{"id":4554,"date":"2021-09-26T23:36:29","date_gmt":"2021-09-26T21:36:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4554"},"modified":"2021-09-26T23:36:33","modified_gmt":"2021-09-26T21:36:33","slug":"boris-giltburg-und-beethovens-klaviersonaten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/09\/26\/boris-giltburg-und-beethovens-klaviersonaten\/","title":{"rendered":"Boris Giltburg und Beethovens Klaviersonaten"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 9.70310; EAN: 7 30099 73101 0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Giltburg_Beethoven_4.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Giltburg_Beethoven_4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4555\" width=\"453\" height=\"453\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Giltburg_Beethoven_4.jpg 500w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Giltburg_Beethoven_4-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Giltburg_Beethoven_4-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die vierte CD von Boris Giltburgs unl\u00e4ngst entstandener Gesamteinspielung von Beethovens Klaviersonaten bei Naxos enth\u00e4lt mit den Sonaten Nr. 12 bis 15, der \u201eTrauermarsch\u201c-Sonate, den beiden Sonaten \u201eQuasi una fantasia\u201c sowie der \u201ePastorale\u201c also, einige Marksteine von Beethovens Sonatenkosmos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Anl\u00e4sslich von Beethovens 250. Geburtstag hat der Pianist Boris Giltburg im Jahre 2020 alle 32 Klaviersonaten Beethovens auf Video aufgenommen; nur unwesentlich sp\u00e4ter sind die Tonspuren dieser Aufnahmen bei Naxos auch auf CD ver\u00f6ffentlicht worden. Dabei ist jeder Satz ein einziges Take, kommt also ohne Schnitte aus. Die Mehrzahl der Sonaten hat Giltburg f\u00fcr dieses Projekt neu einstudiert, vorher waren offenbar nur neun von ihnen fester Bestandteil seines Repertoires. Die vierte CD aus dieser Reihe zeigt ihn als einen kompetenten Interpreten von Beethovens Sonaten, der in der Totale empfehlenswerte Lesarten dieser Werke liefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Den einleitenden Variationssatz der <em>Klaviersonate Nr. 12 As-Dur op. 26<\/em> interpretiert Giltburg ruhig und mit W\u00e4rme und bringt die noble Lyrizit\u00e4t des Themas angemessen zur Geltung. Leider kommt allerdings in der vierten Variation der Kontrast zwischen Legato in der rechten und Staccato in der linken Hand zu kurz, da Giltburg auch in der rechten Hand am Ende der Legatob\u00f6gen tendenziell staccatiert. Ausnehmend gut gef\u00e4llt mir sein Scherzo, das er rasch und mit Sinn f\u00fcr die dynamischen Kontraste spielt und dabei die Steigerung bis hin zum energischen Schluss des Scherzoteils exzellent abbildet. Problematischer erscheint der Trauermarsch: Giltburg scheut hier das Zeremonielle; vom ersten Takt an ist klar, dass er diesen Satz vorrangig introvertiert, ja fast schon versonnen versteht, was zusammen mit einem eher langsamen Grundtempo die Musik manchmal etwas auf der Stelle treten l\u00e4sst. Diese Beobachtungen unterstreicht auch der Trioteil, dessen \u201eGewehrsalven\u201c Giltburg recht vorsichtig begegnet. Das Finale wiederum kn\u00fcpft wieder st\u00e4rker an den zweiten Satz an, sicher etwas zur\u00fcckgenommener, wie es eben in der Natur dieses Satzes liegt, aber eben doch im Grundsatz gel\u00f6st; ein stimmiger Abschluss dieser Einspielung.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt sehr gut gelungen wirkt Giltburgs Lesart der <em>Klaviersonate Nr. 13 Es-Dur op. 27 Nr. 1<\/em>, der ersten beiden der \u201eQuasi una fantasia\u201c-Sonaten. Die spezielle Stimmungslage des einleitenden Andante irgendwo zwischen einer von vagen Andeutungen erf\u00fcllten Traumwelt von fast kindlicher Schlichtheit und pl\u00f6tzlichem Allegro-Aufschwung, der aber nichtsdestotrotz ebenfalls eher pr\u00e4ludierend wirkt, f\u00e4ngt Giltburg gut ein; das Mysterium und die klangfarbliche Differenzierung etwa aus Daniel Barenboims j\u00fcngsten Zyklus findet man hier zwar nicht, doch die Charakteristik dieses Satzes bildet Giltburgs Interpretation schl\u00fcssig ab. Sehr gut auch der zweite Satz, dessen Dreiklangsbrechungen Giltburg zun\u00e4chst fahl dahinhuschend, dann eruptiv realisiert und zu einer eindrucksvollen Kulmination am Schluss f\u00fchrt. Auch die \u00fcberm\u00fctige Vitalit\u00e4t und Spielfreude des Finales f\u00e4ngt Giltburg \u00fcberzeugend ein, der b-moll-H\u00f6hepunkt (in etwa ab Takt 118) k\u00f6nnte allerdings etwas machtvoller geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Klaviersonate Nr. 14 cis-moll op. 27 Nr. 2<\/em>, die \u201eMondschein-Sonate\u201c also, versteht Giltburg eher n\u00fcchtern, objektiv, nahezu klassizistisch. Dies zeigt bereits ihr erster Satz, den Giltburg mit knapp f\u00fcnfeinhalb Minuten eher fl\u00fcssig nimmt. Geheimnisvolles, ahnungsvolle Stille wird man in dieser Interpretation indes eher nicht finden. Stimmig(er) erscheint diese Lesart im intermezzohaften zweiten Satz, obwohl hier etwa in den Takten 9 bis 16 ein ganz \u00e4hnliches Problem auftritt wie bereits im Kopfsatz der Sonate Nr. 12 beschrieben, denn auch hier nivelliert Giltburg in gleicher Weise den Unterschied zwischen Legato rechts und Staccato links. Dies ist umso irritierender, da er die entsprechenden Staccati (wiederum rechts) ab Takt 27 zum Teil \u00fcberspielt. Am problematischsten erscheint mir Giltburgs distanzierter Ansatz jedoch im Finale. Exemplarisch f\u00fcr seine Lesart etwa, dass er das Sforzato-Gis in Takt 14 (wie auch seine Entsprechung in der Reprise) eigentlich sogar eher abschw\u00e4cht als hervorhebt. Auch zum Beispiel den Zweiunddrei\u00dfigstelarpeggien kurz vor Schluss geht der Charakter einer Kulmination weitgehend ab. So kommt Giltburgs Mondschein-Sonate in toto ziemlich gem\u00e4\u00dfigt daher; die Extreme, die dieses Werk kennzeichnen, das Drama, das der Schlusssatz sein kann, sind in dieser Aufnahme h\u00f6chstens zu erahnen. F\u00fcr mich damit die am wenigsten \u00fcberzeugende Interpretation auf dieser CD.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kopfsatz der <em>Klaviersonate Nr. 15 D-Dur op. 28<\/em>, der \u201ePastorale\u201c, f\u00e4llt auf, dass Giltburg bei einem tendenziell z\u00fcgigen Grundtempo relativen gro\u00dfz\u00fcgigen Gebrauch von Rubato macht. Auf diese Weise hebt er zum Beispiel das vorsichtige Tasten im Pianissimo ab Takt 63 mit an Pizzicati gemahnenden Staccato-Vierteln in der linken Hand sehr sch\u00f6n hervor, aber auch das langsame \u201eEntstehen\u201c des zweiten Themas wie im Fluss kommt gut zur Geltung. Die Grundhaltung ist lyrisch, aber Giltburg beh\u00e4lt sich immer wieder punktuelle Steigerungen vor; das Crescendo kurz vor dem Ende (ab Takt 446) kostet er deutlich aus. Flie\u00dfend gestaltet er auch gro\u00dfe Teile des zweiten Satzes. \u00c4hnlich wie bereits zuvor bemerkt ist allerdings die Artikulation nicht immer konsequent; von einem sempre staccato in der linken Hand wie von Beethoven zu Beginn gefordert kann nicht immer die Rede sein, und beim Dreitonsignal, das den D-Dur-Teil durchzieht, verzichtet Giltburg offenbar bewusst sogar auf jegliches Staccato und interpretiert dieses Motiv fast burschikos. Stringenter gestaltet ist das Scherzo, im Trio h\u00e4tte Giltburg allerdings die wechselnde Begleitung in der linken Hand etwas st\u00e4rker in den Vordergrund stellen k\u00f6nnen. Gut gelungen auch das von Giltburg insgesamt entspannt und mit Sinn f\u00fcr Bukolik interpretierte Finale. \u00c4hnlich wie in der Mondschein-Sonate nimmt Giltburg auch hier einige Sforzati eher zur\u00fcckhaltend, was in diesem Kontext aber weniger problematisch erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Anzahl der Aufnahmen von Beethovens Klaviersonaten enorm, und entsprechend k\u00f6nnte die Konkurrenz zu Giltburgs Aufnahmen gr\u00f6\u00dfer kaum sein. Anhand der vorliegenden CD w\u00fcrde ich seine Einspielungen nicht in der Spitze verorten. Wohl aber erh\u00e4lt man gute bis sehr gute, h\u00f6rens- und bei aller Detailkritik insgesamt empfehlenswerte Aufnahmen dieser Werke, deren St\u00e4rken weniger im Abgr\u00fcndigen als eher im Lebhaften, Agilen, Diesseitigen liegen. Der Klang ist ordentlich, aber nicht \u00fcberragend, da eher gedeckt als r\u00e4umlich-durchh\u00f6rbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, September 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 9.70310; EAN: 7 30099 73101 0 Die vierte CD von Boris Giltburgs unl\u00e4ngst entstandener Gesamteinspielung von Beethovens Klaviersonaten bei Naxos enth\u00e4lt mit den Sonaten Nr. 12 bis 15, der \u201eTrauermarsch\u201c-Sonate, den beiden Sonaten \u201eQuasi una fantasia\u201c sowie der \u201ePastorale\u201c also, einige Marksteine von Beethovens Sonatenkosmos. Anl\u00e4sslich von Beethovens 250. 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