{"id":4598,"date":"2021-10-21T23:53:00","date_gmt":"2021-10-21T21:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4598"},"modified":"2021-10-22T03:21:16","modified_gmt":"2021-10-22T01:21:16","slug":"kulturelle-bruecken-im-ostseeraum-ein-besuch-beim-usedomer-musikfestival-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/10\/21\/kulturelle-bruecken-im-ostseeraum-ein-besuch-beim-usedomer-musikfestival-2021\/","title":{"rendered":"Kulturelle Br\u00fccken im Ostseeraum: Ein Besuch beim Usedomer Musikfestival 2021"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Usedomer Musikfestival schl\u00e4gt seit seiner Gr\u00fcndung immer wieder neue kulturelle Br\u00fccken zwischen den L\u00e4ndern des Ostseeraums. Wer irgendwann zwischen September und Oktober f\u00fcr eine Weile an die Ostseek\u00fcste reist, erlebt jene Vielschichtigkeit, f\u00fcr die das Usedomer Musikfestival im ganzen Ostseeraum zu einer Marke geworden ist. Auch im letzten Jahr traf dies unter eingeschr\u00e4nkten Bedingungen zu. Jetzt sind fast alle Grenzen wieder offen \u2013 umso mehr durchstr\u00f6mte die j\u00fcngste, 28. Festivalausgabe die Aura eines umfassenden Neustarts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs f\u00fchlt sich alles wieder so wie damals an, als gerade die Grenzen offen waren und wir endlich hierhin kommen konnten\u201c, beschreibt der litauische Komponist und Dirigent Gediminas Gelgotas die neue Aufbruchstimmung. Gelgotas, aber auch der weltber\u00fchmte Cellist David Geringas pr\u00e4sentierten in hervorragender Weise den diesj\u00e4hrigen L\u00e4nderschwerpunkt Litauen. Aber auch die Nachbarschaft zum nahen Polen wirkt auf Usedom in engagierten Kooperationen gepflegt. Zu Beginn des diesj\u00e4hrigen Besuches ging es \u00fcber die Grenze ins schmucke Kulturzentrum von Swinoujscie (Swinem\u00fcnde) \u2013 einer hellwachen Fast-Gro\u00dfstadt, in der sich gerade alles rasant nach vorne entwickelt. David Geringas, Artist in Residence und einer der Weltstars auf dem Violoncello, der u.a. Sol Gabetta ausbildete und prominenter Sch\u00fcler des \u201eJahrhundert-Cellisten\u201c Mstislaw Rostropowitsch war, zeigte sich bei einem Kammermusikabend in einer Traumbesetzung zusammen mit Dylan Blackmore (Violine), Hartmut Rohde (Viola) und Vytautas Sondeckis (Violoncello) als musikalischer Partner unter Freunden, der seine Kunst mit j\u00fcngeren Generationen teilt. Ein selten geh\u00f6rtes Beethoven-Trio f\u00fcr Viola und zwei Violoncelli \u00fcberrascht mit einer interessanten \u201eEmanzipation der Mittellage\u201c. Ein Steichquartettsatz von Peter Tschaikowski und eine von Geringas neu arrangierte Tschaikowski-Humoresque widerspiegelt in der Tonsprache des russischen Komponisten die Programmatik dieses Festivals, bei dem sich Weltoffenheit und Bekenntnis zu den eigenen kulturellen Wurzeln vereinen. Vytautas Barkauskas <em>Drei Fragmente<\/em> f\u00fcr Viola und Violoncello wurden bereits vor etwa zehn Jahren auf Usedom aufgef\u00fchrt, aber dieses St\u00fcck markiert immer noch ein kraftvolles Statement f\u00fcr die forschende Gegenwart dieses Festivals. David Geringas vergleicht die menschlichen Verbindungen solcher Kammerbesetzungen mit jenen ber\u00fchmten Schubertiaden \u2013 Schuberts Hauskonzerte im verst\u00e4ndigen Kreise. Ein solcher Communitygeist setzt sich allj\u00e4hrlich beim Cellisten-Meisterkurs auf Schloss Stolpe im weiten Hinterland der Insel fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang stand der Wunsch, in einer attraktiven, aber strukturschwachen Region die Kultur zu beleben, damit es hier noch mehr gebe als den traditionellen B\u00e4dertourismus mit seiner heute aufw\u00e4ndig herausgeputzten Infrastruktur. Ein Verein wurde gegr\u00fcndet. Immer mehr Akteure in der Region lie\u00dfen sich von der Idee eines weltoffenen Musikfestivals mitrei\u00dfen. Heute machen sich unter anderem viele traditionelle B\u00e4derhotels, eine breite Unternehmerschaft, aber auch Bund, L\u00e4nder und Gemeinden sowie der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk f\u00fcr das Festival stark. Das h\u00e4lt auch den Publikumszulauf auf \u00fcberregionalem, ja internationalem Level. Dieses Engagement hat aktuell auch die Aufmerksamkeit des \u201eEurop\u00e4ischen Kulturmarken Award\u201c erregt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_Nordic-String-Quartet.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"965\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_Nordic-String-Quartet-1024x965.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4601\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_Nordic-String-Quartet-1024x965.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_Nordic-String-Quartet-300x283.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_Nordic-String-Quartet-768x724.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_Nordic-String-Quartet-1536x1448.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_Nordic-String-Quartet-2048x1930.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Nordic String Quartet<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Weit geht es hinaus in die Landschaft dieser Insel. An besonderen Orten das Herausragende erfahrbar oder erst m\u00f6glich machen, das kann dieses Festival. Was sich vor allem beim Auftritt des Nordic String Quartett zeigte, dessen Mitglieder aus D\u00e4nemark und von den F\u00e4r\u00f6er-Inseln stammen. Heidrun Petersen (Violine), Mads Haugsted Hansen (Violine), Daniel Eklund (Viola) und Lea Emilie Br\u00f8ndal (Violoncello) musizieren in der kleinen Kirche im Seebad Zinnowitz \u2013 und es war so, als wenn es kein Morgen gebe: Zun\u00e4chst baute eine zeitgen\u00f6ssische Komposition trickreich auf einem fr\u00fchbarocken Kanon von Johannes Pachelbel auf, der zunehmend eine improvisatorische Unterwanderungen erf\u00e4hrt. Carls Nielsens sehr geschmeidig daher kommendes nordisch-romantisches Quartett baut die Br\u00fccke zu einem wahrhaft kolossalen Erlebnis mit Musik: Franz Schubert komponierte sein freigeistig-\u00fcberschw\u00e4ngliches Streichquartett <em>Der Tod und das M\u00e4dchen<\/em> eben in einer Ausdrucksweise, als w\u00fcrde es kein Morgen geben. Eine Einsicht, die selten so unmittelbar jede Nervenzelle durchdringt, wie in dem Moment, wo sich das Nordic String Quartet dieser einzigartigen, m\u00e4chtigen Musik annimmt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_Jan-Garbarek-Trilok-Gurtu-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_Jan-Garbarek-Trilok-Gurtu-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4600\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_Jan-Garbarek-Trilok-Gurtu-1024x684.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_Jan-Garbarek-Trilok-Gurtu-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_Jan-Garbarek-Trilok-Gurtu-768x513.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_Jan-Garbarek-Trilok-Gurtu-1536x1026.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_Jan-Garbarek-Trilok-Gurtu-2048x1368.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Jan Garbarek (Saxofon) und Trilok Gurtu (Schlagzeug)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im letzten Jahr war Norwegen L\u00e4nderschwerpunkt \u2013 aber durch die Reiseverbote fielen viele Programmpunkte aus. Welcher Verlust ein Ausfall der Jan Garbarek Group gewesen w\u00e4re, offenbarte sich in einem modernen, funktionalen Ort kurz vor der polnischen Grenze, n\u00e4mlich in der Lokhalle der regionalen B\u00e4derbahn, welche die K\u00fcstenorte verbindet: Der norwegische Saxofonist Jan Garbarek, ebenso der indisch-st\u00e4mmige, in Hamburg lebende Schlagzeuger Trilok Gurtu sowie Reiner Br\u00fcninghaus am Piano und der Brasilianer Yuri Daniel am E-Bass ziehen hinein in einen charismatischen, tief lyrischen Sog, der aber durch eine bestens ge\u00f6lte Bandchemie auch mit m\u00e4chtigem Abgehfaktor gesegnet ist. Hier lebt es wieder, das Anliegen dieses Festivals: N\u00e4mlich kulturelle Einfl\u00fcsse zusammen zu bringen, die scheinbar sonst weit weg voneinander scheinen: Ein starkes Gegengewicht zur verkl\u00e4rten Melancholie im Spiel Jan Garbareks ist jene indisch beeinflusste polymetrisch ausdifferenzierte Rhetorik des Schlagwerkers Trilok Gurtu, der regelm\u00e4\u00dfig mit neuen eigenen Projekten \u00fcberrascht. Der enthusiastischste Applaus kam auf jeden Fall von den polnischen Fans \u2013 da zeigte sich, dass in Polen Jazz (und alles, was dar\u00fcber hinausgeht) viel mehr als nur Nische ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe in meinem Heimatland einen fabelhaften Klarinettisten entdeckt. Deswegen rief ich die Professorin Sabine Meyer ein, um diesen besonders begabten Absolventen der Rostropowitsch-Stiftung f\u00fcr ein Studium zu empfehlen\u201c, beschrieb David Geringas die Vorgeschichte, welche den litauischen Klarinettisten \u017dilvinas Brazauskas zum Studium nach L\u00fcbeck f\u00fchrte. Und eben auch zum Usedom-Festival, wo ein allj\u00e4hrlicher Musikpreis seitens der Oscar- und Vera Ritter-Stiftung die \u201eEducation\u201c-Bestrebungen zugunsten hoffnungsvoller Karrieren und produktiver Synergieeffekte abrundet. Was hierbei wohl Kriterien sein m\u00f6gen, braucht man gar nicht weiter hinterfragen \u2013 denn das stellen Brazauskas und sein italienischer Klavierpartner Matteo Gobbini in der Kirche von Heringsdorf mitrei\u00dfend unter Beweis: Beiden jungen Interpreten geht es um weit mehr als um perfekte Instrumentenbeherrschung \u2013 sondern auch um Erkundung neuer M\u00f6glichkeiten gepaart mit kreativer B\u00fchnenpr\u00e4senz. Herausfordernd waren die Werke des Mammutprogramms in der Heringsdorfer Kirche allemal \u2013 unter anderem zeitgen\u00f6ssische Klangstudien von Vytautas Germanavicius, wo der Solist sich einer raffinierten Zirkularatmungstechnik bediente, und David Lang, eine spektakul\u00e4re Demonstration von simulierter Mehrstimmigkeit auf der Bassklarinette.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Festival hat seine Mission erreicht, wenn sich bei aller Vielfalt der k\u00fcnstlerischen Ans\u00e4tze und musikalischen Farben verbindende Aspekte herauskristallisieren. Im aktuellen Fall ist es die elementarste musikalische Praxis des Gesangs: Gesungen hatten die Cellisten des Geringas-Meisterkurses am Ende ihres Workshop auf Schloss Stolpe. Trilok Gurtu, Schlagzeuger bei der Jan Garbarek Group demonstrierte in ausgiebigen Soloparts die klassische vokale Rhythmisierungskunst. Und \u017dilvinas Brazauskas legte schlie\u00dflich die Klarinette beiseite, um als Zugabe ein getragenes litauisches Volkslied anzustimmen. Und Litauen im Ganzen hat sich Anfang der 1990er Jahre von der sowjetischen Fremdherrschaft nicht zuletzt durch eine friedliche \u201eSingende Revolution\u201c befreit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_Geldiminas-GelgotasNew-Ideas-String-Quartet2-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"802\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_Geldiminas-GelgotasNew-Ideas-String-Quartet2-1024x802.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4599\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_Geldiminas-GelgotasNew-Ideas-String-Quartet2-1024x802.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_Geldiminas-GelgotasNew-Ideas-String-Quartet2-300x235.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_Geldiminas-GelgotasNew-Ideas-String-Quartet2-768x601.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_Geldiminas-GelgotasNew-Ideas-String-Quartet2-1536x1202.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_Geldiminas-GelgotasNew-Ideas-String-Quartet2-2048x1603.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Gediminas Gelgotas dirigiert das New Ideas Chamber Orchestra<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Darauf wies Gediminas Gelgotas vor seinem spektakul\u00e4ren Konzert mit dem New Ideas Chamber Orchestra hin. Auch dessen Mitglieder erheben immer wieder \u2013 erg\u00e4nzend zu ihrer \u201emagisch\u201c wirkenden Streicherkunst \u2013 ihre Stimmen. Im New Ideas Chamber Orchestra, welches Gelgotas nicht nur dirigiert, sondern daf\u00fcr auch exklusiv die Musik scheibt, performen, ja choreografieren die Mitglieder ihre Musik, w\u00e4hrend man Notenst\u00e4nder vergeblich sucht. Eine melancholische Philip Glass Nummer versetzt zu Beginn in ergreifende Trancezust\u00e4nde. Danach offenbaren viele von Gelgotas Eigenkompositionen t\u00e4nzerische, aufr\u00fchrerische, manchmal auch durchaus pop-affine Facetten in einem wirkungsm\u00e4chtigen Koordinatensystem aus Minimal Music und dem von litauischen Einfl\u00fcssen gen\u00e4hrten Personalstil von Gelgotas. Als H\u00f6hepunkt musiziert David Geringas eine flammenden Solopart. So klingt es, wenn ein Ausnahmemusiker, der auch im Alter von 75 Jahren noch best\u00e4ndig neu dazu lernt, sich wieder in seiner Besch\u00e4ftigung als Musiker (und auch mit Musikerinnen und Musikern) neu geboren f\u00fchlt \u2013 wie er selbst diesen Prozess im Gespr\u00e4ch beschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stefan Pieper [Oktober 2021<\/strong>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Usedomer Musikfestival schl\u00e4gt seit seiner Gr\u00fcndung immer wieder neue kulturelle Br\u00fccken zwischen den L\u00e4ndern des Ostseeraums. Wer irgendwann zwischen September und Oktober f\u00fcr eine Weile an die Ostseek\u00fcste reist, erlebt jene Vielschichtigkeit, f\u00fcr die das Usedomer Musikfestival im ganzen Ostseeraum zu einer Marke geworden ist. 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