{"id":4572,"date":"2021-10-07T23:33:00","date_gmt":"2021-10-07T21:33:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4572"},"modified":"2021-10-08T04:37:48","modified_gmt":"2021-10-08T02:37:48","slug":"der-spaete-triumph-des-verfolgten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/07\/der-spaete-triumph-des-verfolgten\/","title":{"rendered":"Der sp\u00e4te Triumph des Verfolgten"},"content":{"rendered":"\n<p><em>51 Jahre nach dem Tode des Komponisten erlebte Hans Hellers <\/em>Requiem f\u00fcr den unbekannten Verfolgten<em> im Rahmen des Festkonzerts der ACHAVA Festspiele Th\u00fcringen am 23. September 2021 durch den MDR-Rundfunkchor und das MDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Dennis Russell Davies seine Urauff\u00fchrung. Thematisch passend ging dem Werk Leonard Bernsteins Symphonie Nr.&nbsp;1 <\/em>Jeremiah<em> voraus (Mezzosopran: Solenn&#8216; Lavanant-Linke). Er\u00f6ffnet wurde das Konzert mit einer weiteren Urauff\u00fchrung: Silvius von Kessels <\/em>Heller-Suite<em> f\u00fcr Orgel, gespielt vom Komponisten selbst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Auff\u00fchrung eines gro\u00dfen chorsymphonischen Werkes ist mittlerweile offensichtlich zu einem traditionellen Bestandteil der seit 2015 j\u00e4hrlich in Th\u00fcringen veranstalteten ACHAVA Festspiele geworden. Das diesj\u00e4hrige Festkonzert, das am 23.\u00a0September im Dom St. Marien zu Erfurt stattfand, kann getrost als eines der bedeutendsten Ereignisse in der noch jungen Geschichte des j\u00fcdischen Kulturfestivals bezeichnet werden, denn es verhalf erstmals \u00fcberhaupt einer Komposition zu klingender Existenz, die mehr als f\u00fcnf Jahrzehnte auf ihre Urauff\u00fchrung hatte warten m\u00fcssen: dem <em>Requiem f\u00fcr den unbekannten Verfolgten<\/em> von Hans Heller. Bestrebungen, das Schaffen Hellers in Th\u00fcringen bekannt zu machen, lassen sich seit einiger Zeit erkennen. Bereits 2011 war eine Ouvert\u00fcre des Komponisten in Hellers Geburtsstadt Greiz zu Geh\u00f6r gebracht worden und hatte Eindr\u00fccke vom Stil des 1969 gestorbenen Schreker-Sch\u00fclers vermittelt. Diese wurden durch mehrere Klavier- und Liederabende in den vergangenen Jahren vertieft, so durch die Konzerte <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/14\/verdraengte-musik-juedischer-meister-zu-neuem-leben-erweckt\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/14\/verdraengte-musik-juedischer-meister-zu-neuem-leben-erweckt\/\">2020<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/09\/17\/neu-und-wiederentdeckte-musik-verfolgter-komponisten-in-weimar-raphael-heller-sekles\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/09\/17\/neu-und-wiederentdeckte-musik-verfolgter-komponisten-in-weimar-raphael-heller-sekles\/\">2021<\/a> in der Hochschule f\u00fcr Musik Franz Liszt Weimar, die gleichfalls mehrere Urauff\u00fchrungen boten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Premiere des Requiems markiert zweifelsohne einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt in der Geschichte der Entdeckung dieses Komponisten. \u2013 Es ist eine Entdeckung, denn von einer Wiederentdeckung l\u00e4sst sich in Hellers Fall kaum sprechen: Nur ein kleiner Teil seiner Kompositionen wurde zu seinen Lebzeiten \u00f6ffentlich gespielt, und zahlreiche Werke warten immer noch darauf, ein erstes Mal zu erklingen. Die Frage, warum sein Schaffen keine weitere Verbreitung fand, wird freilich erst durch intensivere Forschungen zum Lebenslauf des K\u00fcnstlers in der gebotenen Ausf\u00fchrlichkeit beantwortet werden k\u00f6nnen, doch geben die bislang an die \u00d6ffentlichkeit getretenen Werke des Komponisten und die aus seiner Biographie bekannten Fakten bereits einigen Aufschluss. Nat\u00fcrlich ist hier zun\u00e4chst die Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten zu nennen, die Heller nach 1933 eine Weiterf\u00fchrung seiner Laufbahn in Deutschland unm\u00f6glich machte. In der Emigration vermochte er nie endg\u00fcltig Fu\u00df zu fassen und blieb k\u00fcnstlerisch isoliert, was im Wesentlichen auch f\u00fcr die Zeit nach seiner R\u00fcckkehr nach Deutschland gilt. Schlie\u00dflich l\u00e4sst sich auch sein Kompositionsstil selbst als Grund anf\u00fchren: Zeugten bereits die Klavierwerke und Lieder von einer sehr pers\u00f6nlichen Stimme, so bietet das <em>Requiem f\u00fcr den unbekannten Verfolgten<\/em> vollends das Bild eines Komponisten, der sich nur schwer in eine der k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mungen seiner Zeit einordnen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer war Hans Heller?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Hellers Biographie ist auf mehreren Ebenen von Bruchlinien durchzogen. Am 15.&nbsp;Oktober 1898 im ostth\u00fcringischen Greiz geboren, wuchs er in einer assimilierten j\u00fcdischen Familie auf. Seine musikalische Begabung zeigte sich fr\u00fch, sodass er durch Auftritte als Geiger oder Pianist bereits als Jugendlicher zu lokaler Bekanntheit gelangte. Die erste gro\u00dfe Z\u00e4sur seines Lebens setzte der Erste Weltkrieg: Gerade 18 Jahre alt geworden, wurde er 1916 zur Armee eingezogen. Im letzten Kriegsjahr wurde er von einem Granatsplitter am Ellenbogen verletzt, wodurch er den getroffenen Arm nur noch eingeschr\u00e4nkt bewegen konnte. Obwohl ihm die erhoffte Laufbahn als Pianist unm\u00f6glich geworden war, vertiefte er seine Kenntnisse des Klavierspiels ab 1920 am Leipziger Konservatorium unter Anleitung Robert Teichm\u00fcllers und Carl Adolf Martienssens. Daneben studierte er Musiktheorie bei Stephan Krehl. 1924 zog er nach Berlin und wurde im folgenden Jahr Kompositionssch\u00fcler Franz Schrekers, was er bis 1929 blieb. Mit Schreker und dessen Frau Maria pflegte Heller bald auch privat freundschaftliche Kontakte. In Berlin wurde er mit Arnold Sch\u00f6nberg, Alban Berg, Paul Hindemith und Ernst Krenek bekannt. 1927 heiratete er die aus Hannover stammende Pianistin Ingrid Eichwede, die er noch aus seiner Zeit in Leipzig kannte. Das einzige Kind des Paares, der Sohn Peter, der sich sp\u00e4ter der Malerei widmete, kam 1929 zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Heller sich Anfang der 30er Jahre in Berlin als Komponist zu etablieren begann, erlebte er, wie der Nationalsozialismus zu immer st\u00e4rkerem Einfluss gelangte. \u00dcber den Charakter der braunen Bewegung machte er sich keine Illusionen und bereitete fr\u00fchzeitig die Emigration seiner Familie vor. 1933 zogen die Hellers nach Paris. Obwohl Heller bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weiter komponierte, fand er keinen Anschluss ans franz\u00f6sische Musikleben. So gelangte auch seine in Paris komponierte Zweite Symphonie dort nicht zur Auff\u00fchrung (und wartet auf eine solche bis heute).<\/p>\n\n\n\n<p>1939 begann f\u00fcr den Komponisten die furchtbarste Zeit seines Lebens. Beinahe f\u00fcnf Jahre lang wechselten Gefangenschaft, Flucht und Verstecken einander ab. Zun\u00e4chst wurde er nach Kriegsbeginn \u2013 wie zahlreiche Juden, die vor den Nazis nach Frankreich geflohen waren \u2013 als Deutscher auf Befehl der franz\u00f6sischen Regierung verhaftet und in ein Arbeitslager in der N\u00e4he von N\u00eemes deportiert. Die Niederlage Frankreichs hatte seine Auslieferung an die Gestapo zur Folge. Nur durch einen Irrtum seiner W\u00e4chter entging er der Deportation nach Osten, kurz darauf gelang ihm die Flucht. Wieder mit seiner Familie vereint, wurde er von franz\u00f6sischen Widerstandsk\u00e4mpfern in einem Bergdorf in den Cevennen versteckt. Nach der Besetzung S\u00fcdfrankreichs durch die Wehrmacht fiel Heller im Januar 1944 den Deutschen erneut in die H\u00e4nde und wurde zur Schwerstarbeit beim Bau milit\u00e4rischen Anlagen gepresst. Als er im M\u00e4rz in ein Vernichtungslager deportiert werden sollte, schaffte er es ein weiteres Mal, im letzten Moment zu fliehen. Den Rest der Besatzungszeit, bis August 1944, verbrachten die Hellers in \u00e4u\u00dferster Zur\u00fcckgezogenheit in einem Versteck bei N\u00eemes.<\/p>\n\n\n\n<p>1946 wanderte die Familie in die Vereinigten Staaten aus. Heller nahm seine Komponistent\u00e4tigkeit wieder auf und schuf ein pazifistisches Oratorium in englischer Sprache nach alttestamentarischen Texten, <em>Nation Shall Not Lift Up Sword Against Nation<\/em> f\u00fcr Bariton, gemischten Chor und Orchester, das aber in Amerika ebenso wenig zur Auff\u00fchrung gelangte wie andere seiner Werke. Da die Hellers ab 1953 die meiste Zeit wieder in Deutschland verbrachten, wurde ihnen die 1952 verliehene US-Staatsb\u00fcrgerschaft 1959 aberkannt. In Berlin kam es 1955 zur Urauff\u00fchrung von <em>Nation Shall Not Lift Up Sword Against Nation<\/em> durch den Chor der St.-Hedwigs-Kathedrale und das RIAS-Symphonieorchester \u2013 die erste und einzige Auff\u00fchrung eines seiner gro\u00dfen Werke zu Lebzeiten Hans Hellers. Der Komponist starb am 9.&nbsp;Dezember 1969 in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das entdeckte Requiem<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorgeschichte der n\u00e4chsten Auff\u00fchrung eines chorsymphonischen Werkes begann 2018, als Jascha Nemtsov, Professor f\u00fcr Geschichte der j\u00fcdischen Musik an der Weimarer Musikhochschule, gemeinsam mit Hellers Neffen, dem Osteuropa-Historiker Wolfgang Eichwede, das Musikarchiv der Berliner Akademie der K\u00fcnste besuchte, um den Nachlass des Komponisten in Augenschein zu nehmen, welcher auf Vermittlung Eichwedes dem Archiv \u00fcbergeben worden war. Nachdem sich Nemtsov, mit dem Partiturmanuskript in der Hand, der RIAS-Aufnahme der Oratorienauff\u00fchrung von 1955 gewidmet hatte, war er nach eigenen Worten davon \u00fcberzeugt, \u201esoeben gro\u00dfe Musik geh\u00f6rt und gelesen\u201c zu haben. Eine weitere Komposition Hellers zog gleichfalls seine Aufmerksamkeit auf sich: das <em>Requiem f\u00fcr den unbekannten Verfolgten<\/em>. Nemtsov nennt das f\u00fcr gemischten Chor und gro\u00dfes Orchester geschriebene Werk das \u201emusikalische Verm\u00e4chtnis\u201c des Komponisten. Rasch stand f\u00fcr ihn fest, das niemals gespielte St\u00fcck den ACHAVA Festspielen zur Urauff\u00fchrung vorzuschlagen. 2021 konnte das Vorhaben schlie\u00dflich umgesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hellers Requiem entstand im Wesentlichen 1964\/65, doch \u00fcberarbeitete der Komponist die Partitur bis in seine letzte Lebenszeit hinein. Nach Auskunft Werner Gr\u00fcnzweigs, Leiter des Musikarchivs der Akademie der K\u00fcnste, wirkt die Handschrift sehr benutzt und erweckt optisch keineswegs den Eindruck eines Manuskripts, das jahrzehntelang von keinem Dirigenten in die Hand genommen worden war. Das Werk hat Heller buchst\u00e4blich nicht losgelassen. Es ist keine unvollendete Komposition in dem Sinne, das etwas an ihr fehle oder nicht fertig ausgearbeitet sei \u2013 einen Schlussstrich konnte der Komponist aber letztlich nicht unter seine Arbeit ziehen. \u201eDer Holocaust wurde f\u00fcr ihn zu einer Obsession\u201c, hatte Hellers 2002 gestorbener Sohn Peter \u00fcber seinen Vater geschrieben \u2013 eine Obsession, die sich offensichtlich im unabl\u00e4ssigen Feilen an der Requiem-Partitur niedergeschlagen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Komposition liegt ein lateinischer Text zugrunde, der jedoch nur zum Teil der traditionellen katholischen Totenmesse folgt. Es fehlen das Sanctus, Benedictus und Agnus Dei. Anstelle des Dies irae findet sich ein \u201eIn die illa\u201c \u00fcberschriebener Satz, dem eine Zusammenstellung apokalyptischer Passagen aus Altem und Neuem Testament zugrunde liegt. Vom Hergebrachten weicht Heller auch dadurch ab, dass er das Kyrie an vorletzter Stelle einordnet. Rein textlich betrachtet geh\u00f6rt das St\u00fcck damit in die N\u00e4he von Werken wie dem <em>Deutschen Requiem<\/em> von Brahms oder dem <em>War Requiem<\/em> Benjamin Brittens.<\/p>\n\n\n\n<p>In wie fern kann es als religi\u00f6ses Werk gelten? Bereits die im Titel inbegriffene Widmung an den \u201eunbekannten Verfolgten\u201c zeigt, dass Heller die liturgischen und biblischen Texte benutzt, um zu einer Aussage zu gelangen, die weder im Rahmen christlicher Liturgie, noch \u00fcberhaupt im Rahmen des Christentums zu verbleiben gedenkt. Die j\u00fcdischen Wurzeln des Christentums werden durch die Verwendung alttestamentarischer Texte angedeutet, ohne dass sich deswegen von einem spezifisch j\u00fcdischen Requiem sprechen lie\u00dfe. Definitiv ist es kein Werk, das aus dem Zustand eines Ruhens in einer Religion heraus geschrieben ist. Wolfgang Eichwede, der l\u00e4ngere Zeit mit Hans und Ingrid Heller im selben Haus gewohnt hat, erinnert sich seines Onkels als eines ernsten, intellektuellen Mannes, der sich mit der Geschichte der Religionen besch\u00e4ftigte, sich namentlich f\u00fcr die Jesusforschung interessierte und sich intensiv mit Jesaja auseinandersetzte. Zu seinem Judentum sei Heller allerdings, nach eigener Aussage, \u201edurch den Holocaust gekommen\u201c, so Eichwede. Vielleicht ist das der Schl\u00fcssel zum religi\u00f6sen Gehalt des Werkes. Wir haben die Komposition eines Menschen vor uns, den ein furchtbares Schicksal zur Besch\u00e4ftigung mit religi\u00f6sen Fragen bringt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Konzert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzert, in welchem Hans Hellers Requiem zum ersten Male der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert wurde, war ganz auf das St\u00fcck als dem Hauptwerk des Abends ausgerichtet. Zu Beginn erklang eine eigens zu diesem Anlass komponierte <em>Heller-Suite<\/em> f\u00fcr Orgel des Erfurter Domorganisten Silvius von Kessel, die der Komponist selbst vortrug. Das St\u00fcck besteht aus f\u00fcnf kurzen S\u00e4tzen, die auf die Lebensstationen Hellers Bezug nehmen. Das thematische Material entnahm Kessel zwei Klavierwerken Hellers: dem Divertimento und der Little Suite. Beide Themen enthalten alle zw\u00f6lf T\u00f6ne der chromatischen Tonleiter. Kessel verarbeitet sie teils in Originalgestalt, teils sehr frei. Es begegnet eine Vielzahl musikalischer Idiome, besonders f\u00e4llt eine Anlehnung an franz\u00f6sische Orgelmusik \u2013 teils mehr zu Vierne, teils mehr zu Messiaen tendierend \u2013 auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach ergriff das MDR-Sinfonieorchester das Wort, um unter der Leitung Dennis Russell Davies&#8216; die Erste Symphonie von Leonard Bernstein <em>Jeremiah<\/em> zu spielen (im letzten Satz kam die kr\u00e4ftige Mezzosopranstimme Solenn&#8216; Lavanant-Linkes dazu). Hierbei zeigte sich, dass sich der Erfurter Dom \u2013 ungeachtet seiner Symbolwirkung, gerade im Falle eines Konzerts wie diesem \u2013 zu Orchesterkonzerten wegen seines sehr langen Nachhalls nicht sonderlich eignet. Bernsteins Symphonie, 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg entstanden, thematisiert in ihren drei S\u00e4tzen die Verw\u00fcstung des j\u00fcdischen Tempels in Jerusalem und m\u00fcndet in einen Klagegesang Jeremiae. Dennoch strahlt sie mit ihren milden Dissonanzen und der lichten Instrumentierung \u00fcber weite Strecken eine geradezu mediterran anmutende Ausgewogenheit aus \u2013 ein Eindruck, der sich r\u00fcckwirkend angesichts der Kl\u00e4nge des Hellerschen Requiems noch verst\u00e4rkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Requiem f\u00fcr den unbekannten Verfolgten<\/em> machte den Verfasser vorliegenden Artikels zum ersten Mal mit Hans Heller als Orchester- und Chorkomponisten bekannt. Stilistisch begegnen Merkmale wieder, die man anhand seiner Lieder und Klavierwerke kennen lernen konnte: Melodisch dominiert die Chromatik bis hin zu Themen, die alle zw\u00f6lf T\u00f6ne umfassen (ein Zw\u00f6lftonkomponist im Sinne Sch\u00f6nbergs war Heller nicht!), die Harmonik weicht konventionellen Akkordbildungen und dem Funktionsdenken des 19.&nbsp;Jahrhunderts zugunsten einer freien, dissonanten Tonalit\u00e4t aus. Hellers Instrumentation hat nichts Gl\u00e4nzendes an sich. Die Herbheit der Harmonik wird durch kein instrumentales Kolorit gemildert, eher noch versch\u00e4rft. Besonders f\u00e4llt die wichtige Rolle auf, die der Komponist dem gro\u00df besetzten Schlagzeug zumisst. Es bildet hier eine vom restlichen Orchester beinahe unabh\u00e4ngig agierende zweite Ebene, aus welcher regelm\u00e4\u00dfig milit\u00e4risch anmutende Rhythmen auftauchen. Schon allein deshalb bleibt die Bitte \u201eRequiem aeternam dona eis domine\u201c, mit welcher der Chor nach einer l\u00e4ngeren Instrumental-Einleitung einsetzt, ein frommer Wunsch: Das Werk findet nicht zur Ruhe, auch wenn die Sehnsucht danach best\u00e4ndig durch die chromatischen Melodien und dissonanten Akkordt\u00fcrme hindurch sp\u00fcrbar ist. Dass Heller an den Chor h\u00f6chste Anspr\u00fcche stellt, braucht angesichts des Kontextes wohl kaum gesondert erw\u00e4hnt zu werden. Die akustischen Probleme der Spielst\u00e4tte, die bereits in der Bernstein-Symphonie sp\u00fcrbar waren, wurden bei der Auff\u00fchrung des Requiems noch st\u00e4rker deutlich, was zumindest im Verfasser dieser Zeilen den Wunsch n\u00e4hrte, dieser kompromisslosen, d\u00fcsteren Ausdrucks- und Bekenntnismusik unter besseren \u00e4u\u00dferen Bedingungen wieder zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Hans Heller nach seiner Entdeckung nicht wieder in Vergessenheit ger\u00e4t, sollen eine erste Buch- und CD-Ver\u00f6ffentlichung im kommenden Jahr sicherstellen. Man kann nur w\u00fcnschen, dass dadurch das Interesse an diesem Komponisten wachgehalten wird. Angesichts seines Requiems darf davon ausgegangen werden, dass weitere beeindruckende St\u00fccke von ausgepr\u00e4gter Eigenart im Archiv der Akademie der K\u00fcnste Berlin darauf warten, zum ersten Mal vor einem Publikum zum Klingen gebracht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Oktober 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>51 Jahre nach dem Tode des Komponisten erlebte Hans Hellers Requiem f\u00fcr den unbekannten Verfolgten im Rahmen des Festkonzerts der ACHAVA Festspiele Th\u00fcringen am 23. September 2021 durch den MDR-Rundfunkchor und das MDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Dennis Russell Davies seine Urauff\u00fchrung. 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