{"id":4587,"date":"2021-10-13T23:40:03","date_gmt":"2021-10-13T21:40:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4587"},"modified":"2021-10-13T23:40:07","modified_gmt":"2021-10-13T21:40:07","slug":"tolle-repertoire-entdeckungen-des-expressionismus-rathaus-tiessen-arma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/13\/tolle-repertoire-entdeckungen-des-expressionismus-rathaus-tiessen-arma\/","title":{"rendered":"Tolle Repertoire-Entdeckungen des Expressionismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Oehms Classics, OC 491; EAN: 4 260034 864917<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tiessen-Rathaus-Arma.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tiessen-Rathaus-Arma.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4588\" width=\"466\" height=\"466\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tiessen-Rathaus-Arma.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tiessen-Rathaus-Arma-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tiessen-Rathaus-Arma-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 466px) 100vw, 466px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Judith Igolfson (Violine) und Vladimir Stoupel (Klavier) widmen sich in ihrem bei Oehms Classics erschienenen Album expressionistischen Violinsonaten von Karol Rathaus, Heinz Tiessen und Paul Arma aus den Jahren 1925 und 1949. Die beiden letzteren Werke werden hiermit zum ersten Mal auf CD vorgelegt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese CD ist eine gro\u00dfe \u00dcberraschung, eine tolle Sache. Ich muss gestehen, mich immer noch dar\u00fcber zu wundern, dass sie ausgerechnet bei einem so spie\u00dfigen Label wie Oehms Classics erschienen ist, wo man praktisch gar keinen Wert auf Repertoireentdeckungen legt und eigentlich immer nur im kommerziell sicheren Fahrwasser von g\u00e4ngigen Symphoniezyklen und gehypten Opernproduktionen unterwegs ist, die von mittelpr\u00e4chtig bekannten Orchestern und Dirigenten aufgef\u00fchrt werden, meist nur zur Selbstprofilierung der betreffenden H\u00e4user und ohne Relevanz f\u00fcr den nationalen wie internationalen Tontr\u00e4germarkt. Naja, auch ein blindes Huhn wie Oehms kann gelegentlich ein goldenes Ei vorzeigen, wenn\u2019s ihm andere (also hier die eigenwilligen K\u00fcnstler und die finanzierende Koproduktionsanstalt Deutschlandfunk Kultur) ins Nest legen \u2013 obwohl: bei EDA, Genuin, Audite, Neos, um nur mal ein paar deutsche Labels mit ernsthafterem Anspruch zu nennen, w\u00e4re diese CD besser aufgehoben gewesen als beim zwar gut vernetzten, doch total unglaubw\u00fcrdigen Oehms. Aber gut, kommen wir zum Inhalt:<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm ist ausgesprochen spannend und in der expressionistischen Grundhaltung dramaturgisch so schl\u00fcssig wie \u00fcberraschend abgestimmt. Der hochbegabte Schreker-Sch\u00fcler Karol Rathaus (1895\u20131954) aus Tarnopol lebte in Berlin, als er 1925 seine dreis\u00e4tzige, ausgesprochen individuelle Sonate f\u00fcr Geige und Klavier op. 14 schrieb \u2013 in dissonanzfreudiger freier Tonalit\u00e4t \u2013 ein durchweg fesselndes Werk. Mit Beginn des Dritten Reichs emigrierte Rathaus nach Paris, dann London, und schlie\u00dflich 1938 nach New York. Er sollte wieder h\u00e4ufiger gespielt werden, gerade seine gehaltvoll expressive Orchestermusik w\u00fcrde die monotonen Spielpl\u00e4ne unserer Konzerts\u00e4le bereichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ostpreu\u00dfe Heinz Tiessen (1887\u20131971) wirkte schon recht fr\u00fch in Berlin, wo er bis zu seinem Tode ein hochgeachteter Lehrer war, dessen Schule so bedeutende Musiker wie Eduard Erdmann, Wladimir Vogel oder Sergiu Celibidache durchliefen. In den ruhelosen 1920er Jahren geh\u00f6rte er als Mitglied der fortschrittlich-linken Novembergruppe zu den gro\u00dfartigsten Komponisten des deutschen Expressionismus, und nun legen Ingolfsson und Stoupel hier die Ersteinspielung seiner einzigen, im gleichen Jahr 1925 komponierten <em>Duo-Sonate<\/em> op. 35 f\u00fcr Geige und Klavier vor. Vor allem der langsame Satz und gro\u00dfe Teile des Finales geh\u00f6ren zum besten und originellsten, was f\u00fcr diese Kombination in der ersten H\u00e4lfte des vergangenen Jahrhunderts geschrieben wurde, und es ist wirklich seltsam, dass niemand vorher auf den Gedanken kam, diese Musik, die einst von Georg Kulenkampff aufgef\u00fchrt wurde, auszugraben. Eine ganz gro\u00dfe Entdeckung!<\/p>\n\n\n\n<p>Die vielleicht gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung freilich ist die 1949 komponierte Sonate von Paul Arma (1905\u20131987), geboren als Imre Weisshaus in Budapest, Sch\u00fcler Bart\u00f3ks, ab 1931 Assistent von Hanns Eisler in Berlin, 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris geflohen, dort Mitglied der R\u00e9sistance, ab 1958 franz\u00f6sischer Staatsb\u00fcrger und ein \u00e4u\u00dferst fruchtbarer Komponist, den man vor allem seiner Fl\u00f6tenwerke wegen kennt. Er hat aber auch viel erstklassige Musik f\u00fcr andere Instrumente verfasst, zu welcher auch vorliegende Sonate geh\u00f6rt, die aus dem Manuskript ersteingespielt wurde. Diese Sonate ist den Instrumenten weniger \u201eauf den Leib geschneidert\u201c als die Sonaten von Tiessen und vor allem Rathaus, sie ist eher strukturell konzipiert, mit viel dunklen Beleuchtungswechseln, scharfen Kontrasten, Erkundung sparsamer und langsamer Regionen. Aber immer ausdrucksvoll und sehr spannend. Der Kopfsatz dauert geschlagene 16 Minuten (so lang wie die gesamte, sehr dicht gebaute Tiessen-Sonate).<\/p>\n\n\n\n<p>Die CD ist sehr solide musiziert, in jeder Hinsicht untadelig in der Geige, von offenkundigem Gestaltungswillen auch im Klavier, wo lediglich ein paar sehr aufgeraute Forte-Akkorde und vor allem das recht unorganische Rubato (vorschriftsgem\u00e4\u00df zwar, doch zu eckig, nicht aus der Musik gewachsen) noch von geistiger Nachbesserung profitieren w\u00fcrden. Der Aufnahmeklang ist ebenfalls solide, die Kommentare der K\u00fcnstler im Beiheft sind knapp aber korrekt. Am geringen Umfang von Letzterem zeigt sich, wie Oehms Classics diese eigentlich sensationelle Produktion behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Sara Blatt, Oktober 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oehms Classics, OC 491; EAN: 4 260034 864917 Judith Igolfson (Violine) und Vladimir Stoupel (Klavier) widmen sich in ihrem bei Oehms Classics erschienenen Album expressionistischen Violinsonaten von Karol Rathaus, Heinz Tiessen und Paul Arma aus den Jahren 1925 und 1949. Die beiden letzteren Werke werden hiermit zum ersten Mal auf CD vorgelegt. 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