{"id":467,"date":"2016-01-25T19:09:11","date_gmt":"2016-01-25T18:09:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=467"},"modified":"2016-01-28T00:46:19","modified_gmt":"2016-01-27T23:46:19","slug":"doppelte-jahreszeiten-neu-erlebt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/25\/doppelte-jahreszeiten-neu-erlebt\/","title":{"rendered":"Doppelte Jahreszeiten, neu erlebt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Coviello Classics COV 91514; EAN: 4 039956 915140<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0025-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-476\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-476 size-medium\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0025-1-e1453938365928-300x272.jpg\" alt=\"0025\" width=\"300\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0025-1-e1453938365928-300x272.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0025-1-e1453938365928-768x695.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0025-1-e1453938365928-1024x927.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Salzburg Chamber Soloists sind zusammen mit ihrem Gr\u00fcnder, Leiter und Violinsolisten Lavard Skou Larsen auf ihrer bei Coviello Classics soeben wiederver\u00f6ffentlichten CD &#8222;8 Seasons&#8220; mit Le Quattro Stagioni von Antonio Vivaldi und dem argentinischen Pendant von Astor Piazzolla, Las Cuatro Estaciones Porte\u00f1as, zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Begriffen wie &#8222;hervorragend&#8220;, &#8222;ausgezeichnet&#8220; oder &#8222;perfekt&#8220; sollte man heute mehr denn je sparsam umgehen, denn fast keine noch so gute Einspielung hat einen dieser Begriffe wirklich verdient. Wenn jedoch einmal eine CD dieser Adjektive w\u00fcrdig ist, dann zweifelsohne vorliegende Einspielung der vier Jahreszeiten Antonio Vivaldis und Astor Piazzollas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl kaum ein Violinkonzert ist so h\u00e4ufig gespielt und aufgenommen wie die ersten vier der insgesamt acht Solokonzerte Op. 8 von Antonio Vivaldi, die zusammen die Tetralogie &#8222;Le Quattro Stagioni&#8220; bilden. Gerade in Zeiten der so genannten historisch informierten Auff\u00fchrungspraxis erlebt man bei diesen Werken immer wieder nicht sonderlich viel Neues, die \u00fcblichen Darbietungen sind weich gezeichnet ohne Sinn f\u00fcr Kontraste, die malerischen Effekte verschwinden unter einer alles verdeckenden Solostimme, und das Ganze ist auf rein \u00e4u\u00dferliche Sch\u00f6nheit (statt musikalischem Gehalt) in routiniertem Schema gespielt. &#8222;8 Seasons&#8220; mit Lavard Skou Larsen und den Salzburg Chamber Soloists kommt in dieser ins Stocken geratenen Tradition einer Renaissance gleich, oder einer Revolution, und parallel dazu einer kompletten Neusch\u00f6pfung. Bereits die ersten Takte \u00f6ffnen das Tor in eine andere Welt, wie ich sie bisher so nicht zu h\u00f6ren bekam. Von Anfang an erlebt der H\u00f6rer eine immens fein ausgestaltete Dynamik mit brillanter Artikulation und einem tiefen Bewusstsein f\u00fcr jedes noch so kleine musikalische Ph\u00e4nomen darin. Die Phrasen werden leicht und vornehm ohne k\u00fcnstliche Betonungen abgerundet und von einem spielerisch diskreten statt wie so oft aufdringlichen Cembalo gest\u00fctzt. Der Einsatz des Solisten Lavard Skou Larsen wirkt ebenso unmittelbar: Wie irritiert torkelnd erscheint die technisch lupenreine und klangvolle Geigenstimme, als sie pl\u00f6tzlich in dieses Geschehen hineingeworfen wird. Der auf diese Art wohl bis heute einmalige Soloeinsatz, der statt solistischem Aufgl\u00e4nzen zu Beginn eine klar intendierte Verwirrung darstellt, ist f\u00fcr mich erstmalig auch genau als diese erkennbar. Die vier Jahreszeiten, wie so oft bei Vivaldi in formaler Hinsicht keine H\u00f6chstleistung, zeichnen sich vor allem durch interessante und noch heute noch neuartig wirkende Klangeffekte aus, besonders auffallend in den Mittels\u00e4tzen von Primavera und Estate. W\u00e4hrend Skou Larsen mit feinf\u00fchlig ausgestalteten Melodien und virtuosen L\u00e4ufen brilliert, lassen sich die Salzburg Chamber Soloists nicht von dem Sch\u00f6nklang anstecken, sondern kontrastieren gar mit teils krassen Ger\u00e4uscheffekten und lassen eine leuchtend ausgekleidete Landschaft um das solistische Individuum entstehen. Alle Musiker sind bereit, auch einmal herbe T\u00f6ne anzusto\u00dfen, und so k\u00f6nnen sie ungeahnt machtvoll erscheinen auch in der Kammerbesetzung. Durchgehend achten die K\u00fcnstler auf Kontraste und feinste Nuancen in der Musik, die die Klangfinessen eines gro\u00dfen Symphonieorchesters in kleiner Aufstellung heraufbeschw\u00f6ren k\u00f6nnen, beispielsweise wird im dritten Satz des Fr\u00fchling ein Dudelsack mit charakteristischem Orgelpunkt t\u00e4uschend genau nachgeahmt. Hier werden die Noten nicht stur heruntergespielt, sondern sie sind minuti\u00f6s erarbeitet, jede noch so kleine Feinheit ist abgewogen, gef\u00fchlt und bewusst, und es kommt dem H\u00f6rer vor, als w\u00fcrde hier dieses bekannte Werk zum ersten Mal \u00fcberhaupt erklingen, so spontan, unbelastet und frei erscheint es, stets mit innigstem Gef\u00fchl und vollster Spielfreude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch weiter kann die Reise kaum gehen, als zum zweiten Werk dieser Einspielung, wiewohl gewisse Parallelen bestehen: Von Europa nach Lateinamerika, vom Barock ins 20. Jahrhundert. Las Cuatro Estaciones Porte\u00f1as von Astor Piazolla wurden vom Cellisten Jos\u00e9 Bragato aus dem Ensemble Piazzollas instrumentiert, da dieser selbst ein weniger beschlagener Instrumentator gewesen sein muss, wie der Autor des informativen und eing\u00e4ngig zu lesenden Booklettextes, Gottfried F. Kasparek, erkl\u00e4rt. Sofort verschlagen die vier St\u00fccke des Zyklus den H\u00f6rer in ein unverwechselbar argentinisches Milieu, wo einen herbe Kl\u00e4nge und kratzige Ger\u00e4uscheffekte sowie auftreibende Rhythmen erwarten. In gleicher Besetzung wie bei Vivaldi (mit der Ausnahme, dass Elena Braslavsky nun am Klavier statt am Cembalo sitzt) entf\u00fchren die Musiker nun in g\u00e4nzlich neue Sph\u00e4ren. Der geb\u00fcrtige Brasilianer Lavard Skou Larsen hat zwar einen gewissen Heimvorteil mit der Musik aus seinem Nachbarland, doch dass auch sein gesamtes Ensemble, die Salzburg Chamber Soloists, einen so nat\u00fcrlich lateinamerikanischen Klang vermitteln k\u00f6nnen, dass kein Zweifel zu bestehen schiene, dass alle Musiker aus diesen Landen kommen, ist erstaunlich. Die Rhythmik ist derart pr\u00e4gnant und griffig, der Klang wie ausgetauscht in unb\u00e4ndige Wildheit mit einem bewussten Hang zur Ger\u00e4uschhaftigkeit, und die gesamte Atmosph\u00e4re unmittelbar glaubw\u00fcrdig. Es steckt eine gewaltige Kraft und Energie in all diesen St\u00fccken, stets gepaart mit einer \u00e4quivalenten Portion Spiel- und Lebensfreude, und dennoch werden auch die sanften Passagen intensiv durchlebt. So ungeb\u00e4ndigt es vielleicht auf den ersten Eindruck wirken mag, ist hier doch alles minuti\u00f6s ausgearbeitet und ausgestaltet, so dass die detailliert abgestimmte Synchronizit\u00e4t zwischen musikalisch lange einstudierter Finesse und spontaner Wirkung einfach z\u00fcndet. Hier kommen alle Musiker voll zum Zuge, auch die bei Vivaldi vor allem im Hintergrund agierende Pianistin kann hier ihren gleichm\u00e4\u00dfig abgestimmten, warmen und perligen Anschlag, dem in gleichen Ma\u00dfen Lyrik und Energie innewohnt, mit gro\u00dfem Gewinn einbringen. Angenehm ist, dass sie keinerzeit Staccati zu kurz nimmt und sich so in den Streicherk\u00f6rper ideal integriert, dessen Klang sie wunderbar aufgreift und als gleichwertige Partnerin in ihr Spiel integriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man sich nicht gerade in M\u00fcnchen oder K\u00f6ln befindet, so hat ein Jahr bekanntlich vier Jahreszeiten, und zwei solcher Jahreszyklen wurden hier f\u00fcr Coviello Classics in Live-Aufnahmen eingefangen. Und beide so extrem unterschiedlichen Zyklen sind in solch einer bestechenden Qualit\u00e4t von technischer und k\u00fcnstlerischer Perfektion eigentlich sonst nie zu h\u00f6ren. F\u00fcr mich zwei absolute Referenzaufnahmen, die alle Vorg\u00e4nger turmhoch \u00fcberragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Coviello Classics COV 91514; EAN: 4 039956 915140 Die Salzburg Chamber Soloists sind zusammen mit ihrem Gr\u00fcnder, Leiter und Violinsolisten Lavard Skou Larsen auf ihrer bei Coviello Classics soeben wiederver\u00f6ffentlichten CD &#8222;8 Seasons&#8220; mit Le Quattro Stagioni von Antonio Vivaldi und dem argentinischen Pendant von Astor Piazzolla, Las Cuatro Estaciones Porte\u00f1as, zu h\u00f6ren. 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