{"id":4639,"date":"2021-11-15T16:32:01","date_gmt":"2021-11-15T15:32:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4639"},"modified":"2021-11-19T18:14:40","modified_gmt":"2021-11-19T17:14:40","slug":"bemerkenswerte-urauffuehrungen-bei-der-musica-viva-jueri-reinvere-arnulf-hartmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/15\/bemerkenswerte-urauffuehrungen-bei-der-musica-viva-jueri-reinvere-arnulf-hartmann\/","title":{"rendered":"Bemerkenswerte Urauff\u00fchrungen bei der Musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am Freitag, 12.&nbsp;11.&nbsp;2021, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Musica-viva-Konzert unter Pablo Heras-Casado zwei Urauff\u00fchrungen: <\/em>Vom Sterben der Sterne<em> von J\u00fcri Reinvere sowie <\/em>Tour de Trance<em> von Arnulf Herrmann \u2013 mit Anja Petersen als Sopranistin. Beide St\u00fccke sowie ihre hervorragende Wiedergabe konnten \u00fcberzeugen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/mv-211112-Heras-Casado.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/mv-211112-Heras-Casado-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4647\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/mv-211112-Heras-Casado-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/mv-211112-Heras-Casado-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/mv-211112-Heras-Casado-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/mv-211112-Heras-Casado-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/mv-211112-Heras-Casado.jpg 1690w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>(c) Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein Abend, der nur aus Urauff\u00fchrungen von Auftragswerken besteht, ist selbst bei der M\u00fcnchner Konzertreihe <em>musica viva<\/em> des BR eher selten. Das erste St\u00fcck stammt vom in Estland geborenen und aufgewachsenen Komponisten <em>J\u00fcri Reinvere <\/em>(Jahrgang 1971). Den ersten Kompositionsunterricht erhielt er in Tallin beim leider viel zu fr\u00fch verstorbenen Lepo Sumera (1950\u20132000), der zudem von 1988 bis 1992 estnischer Kultusminister war. Nach der Unabh\u00e4ngigkeit von der Sowjetherrschaft studierte Reinvere in Warschau und Helsinki. Neben seiner Musik ist er aber auch als Lyriker und Essayist hervorgetreten, dabei mehrfach ausgezeichnet worden. Seit 2005 lebt das siebensprachige Multitalent in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vom Sterben der Sterne <\/em>bezeichnet der fr\u00fch von der Astronomie begeisterte Komponist als <em>Symphonische Skizzen.<\/em> Das 32-min\u00fctige Werk mit normaler Orchesterbesetzung (3-faches Holz etc.) arbeitet weniger thematisch als mit Klangfl\u00e4chen, die \u00fcber weite Strecken dunkel timbriert sind: Teils unheimlich \u2013 wie der sich aus tiefen Trommeln, B\u00e4ssen und Celli langsam hocharbeitende Beginn \u2013, jedoch immer erhaben und ehrfurchtsvoll. Hierbei sp\u00fcrt man noch Einfl\u00fcsse Sumeras, der eine ganz eigent\u00fcmliche Art naturbezogenen Minimalismus\u2018 entwickelt hatte \u2013 kaum mit der amerikanischen <em>minimal music<\/em> vergleichbar. Reinvere ist dennoch sowohl davon als auch von der dichten, clusterhaften Klanglichkeit eines Gy\u00f6rgy Ligeti (<em>Atmosph\u00e8res, Lontano<\/em>) gleicherma\u00dfen entfernt. Der H\u00f6rer verfolgt einen gro\u00dfen Entwicklungsbogen mit ab und zu aufblitzenden, fasslichen Motiven \u2013 im Sinne eines gewaltigen Crescendos auf einen H\u00f6hepunkt hin, nach dem dann die Intensit\u00e4t wieder bis ins beinahe Unh\u00f6rbare abnimmt \u2013 durchaus symphonisch. Die Instrumentation bleibt dabei stets klar: Bis auf das Atmen der Bl\u00e4ser verzichtet Reinvere fast komplett auf mittlerweile \u00fcberstrapazierte Ger\u00e4uscheffekte, setzt punktuell mal ein Becken als akustische H\u00fcllkurve im Diskant ein. Klavier, Celesta und Glockenspiel versteht man als eindeutige Zeichen. Daf\u00fcr h\u00f6ren wir etwa feine Unisoni von Streichern und Fl\u00f6ten oder die gekonnte Imitation von Orgel- oder Akkordeonkl\u00e4ngen \u2013 alles zutiefst beeindruckend und auf sympathische Weise irgendwie altmodisch. Der Applaus des leider wieder d\u00fcnn besetzten Herkulessaals ist herzlich.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Arnulf Herrmann <\/em>(*1968) ist hier l\u00e4ngst kein Unbekannter mehr. Als die Sopranistin <em>Anja Petersen<\/em> 2014 nur zwei Tage vor der Urauff\u00fchrung f\u00fcr die <em>Drei Ges\u00e4nge am offenen Fenster <\/em>eingesprungen war und sich als echter Gl\u00fccksfall erwiesen hatte, versetzte dies Presse und Publikum in Erstaunen. Seitdem ergab sich eine stetige Zusammenarbeit der beiden K\u00fcnstler, und f\u00fcr <em>Tour de Trance <\/em>\u2013 nach einem Text von Monika Rinck \u2013 hatte Herrmann diese Stimme sogleich im Kopf. Im in vier Abschnitte unterteilten, etwas \u00fcber halbst\u00fcndigen St\u00fcck kommt Petersen aber erst sp\u00e4t zum Einsatz, wo von Rincks Lyrik lediglich der Anfang ausladender, der ganze Rest dann \u00fcberraschend schnell und lapidar vertont wird. Das t\u00e4uscht nat\u00fcrlich; denn zuvor erscheint das Orchester bereits offensichtlich durch Elemente des Textes inspiriert. Liest man Dinge wie <em>\u201ewilde schl\u00e4ge in der ferne\u201c<\/em>,<em> \u201ehalluzinogene leere\u201c <\/em>oder <em>\u201eschlingern\u201c<\/em>, wird klar, dass Hermann in seiner Arbeit mit \u201eInteraktionsfiguren\u201c den H\u00f6rer genau darauf einstimmt. Da gibt es ein meist sehr aggressiv ausgef\u00fchrtes, rhythmisch klar am Kopfthema von Beethovens <em>F\u00fcnfter <\/em>angelehntes Motiv \u2013 im 2. Abschnitt rei\u00dft dem Solocellisten hierbei eine Saite, worauf dieser geistesgegenw\u00e4rtig auf dem Instrument seiner Pultnachbarin weiterspielt. Scheintonale Momente, die jedoch sofort mikrointervallisch destabilisiert werden, oder eine viertelt\u00f6nige Pendelfigur markieren einen Bewusstseinszustand, dem gewisserma\u00dfen der Boden unter den F\u00fc\u00dfen fehlt. Dies ist alles spannend und in seiner direkten Emotionalit\u00e4t jede Sekunde mitrei\u00dfend \u2013 bis zum abschlie\u00dfenden Zerfall. Frau Petersen kann diesmal mit nicht viel mehr als ein paar l\u00e4nger ausgehaltenen, sch\u00f6nen T\u00f6nen gl\u00e4nzen; ihre Pr\u00e4senz ist trotzdem wieder eindrucksvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit <em>Pablo Heras-Casado<\/em> deb\u00fctiert heute ein angehender Weltstar bei der <em>musica viva<\/em>, der von historischer Auff\u00fchrungspraxis bis eben zur zeitgen\u00f6ssischen Musik alles drauf zu haben scheint. Die Schlagtechnik \u2013 f\u00fcrs blo\u00dfe Taktieren wechselt er zwischen den H\u00e4nden \u2013 wirkt zun\u00e4chst ungew\u00f6hnlich; seine rhythmische Pr\u00e4zision bis in die Fingerspitzen und das klare, engagierte Einfordern von Ausdruck und Klang sind derweil absolut \u00fcberragend. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geht mit ihm von Anfang an eine herrliche Symbiose ein, mit einem bei beiden Urauff\u00fchrungen gro\u00dfartigen Ergebnis, das keine W\u00fcnsche offenl\u00e4sst. Genau der richtige Mann, den man, nicht nur f\u00fcr solche Musik, nun bitte regelm\u00e4\u00dfig einladen sollte! Trotz der erneut durch Corona leicht gedr\u00fcckten Stimmung langanhaltende Ovationen f\u00fcr alle Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p>BR-KLASSIK sendet die Aufzeichnung des Konzerts am 23.11. um 20:05 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 13. November 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag, 12.&nbsp;11.&nbsp;2021, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Musica-viva-Konzert unter Pablo Heras-Casado zwei Urauff\u00fchrungen: Vom Sterben der Sterne von J\u00fcri Reinvere sowie Tour de Trance von Arnulf Herrmann \u2013 mit Anja Petersen als Sopranistin. 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