{"id":4562,"date":"2021-10-04T05:51:00","date_gmt":"2021-10-04T03:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4562"},"modified":"2021-10-04T19:05:24","modified_gmt":"2021-10-04T17:05:24","slug":"rozycki-ausgrabung-und-tschaikowsky-unter-zombies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/04\/rozycki-ausgrabung-und-tschaikowsky-unter-zombies\/","title":{"rendered":"R\u00f3\u017cycki-Ausgrabung und Tschaikowsky unter Zombies"},"content":{"rendered":"\n<p>Warner Classics, 0190295191702; EAN: 1 90295 19170 2<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Rozycki-Tschaikowksy-Wawrowski-Warner.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Rozycki-Tschaikowksy-Wawrowski-Warner-1024x917.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4563\" width=\"436\" height=\"390\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Rozycki-Tschaikowksy-Wawrowski-Warner-1024x917.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Rozycki-Tschaikowksy-Wawrowski-Warner-300x269.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Rozycki-Tschaikowksy-Wawrowski-Warner-768x688.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Rozycki-Tschaikowksy-Wawrowski-Warner.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 436px) 100vw, 436px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Als \u201ePhoenix Concerto\u201c hat nun ein teils aus Fragmenten rekonstruiertes Violinkonzert des polnischen Komponisten Ludomir R\u00f3\u017cycki von 1944 das Licht der Welt erblickt. Als \u201eF\u00fcllst\u00fcck\u201c enth\u00e4lt die Warner CD des Geigenvirtuosen Janusz Wawrowski und dem Royal Philharmonic Orchestra unter Grzegorz Nowak dann allerdings einmal mehr das Tschaikowsky-Konzert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit relativ hohem Werbeaufwand und von etlichen \u2013 zumeist polnischen \u2013 Institutionen gesponsert, hat der Violinist <em>Janusz Wawrowski<\/em> (*1982) auf Warner nun die Einspielung eines bisher gr\u00f6\u00dftenteils als verschollen angesehenen Violinkonzerts von <em>Ludomir R\u00f3\u017cycki <\/em>(1883\u20131953) vorgelegt. R\u00f3\u017cycki, mit den etwa gleichaltrigen Komponisten Kar\u0142owicz und Szymanowski eine der Hauptfiguren des <em>Jungen Polen in der Musik<\/em>, studierte zun\u00e4chst in Warschau, sp\u00e4ter dann noch bei Humperdinck in Berlin, wo er sich mit seinem gro\u00dfen Vorbild Richard Strauss anfreundete. Vor allem mit Opern und symphonischen Dichtungen feierte er nicht nur in Polen beachtliche Erfolge. 1944 verlor er jedoch w\u00e4hrend des Warschauer Aufstands einen Gro\u00dfteil seiner Manuskripte in den Flammen seines Hauses. Bis zu seinem Tod versuchte er mit unb\u00e4ndiger Energie, die vernichteten Werke zu rekonstruieren, was nur zum kleineren Teil gelang.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das im Sommer 1944 entstandene Violinkonzert lag zwar bereits ein Klavierauszug und ein unvollst\u00e4ndiger Orchestersatz vor, Rekonstruktionen von Jan Fotek und Zygmunt Rychert blieben allerdings erfolglos. Erst durch Wawrowskis Entdeckung des Manuskripts des Klavierauszugs sowie vor allem von 87 Takten eines eigenh\u00e4ndigen Partiturfragments des Komponisten, gelang es Ryszard Bry\u0142a nun, eine konsistente Auff\u00fchrungsversion des \u2013 wie bereits das 2. Klavierkonzert von 1941\/42 \u2013 nur zweis\u00e4tzigen Werkes zu erstellen. Wawrowski k\u00fcmmerte sich dabei um eine <em>spielbare<\/em> \u2013 R\u00f3\u017cycki war von Hause aus Pianist und mit virtuoser Geigentechnik recht wenig vertraut \u2013 Fassung des Soloparts. Das viersprachige Booklet gibt dar\u00fcber angemessen Auskunft, ohne in Details zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das 7-min\u00fctige Andante lebt vom \u00fcber weite Strecken dem Solisten \u00fcbertragenen elegischen Gesang. Ob die mehr oder weniger direkten Anspielungen an den f\u00fcr Pawe\u0142 Kocha\u0144ski typischen Stil bei dessen Ausarbeitung des Soloparts von Szymanowskis 1. Violinkonzert so bereits von R\u00f3\u017cycki intendiert sind oder doch mehr Wawrowskis Idee, l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich ohne Kenntnis der originalen Quellen nicht entscheiden. Daneben erinnert das Violinkonzert \u00f6fters an Korngolds Gattungsbeitrag: Im zweiten Satz (16 Minuten) finden sich gewisse Ann\u00e4herungen sowohl an amerikanische Unterhaltungsmusik als auch Instrumentationsideen, die sp\u00e4ter dauerhaft in die Filmmusik eingegangen sind. Insgesamt ist das St\u00fcck \u2013 besonders durch seine stellenweise arg bunte, aufgedonnerte Orchestrierung \u2013 f\u00fcr ein Konzert fast etwas zu \u201eoperettig\u201c und im Grunde nur brillanter Edelkitsch; als Entdeckung hingegen nicht uninteressant. Die Interpreten \u2013 Wawrowski wird vom <em>Royal Philharmonic Orchestra<\/em> unter <em>Grzegorz Nowak<\/em> begleitet \u2013 geben hier ihr Bestes. Aufnahmetechnisch vertritt die Ver\u00f6ffentlichung die Position, den Solisten nicht bewusst in den Vordergrund zu setzen; ein eigentlich nat\u00fcrliches Klangbild, das der Rezensent in aller Regel goutiert, welches sich beim folgenden St\u00fcck aber als Fehlgriff erweist.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig entt\u00e4uschend ger\u00e4t leider die Darbietung des Tschaikowsky-Konzerts: Selbstverst\u00e4ndlich beherrscht Wawrowski den Solopart technisch und klanglich perfekt, doch derart emotional flach und \u2013 vor allem durch Nowaks v\u00f6llig teilnahmsloses, ohne jedwede Agogik stattfindendes Heruntergenudle des Orchesterparts \u2013 langweilig habe ich dieses Werk tats\u00e4chlich von Profis noch nie geh\u00f6rt. Man kennt zwar solche \u00e4u\u00dferst tempokonstanten Tschaikowsky-Lesarten von manchen russischen Dirigenten, namentlich Jewgeni Mrawinski \u2013 die damit bewusst auf Konfrotationskurs zu verbreiteten, \u00fcberromantisierenden westlichen Deutungen gingen; aber hier passiert gerade im Kopfsatz zwanzig Minuten lang praktisch \u00fcberhaupt nichts \u2013 nicht mal in der Kadenz. Die Canzonetta ist zumindest klanglich sensibel, jedoch selbst die gro\u00dfe Kantilene des Soloparts bleibt verhangen und blutleer \u2013 man f\u00fchlt sich quasi wie unter Zombies. Wenigstens im Finale nehmen Violinist und Dirigent ein straffes Tempo; alles erscheint da engagierter und wird immerhin eine ganz brauchbare Show.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Eine bemerkenswerte Wiedererweckung \u2013 freilich keine Sensation \u2013 eines nicht allzu substanzreichen Violinkonzerts in der Nachfolge der Sp\u00e4tromantik und eine wirklich \u00fcberfl\u00fcssige Tschaikowsky-Wiedergabe, die den H\u00f6rer v\u00f6llig kalt lassen d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, September 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warner Classics, 0190295191702; EAN: 1 90295 19170 2 Als \u201ePhoenix Concerto\u201c hat nun ein teils aus Fragmenten rekonstruiertes Violinkonzert des polnischen Komponisten Ludomir R\u00f3\u017cycki von 1944 das Licht der Welt erblickt. 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