das US-amerikanische Label Sono Luminus hat sein Album \u201eMoonbow\u201c ganz dem isl\u00e4ndischen Komponisten Gunnar Andreas Kristinsson (Jahrgang 1976) gewidmet. 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