{"id":4624,"date":"2021-11-08T16:51:03","date_gmt":"2021-11-08T15:51:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4624"},"modified":"2022-02-27T21:27:29","modified_gmt":"2022-02-27T20:27:29","slug":"drei-klassiker-der-moderne-jenseits-der-abos-gerstein-roth-strawinsky-debussy-schoenberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/08\/drei-klassiker-der-moderne-jenseits-der-abos-gerstein-roth-strawinsky-debussy-schoenberg\/","title":{"rendered":"Drei Klassiker der Moderne jenseits der Abos"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am Donnerstag, 4.&nbsp;11.&nbsp;2021, sowie am Freitag, 5.&nbsp;11.&nbsp;2021, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Fran\u00e7ois-Xavier Roth drei Klassiker der Moderne: Claude Debussys <\/em>Jeux<em>, Arnold Sch\u00f6nbergs Klavierkonzert mit dem Solisten Kirill Gerstein sowie Igor Strawinskys <\/em>Le sacre du printemps<em>. Die Rezension bezieht sich auf den zweiten Konzerttermin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/BRSO-Roth-Gerstein-Probe-21-11-03-cAstrid-Ackermann-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/BRSO-Roth-Gerstein-Probe-21-11-03-cAstrid-Ackermann-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4625\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/BRSO-Roth-Gerstein-Probe-21-11-03-cAstrid-Ackermann-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/BRSO-Roth-Gerstein-Probe-21-11-03-cAstrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/BRSO-Roth-Gerstein-Probe-21-11-03-cAstrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/BRSO-Roth-Gerstein-Probe-21-11-03-cAstrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/BRSO-Roth-Gerstein-Probe-21-11-03-cAstrid-Ackermann-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Kirill Gerstein probt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <br \/>unter Leitung von Fran\u00e7ois-Xavier Roth Arnold Sch\u00f6nbergs Klavierkonzert. <br \/>Photo \u00a9 Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass der BR bei der Planung der laufenden Saison die Abo-Reihen erst ab Januar 2022 starten l\u00e4sst, und alles davor als \u201eSonderkonzerte\u201c unters Publikum zu bringen versucht, hat durchaus auch seine Vorteile. Erklangen bereits bei den Antrittskonzerten des <em>Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks<\/em> in der neuen Isarphilharmonie letzte Woche ausschlie\u00dflich Werke des 20. Jahrhunderts (Kabel\u00e1\u010d, Britten und Schostakowitsch, siehe <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/01\/meisterschaft-jenseits-des-mammonglanzes-kabelac-britten-schostakowitsch-jakub-hrusa-isabelle-faust\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/01\/meisterschaft-jenseits-des-mammonglanzes-kabelac-britten-schostakowitsch-jakub-hrusa-isabelle-faust\/\">Rezension<\/a>), so w\u00e4hlte man nun f\u00fcr den Herkulessaal drei echte, alle auf ihre Art wegweisende Klassiker der Moderne aus, die man sicher so konzentriert selten in einem Konzert zu h\u00f6ren bekommen d\u00fcrfte. Ob es doch wieder an den auch das Publikum fordernden Kl\u00e4ngen lag, oder an den bereits angek\u00fcndigten, erneuten Corona-Versch\u00e4rfungen: Immerhin war am Freitag der Herkulessaal zu gut zwei Dritteln gef\u00fcllt, wenn man es einmal positiv betrachtet. Angesichts der hohen Inzidenzen behielt der gr\u00f6\u00dfere Teil der Besucher im Saal freiwillig seine Masken auf.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fran\u00e7ois-Xavier Roth<\/em>, seit sechs Jahren GMD der Stadt K\u00f6ln, beginnt den Abend mit Debussys Ballettmusik <em>Jeux, <\/em>die der Komponist als \u201epo\u00e8me dans\u00e9\u201c bezeichnet und die ihre eigentlichen Erfolge seit jeher im Konzertsaal gefeiert hat. Debussy treibt mit diesem letzten Orchesterwerk seine Instrumentationskunst auf die Spitze: Klang bzw. Klangfarbe wird hier auf revolution\u00e4re Weise zum zentralen Parameter, hinter dem bei bereits erstaunlich fortgeschrittener Harmonik und sich st\u00e4ndig modifizierender Rhythmik mit enorm flexiblen Tempi die eigentliche motivische Arbeit \u2013 zumindest f\u00fcr den H\u00f6rer \u2013 in den Hintergrund tritt. Damit wurde <em>Jeux <\/em>zu einem der Katalysatoren der Avantgarde nach 1945. Hier ist der franz\u00f6sische Dirigent, der auf einen Taktstock verzichtet, mit klarer Gestik ohne M\u00e4tzchen und pr\u00e4ziser Agogik in den \u00dcberg\u00e4ngen in seinem Element. Im Gegensatz zu Ravel funktioniert Debussys sensible Klangchemie ja keineswegs von selbst, ben\u00f6tigt sehr direkte Kontrolle und genaueste Probenarbeit. Dem BRSO gelingt dies hier in jedem Detail. Die Momente, wo die Musik zwischen unvorhersehbar indifferenten Subtilit\u00e4ten sehr konkret zu tanzen beginnt, wirken so geradezu bet\u00f6rend \u2013 eine ganz ausgezeichnete Darbietung, die die hohen Erwartungen an Roth seit seinem vorz\u00fcglichen <em>Feuervogel <\/em>vor gut 2\u00bd Jahren voll erf\u00fcllt. Das Publikum ist entsprechend angetan.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kirill Gerstein<\/em> ist, sp\u00e4testens seit seiner beachtlichen Bostoner Live-Aufnahme des intrikat schwierigen Busoni-Klavierkonzertes, sicher zu den technisch bef\u00e4higtsten Virtuosen zu z\u00e4hlen. Den Herkulessaal kennt er ebenfalls, hat Anfang 2020 dort Thomas Ad\u00e8s\u2018 neues Konzert aufgef\u00fchrt, das freilich seine Wirkung \u00fcber Strecken aus oberfl\u00e4chlichen Effekten erzielt. Dennoch war dies, noch mehr 2018 Bernsteins <em>Age of Anxiety, <\/em>auch vom Anschlag her durchaus differenziert und \u00fcberzeugend gestaltet. Am heutigen Abend ist der K\u00fcnstler jedoch eine einzige Entt\u00e4uschung! Sch\u00f6nbergs zw\u00f6lft\u00f6niges Klavierkonzert von 1942 widerlegt eigentlich die weitverbreitete Meinung, solche Musik sei unverst\u00e4ndlich, kalt oder gef\u00fchllos. Ganz im Gegenteil: Die vier Abschnitte des St\u00fcckes bauen auf fest umrissenen, emotionalen Situationen auf, mit einer an die Romantik ankn\u00fcpfenden Teleologie \u2013 vom heiter durchsichtigen Beginn mit typisch wienerischer Jovialit\u00e4t \u00fcber die sich bald erschreckend steigernde Dramatik bis zur desolaten Verzweiflung des Adagios, wonach sich der Solist in einer kurzen Kadenz quasi am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht, um nach einigem Z\u00f6gern affirmativ optimistisch in die Zukunft zu blicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Man fragt sich, woran es wohl liegen mag, wenn ein Pianist derartig verspannt und mit klobigem Anschlag agiert wie Gerstein. Ist\u2019s der Fl\u00fcgel? St\u00f6rt die Bedienung des Notepads (selbst Brendel spielte das Sch\u00f6nberg-Konzert nie auswendig)? Schon das lange Hauptthema klingt nur hart, keine Spur von Leichtigkeit oder Wiener Schm\u00e4h. Das wird in der Folge noch schlimmer: Bei aufsteigenden Kaskaden \u00fcbert\u00f6nt Gerstein immer brutal das Orchester, das zumindest in der ersten H\u00e4lfte versucht, seinen thematischen Figuren ad\u00e4quat Gestalt zu verleihen. Dies ist aber weder das Busoni-Konzert noch der alte Gasteig, wo sich der Solist derart berserkerhaft Geh\u00f6r verschaffen muss. Sch\u00f6nberg schreibt bei seinem Opus 42 nicht allzu viel in die Noten. Von dem, was hier alles \u201ezwischen den Zeilen\u201c zu entdecken w\u00e4re, ist Gerstein jedenfalls meilenweit entfernt. Nein, man muss das St\u00fcck nicht derart romantisieren wie Kubelik. Wer allerdings das Sch\u00f6nberg-Konzert mit Brendel oder Aimard erlebt hat, wei\u00df, welche Sch\u00f6nheiten hier besonders im Klavierpart realisierbar sind. Beim <em>Giocoso<\/em>-Thema des letzten Abschnitts scheint es, als ob Gerstein nun umdenkt; aber statt dieses zarte Pfl\u00e4nzchen langsam wachsen zu lassen, bis das Konzert ganz am Schluss ekstatische Freude verspr\u00fcht, poltert er doch schnell wieder gewaltt\u00e4tiges Hardcore-Geh\u00e4mmer herunter. Und \u2013 auch wenn das Werk fast in C-Dur endet: Es ist eine Unsitte, dem eher kurzen Schlussakkord noch eine Fermate aufzusetzen. Mit seinen Zugaben \u2013 einer Debussy-Et\u00fcde und einem Jazz-Standard von Oscar Levant, dem urspr\u00fcnglich geplanten Widmungstr\u00e4ger des Sch\u00f6nberg-Konzerts \u2013 kann Kirill Gerstein den zweifelhaften Eindruck nicht wettmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Strawinskys <em>Le sacre du printemps <\/em>\u2013 einst Skandalst\u00fcck, heute Publikumsrenner \u2013 braucht man nicht viel zu sagen. Das Werk ist mittlerweile eine Visitenkarte jedes Orchesters mit entsprechender Besetzung. In der Auff\u00fchrung heute geht nicht alles glatt: Richtig gut sind die beiden Einleitungen und vom Tempo her eher ruhige Teile (<em>Rondes printani\u00e8res<\/em> usw.). Aber ein paar schwierige Passagen klappern dann h\u00f6rbar: <em>Danse de la terre <\/em>sp\u00e4testens ab dem Trompeteneinsatz, manches im <em>Danse sacrale. <\/em>V\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, wie ein ausgebuffter Profi wie Roth es \u00fcber etliche Takte [Zif. 131] nicht schafft, ein wenig nerv\u00f6s gewordene Holzbl\u00e4ser \u2013 die ansonsten einen exzellenten Job machen! \u2013 wieder zusammen zu bringen. Die Dynamik gerade an Tutti-Stellen k\u00f6nnte besser gestaffelt sein: So verpufft die 1913 das Zwerchfell so ungewohnt massierende Polyrhythmik teils in lautem Klangbrei (<em>Cort\u00e8ge du sage<\/em>). Das hohe Violinsolo [Zif. 83] k\u00f6nnte man besser durchlassen. Dies sind ziemliche Beckmessereien; das Orchester hat den <em>Sacre <\/em>nat\u00fcrlich drauf \u2013 wurde gerade deshalb etwa zu wenig geprobt? Jedenfalls hat man das St\u00fcck vom BRSO schon besser geh\u00f6rt, zuletzt unter Cristian M\u0103celaru und nat\u00fcrlich Mariss Jansons. Der Beifall des Publikums ist trotzdem beinahe frenetisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 7. November 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag, 4.&nbsp;11.&nbsp;2021, sowie am Freitag, 5.&nbsp;11.&nbsp;2021, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Fran\u00e7ois-Xavier Roth drei Klassiker der Moderne: Claude Debussys Jeux, Arnold Sch\u00f6nbergs Klavierkonzert mit dem Solisten Kirill Gerstein sowie Igor Strawinskys Le sacre du printemps. Die Rezension bezieht sich auf den zweiten Konzerttermin. Dass der BR bei der Planung der laufenden Saison &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/08\/drei-klassiker-der-moderne-jenseits-der-abos-gerstein-roth-strawinsky-debussy-schoenberg\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Drei Klassiker der Moderne jenseits der Abos<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[1198,322,4089,728,1102,4088,507,243],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4624"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4624"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4624\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5009,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4624\/revisions\/5009"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4624"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4624"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4624"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}