{"id":4609,"date":"2021-11-01T17:17:07","date_gmt":"2021-11-01T16:17:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4609"},"modified":"2021-11-01T18:02:33","modified_gmt":"2021-11-01T17:02:33","slug":"meisterschaft-jenseits-des-mammonglanzes-kabelac-britten-schostakowitsch-jakub-hrusa-isabelle-faust","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/01\/meisterschaft-jenseits-des-mammonglanzes-kabelac-britten-schostakowitsch-jakub-hrusa-isabelle-faust\/","title":{"rendered":"Meisterschaft jenseits des Mammonglanzes"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Jakub Hr\u016f\u0161a dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Meisterwerken der klassischen Moderne:  Kabel\u00e1\u010d , Britten, Schostakowitsch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4611\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A3990-scaled.jpg\"><\/a>Photo \u00a9 by Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Um mit einem der \u00fcberfl\u00fcssigsten Oberb\u00fcrgermeister der Republik zu sprechen \u2013 also in routiniert clever vernebelnder Ignoranz \u2013, gibt uns die Interimsspielst\u00e4tte der M\u00fcnchner Orchesterkultur, die technokratisch klotzige Isarphilharmonie mit ihrem kubisch-industriellen Flair, ihren die Lauschfelder trennenden Drahtgel\u00e4ndern, bei denen nur der Stacheldraht vergessen wurde, ihrem perfekt unsch\u00f6nen, ausruh-feindlichen Foyerbereich eine \u201eleise Vorahnung\u201c dessen, dass es f\u00fcr M\u00fcnchen wohl auch k\u00fcnftig, bei allem Mammonglanz, akustisch nicht wirklich besser kommen wird. In dem so gar nicht schmucken, aber auch das Auge nicht verst\u00f6renden Saal klingt das Orchester sehr durchsichtig, man h\u00f6rt \u2013 jedenfalls links au\u00dfen im hinteren Drittel des ansteigenden \u201eParketts\u201c \u2013 alles Leise sehr deutlich, alle Register des Orchesters kommen gut an. Wenn es dann aber laut wird, mutiert der vorher nicht gerade auratisch erf\u00fcllende Klang ins Brutale, und auch die Durchsichtigkeit ist nun \u2013 trotz exzellentem Dirigenten und Orchester \u2013 nicht mehr optimal gegeben. Eben wieder so eine gesichtslose, letztlich unbefriedigende Akustik, wie sie heute anhand von Modellrechnungen \u2013 und l\u00e4ngst nicht mehr aus intuitiv umgesetzter Empirie tats\u00e4chlichen H\u00f6rens \u2013 mit \u00fcberwiegend billigen Materialien von musikfernen Saalplanern mit gro\u00dfem Logistikaufwand ohne Geistbeteiligung umgesetzt werden. Aber auch da kann es nat\u00fcrlich \u2013 wenngleich unter recht ung\u00fcnstigen Bedingungen, also der vorgegebenen Schw\u00e4chen eingedenk \u2013 zu ausgezeichneten Konzerten kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches gab das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 28. und 29. Oktober unter der Leitung des amtierenden Bamberger Generalmusikdirektors Jakub Hr\u016f\u0161a. Dieser jetzt 41j\u00e4hrige Dirigent z\u00e4hlt seit einiger Zeit zu den besten seines Fachs, und dies in vieler Hinsicht: gute Ohren, ausgezeichnete, nat\u00fcrliche und pr\u00e4zise Geste, echte k\u00f6rperliche und geistige Verbindung mit den Musikern, gutes Raumgef\u00fchl f\u00fcrs Orchester, guter musikalischer Geschmack, Sinn f\u00fcr die Dramaturgie der Form und Klangbalance, hohe Wachsamkeit in der Auff\u00fchrung \u2013 vieles l\u00e4sst sich da aufz\u00e4hlen, und wer skeptisch ist, h\u00f6re einfach die CD mit Suks <em>Asrael-Symphonie<\/em>, die wahrhaft exemplarisch dargestellt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal gab es zum Einstieg ein anderes, viel weniger bekanntes tschechisches Werk, aus der fr\u00fchen sozialistisch gepr\u00e4gten Epoche: die 1953\u201357 entstandene Passacaglia f\u00fcr gro\u00dfes Orchester <em>Mysterium der Zeit<\/em> op. 31 vom Symphoniker Miloslav Kabel\u00e1\u010d (1908\u20131979), einst unter Karel An\u010derl uraufgef\u00fchrt, und nun von Hr\u016f\u0161a au\u00dfer Landes gebracht. Er dirigiert das sehr langatmig aufgebaute, vor allem in den ersten Minuten \u00e4u\u00dferst heikle St\u00fcck souver\u00e4n und mit offenkundiger Anteilnahme, und das Orchester folgt ihm \u2013 der ja vielleicht in einigen Jahren auch sein Chef werden k\u00f6nnte \u2013 willig und mit Biss. Diese hier gut 26min\u00fctige Komposition in einem Satz ist vom Ansatz gewaltig, eine gro\u00dfe Architektur, die vom raunenden Beginnen zu einer m\u00e4chtigen Auft\u00fcrmung expandiert und im Pianissimo endet. Es ist mehr konstruiert \u2013 und darin von beeindruckender Meisterschaft der Berechnung der steigernden Kr\u00e4fte, der weitschauenden Disposition der Orchestration \u2013 als spontan empfunden. Ein sich einpr\u00e4gendes Thema von melodisch fesselnder Gestalt wird nicht vorgestellt, und es ist insgesamt Musik, die im Detail sehr imponiert, ohne durch ihr Wachsen organisch zu fesseln. Jedenfalls ist es erfreulich, dieses gewaltig auftretende St\u00fcck nun auch live h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, also nicht nur im (akustisch virtuellen) Raum von produzierten Aufnahmen, sondern in den tats\u00e4chlich sich ergebenden Klangverh\u00e4ltnissen, und unter Hr\u016f\u0161a ist es mit einem so vortrefflichen Orchester in sehr guten H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A4066-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A4066-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4612\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A4066-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A4066-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A4066-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A4066-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/L8A4066-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Photo \u00a9 by Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Danach spielte Isabelle Faust technisch extrem eindrucksvoll und makellos Benjamin Brittens fr\u00fches, einziges, hochoriginelles und im Finale wahrlich ergreifendes Violinkonzert op. 15. Dieses Werk ist f\u00fcr Dirigent und Orchester alles andere als einfach, vieles klingt in den ersten beiden S\u00e4tzen, als w\u00e4re es eigentlich f\u00fcrs Klavier erfunden und dann aufs Orchester \u00fcbertragen worden \u2013 dies in sehr kunstvoller und fantasiereicher Weise \u2013, wodurch manche motivischen Gestalten wirken, als w\u00fcrde man sie riesenhaft unter einem Mikroskop betrachten. Man kann in der hier besprochenen Auff\u00fchrung von au\u00dfergew\u00f6hnlich gelungenem Zusammenwirken berichten, und Auff\u00fchrungen, die Solist und Orchester noch geschlossener im Ausdruck erscheinen lassen, sind jedenfalls \u00e4u\u00dferst selten zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss Dmitrij Schostakowitschs Erste Symphonie, dieses rundum geniale Fr\u00fchwerk mit seinen erschreckenden und verbl\u00fcffenden Perspektivwechseln und unvermittelten Einsichten, dabei wunderbar zusammenh\u00e4ngend in den vier S\u00e4tzen wie auch \u2013 kontrastm\u00e4chtig \u2013 als Ganzes. Wie Brittens staunenswert eigenst\u00e4ndiges Konzert \u2013 nur generationsbedingt deutlich fr\u00fcher \u2013 ist diese noch w\u00e4hrend Schostakowitschs Studienzeit entstandene Symphonie eines der fulminantesten Orchesterwerke der Zwischenkriegsepoche, und das in beiden F\u00e4llen in einer Tonsprache, die abseits selbstgerecht antimusikalischer Dogmen die unersch\u00f6pflichen Weiten der freien Tonalit\u00e4t erkundet. Nat\u00fcrlich sind \u2013 vor allem im Zusammenwirken der Trompeten mit den m\u00e4chtigen Orchestertutti-Entladungen \u2013 die Einfl\u00fcsse Skriabins und seines <em>Po\u00e8me de l\u2019extase<\/em> un\u00fcberh\u00f6rbar, aber welch besseres Vorbild, welch aufr\u00fcttelnderen eigent\u00fcmlichen Ausgangspunkt h\u00e4tte es denn f\u00fcr einen gewandten Individualisten wie Schostakowitsch geben k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ist Hr\u016f\u0161as Dirigat fulminant, souver\u00e4n und h\u00f6chst musikalisch, und selbstverst\u00e4ndlich spielt das Orchester auf ausnehmend hohem Niveau. W\u00e4re mehr Vorbereitungszeit gewesen, so h\u00e4tte man sich den Fragen der musikalischen R\u00e4umlichkeit \u2013 also der dynamischen Kontinuit\u00e4t der Eins\u00e4tze unterschiedlich kraftvoller Instrumente \u2013 eingehender widmen k\u00f6nnen, die Sologeige h\u00e4tte noch eine klarere Empfindung daf\u00fcr gewinnen k\u00f6nnen, dass sie ihren Part an die Bl\u00e4ser \u00fcbergibt und damit vielleicht ein wenig keuscher mit dem Vibrato umgeht, der Solocellist w\u00e4re wohl bez\u00fcglich der dynamischen Entfaltung der vom Komponisten gew\u00fcnschten niederen Lautst\u00e4rkegrade bewusster verpflichtet geblieben, und manches h\u00e4tte \u2013 ohne an Urw\u00fcchsigkeit, Kraft und Schreckenspotential einzub\u00fc\u00dfen \u2013 weniger ruppig und gew\u00f6hnlich, dabei balancierter, bewusster in der Gestaltung sein k\u00f6nnen. Doch dies scheint mir, in Anbetracht der hohen Grundqualit\u00e4t, schlicht eine Frage der verf\u00fcgbaren Zeit zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzert war ein gro\u00dfer Publikumserfolg, und die M\u00fcnchner d\u00fcrfen sich schon freuen auf Hr\u016f\u0161as n\u00e4chstes Gastspiel \u2013 m\u00f6ge er in der Isarmetropole nun auch mit den Klassikern vorkommen und dem wenig feinschmeckerischen Publikum auf jeden Fall weitere in dieser an sich so erfolgssatten, geistig innovationsmatten Stadt unbekannte Entdeckungen pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Oktober 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jakub Hr\u016f\u0161a dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Meisterwerken der klassischen Moderne: Kabel\u00e1\u010d , Britten, Schostakowitsch. 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