{"id":4695,"date":"2021-12-10T23:59:00","date_gmt":"2021-12-10T22:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4695"},"modified":"2021-12-23T17:58:51","modified_gmt":"2021-12-23T16:58:51","slug":"herbert-blomstedts-wahre-gluecksmomente-martin-sturfalt-beethoven-stenhammar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/12\/10\/herbert-blomstedts-wahre-gluecksmomente-martin-sturfalt-beethoven-stenhammar\/","title":{"rendered":"Herbert Blomstedts wahre Gl\u00fccksmomente"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am Donnerstag, 9.&nbsp;11.&nbsp;2021, und am Freitag, 10.&nbsp;12.&nbsp;2021, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Herbert Blomstedt Beethovens Symphonie Nr. 3 Es-Dur op.&nbsp;55 <\/em>Eroica<em>, sowie das in Deutschland fast nie zu h\u00f6rende 2.&nbsp;Klavierkonzert d-Moll op.&nbsp;23 des schwedischen Sp\u00e4tromantikers Wilhelm Stenhammar. Solist war Martin Sturf\u00e4lt, der das Werk schon mehrfach mit Blomstedt aufgef\u00fchrt hat. Unser Rezensent besuchte das Konzert am Donnerstag.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/BRSO-Symphoniekonzert-vom-9.12.2021-Sturfaelt-Blomstedt-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/BRSO-Symphoniekonzert-vom-9.12.2021-Sturfaelt-Blomstedt-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4696\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/BRSO-Symphoniekonzert-vom-9.12.2021-Sturfaelt-Blomstedt-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/BRSO-Symphoniekonzert-vom-9.12.2021-Sturfaelt-Blomstedt-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/BRSO-Symphoniekonzert-vom-9.12.2021-Sturfaelt-Blomstedt-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/BRSO-Symphoniekonzert-vom-9.12.2021-Sturfaelt-Blomstedt-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/BRSO-Symphoniekonzert-vom-9.12.2021-Sturfaelt-Blomstedt-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Photo \u00a9 Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Derzeit herrschen bei gr\u00f6\u00dferen Kulturveranstaltungen in M\u00fcnchen harte Bedingungen: Wegen der hohen Corona-Inzidenz d\u00fcrfen etwa die Konzerts\u00e4le nur zu 25% ausgelastet werden. Das Publikum muss geimpft oder genesen und zus\u00e4tzlich getestet sein (2G+). F\u00fcr private Veranstalter rechnet sich sowas eigentlich gar nicht mehr, so dass es momentan viele Konzertabsagen gibt. Der Herkulessaal mit nur 300 gleichm\u00e4\u00dfig verteilten G\u00e4sten ist denn auch ein eher trauriger Anblick. Den Zuh\u00f6rern am Donnerstag bot sich allerdings ein Ohrenschmaus allererster G\u00fcte: Wenn der mittlerweile 94-j\u00e4hrige <em>Herbert Blomstedt<\/em> das Podium betritt, ist Hochspannung garantiert, und es w\u00e4re um jedes ausgefallene Konzert mit ihm mehr als schade. Nicht nur seine offensichtliche, geistige Frische ist fast schon ein Kuriosum. Auch k\u00f6rperlich ist die Pr\u00e4senz des Dirigenten unglaublich: Nach wie vor im Stehen und seit etlichen Jahren ohne Taktstock formt Blomstedt \u2013 in seinen Bewegungen zwar \u00f6konomisch, aber v\u00f6llig locker und pr\u00e4zise \u2013 jede Phrase, kontrolliert insbesondere die Entwicklung der Dynamik vorausschauend, dabei bis ins Detail. Die noch immer runden und suggestiven Bewegungen seines rechten Armes f\u00fchren gerade Crescendos, seien sie kurz und heftig oder eher ausladend, in einer Klarheit, die selbst f\u00fcr einen erfahrenen Klangk\u00f6rper unmissverst\u00e4ndlich und hilfreich bleibt. Mit Augen und Ohren hellwach, reagiert er blitzschnell und wendet sich sofort an die entsprechenden Musiker, wenn sein Eingreifen n\u00f6tig scheint. Von der Probenarbeit h\u00f6rt man nur h\u00f6chstes Lob; und das musikalische Ergebnis ist wieder \u00fcberragend.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit einigen Jahren setzt sich der schwedische Maestro f\u00fcr das Werk seines Landsmannes <em>Wilhelm Stenhammar<\/em> (1871\u20131927) ein, des wohl bedeutendsten Sp\u00e4tromantikers dort, dessen Wurzeln sowohl bei Brahms, mehr noch in der Liszt-Nachfolge und bei Wagner zu verorten sind. Selbst ein exzellenter Pianist mit gro\u00dfer \u201ePranke\u201c, machte der vor allem als Dirigent das Orchester in G\u00f6teborg zum f\u00fchrenden schwedischen Klangk\u00f6rper. Unter seinen wenigen Orchesterwerken ragt das 2.\u00a0Klavierkonzert (1904\u20131907) besonders heraus. Knapp halbst\u00fcndig, vereint es in einem durchgehenden Satz die symphonische Viers\u00e4tzigkeit, jedoch in mehrfacher Hinsicht verschr\u00e4nkt und ungew\u00f6hnlich \u2013 anstatt eines Trios h\u00f6ren wir z.\u00a0B. im Scherzo Vorgriffe auf das Adagio. Wie in Busonis Konzert von 1904, sind die Rollen von Solist und Orchester bereits merklich anders verteilt als im \u00fcblichen Virtuosenkonzert des 19.\u00a0Jahrhunderts. Das Orchester ist nicht Begleiter des Solisten, sondern \u2013 zumindest im Anfangsabschnitt \u2013 erkl\u00e4rterma\u00dfen der Feind. Gibt sich das Klavier hier \u2013 trotz hochvirtuosen und vollgriffigen Satzes \u2013 weitgehend lyrisch, so bleibt das rhythmisch markante, abst\u00fcrzende Kopfmotiv mit Oktavsprung und scharfkantigen, kleinen Sekunden ausschlie\u00dflich dem Orchester vorbehalten, das damit dauernd dazwischenf\u00e4hrt. Damit nicht genug: Der Solist spielt in d-Moll und der Paralleltonart, das Orchester versucht ihn immer wieder, ins einen Halbton tiefere cis-Moll hinabzuziehen; zuletzt muss sich der Pianist zweimal hintereinander gewaltsam aus diesem quasi Schwitzkasten befreien. Bedenkt man, dass die Urauff\u00fchrung von einer Frau gestaltet wurde, geradezu eine <em>MeToo<\/em>-Geschichte. Das Scherzo wirkt dann auch eher wie eine Flucht, klanglich an Saint-Sa\u00ebns erinnernd. Ziemlich beste Freunde wird man erst im Finale \u2013 D-Dur mit imperialer Geste.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Martin Sturf\u00e4lt<\/em>, der sich bestens mit Stenhammars Musik auskennt und auf CD die Konzerte Adolf Wiklunds eingespielt hat, gestaltet dieses echte Drama enorm wirkungsvoll. Ihm gelingen feinstes Passagenwerk ebenso wie massivste Akkordkaskaden, kraftvoll, aber ohne je grob zu werden. Der spannende mehr Kampf als Dialog macht allen Beteiligten Spa\u00df, das Aufb\u00e4umen, Abwehren und dann wieder vertr\u00e4umtes Abdriften in teils folkloristisch anmutende Lyrismen bringt Sturf\u00e4lt mit \u00dcberzeugung und Empathie f\u00fcr diese untersch\u00e4tzte Musik her\u00fcber \u2013 bis zum grandiosen Schluss. Blomstedt sorgt dabei f\u00fcr die perfekte Balance. Das Publikum ist zu Recht v\u00f6llig hingerissen von dieser \u201eEntdeckung\u201c: ein in M\u00fcnchen l\u00e4ngst mal wieder \u00fcberf\u00e4lliges, unbedingtes Pl\u00e4doyer f\u00fcr die skandinavische Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Blomstedt die Klassiker (Beethoven, Mozart, Brahms, Bruckner) meisterhaft beherrscht, ist seit Jahrzehnten bekannt und bei Beethoven durch zwei Gesamtaufnahmen \u2013 mit der Staatskapelle Dresden und j\u00fcngst dem Leipziger Gewandhausorchester \u2013 hinreichend dokumentiert. Umso faszinierender, dass der Dirigent im Konzert keineswegs in Routine verf\u00e4llt, sondern bei allem \u00dcberblick und Wissen die Musik jedes Mal mit absoluter Hingabe neugestaltet. Eines seiner Geheimnisse f\u00fcr die <em>Eroica <\/em>scheint dabei die Einheit des Tempos zu sein: Im Gegensatz zu anderen Kollegen jenseits der Achtzig, die in aller Regel im Alter merklich langsamer werden, w\u00e4hlt Blomstedt nun h\u00e4ufig sogar schnellere Tempi als fr\u00fcher. Bei der <em>Dritten <\/em>h\u00e4lt er sich im Kopfsatz an die gedruckte Metronomangabe von 60 f\u00fcr den ganzen Dreivierteltakt. Das ist verdammt flott. Heute scheint ihn dieser Pulsschlag durch die ganze Symphonie zu tragen. Noch eine Spur schneller nimmt er den ber\u00fchmten Trauermarsch \u2013 meilenweit von dem fetten Pathos entfernt, das noch vor 40 Jahren \u00fcblich schien. Die 60 bleiben dann f\u00fcr das Scherzo \u2013 hier f\u00fcr jeweils zwei Takte \u2013 und ebenso das Grundtempo (Halbe!) des Finales ma\u00dfgebend. Michael Gielen hat dieses Prinzip schon lange versucht umzusetzen; nicht selten kam jedoch das Sezieren einer Leiche dabei heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Blomstedt bleibt Beethovens Musik bei aller Durchsichtigkeit quicklebendig, denn trotz der unglaublichen Sogwirkung allein des Tempos g\u00f6nnt der Maestro ihr punktgenau zarte, nie aufgesetzte Agogik, verhindert so stets ein Abdriften ins Mechanische. Selten hat man eine derart eindringliche Durchf\u00fchrung des Kopfsatzes mit einem h\u00f6chst leidenschaftlichen dritten Thema geh\u00f6rt, so mit dem vermeintlichen Helden des zweiten Satzes mitgelitten \u2013 bis zum Zerfall des Themas am Schluss. Ph\u00e4nomenal der unerbittliche, dr\u00e4ngende Aufbau des Fugatos, das hier die letztlich t\u00f6dliche Katharsis einleitet; dasselbe gilt f\u00fcr das kleine Fugato im Finale. Und nicht nur die drei H\u00f6rner des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks liefern im Trio des Scherzos ein wahres Kabinettst\u00fcckchen ab \u2013 alle Solisten haben heute einen wirklich guten Tag. Nur so erscheint schlie\u00dflich die lange, orgiastische Schlusssteigerung angemessen, gar absolut notwendig. Danach sind alle gl\u00fccklich: die Musiker, der Maestro und das Publikum, das <em>standing ovations <\/em>gibt, die wohl nur aus R\u00fccksicht auf den Dirigenten, der nach jeder Applauswelle, ganz Gentleman, vom Podium abgeht und erneut auftritt, dann irgendwann einmal enden \u2013 ein in jeder Hinsicht denkw\u00fcrdiger Abend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 10. Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag, 9.&nbsp;11.&nbsp;2021, und am Freitag, 10.&nbsp;12.&nbsp;2021, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Herbert Blomstedt Beethovens Symphonie Nr. 3 Es-Dur op.&nbsp;55 Eroica, sowie das in Deutschland fast nie zu h\u00f6rende 2.&nbsp;Klavierkonzert d-Moll op.&nbsp;23 des schwedischen Sp\u00e4tromantikers Wilhelm Stenhammar. Solist war Martin Sturf\u00e4lt, der das Werk schon mehrfach mit Blomstedt aufgef\u00fchrt hat. 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