{"id":4683,"date":"2021-12-02T23:40:00","date_gmt":"2021-12-02T22:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4683"},"modified":"2021-12-03T02:04:09","modified_gmt":"2021-12-03T01:04:09","slug":"taegliche-liebe-zur-musik-andrea-vivanet-russian-album","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/12\/02\/taegliche-liebe-zur-musik-andrea-vivanet-russian-album\/","title":{"rendered":"T\u00e4gliche Liebe zur Musik"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Interview mit dem Pianisten Andrea Vivanet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Vivanet-Russisch.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Vivanet-Russisch.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4684\" width=\"480\" height=\"445\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Vivanet-Russisch.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Vivanet-Russisch-300x278.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><a><\/a><em>Der Sarde Andrea Vivanet ist ein herausragender Pianist, ausgestattet mit einer Makellosigkeit der Technik, die atemberaubend ist, und dies gepaart mit k\u00fcnstlerischen Werten, die man fast schon als verloren glaubte. Sein Spiel ist gepr\u00e4gt von einem eigenen, spezifischen Tonfall, den man unter Hunderten Pianisten wiederzuerkennen meint, der Vivanet aber nicht daran hindert, sich den von ihm ausgew\u00e4hlten Werken mit vorbildlicher Vorbereitung und akribischer Partiturarbeit zu n\u00e4hern.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Russische Musik hat in seiner bisherigen Laufbahn eine gro\u00dfe Rolle gespielt und war Bestandteil von drei seiner bislang insgesamt vier Albumaufnahmen. Daher ist es nur konsequent, dass sich der K\u00fcnstler nun mit einem Album zur\u00fcckmeldet, das ausschlie\u00dflich russische Musik zum Inhalt hat. Als <\/em>Russian Album<em> ist es nun beim M\u00fcnchner Label Aldil\u00e0 Records erschienen (siehe auch diese <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/21\/spannende-kurzgeschichten-meisterhaft-erzaehlt-andrea-vivanet-tanejew-tscherepnin-schostakowitsch\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/21\/spannende-kurzgeschichten-meisterhaft-erzaehlt-andrea-vivanet-tanejew-tscherepnin-schostakowitsch\/\">Rezension<\/a>).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Anl\u00e4sslich der Ver\u00f6ffentlichung hatte Ren\u00e9 Brinkmann die Gelegenheit, mit Andrea Vivanet zu seinem neuen Album, aber auch zu vielf\u00e4ltigen Themen in den Bereichen Musik, Karriereaufbau und Gesellschaft zu sprechen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>The New Listener (TNL): Herr Vivanet, mit Ihrem <em>Russian Album<\/em> ver\u00f6ffentlichen Sie nun bereits Ihr viertes Album beim vierten Label. Wie ist es dazu gekommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andrea Vivanet (AV):<\/strong> Ich w\u00fcrde sagen, dass meine diskografische Erfahrung als ein schrittweiser Prozess unter zwei verschiedenen Aspekten betrachtet werden kann. Einerseits habe ich sicherlich gelernt, wie man sich nach und nach auf eine Aufnahme vorbereitet. Das ist etwas ganz anderes, als die Vorbereitung auf ein Konzert. Ich kann mich zum Beispiel an meine erste Aufnahme nicht als etwas erinnern, auf dass ich vollkommen vorbereitet gewesen w\u00e4re, aber ich hatte das Gef\u00fchl, dass ich mit der Zeit immer mehr Selbstvertrauen gewann. Andererseits hat mir bisher jede Aufnahme geholfen, neue Leute kennenzulernen und als Nebeneffekt auch mit neuen Labels in Kontakt zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetRavelTschaikowsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetRavelTschaikowsky.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4688\" width=\"329\" height=\"337\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetRavelTschaikowsky.jpg 466w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetRavelTschaikowsky-293x300.jpg 293w\" sizes=\"(max-width: 329px) 100vw, 329px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Auf dem neuen Album kombinieren Sie bekannte mit weniger bekannten Werken, verbinden Schostakowitsch mit Tscherepnin und Tanejew. Wie kam das Programm zustande? Die Liner Notes im Booklet lassen vermuten, dass dieser Zusammenstellung ein langwieriger Auswahlprozess vorausgegangen ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Wie Sie genau richtig sagen, wurde das Programm St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck mit dem Produzenten und Dirigenten Christoph Schl\u00fcren, abgesprochen. Wir hatten die Idee, gemeinsam ein Album zu konzipieren. Mein erster Vorschlag, die 24 Schostakowitsch-Pr\u00e9ludes op. 34, wurde von Herrn Schl\u00fcren freudig angenommen, der daraufhin anregte, ein durchweg russisches Programm rund um die Schostakowitsch-Pr\u00e9ludes aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nahm seinen Vorschlag, das Tanejew-Pr\u00e4ludium und die Fuge zu lernen, ziemlich schnell an, da Tanejew einer jener russischen Komponisten ist, die sich vor allem f\u00fcr die Polyphonie interessierten, und daher dachte ich, dass dies eine interessante Verbindung zu Schostakowitsch sein k\u00f6nnte, auch wenn es stilistisch ziemlich weit von Schostakowitsch entfernt ist (vergessen wir aber dabei nicht, dass die <em>Pr\u00e9ludes<\/em> op. 34 viele polyphone Elemente im gesamten Zyklus enthalten, darunter eine kurze dreistimmige Fuge \u2013 das Pr\u00e9lude Nr. 4). Am Ende entschieden wir uns dazu, Tscherepnin zwischen Tanejew und Schostakowitsch aufzunehmen, und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: Wir wollten einige Werke pr\u00e4sentieren, die bisher noch nicht aufgenommen wurden, und wir dachten, dass die Tatsache, dass Tscherepnin mehr stilistische Zeitr\u00e4ume durchschritt, eine sch\u00f6ne Br\u00fccke zwischen Tanejew und Schostakowitsch sein w\u00fcrde, da seine fr\u00fchen <em>Pr\u00e9ludes<\/em> mit der sp\u00e4tromantischen Tradition verbunden sind und seine <em>Primitifs<\/em> eine \u00d6ffnung zu einer neuen, modernen Sprache darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Besonders die <em>Pr\u00e9ludes<\/em>, <em>Morceaux <\/em>und <em>Primitifs <\/em>von Nikolai Tscherepnin sind eine gro\u00dfe Entdeckung. Musik von gro\u00dfer Sch\u00f6nheit, aber auch gro\u00dfer kompositorischer Kunstfertigkeit. Wie sind Sie auf diese selten gespielten und nie zuvor aufgenommenen St\u00fccke aufmerksam geworden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Ich kannte die Musik von Tscherepnin nicht und wurde neugierig auf seine Kompositionen, als mir der Produzent vorschlug, die <em>Pr\u00e9ludes<\/em> op. 17 zu lesen. Daraufhin beschloss ich, weitere Werke zu erforschen, und setzte mich mit der Tscherepnin-Gesellschaft in Verbindung. Der Vizepr\u00e4sident David Witten, Pianist und Professor an der J.\u00a0Cali School of Music, Montclair State University, der sehr wichtige Werke von Nikolai Tscherepnin aufgenommen hat, war eine wirklich wertvolle Unterst\u00fctzung: Dank Herrn Witten hatte ich die M\u00f6glichkeit, an die Noten einiger Werke wie die der <em>Primitifs<\/em> zu kommen, die wirklich nicht leicht zu finden sind. David Witten war auch eine Quelle der Inspiration, da er mich \u00fcber interessante Fakten zu Tscherepnins Leben informierte. Ich m\u00f6chte auch die Gelegenheit nutzen, um der Tscherepnin-Gesellschaft zu danken, die als Sponsor zu dieser Ver\u00f6ffentlichung beigetragen hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetSzymanowski.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetSzymanowski.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4685\" width=\"319\" height=\"319\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetSzymanowski.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetSzymanowski-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetSzymanowski-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 319px) 100vw, 319px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>TNL: W\u00e4hrend sich Ihre ersten beiden Alben mit einem weithin bekannten Repertoire befassten, sind Sie mit Ihrem letzten Album bei Naxos (Szymanowski) und dem jetzt bei Aldil\u00e0 Records erschienenen Russian Album einen anderen Weg gegangen und haben sich vor allem weniger bekannten Werken gewidmet. Ist das der Weg, den Sie jetzt weitergehen wollen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV:<\/strong> Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass ich das Ziel habe, ein Spezialist f\u00fcr weniger bekanntes Repertoire zu werden \u2013 es sei denn, ich sto\u00dfe auf meinem Weg auf Meisterwerke, die aus irgendwelchen Gr\u00fcnden von den Musikern vernachl\u00e4ssigt wurden \u2013, aber ich erhebe keinen Anspruch auf eine besondere Rolle, etwa als Pionier des weniger gespielten Repertoires oder \u00e4hnliches.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Das Album wurde im gro\u00dfen Saal des georgischen Staatskonservatoriums in Tiflis aufgenommen. Haben Sie diesen Aufnahmeort bewusst gew\u00e4hlt, weil Tscherepnin mehrere Jahre in Tiflis gelebt und gearbeitet hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV:<\/strong> Das war eher ein Zufall, da ich selbst seit November 2020 in Georgien lebe, aber ich w\u00fcrde sagen, dass es eine gl\u00fcckliche Wahl war: Der Konzertsaal ist sehr inspirierend und der Steinway dort ist einfach fantastisch. Der Tontechniker der Aufnahme, Paul Kavtchadze, ist ein wunderbarer Musiker und Mensch, dem ich f\u00fcr seine gro\u00dfartige Arbeit und Unterst\u00fctzung sehr danken m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Gibt es in Tiflis heute noch ein allgemeines Gedenken an Nikolai Tscherepnin?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Im Museum des Konservatoriums (wo es \u00fcbrigens auch ein Klavier gibt, das Sergej Rachmaninow geh\u00f6rte) gibt es einen Teil, der Tscherepnin gewidmet ist, dennoch habe ich seine Musik bisher nicht in Konzertprogrammen gesehen (vielleicht habe ich sie auch nur \u00fcbersehen). Es gibt jedoch einen jungen, brillanten Musikwissenschaftler, den ich gr\u00fc\u00dfen m\u00f6chte \u2013 ich entschuldige mich f\u00fcr die vielen Gr\u00fc\u00dfe (lacht) \u2013 Lasha Gasviani, der Artikel und ganze Dissertationen \u00fcber die Musik von Tcherepnin im Zusammenhang mit der georgischen Musikkultur\/dem georgischen Erbe ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Auch Tschaikowsky und andere russische Komponisten besuchten Tiflis, und einige von ihnen gaben auch Konzerte oder hielten sich l\u00e4ngere Zeit dort auf. Und dann sind da noch die gro\u00dfen georgischen Komponisten, die man nicht vergessen sollte, wie Kantscheli oder Chatschaturjan. Wie muss man sich Tiflis also vorstellen? Gibt es eine kulturelle Szene, die dieses Erbe der Vergangenheit pflegt und f\u00f6rdert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Absolut ja, ich habe mehrmals gesehen, wie georgische Musiker georgische Komponisten aufgef\u00fchrt haben. Ich selbst habe einige interessante Werke von Otar Taktakischwili gelesen (ich habe gerade entdeckt, dass er eine Zeit lang bei Schostakowitsch studiert hat). Wer wei\u00df, vielleicht nehme ich in Zukunft einige Werke von Taktakischwili in mein Repertoire auf, obwohl es im Moment noch zu fr\u00fch ist, um das zu sagen \u2013 ich arbeite ohnehin schon an zu vielen neuen St\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Sie haben Ihr gesamtes Klavierstudium mit Auszeichnung abgeschlossen, Sie haben einige der renommiertesten Klavierwettbewerbe gewonnen, doch trotzdem sind Sie \u2013 zumindest in Deutschland \u2013 selten im Konzert zu h\u00f6ren. Ist der deutsche Markt einfach besonders schwer zu &#8222;knacken&#8220; oder treten Sie lieber woanders auf?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV:<\/strong> Ich w\u00fcrde gerne in Deutschland auftreten, aber ich kann nicht wirklich sagen, warum es noch nicht passiert \u2013 vielleicht hat es die letzte Zeit mit den vielen Einschr\u00e4nkungen nicht einfach gemacht, also ziehe ich lieber keine voreiligen Schl\u00fcsse und warte ab, welche M\u00f6glichkeiten sich in der n\u00e4chsten Zeit ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Was ist Ihre Meinung: Ist der Gewinn eines prestigetr\u00e4chtigen Wettbewerbs heute keine Garantie mehr f\u00fcr eine Karriere? Wie waren Ihre bisherigen Erfahrungen bei der Suche nach einem Management- oder Labelvertrag?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Zu Wettbewerben kann ich mich nicht wirklich \u00e4u\u00dfern, da ich selbst nicht an vielen teilgenommen habe. Vielleicht ist es immer noch eine gute M\u00f6glichkeit, eine Karriere aufzubauen. Die Frage ist, ob es sich lohnt, eine Karriere durch Wettbewerbe zu erreichen oder nicht, und meine Antwort ist: Es kommt darauf an, es ist individuell. Ich m\u00f6chte niemanden in die eine oder andere Richtung dr\u00e4ngen. Sicherlich k\u00f6nnte ich mich wie ein Moralist auff\u00fchren und sagen, dass Wettbewerbe zwangsl\u00e4ufig negativ sind, dass sie dazu f\u00fchren, dass Musiker mechanisch spielen, da sie zu oft einem \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Druck ausgesetzt sind (was vielleicht sogar stimmt), aber: trifft das auf alle zu? Hatten wir nicht auch erstaunliche K\u00fcnstler, die an Wettbewerben teilgenommen haben? Sicherlich haben wir das.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann also nur sagen: Jeder muss alles tun, was im Rahmen seiner F\u00e4higkeiten, Grenzen und M\u00f6glichkeiten seine k\u00fcnstlerische Integrit\u00e4t nicht gef\u00e4hrdet. Wenn ihr das Gef\u00fchl habt, dass ihr die Kraft habt, an Wettbewerben teilzunehmen, ohne in Routine zu verfallen, dann macht sie! Warum nicht? Es wird eine Gelegenheit sein, eure Musikalit\u00e4t mit eurem Publikum zu teilen, dank der Engagements, die ihr bekommen k\u00f6nnt. Wenn Ihr das Gef\u00fchl habt, dass sie Eure innere Musikalit\u00e4t verarmen lassen, dann lasst die Finger davon! Es ist besser, um einige M\u00f6glichkeiten zu k\u00e4mpfen, als zu verderben, was spirituell ist. Das ist immer das Wichtigste.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen Sie, wir Musiker (aber auch die Menschen im Allgemeinen) haben ein Ego, das uns immer dazu bringt, etwas zu kritisieren, um uns rechtschaffen zu f\u00fchlen. Ich glaube, dass Wettbewerbe kein guter Weg f\u00fcr mich gewesen w\u00e4ren, aber noch einmal: das gilt nur f\u00fcr mich (oder Musiker mit \u00e4hnlichen Eigenheiten), in Bezug auf meine eigenen Charakteristika.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Thema Management, nur zwei Worte: sehr schwierig! Ich suche derzeit nach einem in diesem Bereich, Osteuropa\/Naher Osten, aber m\u00f6glicherweise auch in Westeuropa. Was Aufnahmen angeht, so hatte ich einige Gelegenheiten und ich denke, dass sich in der n\u00e4chsten Zeit weitere Gelegenheiten ergeben werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Man kann auch ein wenig boshaft fragen: Gibt es vielleicht einfach zu viele Pianisten auf dem &#8222;Markt&#8220;? Sollte man bei der Auswahl von Pianisten an der Universit\u00e4t vielleicht weniger auf die technische Komponente achten (denn technisch haben selbst sehr junge Musiker heute oft ein ganz erstaunliches Niveau), sondern vielleicht mehr auf die Pers\u00f6nlichkeit eines K\u00fcnstlers, bis hin zu dem Punkt, dass sie zum entscheidenden Aspekt wird, ob ein K\u00fcnstler an der Universit\u00e4t zugelassen wird oder nicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Auch wenn ich bei dieser Frage nicht wertend sein m\u00f6chte, werde ich kurz (und vielleicht scharf, pardon) darauf antworten und sagen, dass die Auswahl wahrscheinlich eher unter den Lehrern als unter den Studenten getroffen werden m\u00fcsste. In jungen Jahren sind eigentlich alle Richtungen offen, aber wenn die Lehrer ihren Sch\u00fclern nur die Werte Erfolg, \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Ehrgeiz, Wettbewerb usw. vermitteln, werden sie genau das aufnehmen und glauben, dass es in der Musik nur darum geht. Vielleicht werden einige der Sch\u00fcler eine nat\u00fcrliche \u201eErleuchtung\u201c haben, aber viele andere werden in die Irre gef\u00fchrt, obwohl sie wahrscheinlich die wichtigsten Aspekte der Musik erkennen k\u00f6nnten, wenn sie richtig unterrichtet w\u00fcrden, und vor allem von jemandem, der die Musik \u00fcber alles andere stellt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetBartokMussorgsky-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetBartokMussorgsky-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4690\" width=\"325\" height=\"327\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetBartokMussorgsky-1.jpg 1000w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetBartokMussorgsky-1-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/VivanetBartokMussorgsky-1-768x772.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Sie geben selbst Meisterkurse und bilden junge Pianisten aus. Welche Ratschl\u00e4ge geben Sie diesen jungen Menschen f\u00fcr ihre zuk\u00fcnftige Karriere? Was sollte man tun, was sollte man vermeiden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Das ist schwer zu sagen. Das Beste, was ich tun kann, ist, meine Ratschl\u00e4ge mit mir selbst zu teilen. Ich sage mir: Es ist wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Zielen und zuk\u00fcnftigen Erfolgen und dem, was in der Gegenwart oder in der j\u00fcngsten Vergangenheit liegt, zu finden. Wenn ich nur f\u00fcr das Erreichte lebe, dann ist es mit dem Gl\u00fcck vorbei: Ich verbringe einige leere Monate meines Lebens f\u00fcr das kurze Vergn\u00fcgen dieses zuk\u00fcnftigen Tages eines Erfolges \u2013 was auch immer es sein mag, eine stehende Ovation, ein Artikel in der New York Times usw. Dann muss ich die Voraussetzungen f\u00fcr den n\u00e4chsten Erfolg schaffen, weil ich pl\u00f6tzlich nichts mehr habe, was mich in der Gegenwart ausf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Grunde ist es das, was z. B. die neuen Plutokraten des Internets mit ihren Milliarden machen: totale Leere und Frustration, bis sie die n\u00e4chste Milliarde verdienen. Diese Dimension nun auf etwas so h\u00f6chst Spirituelles wie die Musik anzuwenden, ist ziemlich traurig. Nur ein krankes Wirtschaftssystem k\u00f6nnte es schaffen, sogar die K\u00fcnste in diese leere Dimension zu verwickeln. Das hat Auswirkungen auf das allt\u00e4gliche Leben, und das ist furchtbar traurig bei etwas wie Musik, die ein Grund zur Freude sein sollte, wann immer wir uns ihr widmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir sind nat\u00fcrlich keine Hedonisten, und wir brauchen Ziele, auch, um unserem Studium eine Struktur zu geben. Das ist nicht einfach; und da wir Menschen sind, sind sch\u00f6ne Erfolge und R\u00fcckmeldungen auch sehr willkommen. Das ist es also, was ich mit dem Gleichgewicht zwischen der Gegenwart\/Vergangenheit und den zuk\u00fcnftigen Errungenschaften meine: zuk\u00fcnftige Ziele, um eine Richtung zu haben und gute Ergebnisse zu erzielen, aber nur nach t\u00e4glicher Liebe zu jeder Seite der Musik, die wir ber\u00fchren, das ist das Wichtigste (unsere Gegenwart und Vergangenheit). Das Leben wird entscheiden, welche M\u00f6glichkeiten wir bekommen und welche nicht, aber in der Zwischenzeit werden wir das wichtigste Geschenk in uns tragen: die Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Im Booklet gibt es ein Zitat von Ihnen, das ich pers\u00f6nlich sehr treffend und im Zusammenspiel mit der Musik von Tscherepnin auch sehr ber\u00fchrend finde: Sie schreiben, die Musik von Tscherepnin sei f\u00fcr Sie wie ein Abschied von einer Epoche: als ob er w\u00fcsste, dass er sich von einer Zeit verabschiedet, die nicht wiederkommen wird. Passt diese Musik deshalb auch so gut in unsere Zeit, weil wir uns auch heute im Rekordtempo von Werten und Errungenschaften verabschieden, die immer weniger geachtet werden und denen immer weniger Wert beigemessen wird?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Ich glaube, sie passt \u2013 auch wenn bei Tscherepnin diese nostalgische Dimension voller Hoffnung und Neugier auf neue Entdeckungen ist. Ich f\u00fcrchte, dass bestimmte gro\u00dfe Seiten von Schostakowitsch \u2013 im innersten kalt und ohne Hoffnung \u2013 viel besser in unsere Zeit passen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Tscherepnin und seine Zeitgenossen reagierten auf die Ver\u00e4nderungen und Herausforderungen ihrer Zeit mit Ohnmacht und Melancholie. Das war ja aber auch immerhin eine Art Gemeinsamkeit. Ich habe das Gef\u00fchl, dass die K\u00fcnstler heute angesichts der immensen Herausforderungen, vor denen wir stehen, noch nicht zu einer gemeinsamen Antwort gefunden haben. Wie gehen Sie pers\u00f6nlich mit den Ver\u00e4nderungen in Kultur und Gesellschaft um?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV: <\/strong>Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Es gibt ein Gef\u00fchl der Verlorenheit, keine gemeinsame Richtung und viele verschiedene Erscheinungsformen der Kreativit\u00e4t, die sich nicht mehr gegenseitig inspirieren, wie es zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Fall war. Strawinsky inspirierte zum Beispiel andere Komponisten, die seine \u00c4sthetik aufgriffen und sie in eine klassische symphonische Dimension brachten, und wir k\u00f6nnten noch viele andere Beispiele anf\u00fchren. Wenn dies heute nicht mehr der Fall ist, liegt das wahrscheinlich daran, dass Erfolg und Sensationslust ein gr\u00f6\u00dferes Ziel geworden sind als der Versuch, Musik f\u00fcr Komponisten und Interpreten zu machen \u2013 wieder einmal wegen der Konsumgesellschaft. An die Stelle von Ohnmacht und Melancholie sind Aggressivit\u00e4t und Konkurrenzdenken getreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell glaube ich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es darauf ankommt, was wir erreicht haben und nicht, wie wir es erreicht haben, und diese Perspektive betrifft auch den Bereich der Kunst (nat\u00fcrlich nicht immer, zum Gl\u00fcck).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich pers\u00f6nlich gehe mit jedem aktuellen gesellschaftlichen Ph\u00e4nomen nur auf eine Weise um: mit Begeisterung f\u00fcr das, was ich Tag f\u00fcr Tag tue.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>TNL: Zum Schluss noch eine Frage zu Ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr die Zukunft: Was planen Sie in den kommenden Wochen und Monaten? Gibt es irgendwelche besonderen Konzerte oder sogar schon Pl\u00e4ne f\u00fcr eine weitere Albumaufnahme?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>AV:<\/strong> Was das t\u00e4gliche Leben betrifft, so bin ich froh, hier in Tiflis einige Privatsch\u00fcler zu haben, und ich hoffe, dass ich bald weitere haben werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich arbeite an einem neuen Repertoire, das mehrere Werke von Sweelinck, Chopin, Mozart, die Grieg-Ballade und Holberg-Suite sowie die zweite Sonate von Schostakowitsch umfasst. Derzeit gibt es keine konkreten Pl\u00e4ne f\u00fcr eine neue Aufnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Konzerte angeht, so ist f\u00fcr das Fr\u00fchjahr 2022 ein Rezital im Gro\u00dfen Saal des Konservatoriums von Tiflis geplant, und ich warte auf einen Termin f\u00fcr ein Konzert in Jerewan im Rahmen der Solistensaison des Armenischen Symphonieorchesters.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freue mich auch, dass man mich kontaktiert hat, um zwei Konzerte in Frankreich, in Lille, f\u00fcr zwei Klavierfestivals 2022 zu geben. Und nat\u00fcrlich warte ich noch auf einige andere Antworten f\u00fcr die kommenden Monate. Bis dahin freue ich mich auf die kommenden Konzerte!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Das Interview f\u00fchrte Ren\u00e9 Brinkmann]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit dem Pianisten Andrea Vivanet Der Sarde Andrea Vivanet ist ein herausragender Pianist, ausgestattet mit einer Makellosigkeit der Technik, die atemberaubend ist, und dies gepaart mit k\u00fcnstlerischen Werten, die man fast schon als verloren glaubte. Sein Spiel ist gepr\u00e4gt von einem eigenen, spezifischen Tonfall, den man unter Hunderten Pianisten wiederzuerkennen meint, der Vivanet &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/12\/02\/taegliche-liebe-zur-musik-andrea-vivanet-russian-album\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">T\u00e4gliche Liebe zur Musik<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[361],"tags":[92,3279,1132,29,385,200,3867,4167,2112,4166],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4683"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4683"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4693,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4683\/revisions\/4693"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}