{"id":4635,"date":"2021-11-13T23:20:00","date_gmt":"2021-11-13T22:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4635"},"modified":"2021-11-14T04:20:56","modified_gmt":"2021-11-14T03:20:56","slug":"fur-herz-und-geist-bach-frequencies-julius-berger-andrei-pushkarev-pavel-beliaev","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/13\/fur-herz-und-geist-bach-frequencies-julius-berger-andrei-pushkarev-pavel-beliaev\/","title":{"rendered":"F\u00fcr Herz und Geist"},"content":{"rendered":"\n<p>Solo Musica, SM 362; EAN: 4 260123 643621<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Bach-Frequenzies.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Bach-Frequenzies.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4636\" width=\"484\" height=\"435\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Bach-Frequenzies.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Bach-Frequenzies-300x270.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Ausgehend vom Concerto d-Moll BWV 1052 von Johann Sebastian Bach spannten der Cellist Julius Berger und die vielseitig aktiven Schlagwerkspieler Andrei Pushkarev und Pavel Beliaev ein Programm, das sich intuitiv dem menschlichen Herzschlag zwischen 60 und 90 Schl\u00e4gen pro Minute ann\u00e4hert. Sie (re?)konstruierten eine verlorengegangene Urfassung von Bachs Concerto f\u00fcr ein Streichinstrument, hier das Violoncello piccolo, und f\u00fchrten auch Alessandro Marcellos d-Moll-Oboenkonzert, welches von Bach f\u00fcr Klavier solo umgearbeitet wurde, weiter in eine Fassung f\u00fcr Cello piccolo. Die Orchesterstimmen arbeiteten die Musiker um f\u00fcr Marimba und Vibraphon. Um diese Eckpfeiler herum h\u00f6ren wir Schostakowitschs Prelude C-Dur aus op. 87, Bachs Chor\u00e4le Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ BWV 639, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit BWV 106 und Jesus bleibet meine Freude BWV 147, die Aria BWV 590 und Piazzollas Umarbeitung von Bach-Goundos Ave Maria.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was begann als zuf\u00e4llig gelesene Randinformation, m\u00fcndete in einer zutiefst pers\u00f6nlichen Aufnahme, die als eine Art der Corona-Bew\u00e4ltigung angesehen werden darf. Der Cellist Julius Berger h\u00f6rte, dass Bachs <em>d-Moll-Konzert<\/em> BWV 1052 wohl urspr\u00fcnglich f\u00fcr ein Streichinstrument geschrieben sei, in dieser Version allerdings als verschollen gelte \u2013 einige Techniken, besonders die E-Barriolagen, spr\u00e4chen daf\u00fcr, dass es sich beim Soloinstrument um eine Violine handle, oder um ein Violoncello piccolo, welches Bach gerade in Kantaten gerne besetzte. Die Idee war geboren, diese verloren gegangene Fassung in der heutigen Zeit zu rekonstruieren, und zwar f\u00fcr das Violoncello piccolo. Doch da dieses heute kaum bis \u00fcberhaupt nicht als Soloinstrument zu h\u00f6ren ist, stellten sich bereits instrumentale Schwierigkeiten: Denn wo erh\u00e4lt man eine E-Saite, die alle Anforderungen nicht nur f\u00fcr eine solistische Bachauff\u00fchrung, sondern auch f\u00fcr Darbietungen neuerer Musik erf\u00fcllt? Berger lie\u00df sie als Sonderanfertigung von Pirastro kreieren. Auch war angesichts des Lockdowns 2020 an eine Aufnahme mit Orchester nicht zu denken; so fragte Berger Andrei Pushkarev an, wie man denn die Orchesterstimmen sinnvoll kammermusikalisch umsetzen k\u00f6nnte. Hierf\u00fcr involvierten sie Pavel Beliaev und transkribierten die Stimmen f\u00fcr Vibraphon und Marimba, konnten durch diese klangtechnisch weichen, dabei vielstimmig einsetzbaren Instrumente das gesamte Orchester abbilden und volumin\u00f6s ausf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um das Konzert entwickelte sich ein Programm aus verschiedenen Chor\u00e4len Bachs, hinzu kamen Werke anderer Komponisten, die eng mit der Leitfigur Bach in Verbindung stehen. Schostakowitsch bezog seine f\u00fcr Klavier geschriebenen <em>Pr\u00e4ludien und Fugen<\/em> op. 87 ganz klar auf das <em>Wohltemperierte Klavier<\/em> und integrierte mehrfach deutliche Parallelen. Piazzolla griff das <em>C-Dur-Pr\u00e4ludium<\/em> aus dem ersten Teil des <em>Wohltemperierten Klaviers<\/em> auf, das bereits von Gounod mit der sich dar\u00fcber erhebenden Melodielinie <em>Ave Maria<\/em> versehen wurde. Diese Melodie nahm Piazzolla als Grundlage, spann allerdings eine eigene Fantasie daraus, die meines Erachtens stimmiger auf die Vorlage passt als die von Gounod, und so zu einer besonderen Entdeckung avanciert. Einer weiteren mehrfachen Bearbeitung unterliegt das Marcello-Konzert, welches dieser f\u00fcr Oboe konzipierte, was Bach dann mit reicher und wohl\u00fcberlegter Ornamentik als Klavierst\u00fcck umarbeitete: Nun von Berger und Pushkarev in die Klangwelt des Violoncello piccolo eingef\u00fchrt, \u00fcbernahmen sie die melodi\u00f6sen Auszierungen Bachs, gingen in den Orchesterstimmen von Marcellos Original aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gem\u00e4chliche Grundpuls von etwa 60-90 Schl\u00e4gen die Minute r\u00fcckte dabei rein zuf\u00e4llig ins Zentrum, wohl einer inneren Intuition entspringend, in all den Wirren der aktuellen Zeit zu sich selbst zur\u00fcckzufinden. Das zur-Ruhe-Kommen, was wir mehr denn je n\u00f6tig haben, wird so zu einem Kernelement der Aufnahme und \u00fcbertr\u00e4gt sich auf den H\u00f6rer. Die Musiker suchten ihren Halt in der Musik selbst und in einer m\u00f6glichst pers\u00f6nlichen, innigen, dabei nicht schw\u00e4rmerisch-romantischen, sondern geistig durchdringenden, sprich menschlichen Darbietung. In der so entstehenden Echtheit ber\u00fchrt die Musik und legt sich so als wohltuender Balsam \u00fcber uns. Aus der Wahl von Marimba und Vibraphon resultiert eine beinahe meditative Fl\u00e4chigkeit, die dennoch Konturen schafft und gerade die Steigerungen elastisch ausgestalten kann. Julius Berger w\u00e4hlt f\u00fcr die Aufnahme ein niederl\u00e4ndisches Instrument von Jan Pieter Rombouts mit Darmsaiten, was den anderen, moderneren Instrumenten zwar scheinbar entgegensteht, sich aber eben durch diesen Kontrast auf eine ganz eigene Weise mischt und einen ganz pers\u00f6nlichen Klang aufkeimen l\u00e4sst. Der Aufnahmeort in der Christk\u00f6nigkirche Dillingen wirkt sich positiv auf die Abmischung der Instrumente aus und schafft sanften, nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Hall: Es musste in der Nachbearbeitung nichts mehr am Klang ge\u00e4ndert werden, es handelt sich tats\u00e4chlich um das, was mit dem englischen Terminus <em>Natural Sound<\/em> bezeichnet wird. Nennenswert ist noch, dass Julius Berger mit allen Beteiligten, Saitenhersteller, den Schwestern der Regens-Wagner-Einrichtung, zu welcher die Kirche geh\u00f6rt, den Aufnahmeleitern und den Mitmusikern in jahrelangem freundschaftlichem Kontakt steht, wie man dem Booklet entnehmen kann: Solch ein kollegiales Verh\u00e4ltnis zwischen allen Beteiligten bringt eine Harmonie hervor, die das Pers\u00f6nliche nur unterstreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Begleittext bringt Julius Berger seinen Enthusiasmus zu diesem Projekt auf den Punkt: \u201eCorona war pl\u00f6tzlich kein Schatten mehr \u00fcber unseren k\u00fcnstlerischen Zielen, sogar im Gegenteil, endlich hatten wir Zeit f\u00fcr ein Projekt, das schon lange in mir schlummerte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, November 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solo Musica, SM 362; EAN: 4 260123 643621 Ausgehend vom Concerto d-Moll BWV 1052 von Johann Sebastian Bach spannten der Cellist Julius Berger und die vielseitig aktiven Schlagwerkspieler Andrei Pushkarev und Pavel Beliaev ein Programm, das sich intuitiv dem menschlichen Herzschlag zwischen 60 und 90 Schl\u00e4gen pro Minute ann\u00e4hert. Sie (re?)konstruierten eine verlorengegangene Urfassung von &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/13\/fur-herz-und-geist-bach-frequencies-julius-berger-andrei-pushkarev-pavel-beliaev\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">F\u00fcr Herz und Geist<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[2303,4091,415,3818,174,432,4090,695],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4635"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4637,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635\/revisions\/4637"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}