{"id":46,"date":"2015-08-06T22:48:05","date_gmt":"2015-08-06T20:48:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=46"},"modified":"2015-08-08T00:19:31","modified_gmt":"2015-08-07T22:19:31","slug":"ein-anschlag-der-aufhorchen-laesst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/08\/06\/ein-anschlag-der-aufhorchen-laesst\/","title":{"rendered":"Ein Anschlag, der aufhorchen l\u00e4sst"},"content":{"rendered":"<p><em>Alpha CD 203, Outhere Music, ISBN: 3 760014 192036<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/201507291303-001.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-49\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/201507291303-001-300x251.png\" alt=\"201507291303-001\" width=\"300\" height=\"251\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/201507291303-001-300x251.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/201507291303-001-1024x856.png 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/201507291303-001.png 1730w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Anna Vinnitskaya ist Solistin in den Klavierkonzerten von Dmitri Schostakowitsch, zusammen mit der Kremerata Baltica. Im ersten Konzert wird sie flankiert vom Solotrompeter Tobias Willner und im zweiten sekundiert von den Bl\u00e4sern der Staatskapelle Dresden sowie dem Dirigenten Omer Meir Wellber. Gemeinsam mit Ivan Rudin folgen das Concertino Op. 94 sowie die Tarantella f\u00fcr zwei Klaviere.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vierte Album der jungen Pianistin Anna Vinnitskaya ist vollst\u00e4ndig der Musik von Dmitri Schostakowitsch gewidmet, die den pianistischen Werdegang der Russin von Anfang an pr\u00e4gte. Die beiden mit gro\u00dfem Abstand voneinander komponierten Klavierkonzerte sowie zwei Werke f\u00fcr zwei Klaviere bilden das mit unter 50 Minuten recht knappe, dabei durchaus pr\u00e4gnante Programm. Gerade bei den Klavierkonzerten liegen die Anspr\u00fcche an eine Aufnahme extrem hoch, spielte doch schlie\u00dflich der Komponist beide vortrefflich selber ein. So findet sich vom Konzert Op. 35 eine Aufnahme unter Samuil Samosud mit dem Moscow Philharmonic Orchestra und dem Trompeter Josif Volovnik, sowie vom F-Dur-Konzert Op. 102 mit dem Orchestre National de la Radiodiffusion Fran\u00e7aise unter Leitung des belgisch-deutschen Dirigenten Andr\u00e9 Cluytens. Diese genannten Platten sind absolut ma\u00dfstabsetzend, kein Wunsch bleibt offen bei dem harten, pr\u00e4zisen und vor allem kernigen Anschlag Schostakowitschs, der es genau versteht, einen f\u00fclligen und vielschichtigen Klang zu erzeugen frei von jeder unn\u00f6tigen Gewalt und Versteifung, und der jenes unabl\u00e4ssige Precipitando-Grundgef\u00fchl erzeugt, ohne tats\u00e4chlich davonzueilen. Nat\u00fcrlich gilt es nicht, dieses absolut einmalige und unverwechselbare Spiel des Komponisten blind nachzuahmen, doch sollte es einen gewissen Anhaltspunkt geben im Bezug auf den Charakter, die Klanglichkeit der Klavierstimme sowie auf die stimmige Zusammenarbeit mit dem Orchester.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben diese Faktoren ber\u00fccksichtigt Anna Vinnitskaya bei ihrem Spiel, das als h\u00f6chste Grundprinzipien Klarheit, Pr\u00e4zision und Durchh\u00f6rbarkeit zu haben scheint. Dennoch findet sie ihren eigenen Stil, nimmt den Konzerten somit an H\u00e4rte und l\u00e4sst stattdessen mancherorts einen leichten romantisch angehauchten Schleier \u00fcber die Melodielinien sinken. Die Kremerata Baltica und die Bl\u00e4ser der Staatskapelle Dresden passen sich der Solistin an und lassen sogar in engen tiefen Lagen jede einzelne Stimme heraush\u00f6ren, was in zahlreichen anderen Interpretationen in ein undurchsichtiges Gebr\u00e4u abgleitet. Besonders erstaunlich ist das gute Zusammenspiel beim ersten Konzert f\u00fcr Klavier, Trompete und Streicher, welches die Solistin vom Klavier aus dirigiert, was \u00fcblicherweise zu weit gr\u00f6\u00dferen Auffassungsdifferenzen und Asynchronit\u00e4ten f\u00fchrt, hier jedoch eine detailgetreu abgestimmte Ausgestaltung des Orchestersatzes nicht verhindert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gut das Konzept ihres ausgefeilten Anschlags auch aufgehen mag, so f\u00e4llt im Vergleich zu den Aufnahmen des Komponisten selbst doch teilweise auf, dass der oft eher weiche und vornehmlich zur\u00fcckhaltende Tastendruck manche Kulminationen verharmlost und bei Weitem friedlicher, gez\u00e4hmter dastehen l\u00e4sst. Auch geht ihr die F\u00fclligkeit des Schostakowitsch\u2019schen Anschlags ab, weshalb passagenweise ein recht d\u00fcnner Klang entsteht, was allerdings auch zum anpassungsf\u00e4higen und somit ebenso Zur\u00fcckhaltung \u00fcbenden Orchester passt. Diese Feingliedrigkeit und sanfte Pr\u00e4zision birgt jedoch auch zweifelsfrei einen ganz eigenen Charme und er\u00f6ffnet neue R\u00e4ume zur Entfaltung. Und dass sie auch harte Kl\u00e4nge mit nur geringem Ma\u00df an Gewaltanwendung beherrscht, beweist Anna Vinnitskaya mehr als einmal, vor allem im vierten Satz des ersten Konzerts. Ein wenig scheint ihr in diesem Satz dennoch der Witz zu fehlen, der der Musik eigentlich so sp\u00fcrbar innewohnt, da hier die Lockerheit im Rausch der Perfektion auf der Strecke bleibt. Der Stil bleibt dabei jedoch durchgehend konstant und so verliert das Konzert nicht den gro\u00dfen Bogen, der alle vier S\u00e4tze des Op. 35 zusammenschwei\u00dft und ein einheitliches, aus einem einzigen Guss entstehendes Ganzes sich entfalten l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tobias Willner an der Solotrompete erweist sich als sehr vielseitig und klangfarbenreich, etliche Nuancen kann er seinem Instrument entlocken. Auch er d\u00e4mpft meist lieber etwas ab, als allzu extrovertiert herauszuspielen, wei\u00df daf\u00fcr auch die dunklen Klangspektren auszukosten. Auch Omer Meir Wellber als Dirigent im zweiten Klavierkonzert stellt sich als eine vortreffliche Wahl heraus, sehr auf die energetische Spannung fixiert arbeitet er kleinste Orchestermelodien vielgesichtig heraus und schafft eine deckende F\u00fclle, die den Bezug zum Klavier zu keiner Zeit verliert. Bei solch einem Zusammenspiel ist besonders der Er\u00f6ffnungssatz des Konzerts Op. 102 von farbenpr\u00e4chtiger Differenziertheit und auch der ber\u00fchmt gewordene Mittelsatz hebt sich deutlich durch das Wahrnehmbarmachen aller Einzelstimmen in dieser Aufnahme ab. Lediglich der Finalsatz erscheint ein wenig eint\u00f6nig im Vergleich zu dem Rest, was bei den gleichf\u00f6rmig durchgehenden Sechzehntell\u00e4ufen und den stetig wiederkehrenden Motiven auch schwerlich zu vermeiden ist und fast nur von Schostakowitsch selbst wirklich \u00fcberzeugend gel\u00f6st wurde. Durch ausgekl\u00fcgelte ausgefeiltes Spiel lenkt Vinnitskaya allerdings die Aufmerksamkeit recht erfolgreich von diesem nicht allzu erheblichen Mangel ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgen noch zwei Werke f\u00fcr zwei Klaviere, die Anna Vinnitskaya zusammen mit Ivan Rudin darbietet. Es handelt sich um das h\u00e4ufig in Kombination mit den Klavierkonzerten eingespielte Concertino Op. 94 sowie die fast nie zu h\u00f6rende Tarantella, die Schostakowitschs letztes Klavierwerk sein sollte. \u00dcber beide Werke lassen sich verschiedene Sekund\u00e4rquellen nur wenig aus, und auch der kurze, aber informative und konzentrierte Bookletttext von Tobias Niederschlag kann au\u00dfer den Interpreten der ersten Auff\u00fchrung des Conertinos (Maxim Schostakowitsch, Sohn des Komponisten, und seine Mitsch\u00fclerin Alla Maloletkowa) keine nennenswerten Informationen bieten. Ebenso wenig allerdings auch die lesenswerte Monographie von Krzysztof Meyer. Beide Werke geh\u00f6ren nicht zu den herausragenden Sch\u00f6pfungen Schostakowitschs, doch rundet gerade die kurze und virtuose Tarantella die CD gelungen ab, als w\u00e4re sie die Zugabe nach einem Konzert. Die beiden Pianisten k\u00f6nnen sich auch gut aufeinander einstellen und ihr Spiel wirkt zu keiner Zeit stilistisch divergierend. In perfekter Synchronizit\u00e4t sind sie bestens aufeinander eingespielt. Wie auch in den Konzerten findet der H\u00f6rer bei weitem weniger H\u00e4rte als in anderen historischen Aufnahmen wie jenen des Komponisten und auch ein geringeres Ma\u00df an Trockenheit, doch gew\u00f6hnt man sich schnell an diesen etwas weicher gezeichneten Anschlag, mit dem beide Pianisten trefflich zusammenwirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, August 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alpha CD 203, Outhere Music, ISBN: 3 760014 192036 Anna Vinnitskaya ist Solistin in den Klavierkonzerten von Dmitri Schostakowitsch, zusammen mit der Kremerata Baltica. 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