{"id":4559,"date":"2021-10-01T05:38:00","date_gmt":"2021-10-01T03:38:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4559"},"modified":"2021-10-01T10:36:18","modified_gmt":"2021-10-01T08:36:18","slug":"brahms-auf-der-flote-ein-interview-mit-karl-heinz-schutz-und-maria-prinz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/01\/brahms-auf-der-flote-ein-interview-mit-karl-heinz-schutz-und-maria-prinz\/","title":{"rendered":"Brahms auf der Fl\u00f6te: ein Interview mit Karl-Heinz Sch\u00fctz und Maria Prinz"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Karl-Heinz Sch\u00fctz, Solofl\u00f6tist der Wiener Philharmoniker, hat die beiden Sonaten op. 120 von Johannes Brahms, urspr\u00fcnglich Klarinettensonaten, dann vom Komponisten f\u00fcr Viola und Violine bearbeitet, f\u00fcr die Fl\u00f6te eingerichtet. Zusammen mit der Pianistin Maria Prinz hat er f\u00fcr Naxos diese Bearbeitungen samt einigen Transkriptionen Brahmsscher Lieder eingespielt. The New Listener sprach mit beiden \u00fcber ihre neue CD.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Brahms-Floetensonaten.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Brahms-Floetensonaten.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4560\" width=\"457\" height=\"457\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Brahms-Floetensonaten.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Brahms-Floetensonaten-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Brahms-Floetensonaten-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 457px) 100vw, 457px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Wie kam es zu der nicht allt\u00e4glichen Idee, die Klarinettensonaten von Brahms in einer Fassung f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier aufzunehmen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz: <\/strong>Brahms war, durch die Begegnung mit dem Klarinettisten Richard M\u00fchlfeld, offensichtlich von der Klarinette fasziniert und hat somit f\u00fcr ein Blasinstrument komponiert und gedacht. Die Fl\u00f6te befand sich zur damaligen Zeit in einem Dornr\u00f6schenschlaf. Aus diesem hat sie erst Debussy wachgek\u00fcsst! Die ganze Musikgeschichte, insbesondere im 19.Jahrhundert, ist voll von Bearbeitungen. Von Brahms selbst liegen Versionen dieser Sonaten f\u00fcr Klarinette, Viola und Violine vor: drei sehr unterschiedliche Timbres f\u00fcr dieselbe Musik. Ich denke mit der Fl\u00f6te einfach konsequent den brahmsischen Gedanken weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria Prinz:<\/strong> Mit Karl-Heinz Sch\u00fctz zu musizieren, ist f\u00fcr mich in den 10 Jahren unserer Zusammenarbeit immer ein musikalisches Erlebnis der Sonderklasse gewesen, inspirierend und begl\u00fcckend. Seine Idee, die Sonaten op. 120, die zu den St\u00fccken geh\u00f6ren, mit denen ich mich im Laufe meines Musikerlebens besonders oft und ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigt habe, auf der Fl\u00f6te zu spielen, war eine sehr willkommene Chance, diese Werke unter einem ganz neuen Blickwinkel zu sehen und zu interpretieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben die Klarinettensonaten schon h\u00e4ufig interpretiert, auch bereits aufgenommen. Was gef\u00e4llt Ihnen an der neuen Fassung f\u00fcr Fl\u00f6te besonders?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria Prinz:<\/strong> Die Sonaten op. 120 geh\u00f6ren zum Sp\u00e4twerk des Komponisten und zeichnen sich durch eine gewisse herbstliche F\u00e4rbung, besonnene Ruhe und leise Zwischent\u00f6ne aus, die der Klangcharakteristik der Fl\u00f6te in hohem Ma\u00dfe entsprechen; besonders wenn der Fl\u00f6tist, wie im Fall von Karl-Heinz Sch\u00fctz, \u00fcber einen so wandlungsf\u00e4higen und farbenreichen Klang verf\u00fcgt. Ich bem\u00fche mich bei jeder neuerlichen Begegnung mit Werken, die mir sehr vertraut sind, weitere Aspekte und Nuancen zu entdecken, und diese Version hat mich dazu sehr motiviert und inspiriert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Es war besonders inspirierend, diese Musik mit Maria Prinz aufzunehmen, die diese Musik viel l\u00e4nger als ich kennt!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es gibt Komponisten, denen man nachsagt, sie h\u00e4tten die Fl\u00f6te nicht besonders gemocht. Mozart zum Beispiel. Wie verh\u00e4lt es sich mit Brahms?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Ich denke, Brahms hatte die Fl\u00f6te als Soloinstrument aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht auf dem Radar. Die wesentlichen instrumentenbautechnischen Ver\u00e4nderungen hatten noch keine goldene \u00c4ra mit hervorragenden Spielern hervorgebracht, wie es etwa dann 20 bis 30 Jahre sp\u00e4ter in Paris der Fall war. Dennoch spielen Fl\u00f6tenklang und Fl\u00f6te als wesentliche Farbe in seiner Sinfonik eine zentrale Rolle, wie im \u00dcbrigen auch bei Mozart.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Brahms-Lieder auf dem Album in Fassungen f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier zu h\u00f6ren, ist zum Teil sehr \u00fcberraschend. Die Lieder scheinen so komponiert zu sein, dass sie auch ohne Text eine Botschaft in sich tragen. Waren Sie auch selbst \u00fcberrascht davon, wie gut diese Kompositionen ohne Stimme funktionieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Da ich als Fl\u00f6tist immer den Gesang und die menschliche Stimme als Ausdruck zum Vorbild habe, begleiten mich solche \u201eLieder ohne Worte\u201c schon mein Fl\u00f6tisten-Leben lang. Es ist sch\u00f6n, dass wir jetzt eine Auswahl davon auf dieser CD vorliegen haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria Prinz:<\/strong> Ich konnte mir von Anfang an gut vorstellen, dass die Version f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier gut funktioniert. Es gibt die ber\u00fchmte Bearbeitung von Schubert-Liedern von Theobald B\u00f6hm, die sehr beliebt bei Interpreten und Publikum sind, und ich bin sehr gl\u00fccklich, dass das auch in unserer Fassung der Brahms-Lieder der Fall ist. Die ganz gro\u00dfen Komponisten sagen oft durch ihre musikalische Umsetzung der Poesie noch mehr als der Text uns mitteilt. Sie vertiefen die emotionale Wirkung, oder hinterfragen sogar manche Inhalte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns auch bewusst dagegen entschieden, den Text der Lieder im Booklet abzudrucken, um dem Zuh\u00f6rer den Freiraum f\u00fcr eigene, allein von der Musik inspirierte Assoziationen, zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist es eigentlich einfach oder schwierig, die Gesangs-Phrasierung der Lieder auf die Fl\u00f6te zu \u00fcbertragen, weil ja beide \u201eInstrumente\u201c (Gesang und Fl\u00f6te) durch Atemtechnik \u201egesteuert\u201c sind? Oder war dies am Ende gar nicht das Ziel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Ich finde, die \u00dcbertragung liegt in der Natur der Sache. Es erscheint mir ganz nat\u00fcrlich, da Gesang und Fl\u00f6tenspiel unglaublich viele Gemeinsamkeiten haben, wie z.B. die Atmung und St\u00fctztechnik, ebenso das Vibrato. Naturgem\u00e4\u00df entfallen die Worte und es entsteht ein Lied ohne Worte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wie verh\u00e4lt es sich mit der \u00dcbertragung der Klarinettenphrasierung auf die Fl\u00f6te?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Das ist ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen wie beim Gesang: die Gemeinsamkeiten sind frappierend. F\u00fcr den Zuh\u00f6rer ergibt sich vor allem ein unterschiedliches Klangbild.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Herausforderungen ergeben sich f\u00fcr das Klavier?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria Prinz:<\/strong> Mein Credo ist immer gewesen, nicht einen universal verwendbaren Klavierklang anzubieten, sondern auf die klanglichen Besonderheiten meiner jeweiligen Kammermusikpartner einzugehen und Farben zu finden, die sich in einigen Passagen so perfekt mit dem Klang des anderen Instrumentes vermischen, dass beide eine Einheit bilden oder aber den vom Komponisten gesuchten Kontrast liefern. F\u00fcr mich ist das silbrig Schimmernde des Fl\u00f6tenklanges besonders reizvoll und kommt dem, was ich am Klavier mache, sehr entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fall der Brahms-Sonaten in der Fl\u00f6tenfassung ist auch die Frage der Balance besonders wichtig, damit die sehr dichte, akkordische Faktur des Klavierparts stets durchsichtig bleibt und die Fl\u00f6te nicht erdr\u00fcckt. Es gibt sehr wenige andere Werke des Kammermusikrepertoires, bei denen beide Instrumente in einem so ausgeglichenen und gleichberechtigten Dialog miteinander den musikalischen Inhalt wiedergeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat Ihr Label auf den Vorschlag reagiert, ein solch ungew\u00f6hnliches Programm aufzunehmen? In der allgemeinen Wahrnehmung war Naxos lange ein Label f\u00fcr den schmalen Geldbeutel, dann hat es sich zu einer Art klingenden Enzyklop\u00e4die entwickelt und heute scheint es kaum noch Unterschiede zu anderen Labels zu geben. Wie haben Sie das als K\u00fcnstlerin empfunden, die schon seit Jahren mit Naxos zusammenarbeitet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria Prinz:<\/strong> Zum Gl\u00fcck sehr positiv! Nat\u00fcrlich wissen wir alle, dass Bearbeitungen an sich oft als problematisch und \u00fcberfl\u00fcssig angesehen werden, aber sie geben auch die Chance auf einen frischen Zugang zu altbekannten Werken, und es geht auch immer um die Frage der Ehrlichkeit und Qualit\u00e4t der Interpretation. Ich arbeite schon seit vielen Jahren mit Naxos und kann nur von positiven Erfahrungen berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Label ist so gut, wie die Leute, die es verantworten, und in diesem Fall ist Klaus Heymann die Pers\u00f6nlichkeit, die mit Mut und Weitsicht die Zeichen der Zeit erkannt hat und das Label innovativ und fantasievoll in die Zukunft f\u00fchrt. Die Zusammenarbeit mit ihm ist fantastisch, weil er blitzschnell auf Vorschl\u00e4ge reagiert, ganz klar seine Meinung \u00e4u\u00dfert und wenn einmal die Zustimmung da ist, man sich 100% auf ihn verlassen kann. Nat\u00fcrlich ist der Beitrag des ganzen Teams von Naxos, der Mitarbeiter, mit denen man dann zu tun hat, nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind Erster Fl\u00f6tist bei den Wiener Philharmonikern. Wie wichtig ist es f\u00fcr Sie, abseits des Orchesterbetriebs Kammermusik-Projekte wie diese Aufnahme mit Maria Prinz durchzuf\u00fchren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Die Kammermusik ist f\u00fcr Komponisten wie f\u00fcr Interpreten immer eine sehr intime Sache. Und aus diesem Grund w\u00fcrde ich es als Herzensanliegen bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Wiener Philharmoniker sind zweifellos eines der weltbesten Orchester, stehen aber im Ruf, nicht sehr neugierig auf neues oder unbekanntes Repertoire zu sein. Stimmt dieser Eindruck oder sollte er revidiert werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Das Publikum m\u00f6chte nat\u00fcrlich von diesem Orchester zuerst ein bestimmtes Repertoire h\u00f6ren. Das h\u00e4ngt ganz eindeutig mit der Geschichte und der Tradition des Orchesters zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erlebe aber im Orchester eine Offenheit und ein Interesse das Repertoire zu erweitern. St\u00fccke, die vielleicht vor etwa 30 oder 40 Jahren nur am Rande vorgekommen sind, sind v\u00f6llig im Selbstverst\u00e4ndnis des Orchesters angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Viele Klassikliebhaber, gerade die besonders leidenschaftlichen, scheinen eine latente Abneigung gegen\u00fcber Transkriptionen oder Werkbearbeitungen zu haben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach und wie w\u00fcrden Sie diesen Leuten beschreiben, weswegen Sie bewusst eine Bearbeitung aufgenommen haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Sch\u00fctz:<\/strong> Die gro\u00dfen Komponisten haben alle voneinander gelernt, einerseits durch Studium, andererseits durchs blo\u00dfe Abschreiben voneinander: Zahllose Beispiele lassen sich hierf\u00fcr anf\u00fchren. Sehr oft wurden auch eigene Werke anders wiederverwendet oder eben anders instrumentiert. Die Essenz einer Komposition bleibt ja hiervon im Grunde unber\u00fchrt \u2013 es werden lediglich andere Aspekte beleuchtet, was einem auch Augen, Ohren und Sinne \u00f6ffnen kann. Meine Bearbeitung und Interpretation versuche ich beim Kern des Werkes anzusetzen, um aufzuzeigen, wie diese wunderbare Musik mit Fl\u00f6ten-Timbre erklingt! Ich bin \u00fcberzeugt, dass Brahms Fl\u00f6tensonaten geschrieben h\u00e4tte, h\u00e4tte er heute gelebt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria Prinz:<\/strong> Wie ich schon erw\u00e4hnt habe, ist es uns von Anfang an bewusst gewesen, dass eine gewisse Abneigung gegen\u00fcber Bearbeitungen existiert. Diese ist in F\u00e4llen, bei denen die Bearbeitung in krassem Gegensatz zu den Absichten und der Ausdrucksweise des Komponisten stehen, durchaus berechtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man darf allerdings nicht vergessen, dass sehr viele Komponisten ihre Werke selbst bearbeitet und Versionen f\u00fcr verschiedene Instrumente ver\u00f6ffentlicht haben. Das ist auch f\u00fcr die Sonaten op. 120 der Fall, von denen Brahms selbst Versionen f\u00fcr Bratsche und Violine erstellt hat. Somit deutet er an, dass dieses musikalische Material Raum f\u00fcr verschiedene klangliche Deutungen l\u00e4sst. Und das zweite Argument zugunsten der Fl\u00f6tenversion ist, dass die Klarinette und die Fl\u00f6te als Blasinstrumente doch n\u00e4her verwandt sind, als es die Bratsche oder die Violine sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Liedern wiederum ist die Fl\u00f6te der menschlichen Stimme durch die Beteiligung des Atems an der Klangerzeugung und auch durch die F\u00e4higkeit, Phrasen \u201esingend\u201c zu formen, verwandt und imstande die wundersch\u00f6nen, langgezogenen brahmsischen Melodien zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Das Interview f\u00fchrte Ren\u00e9 Brinkmann]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl-Heinz Sch\u00fctz, Solofl\u00f6tist der Wiener Philharmoniker, hat die beiden Sonaten op. 120 von Johannes Brahms, urspr\u00fcnglich Klarinettensonaten, dann vom Komponisten f\u00fcr Viola und Violine bearbeitet, f\u00fcr die Fl\u00f6te eingerichtet. 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