{"id":461,"date":"2016-01-23T15:54:31","date_gmt":"2016-01-23T14:54:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=461"},"modified":"2016-01-23T15:55:13","modified_gmt":"2016-01-23T14:55:13","slug":"damrosch-entsteigt-in-azusa-der-mottenkiste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/23\/damrosch-entsteigt-in-azusa-der-mottenkiste\/","title":{"rendered":"Damrosch entsteigt in Azusa der Mottenkiste"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Leopold Damrosch<br \/>\nSymphonie A-Dur (1878)<br \/>\nFest-Ouvert\u00fcre C-Dur (1871)<br \/>\nFranz Schubert\/orchestr. Damrosch: Marche militaire D 733 Nr. 1<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Toccata Classics TOCC 0261<br \/>\nISBN: 5060113442611<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Lucien0001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-463\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-463 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Lucien0001-300x300.jpg\" alt=\"Lucien0001\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Lucien0001-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Lucien0001-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Lucien0001-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Lucien0001-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Lucien0001.jpg 1876w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Kritik schreibe ich nicht nur, weil die vorliegende Aufnahme wertvoll ist, sondern auch ganz bewusst gesch\u00e4rft als eine Art \u201aGegendarstellung\u2019 zu einer peinlich \u00fcberheblichen, freundlich vernichtenden Besprechung in einem viel gelesenen deutschen Klassik-Online-Magazin. Hier spielt ein Studentenorchester \u2013 das Azusa Pacific University Symphony Orchestra \u2013 unter dem so engagierten wie gewissenhaften und feinf\u00fchligen Dirigenten Christopher Russell, und nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir nicht die Studio-Perfektion internationaler Glanz-Klangk\u00f6rper vom Schlage London Symphony oder Los Angeles Philharmonic erwarten \u2013 aber das erwarten wir auch nicht von einem gelungenen Konzert, und \u00fcberhaupt erwarten wir das heute nur, weil Perfektion die einzige h\u00f6rbare Messlatte f\u00fcr musikalische Ignoranten ist, die nichts von musikalischen Kriterien des Zusammenhangs verstehen. Und es ist unbedingt zu betonen, dass man hier zwar hin und wieder nicht ganz sauber ausgestimmte Akkorde h\u00f6ren kann, dass dies jedoch auf einem Niveau stattfindet, dem wir auch in vielen Livekonzerten renommierter Profiorchester begegnen. Also: Entwarnung an alle, die mein Vorg\u00e4nger abgeschreckt hat \u2013 man kann es sich gut anh\u00f6ren, und mit immensem Gewinn und Vergn\u00fcgen. Denn: hier spielt ein Orchester, das so intensiv an der Musik gearbeitet hat, dass man sofort merkt, dass alle Musiker das St\u00fcck kennen und sich nicht, wie ansonsten in Orchesteraufnahmen seltenen Repertoires \u00fcblich, im zuf\u00e4lligen Irgendwo eines Schaltplans befinden, dessen Funktionsweise ihnen unbekannt ist, sondern genau wissen und erleben, was dem, was sie gerade tun, vorausging und wohin es weiterf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leopold Damrosch (1832-85), ein halbes Jahr vor Johannes Brahms geboren, ist Kennern vor allem bekannt als der Vater und Lehrer des Dirigenten Walter Damrosch (1862-1950), der 1885 mit dem Tod seines Vaters die Leitung der New York Symphony Society \u00fcbernahm und bis 1928 innehatte. Die Musik Leopold Damroschs ist gekennzeichnet von vollendeter Beherrschung der Mittel in der Tradition der avancierteren Linie der klassizistischen deutschen Romantik, die einerseits wie Brahms von Beethoven und Schumann herkam und andererseits begierig die unwiderstehlichen Einfl\u00fcsse von Berlioz, Liszt und Wagner in sich aufsog. Er war Geiger und hatte in Berlin bei Siegfried Wilhelm Dehn Komposition studiert. Au\u00dferdem promovierte er 1854 als Mediziner und trat dem Freimaurer-Orden bei, in welchem er sp\u00e4ter in den USA in prominenter Funktion wirkte. Dann spielte er unter Liszt in der Weimarer Gro\u00dfherzoglichen Kapelle. Ab 1858 wirkte er als Dirigent in Breslau. Obwohl wie auch Felix Draeseke zun\u00e4chst neudeutsch revolution\u00e4r eingestellt, ist bei Damrosch als Komponist doch zusehends eine Fusion mit den gem\u00e4\u00dfigteren Elementen der Beethoven-Nachfolge festzustellen. 1872 ging er nach New York, wo er 1873 die Oratorio Society und 1878 die New York Symphony Society gr\u00fcndete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Damrosch hat das im kalifornischen Azusa nord\u00f6stlich von Los Angeles ans\u00e4ssige Azusa Pacific University Symphony Orchestra unter seinem Leiter Christopher Russell 2014-15 folgende Werke f\u00fcr vorliegende CD bei Martin Andersons Rarit\u00e4ten-Fishing-Label Toccata Classics aufgenommen: eine Fest-Ouvert\u00fcre in C-Dur, die 1871 vor der \u00dcbersiedlung in die Vereinigten Staaten entstand; die gro\u00dfe, dreiviertelst\u00fcndige Symphonie in A-Dur von 1878, also aus dem Gr\u00fcndungsjahr seines New Yorker Orchesters; und sein einst beliebtes Orchesterarrangement des ersten der drei bekannten Marches militaires op. 51 in D-Dur f\u00fcr Klavier zu vier H\u00e4nden von Franz Schubert. In seinen Originalkompositionen zeigt Damrosch sich als souver\u00e4ner Meister leuchtkr\u00e4ftiger Orchestration mit kontrapunktischem Geschick, harmonischer Gewandtheit und klarem Sinn f\u00fcr einpr\u00e4gsame Melodik und effektvolle Dramaturgie. Die Fest-Ouvert\u00fcre ist ein gelungener, wie der Titel nahelegt nicht allzu tiefg\u00e4ngiger Genre-Beitrag, der sich als Er\u00f6ffnung anbietet. Damroschs Herzblut ist in seine gro\u00dfe Symphonie eingeflossen, die er selbst nicht zur Auff\u00fchrung brachte. Sie blieb in der Schublade liegen bis ins 21. Jahrhundert! 2005 wurde eine kritische Edition erstellt, und am 8. Februar 2015, nach mehr als 136 Jahren, spielten jene Musiker die Urauff\u00fchrung, die das Werk an den folgenden Tagen aufnahmen und nun hier als Ersteinspielung vorstellen. Ein gro\u00dfer symphonischer Sonatensatz er\u00f6ffnet die Symphonie mit einer langsamen Einleitung von evokativer Weite. An zweiter Stelle steht das Scherzo, das als Intermezzo scherzando betitelt ist: ein knapper Satz zackig herausfahrenden Charakters mit einem geschmeidigen Trio als Gegensatz, das noch einmal wiederkehrt. Zentrum der Symphonie ist eine grandiose Marcia solenne von machtvoll pathetischer Wirkung und extremen Gegens\u00e4tzen, die auch die deutlichste N\u00e4he zu den Neudeutschen herstellt. Es folgt ein flunkernd geschwindes Finale mit klaren Kontrasten, und gegen Ende kehrt die Einleitung des Kopfsatzes wieder und verleiht dem Werk die intendierte zyklische Wirkung, bevor es zum kraftvollen Ausklang kommt. Die nachfolgende Schubert-Bearbeitung eignet sich als Zugabe, ist allerdings bei aller handwerklichen Geschliffenheit weder originell noch besonders feinsinnig, aber es muss ja auch nicht alles, was gesch\u00fcrft wird, gleich Gold sein.<br \/>\nDas kalifornische Elite-Uni-Orchester gibt unter seinem offenkundig kompetenten und musikalischen Dirigenten alles, was in seiner Macht steht. Was man technisch nicht so gut kann wie professionelle Vereinigungen, die seit Generationen eine Tradition weiterreichen, die stets auch nicht nur ihre positiven Seiten hat, macht man keineswegs nur mit Engagement und Wagemut wett. Nein, hier spielt ein Orchester, das die Werke kennt und sich in langen Probenphasen mit ihrem Gehalt verbunden hat, das an die Gr\u00f6\u00dfe dieser Musik glaubt und ihr eine Authentizit\u00e4t verleiht, die den H\u00f6rer ergreifen kann. So entsteht eine Folgerichtigkeit des Ablaufs, die in routinierten Aufnahmesessions, bei denen oftmals vom Blatt gelesen wird und keines der Werke je im Zusammenhang durchgespielt, geschweige denn auch nur ansatzweise auf eine zusammenh\u00e4ngende Wirkung hin geprobt wurde, niemals erreicht wird. Also: weniger Perfektion, aber viel mehr Sinn, Bezug und Verinnerlichung. So \u00e4hnlich k\u00f6nnte die Symphonie geklungen haben, w\u00e4re sie seinerzeit aufgef\u00fchrt worden, denn damals waren die professionellen Orchester noch nicht so perfektioniert wie heute, aber sie spielten beseelter, zumal nur der Augenblick des Entstehens z\u00e4hlte, bevor die Wiederholbarkeit durch konservierte Aufnahmen ein anderes Zeitalter einleitete, dessen Errungenschaften neben dem informellen Gewinn f\u00fcr jedermann auch krasse Verluste mit sich brachte. Alleine der Symphonie wegen lohnt sich diese CD, wenn man lebendig entstehende Musik h\u00f6ren will und nicht nur steril poliertes Einerlei. Und eines vermittelt sich in dieser durchaus ber\u00fchrenden Auff\u00fchrung: Damrosch war kein Originalgenie, jedoch durchaus ein h\u00f6renswerter Komponist, der das Bild der Zeit in wertvoller Weise erg\u00e4nzt. Aus der Mottenkiste der Geschichte ist weiterhin immer wieder Bemerkenswertes zutage zu f\u00f6rdern. Wie hei\u00dft es im Kino: Pradikat wertvoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, Januar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leopold Damrosch Symphonie A-Dur (1878) Fest-Ouvert\u00fcre C-Dur (1871) Franz Schubert\/orchestr. Damrosch: Marche militaire D 733 Nr. 1 Toccata Classics TOCC 0261 ISBN: 5060113442611 Diese Kritik schreibe ich nicht nur, weil die vorliegende Aufnahme wertvoll ist, sondern auch ganz bewusst gesch\u00e4rft als eine Art \u201aGegendarstellung\u2019 zu einer peinlich \u00fcberheblichen, freundlich vernichtenden Besprechung in einem viel gelesenen &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/23\/damrosch-entsteigt-in-azusa-der-mottenkiste\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Damrosch entsteigt in Azusa der Mottenkiste<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[413,414,87,412,277],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=461"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":466,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461\/revisions\/466"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=461"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=461"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=461"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}