{"id":4582,"date":"2021-10-11T00:18:32","date_gmt":"2021-10-10T22:18:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4582"},"modified":"2021-10-13T01:19:39","modified_gmt":"2021-10-12T23:19:39","slug":"alles-atmet-freiheit-villa-lobos-auf-der-e-gitarre-gunter-herbig-alda-rezende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/11\/alles-atmet-freiheit-villa-lobos-auf-der-e-gitarre-gunter-herbig-alda-rezende\/","title":{"rendered":"Alles atmet Freiheit \u2013    Villa-Lobos auf der                  E-Gitarre"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 018 (Gramola 98018; Vertrieb: Naxos); EAN: 9 003643 980181<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tristorosa.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tristorosa.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4583\" width=\"441\" height=\"393\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tristorosa.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tristorosa-300x268.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr Aldil\u00e0 Records hat der Gitarrist Gunter Herbig Kompositionen von Heitor Villa-Lobos auf der Elektrischen Gitarre eingespielt. Zu h\u00f6ren sind: Cinq Pr\u00e9ludes, Suite Popular Brasileira, Choros Nr. 1 und die Aria aus Bachianas Brasileiras Nr. 5. In letzterer tritt zur Gitarre die Samba-S\u00e4ngerin Alda Rezende hinzu.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gunter Herbig ist zun\u00e4chst offenkundig ein Weltb\u00fcrger: Der Deutsch-Brasilianer ist geboren in Brasilien, wuchs in Portugal und Deutschland, wo er auch studierte, auf, und lebt seit 1989 in Neuseeland. Au\u00dfer dem sprichw\u00f6rtlichen Weltb\u00fcrgertum hat sein Musizieren so gar nichts B\u00fcrgerliches an sich.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Naxos nahm er vor einigen Jahren neuseel\u00e4ndische Musik auf, darunter die feinen Meisterwerke vom gro\u00dfen Nationalkomponisten Douglas Lilburn und vor allem von dessen hochoriginellem Sch\u00fcler David Farquhar. Dann kam ein Hammer: das audiophile schwedische Label BIS ver\u00f6ffentlichte sein Album \u201aEx oriente\u2018 mit seinen Arrangements von Klavierst\u00fccken Gurdjieff\/de Hartmanns, gespielt auf der E-Gitarre. Es ist davon schlicht zu sagen, dass die in ihrer harmonischen Schlichtheit und melodischen Weitgeschwungenheit einmalige Musik George Ivanovitch Gurdjieffs noch nie so ad\u00e4quat dargeboten wurde, von keinem Pianisten inklusive ihrem Verfasser Thomas de Hartmann, dessen authentische Auff\u00fchrungen nat\u00fcrlich mit ihrer Aufrichtigkeit beeindrucken und ber\u00fchren. Doch Herbig verleiht dieser Musik einen ganz anderen, unendlich scheinenden Raum, eine vision\u00e4re Kraft, die durch seine intuitiv das Transzendente st\u00fctzende Phrasierung jenseits aller \u201aNettiketten\u2018 eine meditative Intensit\u00e4t auf den H\u00f6rer \u00fcbertr\u00e4gt, die daf\u00fcr sorgt, dass man die CD unendlich oft anh\u00f6ren kann, ohne ihrer jemals m\u00fcde zu werden. Ja, das ist eines der sch\u00f6nsten Alben, die ich je geh\u00f6rt habe, ein All-Time-Favorite.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun also macht Herbig dasselbe mit Heitor Villa-Lobos, dem gro\u00dfen brasilianischen Nationalkomponisten, und zwar \u2013 bis auf die abschlie\u00dfende Aria \u2013 mit St\u00fccken, die original f\u00fcr Gitarre komponiert wurden. Ohne Verst\u00e4rker und die nobel eingesetzten Slide-Effekte und den sustained tone von Villa-Lobos konzipiert, geschieht auch hier wieder ein wahres Wunder. Nat\u00fcrlich ist das auch Geschmackssache, und gewiss wird es viele Gitarristen und Gitarren-Aficionados geben, die das von vornherein ablehnen oder sich einfach nicht damit anfreunden k\u00f6nnen. Wobei nicht auszuschlie\u00dfen ist, dass hier \u00f6fter als zugegeben auch Eifersucht im Spiel sein mag. Denn Herbig erschlie\u00dft der Gitarre nicht nur einen tragenden Klang, den sie ohne die Verst\u00e4rkung nicht hat, und eine damit verbundene intensivierte Gesanglichkeit, sondern auch eine Vielfarbigkeit, wie sie eben bei k\u00fcrzeren, schneller verschwindenden T\u00f6nen nie entstehen kann. Vor allem aber ist er ein herausragender Musiker, bei dem der Klang dann doch letztendlich Nebensache ist (da kann man beispielsweise auch an Michelangeli oder Celibidache denken, die ja auch zu Recht als \u201aKlangmagier\u2018 gelten und deren wahre St\u00e4rke doch jenseits der materiellen Dimension der Klangzauberei liegt). An Herbig fesseln sowohl sein \u201aGroove\u2018 \u2013 die Musik schwingt und flie\u00dft immerzu, es gibt keine unfreiwilligen Ecken und Kanten, und doch ist das nie mechanisch gleichf\u00f6rmig, sondern immer voll der minimalen (und oft auch offenkundigen, immer atmenden) Irregularit\u00e4ten des echten Lebens \u2013 als da auch fesselt: sein feinstofflicher Sinn f\u00fcr die ins Unendliche ausschwingende Melodie, beseelt, befl\u00fcgelt, den H\u00f6rer auf die Reise mitnehmend, ohne ihn je zu zwingen, zu n\u00f6tigen. Alles atmet Freiheit. Innere Ruhe, achtsam artikulierende Tiefenentspannung, die sanfte Entf\u00fchrung ins Unbekannte, das im Bekannten eine T\u00fcr \u00f6ffnet, durch die nur geht, wer es nicht ideologisch erzwingen will. Wahre Musik ist eben kein Testosteron-Wettbewerb, und der wahre Gewinner ist, der keine Gegner kennt, sondern in der Selbstbegegnung dem H\u00f6rer die Chance zur Selbstbegegnung offeriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss dann die Kr\u00f6nung: die weltber\u00fchmte Aria, so wundersch\u00f6n verewigt von G\u00f6ttinnen wie Victoria de los Angeles, Arleen Aug\u00e9r, Bidu Say\u00e3o, Anna Moffo, Barbara Hannigan und allerhand gro\u00dfen Maestri, angefangen mit Stokowski, Reiner und Villa-Lobos selbst \u2013 und hier singt die in Neuseeland lebende brasilianische Samba-S\u00e4ngerin Alda Rezende. Zuerst: Sie singt es in tiefer Lage, die Stimme klingt immer wieder zum Verwechseln \u00e4hnlich einer hohen M\u00e4nnerstimme, und es ist gar nicht eine klassisch ausgebildete Stimme, sondern eine reine Naturstimme, allerdings von hoher Verfeinerung und grandioser Nuancierungskunst. Vergesst ganz einfach alles, was ihr in diesem wunderbaren A-B-A-Lied je geh\u00f6rt habt: Diese Aufnahme schafft unserer Seele, unserer kollektiven Innenwelt einen immerw\u00e4hrenden Sommer des Gem\u00fcts, eine Fata Morgana niemals verbleichender Sch\u00f6nheit jenseits aller Moden. Es ist bei dieser Aufnahme ein Hit im sch\u00f6nsten Sinne dieses Begriffs herausgekommen, ebenso unaufdringlich wie weltumfassend, den Kenner, der keine Scheuklappen aufgesetzt hat, zutiefst erg\u00f6tzend, und zugleich eine Darbietung f\u00fcr die Ewigkeit, die jederzeit neben globalem Popul\u00e4rkulturgut wie dem originalen Yesterday der Beatles ein jedes Ohr zu durchfluten und in Verz\u00fcckung zu versetzen imstande sein wird \u2013 wenn sie die mediale Gelegenheit dazu bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich h\u00f6rte, d\u00fcrfen wir demn\u00e4chst bei Aldil\u00e0 Records ein weiteres potenzielles Kultalbum von Gunter Herbig erwarten: Arvo P\u00e4rt auf der elektrischen Gitarre. Wenn das stimmt, kann ich\u2019s kaum abwarten. Was die etablierten Kritiker dar\u00fcber schreiben, ist ebenso \u201awurscht\u2018 wie beim aktuellen Villa-Lobos-Album \u2013 falls sie es \u00fcberhaupt zur Kenntnis nehmen: Diese Musik spricht direkt zum H\u00f6rer und bedarf keiner p\u00e4pstlichen Bullen, um ihre Essenz zum H\u00f6rer zu transportieren. H\u00f6rt, h\u00f6rt, und denkt euch nichts dabei, wenn es euch gef\u00e4llt und die Gralsh\u00fcter der angeblichen Authentizit\u00e4t ihre Probleme mit dem Echten, das nicht als das \u201aKorrekte\u2018 daherkommt, nicht verbergen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Sara Blatt, Oktober 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 018 (Gramola 98018; Vertrieb: Naxos); EAN: 9 003643 980181 F\u00fcr Aldil\u00e0 Records hat der Gitarrist Gunter Herbig Kompositionen von Heitor Villa-Lobos auf der Elektrischen Gitarre eingespielt. 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