{"id":4619,"date":"2021-11-04T17:48:26","date_gmt":"2021-11-04T16:48:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4619"},"modified":"2021-11-04T17:54:00","modified_gmt":"2021-11-04T16:54:00","slug":"brahms-in-frischer-neuer-klangerfahrung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/04\/brahms-in-frischer-neuer-klangerfahrung\/","title":{"rendered":"Brahms in frischer, neuer Klangerfahrung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hamburg, 31. Oktober 2021, Elbphilharmonie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Matin\u00e9ekonzert, \u00c9rard-Festival<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Werke von Johannes Brahms<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vier Klavierst\u00fccke op. 119<\/p>\n\n\n\n<p>Sonate f-Moll op. 120\/1 \/ Bearbeitung f\u00fcr Klarinette und Kammerorchester von Mathias Weber (Urauff\u00fchrung)<\/p>\n\n\n\n<p>Klavierquintett f-Moll op. 34 \/ Bearbeitung f\u00fcr Klavier und Streichorchester von Mathias Weber<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mathias Weber, Klavier und Dirigent<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sabine Grofmeier, Klarinette<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hamburger Camerata<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06533-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"571\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06533-1024x571.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4620\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06533-1024x571.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06533-300x167.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06533-768x428.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06533-1536x856.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06533-2048x1141.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Photo <em>\u00a9<\/em> Stefan Pieper<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Matineekonzerte in der Elbphilharmonie haben sich als Publikums-Selbstl\u00e4ufer etabliert. Ein Gl\u00fccksfall ist dies f\u00fcr die Hamburger \u00c9rard-Gesellschaft, die hier am 30. Oktober den H\u00f6hepunkt ihres diesj\u00e4hrigen \u00c9rard-Festivals begehen konnte. Das Konzert bot auch eine Urauff\u00fchrung: N\u00e4mlich eine Neubearbeitung der f-Moll Klarinettensonate von Johannes Brahms op 120\/1 von Mathias Weber. Sabine Grofmeier, eine hochmotivierte, in Hamburg lebende Klarinettistin war in ihrem Element.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mathias Weber, Pianist und auch Komponist ist ein nachdenklicher Musikforscher, der in seinen beachtlichen Neubearbeitungen einschl\u00e4giger Meisterwerke der tiefen Wahrheit zwischen den Zeilen des Notentextes weiter auf den Grund geht. Aus einem solchen Erfindergeist ging diese \u201eneue\u201c Orchesterbearbeitung von Johannes Brahms&#8216; Klarinettensonate f-Moll opus 120\/1 hervor. Sie wirkt lichtdurchfluteter und anmutiger und irgendwie kammermusikalischer als Luciano Berios von deutlich mehr romantischem Orchesterpathos durchdrungene Adaption aus dem Jahr 1986.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabine Grofmeier hat zu dieser empfindsamen Sonate schon lange ein tiefes Verh\u00e4ltnis. In der \u201eElphi\u201c funktioniert eine perfekte Kombination aus Werk, Interpretin, Zeit und Ort. Zu einer \u00fcberraschenden Streichereinleitung der Hamburger Camerata erhebt sich ihr h\u00f6chst kantabler Klarinettenton, um dann den festlichen, zugleich tief empfindsamen Gestus mit gro\u00dfer Strahlkraft in allen S\u00e4tzen aufrecht zu erhalten. Wo bislang der Dialog mit dem Klavier stand, da bauen sich jetzt verbl\u00fcffende Querverbindungen und Ber\u00fchrungen zu vielen Orchesterinstrumenten auf. Mathias Weber beschreibt sp\u00e4ter seinen eigenen sch\u00f6pferischen Prozess: \u201eIch h\u00f6re beim Klavierpart eines solchen Originals manchmal andere imagin\u00e4re Instrumente\u201c. Das Miteinander zwischen spielerischer Bravour und starken Emotionen verdichtet sich noch weiter im Andante. Die Interpretin ist selber sichtlich \u00fcberw\u00e4ltigt \u2013 von der Musik in diesem Moment an diesem Ort, von der Reaktion des Publikums, welches sp\u00fcrt, dass da jemand ehrlich auf der B\u00fchne agiert. Das Menuett des dritten Satzes kommt fast wie ein Walzer daher. Molto vivace und in sonnig aufbl\u00fchender Klangpracht gelangt die vertraute, zugleich v\u00f6llig neue Komposition in ihre Zielgerade.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211031_183845-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211031_183845-858x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4621\" width=\"420\" height=\"501\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211031_183845-858x1024.jpg 858w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211031_183845-251x300.jpg 251w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211031_183845-768x916.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211031_183845-1288x1536.jpg 1288w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211031_183845-1717x2048.jpg 1717w\" sizes=\"(max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/a><figcaption>Photo <em>\u00a9<\/em> Stefan Pieper<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Befreite Emotionen lie\u00dfen tosenden Beifall folgen. Das befeuerte Sabine Grofmeiers Zugaben \u2013 und wie! Viele wollen Piazolla spielen. Aber kaum jemand beherrscht wie diese Solistin ein derma\u00dfen organisches Crescendo in jedem einzelnen Ton und eine geschmeidige Phrasierung, die jedes Korsett von \u201erichtiger Intention\u201c souver\u00e4n \u00fcberwindet. Musik im Konzertsaal \u201efunktioniert\u201c vor allem dann, wenn eben nicht nur die Experten befriedigt sind, sondern vor allem das unvoreingenommene &#8222;Laufpublikum\u201c erreicht ist. Sabine Grofmeier erreichte dies an diesem Morgen durch das Zulassen und Zeigen von Empfindung. Zu Teilnehmenden wurde schlie\u00dflich das Publikum in einer Mitmach-Aktion, in der sie im Brahmschen Wiegenlied \u201eGuten Abend, Gute Nacht\u201c zum Mitsummen der Melodie einlud.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich konnte hier alles machen, was geht&#8220;, freute sich Sabine Grofmeier. Eines hatte sie am meisten \u00fcberrascht: Die spezielle Akustik in Hamburgs Elbphilharmonie, die oft als \u201etrocken\u201c beschrieben wird, erwies sich als ausgesprochen freundlich gegen\u00fcber ihrem Spiel, da sie verbl\u00fcffend viel R\u00fcckmeldung gibt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06654-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06654-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4622\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06654-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06654-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06654-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06654-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC06654-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Photo <em>\u00a9<\/em> Stefan Pieper<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In vielen exklusiven Recitals macht die \u00c9rard-Gesellschaft den einmaligen Klangcharakter der historischen \u00c9rard-Fl\u00fcgel aus dem 19. Jahrhundert entdeckbar. In Johannes Brahms&#8216; Vier Klavierst\u00fccken op. 119 aus dem Sp\u00e4twerk, b\u00fcndelte sich zum Auftakt der Matinee diese Philosophie in jedem einzelnen Ton: Unter Mathias Webers H\u00e4nden wirken diese scheinbar skizzenhaften Werke wie stark komprimierte Seelengem\u00e4lde \u2013 eine Stimme, die sich haushoch \u00fcber jeder Kategorie von spieltechnischer Bravour erhebt! Der Klaviersolist als Orchesterleiter im Zentrum eines sinfonischen Gef\u00fcges \u2013 diese Konstellation kam zum Finale dieses ausverkauften Konzertes in einer weiteren Bearbeitung von Mathias Weber zum Tragen:<\/p>\n\n\n\n<p>So hat er das Brahmsche Klavierquintett f-Moll opus 34 zu einer ausdrucksm\u00e4chtigen Kammersinfonie ausgeweitet. Gro\u00dfe orchestrale Spektren, weite atmende R\u00e4ume tun sich in den ausgedehnten S\u00e4tzen aus. Die hellwache Interaktion zwischen den Instrumenten \u2013 exemplarisch gew\u00fcrdigt sei hier nur ein hinrei\u00dfender Solocello-Part als Antwort auf das Klavierspiel, blieb dabei dem Geist des kammermusikalischen Originals in wunderbarer Weise treu.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie hier geht es im Idealfall zu, wenn in einer lebensfrohen Weltstadt idealistische K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten an einem Strang ziehen \u2013 und dabei auf einen Komponisten zur\u00fcckgreifen, der ebenfalls ein Kind dieser Stadt war und auch in der Gegenwart noch ganz viel zu sagen hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Stefan Pieper, November 2021]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>NB: Am 6. Dezember gibt es in der Laeiszhalle der Elbphilharmonie eine Soiree \u00c9rard, die ebenfalls von der \u00c9rard-Gesellschaft ausgerichtet wird.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamburg, 31. 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