{"id":4575,"date":"2021-10-09T04:20:33","date_gmt":"2021-10-09T02:20:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4575"},"modified":"2023-06-04T19:18:44","modified_gmt":"2023-06-04T17:18:44","slug":"ernst-von-siemens-musikstiftung-stellt-foerderpreise-fuer-2020-und-2021-vor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/09\/ernst-von-siemens-musikstiftung-stellt-foerderpreise-fuer-2020-und-2021-vor\/","title":{"rendered":"Ernst von Siemens Musikstiftung stellt F\u00f6rderpreise f\u00fcr 2020 und 2021 vor"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/vlcsnap-error823.png\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/vlcsnap-error823-1024x576.png\" alt=\"Ensemble Modern - David Niemann\" class=\"wp-image-4577\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/vlcsnap-error823-1024x576.png 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/vlcsnap-error823-300x169.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/vlcsnap-error823-768x432.png 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/vlcsnap-error823-1536x864.png 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/vlcsnap-error823.png 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Ensemble Modern &#8211; David Niemann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Am Freitag, 1. 10. 2021 stellte die musica viva des Bayerischen Rundfunks im Prinzregententheater St\u00fccke von gleich zwei Jahrg\u00e4ngen der F\u00f6rderpreistr\u00e4gerinnen und -preistr\u00e4ger der Ernst von Siemens Musikstiftung vor. F\u00fcr 2020 waren dies Samir Amarouch, Catherine Lamb und Francesca Verunelli; f\u00fcr 2021 Malte Giesen, Mirela Ivi\u010devi\u0107 und Yair Klartag. David Niemann dirigierte das Ensemble Modern in beiden Programmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Normalerweise stellt die <em>Ernst von Siemens Musikstiftung <\/em>ja die F\u00f6rderpreise f\u00fcr den kompositorischen \u201eNachwuchs\u201c im Rahmen der Verleihung des \u201egro\u00dfen\u201c Musikpreises vor. Coronabedingt konnte dies 2020 nicht so stattfinden. Daher pr\u00e4sentiert man nun wenigstens St\u00fccke der insgesamt sechs Preistr\u00e4gerinnen und Preistr\u00e4ger f\u00fcr gleich beide Jahrg\u00e4nge 2020 und 2021 in zwei Konzerten im M\u00fcnchner Prinzregententheater dem Publikum \u2013 aber ohne die \u00fcblichen Zeremonien mit Laudatio und Preis\u00fcbergabe. Daf\u00fcr sind die wie immer interessanten, kurzen Portr\u00e4tclips \u00fcber die sechs K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler online verf\u00fcgbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Ensemble Modern<\/em> spielt \u2013 bis auf das letzte Werk \u2013 unter der Leitung des 31-j\u00e4hrigen deutschen Dirigenten <em>David Niemann<\/em>, der mit erstaunlicher Souver\u00e4nit\u00e4t und Pr\u00e4zision musizieren l\u00e4sst. Niemann hat 2015 den 2. Preis beim ber\u00fchmten Malko-Wettbewerb gewonnen und geht die komplizierten Werke \u00e4u\u00dferlich unpr\u00e4tenti\u00f6s an, gibt dem Star-Ensemble stets die n\u00f6tige Orientierung sowie die richtigen Impulse zum perfekten Zusammenspiel. Daneben kann er auch mit der rechten Hand \u2013 er f\u00fchrt den Taktstock links \u2013 den Klang mit gro\u00dfer Empathie eingreifend genau formen, wo dies f\u00f6rderlich erscheint. Der ganze Abend gelingt Niemann und dem Ensemble so h\u00f6chst \u00fcberzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aus Split stammende <em>Mirela Ivi\u010devi\u0107<\/em> (*1980), die zuletzt bei Beat Furrer studierte und nun in Wien lebt, betritt mit <em>Sweet Dreams <\/em>f\u00fcr Ensemble den intimen Bereich ihrer Schwangerschaft, versucht die Schlafphasen ihres ungeborenen Kindes zu vertonen und mit ihrer eigenen Wahrnehmung zu kombinieren. Daraus ergeben sich klar strukturierte Abschnitte: aktive REM-Phasen alternieren mit solchen der Ruhe, die vom Herzschlag bestimmt werden. Ivi\u010devi\u0107s Instrumentationskunst ist vom Feinsten, ungemein farbig (u.a. mit Akkordeon, Klavier und Harfe), ihre Musik spannend, manchmal durchaus affektgeladen. Zudem spielt sie gekonnt mit spektralen Kl\u00e4ngen \u2013 12 feinsinnige und unterhaltsame Minuten, wirklich beeindruckend.<\/p>\n\n\n\n<p>In <em>Rationale<\/em>, f\u00fcr Sopran und Ensemble, bilden Texte des mittelalterlichen, j\u00fcdischen Philosophen und Rechtsgelehrten Maimonides, sowie die ersten 109 Nachkommastellen einer Ann\u00e4herung an Wurzel aus 2 die Grundlage. Die Begrenztheit menschlicher Vernunft nicht nur beim Verst\u00e4ndnis irrationaler Zahlen, interessiert auch den Komponisten <em>Yair Klartag<\/em> (*1985), der \u2013 nun wieder in Tel Aviv t\u00e4tig \u2013 eine Zeit lang Sch\u00fcler von Georg Friedrich Haas war. In seinem St\u00fcck finden sich viele indifferente Effekte, wie etwa bunte Glissandi \u00fcber pulsierenden B\u00e4ssen, aber \u00f6fters sehr sch\u00f6ne, ineinander \u00fcbergehende Klangmischungen, wo sich verschiedene Instrumentengruppen quasi die Klinke in die Hand geben. Dies wirkt insgesamt sehr konsistent, dabei recht atmosph\u00e4risch, wobei die Sopranistin <em>Eliat Aronstein<\/em> zwar \u00fcber eine feine H\u00f6he verf\u00fcgt, jedoch nicht das n\u00f6tige Stimmvolumen hat, um sich gegen das Ensemble durchzusetzen. F\u00fcr den Rezensenten trotzdem der H\u00f6hepunkt des Abends.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Catherine Lamb<\/em> (*1982) wurde in Ihrer US-amerikanischen Heimat stark von James Tenney beeinflusst \u2013 kein Wunder, dass sie sich in Ihrer Musik intensiv mit (Mikro)-tonalit\u00e4t und Psychoakustik auseinandersetzt. In <em>Prisma Interius V<\/em> generiert ein von ihr entwickelter <em>secondary rainbow synthesizer<\/em> aus der realen Umgebung zun\u00e4chst kaum wahrnehmbare Kl\u00e4nge. Fast wie ein Concertino interagieren Harfe, Bassklarinette und gestimmte Weingl\u00e4ser mit einem kleinen Streicherensemble, das allein f\u00fcr die Ausf\u00fchrung von Lambs enorm schwierig zu realisierender Mikrointervallik h\u00f6chstes Lob verdient. Die extrem langsam changierenden Klangfl\u00e4chen wirken zwar ziemlich artifiziell, sind aber absolut klar definiert und werden nie langweilig \u2013 am Schluss gro\u00dfe, weiche Cluster.<\/p>\n\n\n\n<p>Der j\u00fcngste der Preistr\u00e4ger, <em>Samir Amarouch<\/em> (*1991) aus Frankreich, l\u00e4sst sein <em>Electronica-b minor crush<\/em> mit einem simplen, homorhythmisch gesetzten Nonenakkord des Ensembles beginnen, der dann v\u00f6llig instabil pulsiert, dennoch <em>groovt<\/em> und an Disco Funk erinnert \u2013 der einzig wahrnehmbare Parameter ist zun\u00e4chst Rhythmus. Nach und nach kristallisieren sich dann Einzelereignisse heraus, beinahe morseartig. Es entwickelt sich ein Riesen-Gegackere in den Bl\u00e4sern, alles ein Wechsel zwischen Archaik und Weltraumsound, dicht und schon etwas provokativ \u2013 zugleich jedoch \u00e4u\u00dferst befreiend.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Massenprozession <\/em>ist sofort klar, dass <em>Malte Giesen<\/em> (*1988) sich hier mit dem 2. Satz von Beethovens 7. Symphonie auseinandersetzt. Mit einem auf jeweils ein Instrument jeder Gruppe reduziertem Orchester und Live-Elektronik \u2013 die u.a. bis auf das 1024-fache multipliziertes Klangmaterial des Originals enth\u00e4lt \u2013 ist das nat\u00fcrlich weit mehr als nur ein \u201eRemix\u201c des Beethoven-St\u00fccks. Vom verfremdenden Ineinander-Verlaufen bis hin zur quasi auf einen Punkt erstarrten, kompletten \u201eVariation\u201c gelingt hier eine durchdachte, kritische Reflexion \u00fcber den Jubilar wie den medialen Konsum seiner Musik. Mit 20 Minuten l\u00e4uft sich die Sache allerdings bald irgendwo tot \u2013 auch wenn Niemann alles gen\u00fcsslich her\u00fcberbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss <em>Francesca Verunellis<\/em> (*1979) <em>wo.man sitting at the piano<\/em> f\u00fcr Fl\u00f6te\/Bassfl\u00f6te und Player Piano, hier in Gestalt eines Yamaha Disklavier Konzertfl\u00fcgels, bei dem einige Tasten derart pr\u00e4pariert sind, dass sie nur perkussiver Ger\u00e4uscherzeugung dienen. Die mit \u00fcber 40 Minuten \u2013 zumindest in diesem Rahmen \u2013 eindeutig zu lange Komposition ist dreiteilig. Der gro\u00dfartige <em>Dietmar Wiesner<\/em> spielt in den beiden \u00e4u\u00dferen Abschnitten virtuos und einf\u00fchlsam mit dem \u2013 oder gegen das? \u2013 Automatenklavier, dass es dem H\u00f6rer \u00fcber weite Strecken so vorkommt, als ob das Instrument auf den Fl\u00f6tisten reagiere. In der Mitte gibt es ein gut viertelst\u00fcndiges \u201eSolo\u201c des faszinierend mit allen m\u00f6glichen Monstrosit\u00e4ten, weit jenseits der St\u00fccke Nancarrows, programmierten Musikroboters \u2013 leider allzu erm\u00fcdend.<\/p>\n\n\n\n<p>Selten waren die F\u00f6rderpreistr\u00e4gerinnen und -preistr\u00e4ger der EvS Musikstiftungen eines Jahres auf durchgehend so erfreulichem Niveau, wie diesmal s\u00e4mtliche sechs vorgestellten Komponistinnen und Komponisten beider \u201eJahrg\u00e4nge\u201c, die bereits alle ihren sehr pers\u00f6nlichen Weg gefunden zu haben scheinen. Das anwesende Publikum ist jedenfalls von den sorgf\u00e4ltigen Darbietungen offensichtlich begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 3. Oktober 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag, 1. 10. 2021 stellte die musica viva des Bayerischen Rundfunks im Prinzregententheater St\u00fccke von gleich zwei Jahrg\u00e4ngen der F\u00f6rderpreistr\u00e4gerinnen und -preistr\u00e4ger der Ernst von Siemens Musikstiftung vor. F\u00fcr 2020 waren dies Samir Amarouch, Catherine Lamb und Francesca Verunelli; f\u00fcr 2021 Malte Giesen, Mirela Ivi\u010devi\u0107 und Yair Klartag. 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