{"id":4643,"date":"2021-11-17T00:43:00","date_gmt":"2021-11-16T23:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4643"},"modified":"2021-11-15T16:44:46","modified_gmt":"2021-11-15T15:44:46","slug":"fesselndes-von-graham-waterhouse-transzendentes-von-john-foulds","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/17\/fesselndes-von-graham-waterhouse-transzendentes-von-john-foulds\/","title":{"rendered":"Fesselndes von Graham Waterhouse, Transzendentes von John Foulds"},"content":{"rendered":"\n<p>Der bei M\u00fcnchen lebende Komponist Graham Waterhouse (geb. 1962 in London), Sohn des legend\u00e4ren Fagottisten und Musikologen William Waterhouse und einstiger Student von Hugh Wood und Robin Holloway, wird allm\u00e4hlich auch international bekannter, was durch die Tatsache, dass seine neuen Werke von Schott Music verlegt werden, gef\u00f6rdert werden d\u00fcrfte. Waterhouse ist zudem ein versierter Cellist, und als solcher trat er am 13. November im Kleinen Konzertsaal der M\u00fcnchner Gro\u00dfbauruine Gasteig in weitgehend eigener Sache mit der Pianistin Miku Nishimoto-Neubert auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Teil gab es zwei Urauff\u00fchrungen von Waterhouse: zun\u00e4chst das zweis\u00e4tzige <em>Ex tenebris<\/em> f\u00fcr Cello und Klavier, das mit metamorphischer Verarbeitung kurzer Motivik den rein musikalischen Versuch unternimmt, den uns umgebenden gesellschaftlichen Dystopien zu entkommen. Abgesehen davon, dass der Fl\u00fcgel das Cello \u00f6fters im Forte bis zur Unh\u00f6rbarkeit \u00fcbert\u00f6nte, gelang die Auff\u00fchrung gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach bot Waterhouse erstmals seine gleichfalls 2021 entstandenen elf Miniaturen <em>Smithereens <\/em>f\u00fcr Cello solo dar, in welchen in unerh\u00f6rt vielseitiger Weise unterschiedliche spieltechnische, kompositionstechnische, klangfarbliche und stimmungsm\u00e4\u00dfige Welten erkundet und verarbeitet werden. Dies ist ein besonders gelungenes Werk, im Einzelnen wie als sich in der Verschiedenheit kurzweilig erg\u00e4nzendes Ganzes, und es zeigt, wie abstrakte Programmmusik in den Grenzbereichen der herk\u00f6mmlichen Tonalit\u00e4t h\u00f6chst reizvolle Klangr\u00e4ume erschlie\u00dfen kann. Waterhouse ist als Komponist ein Freund der strukturellen Konsequenz, seine Musik ist nicht einfach gem\u00fctlich idiomatisch seinem Instrument auf den Leib geschrieben, sondern fordert beim Spieler die hartn\u00e4ckig-beharrliche Seite seines Wesens heraus. Waterhouse erwies sich als fesselnder Erz\u00e4hler der musikalischen Kurz- und \u00c4u\u00dferst-Kurzgeschichten, als leidenschaftlich eremitischer Barde auf seinem Instrument, der trotz aller kammermusikalischen Erfahrung und Passion eigentlich dann am meisten sagen oder zumindest dies am pers\u00f6nlichsten darstellen kann, wenn er ganz auf sich alleine gestellt ist. Die recht zahlreich erschienenen H\u00f6rer waren zu Recht ergriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil wurde mit Waterhouses knapp drei Jahrzehnte altem Praeludium f\u00fcr Soloklavier er\u00f6ffnet. Es ist ein etwas umfangreicheres Vorspiel, als Bravourst\u00fcck ein passendes Pendant etwa zu den Toccaten Schumanns oder Chatschaturians, dramaturgisch durchaus \u00fcberzeugend angelegt, bei aller Forderung nach Brillanz mit harmonischem Feinsinn und subtilen Abschattierungen angereichert, kurzum: ein sehr gelungenes St\u00fcck, dem wir gerne \u00f6fter begegnen. Miku Nishimoto-Neubert, einstige Studentin von Conrad Hansen und Klaus Schilde, konnte mit ihrer bombensicheren Technik hier das Publikum in Atem halten und feierte einen durchschlagenden Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a> Zum Abschluss spielten die beiden die M\u00fcnchner Erstauff\u00fchrung der 1905 komponierten und 1927 f\u00fcr den Erstdruck bei Senart revidierten, dreis\u00e4tzigen Sonate f\u00fcr Cello und Klavier von John Foulds (1880\u20131939), dem zweifellos inspiriertesten, stilistisch unabh\u00e4ngigsten britischen Komponisten der Generation vor Benjamin Britten. Seine Cellosonate ist ein einsamer H\u00f6hepunkt in der Literatur, mehr als nur auf Augenh\u00f6he mit den anerkannten zeitgen\u00f6ssischen Meisterwerken f\u00fcr Cello und Klavier von Enescu, Rachmaninoff, Reger, Tovey, Jan\u00e1cek, Magnard, Prokofieff, Debussy, Faur\u00e9 oder Villa-Lobos. Alle drei S\u00e4tze bewegen sich auf h\u00f6chstem Niveau, unverkennbar eigent\u00fcmlich in der transzendent freisinnig flie\u00dfenden, nie angestrengt arbeitenden Tonsprache, klar in der Formung, \u00fcberraschend in den harmonischen Progressionen, elegant und zauberisch in den \u00dcberg\u00e4ngen, herrlich konzis in der Balance des Duoklangs. In die Bereiche reiner Magie dringen die beiden Vierteltonpassagen im langsamen Satz vor, wo die Grenzen der Zw\u00f6lft\u00f6nigkeit auf dem Cello f\u00fcr grenz\u00fcberschreitende Momente ins Abgr\u00fcndige rutschen, auf dem Gleis gehalten durch ein Zentralton-Ostinato des Klaviers. Das Finale ist ein funkenspr\u00fchender Ritt auf der Lanze eines Fortschritts, der sich keinen Moment an den Messlatten der etablierten Fortschrittsideale orientierte. Zum Ende hin erscheint jenes geradezu zur Improvisation herausfordernde Bass-Ostinato, das sp\u00e4ter seine wunderbare Tondichtung <em>April-England<\/em>, sein heute vielleicht bekanntestes Werk, pr\u00e4gen sollte. Foulds starb tragisch fr\u00fch an der Cholera in Kalkutta, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und ein halbes Jahrhundert lang verga\u00df man ihn komplett in seiner englischen Heimat. Doch seine Zeit wird kommen, man wird ihn als luziden, stets lichtspendenden Giganten seiner Epoche gleichberechtigt neben Bart\u00f3k, Strawinsky und Berg spielen. W\u00e4hrend der Sonate wurden sein einnehmendes Portrait und historische Bilder aus seiner Geburtsstadt Manchester an die B\u00fchnenwand projiziert. Es ist das gro\u00dfe Verdienst von Graham Waterhouse und Miku Nishimoto-Neubert, diese Musik endlich auch in die so gerne ausschlie\u00dflich sich selbst feiernde bayerische Provinzkapitale gebracht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, November 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bei M\u00fcnchen lebende Komponist Graham Waterhouse (geb. 1962 in London), Sohn des legend\u00e4ren Fagottisten und Musikologen William Waterhouse und einstiger Student von Hugh Wood und Robin Holloway, wird allm\u00e4hlich auch international bekannter, was durch die Tatsache, dass seine neuen Werke von Schott Music verlegt werden, gef\u00f6rdert werden d\u00fcrfte. Waterhouse ist zudem ein versierter Cellist, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/17\/fesselndes-von-graham-waterhouse-transzendentes-von-john-foulds\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Fesselndes von Graham Waterhouse, Transzendentes von John Foulds<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[612,3393,20,4095,507],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4643"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4643"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4644,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4643\/revisions\/4644"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}