{"id":4701,"date":"2021-12-12T18:13:04","date_gmt":"2021-12-12T17:13:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4701"},"modified":"2021-12-16T02:44:07","modified_gmt":"2021-12-16T01:44:07","slug":"kleines-beethoven-vademecum-3-hans-rosbauds-vermaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/12\/12\/kleines-beethoven-vademecum-3-hans-rosbauds-vermaechtnis\/","title":{"rendered":"Kleines Beethoven-Vademecum (3): Hans Rosbauds Verm\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"\n<p>SWR Classic, SWR19089CD; EAN: 7 47313 90898<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/RosbaudBeethoven.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/RosbaudBeethoven.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4702\" width=\"513\" height=\"513\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/RosbaudBeethoven.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/RosbaudBeethoven-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/RosbaudBeethoven-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 513px) 100vw, 513px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In dieser Folge unseres Kleinen Beethoven-Vademecums werden die bei SWR Classic gesammelt herausgebrachten Beethoven-Aufnahmen eines besonderen Dirigenten vorgestellt: Hans Rosbaud.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Den Symphonien Ludwig van Beethovens d\u00fcrften sich so viele Dirigenten gewidmet haben wie keiner anderen Gruppe von Orchesterwerken irgendeines Komponisten. Man hat also die Wahl zwischen Unmengen an Gesamteinspielungen und Einzelaufnahmen. Nicht selten liegen von einem Kapellmeister alle oder zumindest einige der St\u00fccke mehrmals auf Tontr\u00e4gern vor. Wie es bei so ungeheuer popul\u00e4ren und entsprechend oft aufgef\u00fchrten Werken kaum anders der Fall sein kann, geht mit der Vielzahl der Interpreten auch eine Vielfalt der Darbietungsweisen einher, die immense Qualit\u00e4tsunterschiede einschlie\u00dft. Wer hat nicht alles versucht, mit Beethoven seine musikalische Visitenkarte abzugeben? Als was ist Beethoven im Laufe der Zeit nicht alles pr\u00e4sentiert worden? Man hat ihn auf Hochglanz poliert, gegen den Strich geb\u00fcrstet, in metronomisch exakten Gleichschritt gebracht und denselben durch Dauerrubato gezielt vermieden. Beethoven ist des Einen Romantiker und des Anderen Klassizist, f\u00fcr Manchen gar ein alles zertr\u00fcmmernder Revolution\u00e4r. Die Symphonien gibt es \u201esachlich-n\u00fcchtern\u201c ebenso wie hyperemotional. Der eine Dirigent verspricht uns den \u201eBeethoven f\u00fcrs 21.&nbsp;Jahrhundert\u201c, der andere will den Komponisten gar nicht aus dem 18. \u2013 oder was er daf\u00fcr h\u00e4lt \u2013 herauslassen. F\u00fcr Non-Vibrato-, Non-Legato- und Staccato-Freunde hat man die Symphonien schon aufgenommen, und auch der Heavy-Metal-Beethoven scheint auf dem Wege zu sein. Abseits der gro\u00dfen Konzerthallen und Plattenproduktionen, abseits der Quellen der Tagesmode, finden sich schlie\u00dflich die regionalen Klangk\u00f6rper, die auf ihr Wirken hinweisen m\u00f6chten. Dass sie dazu gern Beethoven w\u00e4hlen, wer m\u00f6chte es ihnen verargen? Mit den Werken des meistgespielten Symphonikers l\u00e4sst sich nun einmal gut zeigen, was ein Kapellmeister in der Provinz mit seinem Orchester leisten kann. Angesichts der gro\u00dfen Zahl an Aufnahmen, die im Laufe der Zeit von Beethovens Symphonien gemacht worden sind, kann man sich durchaus fragen, welche Dirigenten den Kompositionen am ehesten gerecht geworden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBeethoven was a complete artist\u201c, sagt Donald Francis Tovey zu Beginn seiner leider unvollendet gebliebenen Beethoven-Monographie. Ein vollst\u00e4ndiger K\u00fcnstler \u2013 damit ist viel mehr gemeint als nur die vollkommene Beherrschung des Handwerks und die F\u00e4higkeit, es souver\u00e4n im Dienste der Formung musikalischer Gedanken zu gebrauchen. Letztlich war Beethoven auch einer der vielseitigsten Sch\u00f6pfer musikalischer Charaktere. Wie jedes seiner Sonatenwerke, von den kurzen, zweis\u00e4tzigen Klaviersonaten bis hin zum cis-Moll-Streichquartett und zur Neunten Symphonie seine individuelle, nur ihm eigene Form besitzt, so haben sie alle auch ihr pers\u00f6nliches Profil, einen bestimmten Grundcharakter, dem sich aber auch weitere Charakterz\u00fcge beimischen k\u00f6nnen \u2013 in Form zum Kopfsatz kontrastierender S\u00e4tze, wie auch als Kontraste innerhalb der S\u00e4tze selbst. Kurzum: Beethovens liebt es, seine Werke als das zu gestalten, was man in der Wortdichtung \u201erunde Charaktere\u201c nennen w\u00fcrde. Und wie unterschiedlich ist die Grundstimmung der St\u00fccke! Nicht nur stehen beispielsweise das Violinkonzert, das Vierte Klavierkonzert und die <em>Pastorale<\/em> in mehr oder weniger direkter Nachbarschaft zur F\u00fcnften Symphonie und zur <em>Appassionata<\/em>. Auch Werke, die gew\u00f6hnlich aufgrund ihrer Tonart als zusammengeh\u00f6rige Gruppe betrachtet werden, erweisen sich bei n\u00e4herer Betrachtung als recht verschieden. So redet man gern von Beethovens c-Moll-St\u00fccken als seien die betreffenden Werke einander charakterlich besonders \u00e4hnlich. Aber ist es nicht eher erstaunlich, welch unterschiedliche Akzente Beethoven im ersten Satz der F\u00fcnften Symphonie und in der <em>Coriolan-Ouvert\u00fcre<\/em> setzt? Und im Streichquartett op.&nbsp;18\/4, und in der Klaviersonate op.&nbsp;10\/1? Oder nehmen wir uns die zahlreichen Werke in F-Dur vor, in welcher Tonart Beethoven ein Viertel seiner Streichquartette komponiert hat. Kinder vom selben Vater gewiss, aber wie hat doch jedes seinen eigenen Kopf!<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Vielgestaltigkeit der Beethovenschen Erfindungsgabe haben gro\u00dfe Musiker in ihren Wiedergaben seiner Werke stets Rechnung zu tragen gesucht. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Auff\u00fchrungen spiegeln die individuelle Herangehensweise der Interpreten wieder, doch l\u00e4sst sich als gemeinsamer Nenner anf\u00fchren, dass sie alle darauf aus gewesen sind, den Gedankenreichtum, von dem Beethovens Kompositionen zeugen, klingende Wirklichkeit werden zu lassen, den Komponisten als \u201evollst\u00e4ndigen K\u00fcnstler\u201c zu pr\u00e4sentieren. Ein Dirigent, der in diesem Sinne mit besonderem Geschick f\u00fcr die Orchesterwerke gewirkt hat, ist Hans Rosbaud (1895\u20131962), dessen zwischen 1953 und 1962 mit dem S\u00fcdwestfunk-Orchester Baden-Baden aufgezeichnete Beethoven-Auff\u00fchrungen von SWR Classic im Jahr 2020 auf sieben CDs ver\u00f6ffentlicht worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat bereits zu seinen Lebzeiten versucht, Rosbaud Etiketten aufzukleben, ihn in Schubladen einzusortieren \u2013 in recht unterschiedliche Schubladen! Rosbaud selbst stellte fest, dass er in Donaueschingen als Modernist galt, in Aix-en-Provence als Mozartianer, in M\u00fcnchen als Bruckner-Dirigent. Nun, die Leute hatten Recht \u2013 wie auch diejenigen Recht hatten, die Rosbaud besonders mit Mahler assoziierten, und auch die, f\u00fcr die er aufgrund seiner von der Deutschen Grammophon produzierten LP mit Orchesterst\u00fccken Sibelius&#8216; ein bedeutender Sachwalter dieses Komponisten war. Ja, Rosbaud war dies alles. Nur eines war er nicht, und wollte es auch nie sein: ein einseitiger Spezialist. Am dauerhaftesten hielt sich nach seinem Tode sein Ruf als F\u00f6rderer der Avantgarde, was insofern berechtigt war, als dass kein anderer Dirigent sich nach dem Zweiten Weltkrieg so energisch daf\u00fcr einsetzte, die Werke Sch\u00f6nbergs und seiner Sch\u00fcler dem Musikleben Deutschlands zur\u00fcckzugewinnen und kein anderer auf den Donaueschinger Musiktagen so viele Urauff\u00fchrungen junger Avantgardisten dirigierte, darunter Ligetis <em>Atmosph\u00e8res<\/em> und Pendereckis <em>Fluorescences<\/em>. Auch die Urauff\u00fchrung von Sch\u00f6nbergs <em>Moses und Aron<\/em> (konzertant Hamburg 1954, szenisch Z\u00fcrich 1957) geh\u00f6rt zu Rosbauds Verdiensten. Allerdings beschr\u00e4nkte sich sein Einsatz f\u00fcr neue Musik keineswegs auf zw\u00f6lft\u00f6nige, serielle und postserielle St\u00fccke. So z\u00e4hlen zu den von Rosbaud uraufgef\u00fchrten Werken ebenso Johann Nepomuk Davids Erste und Karl Amadeus Hartmanns Zweite Symphonie, die jeweils einzigen Symphonien des bayrischen Sp\u00e4tromantikers Heinrich Kaspar Schmid und des im Krieg get\u00f6teten Jarnach-Sch\u00fclers Leo Justinus Kauffmann, sowie die <em>Ouvert\u00fcre zu einem frohen Spiel<\/em> von Joseph Haas. Beinahe w\u00e4re er auch Urauff\u00fchrungsdirigent der Zweiten Symphonie Wilhelm Furtw\u00e4nglers geworden, doch entschied sich der Komponist letztlich, das Werk selbst als erster herauszubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer autobiographischen Skizze (kurz nach seinem Tode 1963 ver\u00f6ffentlicht in: <em>Das musikalische Selbstportrait<\/em>, hrsg. von Josef M\u00fcller Marein und Hannes Reinhardt) schrieb Rosbaud, er sei \u201eim Laufe der Zeit dahinter gekommen, da\u00df all diese verschiedenen Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, sich in Wirklichkeit zu einem Gro\u00dfen und Ganzen erg\u00e4nzen\u201c. Damit meinte er nicht nur die alte und die neue Musik und ihre verschiedenen Stilrichtungen, sondern auch au\u00dfermusikalische Wissensgebiete, wie Sprachen (er las Altgriechisch und Latein und sprach f\u00fcnf lebende Sprachen flie\u00dfend) und \u201enaturwissenschaftliche Dinge\u201c, wie Kernphysik, die den \u201eleidenschaftlichen Mathematiker\u201c (wie ihn M\u00fcller-Merein nennt) \u201eunendlich fessel[te]n\u201c. Es machte ihn gl\u00fccklich, sich \u201eimmer wieder neue und m\u00f6glichst schwere Aufgaben\u201c zu stellen, \u201edie ich l\u00f6sen will\u201c. Zu diesem Bild eines vielseitig interessierten Menschen passt, dass Rosbaud sich als aus\u00fcbender Musiker nicht nur auf das Dirigieren beschr\u00e4nkte. So trat er immer wieder auch als Pianist in Erscheinung und hat diesen Teil seines Wirkens durch mehrere Aufnahmen dokumentiert, beispielsweise als Liedbegleiter von Boris Christoff oder Elisabeth Schwarzkopf. Mit Maria Bergmann und den Schlagzeugern Werner Grabinger und Erich Seiler nahm er B\u00e9la Bart\u00f3ks Sonate f\u00fcr zwei Klaviere und Schlagzeug auf. Zu Beginn seiner Laufbahn komponierte er auch h\u00e4ufiger. Vielleicht w\u00fcrde es sich lohnen, einmal eines der Werke Rosbauds zur Auff\u00fchrung zu bringen? Es ist jedenfalls denkbar, dass der Sch\u00fcler Bernhard Sekles&#8216; auch auf diesem Gebiet T\u00fcchtiges geleistet hat. Ein Klaviertrio von ihm wurde \u00fcbrigens unter Mitwirkung seiner Mitsch\u00fcler Paul und Rudolf Hindemith zur Urauff\u00fchrung gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosbaud wuchs sozusagen nach guter alter Sitte in das Kapellmeisterhandwerk hinein, n\u00e4mlich als ein Musiker, der beinahe alle Orchesterinstrumente spielen gelernt hatte. Sein Lehrer Sekles stellte ihm deshalb folgendes Zeugnis aus: \u201eEr ist auf diese Weise in der Lage, den einzelnen Orchestermusikern Ratschl\u00e4ge zu geben, wie es heutzutage kaum einem Dirigenten m\u00f6glich ist. Da sich zu all diesen Eigenschaften eine durchaus ideal gerichtete Gesinnung, eine seltene Begeisterungsf\u00e4higkeit und ein st\u00e4hlerner Wille gesellt, nicht zuletzt auch die F\u00e4higkeit, diesen Willen in der bezwingendsten Form durchzusetzen, so ist Hans Rosbaud f\u00fcr jedes Musikinstitut ein unsch\u00e4tzbarer Gewinn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bei jeder Aufgabe, die er sich stellte, ging Rosbaud mit untr\u00fcglicher Professionalit\u00e4t ans Werk. Um eine m\u00f6glichst gelungene Auff\u00fchrung zu garantieren, scheute er auch vor \u00fcberdurchschnittlich vielen Proben nicht zur\u00fcck. Zugleich war er in der Lage, eine ihm neue Partitur in k\u00fcrzester Zeit zu erfassen. Beide Eigenschaften bew\u00e4hrten sich bei den Urauff\u00fchrungen von Sch\u00f6nbergs <em>Moses und Aron<\/em>: Zur Vorbereitung der konzertanten Premiere standen ihm nur wenige Tage zur Verf\u00fcgung, da er kurzfristig f\u00fcr den eigentlich vorgesehenen Dirigenten Hans Schmidt-Isserstedt eingesprungen war; f\u00fcr die szenische Premiere nahm er sich dann au\u00dferordentlich viel Zeit: Laut Kurt Honolka (<em>Knaurs Weltgeschichte der Musik<\/em>, 1979) modellierte Rosbaud das schwierige Werk in nicht weniger als 324 Einzelproben. \u201eEhe wir die Partitur nicht vollkommen servieren, werden wir sie nicht beurteilen k\u00f6nnen!\u201c, hat er bei anderer Gelegenheit einmal ge\u00e4u\u00dfert. Dies kann als Maxime seines Arbeitens als ausf\u00fchrender Musiker gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosbaud hatte in den 20er Jahren zu den Pionieren orchestralen Musizierens im Rundfunk geh\u00f6rt. In der Nachkriegszeit wurde das S\u00fcdwestfunk-Orchester Baden-Baden zum Zentrum seines Wirkens, dessen Chefdirigent er von 1948 bis zu seinem Tode war. Ihm zu Ehren wurde das Baden-Badener Aufnahmestudio des Senders in \u201eHans-Rosbaud-Studio\u201c umbenannt. (Es ist geplant, diese wichtige Spielst\u00e4tte deutscher Musikgeschichte 2024 abzurei\u00dfen.) Einige seiner Aufnahmen mit dem S\u00fcdwestfunk-Orchester sind seit l\u00e4ngerer Zeit auf dem Markt verf\u00fcgbar, doch erst vor wenigen Jahren wurde damit begonnen, Rosbauds Verm\u00e4chtnis beim SWR systematisch zu ver\u00f6ffentlichen. Die von SWR-Classic herausgebrachte Reihe hat mittlerweile den stattlichen Umfang von zw\u00f6lf Folgen erreicht, von denen die H\u00e4lfte sechs bis neun CDs stark sind. Man kann Rosbaud erleben mit: Haydn, Mozart, Beethoven, Weber und Mendelssohn, Chopin, Schumann, Wagner, Bruckner, Brahms, Tschaikowskij, Mahler sowie Sibelius. Weitere werden hoffentlich bald folgen. Die Beethoven- und Mahler-Editionen enthalten auch Aufnahmen mit dem K\u00f6lner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, das von Rosbaud ebenfalls h\u00e4ufig dirigiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Beethoven-Dirigent ist Rosbaud bei SWR Classic auf insgesamt sieben CDs dokumentiert. Die Edition umfasst die Symphonien Nr. 1\u20133 und Nr. 5\u20138 (die Achte findet sich in zwei Aufnahmen von 1956 und 1961), f\u00fcnf Ouvert\u00fcren (<em>Coriolan<\/em>, <em>Egmont<\/em>, <em>Fidelio<\/em>, <em>K\u00f6nig Stephan<\/em>, <em>Leonore III<\/em>), sowie an konzertanten Werken das Violinkonzert, das F\u00fcnfte Klavierkonzert und das Tripelkonzert (mit durchweg hervorragenden Solisten: Ginette Neveu, Robert Casadesus, und dem wie ein Instrument spielenden Trio di Trieste). Eine umfangreiche Werkliste \u2013 und doch ein Fragment. Die Vierte und die Neunte Symphonie vermisst man umso schmerzlicher, da Rosbaud (man m\u00f6chte sagen: nat\u00fcrlich) alle Beethoven-Symphonien im Repertoire gehabt und diese mitunter auch zyklisch in Konzertreihen pr\u00e4sentiert hat. Auch anhand der weiteren Folgen der Edition wird deutlich, dass leider nur von einem Teil der Werke, die Rosbaud dirigiert hat, Aufnahmen auf uns gekommen sind. Von den oben genannten Symphonikern liegen nur im Falle von Brahms alle Symphonien vor (daf\u00fcr Nr.&nbsp;1 und Nr.&nbsp;3 in zwei Aufnahmen). Bei Bruckner und Mahler bietet sich ein \u00e4hnliches Bild wie bei Beethoven: Von Mahler fehlen alle Symphonien mit Chor, von Bruckner die Nr.&nbsp;1. Letzteres Werk m\u00f6ge kurz zum Anlass dienen darauf hinzuweisen, dass einst mehr Aufnahmen Rosbauds existiert haben m\u00fcssen. So erw\u00e4hnt Robert Simpson 1950 in der Zeitschrift <em>Music Survey<\/em>, dass Einspielungen der Ersten, Zweiten, Vierten, Sechsten und Achten Symphonie Bruckners durch die M\u00fcnchner Philharmoniker unter Rosbauds Leitung vom Third Programme der BBC ausgestrahlt worden sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um Aufnahmen des Bayerischen Rundfunks. Was ist aus ihnen geworden? Wurden sie gel\u00f6scht, oder darf man hoffen, dass sie sich erhalten haben? Mindestens von einem Werk Beethovens, das in der SWR-Edition nicht enthalten ist, ist eine Auff\u00fchrung Rosbauds aus fr\u00fcherer Zeit \u00fcberliefert: 1940 hatte er mit dem Orchester des Deutschlandsenders die Ouvert\u00fcre <em>Die Weihe des Hauses<\/em> aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber schauen wir nicht zu lang auf die L\u00fccken, sondern freuen wir uns an dem, was wir haben, denn dies ist letzten Endes eine betr\u00e4chtliche Anzahl Aufnahmen, s\u00e4mtlich dargeboten in \u00fcberragender Qualit\u00e4t. Die ersten beiden Symphonien hat Rosbaud mit dem K\u00f6lner Rundfunk-Sinfonie-Orchester eingespielt, die \u00fcbrigen in der SWR-Box pr\u00e4sentierten Werke mit seinem Stammorchester vom Baden-Badener S\u00fcdwestfunk. H\u00f6rt man hinein, f\u00e4llt zun\u00e4chst die Gediegenheit des Orchesterspiels auf. Mit der ihm eigenen Sorgfalt hat Rosbaud in intensiver Probenarbeit die verschiedenen Klanggruppen aufeinander abgestimmt und an keiner Stelle des musikalischen Verlaufs das klingende Ergebnis dem Zufall \u00fcberlassen. \u00dcberall sp\u00fcrt man die genau modellierende Hand eines Musikers, der das Orchester als ein gro\u00dfes, vielstimmiges Instrument begreift und die M\u00f6glichkeiten der Artikulation, die es ihm bietet, ausgiebig nutzt. Beethovens Kontrapunkt findet in ihm einen idealen Darsteller, denn Rosbaud ist im polyphonen Satz h\u00f6rbar in seinem Element. Nicht nur die fugierten Abschnitte kommen wunderbar zur Geltung, auch im schlichter gestalteten Tonsatz beh\u00e4lt der Dirigent Nebenstimmen stets im Blick, wei\u00df, dass eine Begleitung eine wichtige zweite Ebene ist, die im Hintergrund deutlich pr\u00e4sent sein muss. Dadurch werden auch die Feinheiten der Instrumentation Beethovens erlebbar. Rosbaud erzeugt einen tiefen, vielschichtigen Orchesterklang, macht deutlich, wie abwechslungsreich Beethoven seine musikalischen Gedanken instrumental eingekleidet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Rosbaud wohl einen analytischen Musiker nennen, doch trifft man damit nur eine Seite seines Wesens. Dass seine Durchleuchtung von Beethovenschen Instrumentation und Tonsatz so intensiv wirkt, verdankt sich dem Umstand, dass Rosbaud ein untr\u00fcgliches Empfinden f\u00fcr melodische Entwicklung und damit f\u00fcr Tonalit\u00e4t und Formung besa\u00df. Die erklingende Musik ist stets im Fluss, nimmt eine bestimmte Entwicklung. Nie verliert der Dirigent den \u00dcberblick \u00fcber den Zusammenhang, in welchem die gerade gespielten T\u00f6ne stehen, ob sie Spannung aufbauen, oder zu einer Entspannungsepisode geh\u00f6ren. Besondere Aufmerksamkeit wendet er Phrasenenden zu, jenen Stellen, die den \u00dcbergang von einer musikalischen Sinneinheit zur n\u00e4chsten markieren. Weniger achtsamen Dirigenten geht gerade hier oft der rote Faden verloren. Rosbaud, der die Musik in gro\u00dfen Zusammenh\u00e4ngen erfasst, f\u00fchrt das Orchester sicher von einer Phrase zur n\u00e4chsten, l\u00e4sst die musikalische Handlung als Folge weitgeschwungener Perioden entstehen. Wie Rosbaud mit den Kr\u00e4ften Haus h\u00e4lt, l\u00e4sst sich gut anhand des Kopfsatzes der <em>Sinfonia eroica<\/em> nachvollziehen. So entwickelt er zu Beginn nach den zwei Orchesterschl\u00e4gen, in denen er die Bl\u00e4ser deutlich hervortreten l\u00e4sst, die Musik in langem Crescendo auf das Sforzato des zehnten Taktes hin. Dieses l\u00e4sst er nicht als grobe Betonung des ersten Taktschlags eintreten, sondern als nochmaliges kurzes Aufbl\u00fchen, wodurch der Hauptakzent der Periode auf eine leichte Taktzeit hin\u00fcbergezogen und die Metrik zus\u00e4tzlich belebt wird. Danach herrscht spannungsvolles Piano in den deutlich pochenden Streichern. Die \u201eEchoeffekte\u201c stehen nicht isoliert, sondern sind als Glieder einer langen Melodie wahrzunehmen. Nach Erreichen des Beinahe-Tutti in Takt 23 (fp) achtet Rosbaud darauf, dass die Akkordbrechungen der zweiten Violinen und Celli nicht zugedeckt werden. Die anschlie\u00dfenden, von Synkopen und Sforzati gepr\u00e4gten Takte erscheinen bei aller Sch\u00e4rfe der Artikulation als eine ausgedehnte, gleichm\u00e4\u00dfige Klangfl\u00e4che, in welcher die Spannung festgehalten wird, damit sie beim eigentlichen H\u00f6hepunkt in Takt 37 umso wirkungsvoller entladen werden kann. Im letzten Takt dieses Tuttis l\u00e4sst Rosbaud die Lautst\u00e4rke ganz leicht abschwellen, um den folgenden leisen Abschnitt nicht zu stark abgehoben erscheinen zu lassen. Der Dirigent hat immer im Blick, was als n\u00e4chstes folgt. Beeindruckend gelingt ihm die Vermittlung zwischen schroffsten Gegens\u00e4tzen in der Mitte der Durchf\u00fchrung: Auf dem H\u00f6hepunkt des ersten Durchf\u00fchrungsteiles werden die schreienden Dissonanzen unerbittlich durch markiertes Spiel betont, und auch im anschlie\u00dfenden Diminuendo der Streicher wird das Marcato bis zum Phrasenende durchgehalten, wenn die Musik ins Piano \u00fcbergeht, in welchem dann das e-Moll-Thema einsetzt. Der Neuheit dieses zuvor nicht erklungenen Gedankens Rechnung tragend, entlockt Rosbaud seinen Musikern hier ein so inniges Cantabile, wie man es im ganzen Satz noch nicht geh\u00f6rt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosbaud l\u00e4sst sich im allgemeinen Zeit. Er hat offensichtlich die von Beethoven nachtr\u00e4glich den Werken hinzugef\u00fcgten Metronomzahlen nicht als verpflichtend empfunden, konnte denjenigen Dirigenten nachfolgender Generationen also kein Vorbild sein, die sich anschickten, diese Vorgaben \u201ehistorisch informiert\u201c in die Praxis umzusetzen. Dass die einst herrschenden Zweifel an der Richtigkeit der Beethovenschen Metronomangaben in j\u00fcngerer Zeit erneut aufgekommen sind \u2013 die These Almudena Mart\u00edn Castros und I\u00f1aki \u00dacar Marqu\u00e9s&#8216;, dass Beethoven M\u00e4lzels Metronom schlicht falsch abgelesen und deswegen durchweg zu rasche Tempi notiert hat, hat einiges f\u00fcr sich \u2013, sollte zum Anlass genommen werden, von der Idee, es g\u00e4be absolut richtige Tempi, die in jeder Auff\u00fchrungssituation unbedingt zu beachten w\u00e4ren, Abstand zu nehmen, und die Tempowahl eines Dirigenten danach zu beurteilen, in wie fern damit der Dramaturgie des aufgef\u00fchrten Werkes Rechnung getragen wird. Dass Rosbaud gemessene Tempi kein Selbstzweck sind, zeigt sich anhand der Einleitung zur Siebten Symphonie, die er, verglichen mit den Er\u00f6ffnungen der Ersten und Zweiten, ziemlich z\u00fcgig dirigiert, und im zweiten Satz dieses Werkes, der ein echtes Allegretto ist. Seine Zeitma\u00dfe erscheinen im Hinblick darauf gew\u00e4hlt, wichtige Details zur Geltung zu bringen und den Zusammenhalt aller Abschnitte des jeweiligen Satzes zu gew\u00e4hrleisten. Darum sind sie \u201erichtig\u201c. Das relativ breite Grundtempo des Finales der F\u00fcnften Symphonie beispielsweise (10 Minuten ohne Wiederholung) bew\u00e4hrt sich in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird es dem hymnischen Charakter der Hauptthemen gerecht, zum andern erm\u00f6glicht es, die Geschwindigkeit in der Coda zum Presto zu beschleunigen, ohne dass es dabei \u00fcbereilt zugeht. Die letzten Takte der Symphonie, in denen vielen Dirigenten im wahrsten Sinne des Wortes der Atem ausgeht, erf\u00fcllt Rosbaud bis zum Schluss mit Spannung. \u00dcberhaupt fasst er rasche, laute Werkschl\u00fcsse nie als Anh\u00e4ngsel auf, in denen sich die Musiker tumultuarisch gehen lassen d\u00fcrfen. Immer wei\u00df er seinen Orchestern gegen Ende noch ungeahnte Kr\u00e4fte zu entlocken, die deutlich machen, dass er seine Auff\u00fchrung gezielt auf diese Momente hin angelegt hat: Man h\u00f6re etwa, wie prachtvoll sich die Schl\u00fcsse der Zweiten Symphonie, der <em>Leonoren- <\/em>und der <em>Egmont-Ouvert\u00fcre<\/em> entfalten, wie erhaben Beethoven hier klingt!<\/p>\n\n\n\n<p>Rosbaud wird oft als ein \u201esachlicher\u201c Dirigent bezeichnet. Wenn man darunter einen blo\u00dfen Notenwiedergeber versteht, der sich nicht um das schert, was im Notentext nicht steht, so w\u00e4re das eine Fehleinsch\u00e4tzung. Berechtigt erscheint das Wort, wollen wir darunter einen Musiker verstehen, der der Sache, also dem Werk, auf den Grund geht, um dessen Eigenarten zur Geltung zu bringen, der \u2013 um Rosbauds eigene Worte zu benutzen \u2013 die Partitur \u201evollkommen serviert\u201c. Was aber l\u00e4sst sich unter einer solchen Vollkommenheit anderes denken, denn eine meisterhafte Komposition als einen \u201erunden Charakter\u201c erfahrbar zu machen? An Rosbauds Beethoven-Einspielungen fasziniert letztlich vor allem, dass der Dirigent tats\u00e4chlich die Vielseitigkeit dieser Musik zu erfassen sucht und sie nicht durch einseitige Interpretation einebnet. Das zeigt sich namentlich an der immer wieder begegnenden Mischung \u201eharter\u201c und \u201eweicher\u201c Artikulation, die komplexe Szenarien schafft, etwa wenn im Allegretto der Siebten Symphonie der gleichf\u00f6rmige Grundrhythmus des Satzes hart und markant, die dar\u00fcber erklingende Melodie aber ausgesprochen gesanglich gespielt wird, oder im Fugato des Trauermarsches der <em>Eroica<\/em> das Gegeneinander von Staccato und Legato deutlich h\u00f6rbar ist. Im Trio der Achten Symphonie \u2013 nach einem in seiner Mischung aus Derbheit und Grazie wunderbar getroffenen Menuett \u2013 entlockt der oft als n\u00fcchtern verschrieene Dirigent den H\u00f6rnern und Klarinetten T\u00f6ne w\u00e4rmster Waldesromantik, zu kernigen Triolen der Celli. Wie hoch steht diese Kunst \u00fcber dem handwerklich pr\u00e4zisen, aber geistlosen T\u00f6neaufsagen der Gielen und Boulez (die Rosbaud auch als Sch\u00f6nberg-Dirigent weit \u00fcberragt) einerseits und dem oberstimmen-, meist violinbetonten, mit verschwommener Begleitung unterf\u00fctterten Weichsp\u00fclstil eines Karajan anderseits!<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann SWR Classic gar nicht genug danken f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung dieser Beethoven-Aufnahmen. Sie dokumentieren das von ebenso gro\u00dfer Sorgfalt wie Einf\u00fchlsamkeit gepr\u00e4gte Musizieren eines au\u00dferordentlichen Dirigenten, der im besten Sinne ein Sachwalter der von ihm aufgef\u00fchrten Werke gewesen ist. \u201eBeethoven was a complete artist\u201c \u2013 wer ihn als solchen kennen lernen m\u00f6chte, dem seien die Rosbaud-Aufnahmen w\u00e4rmstens ans Herz gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Dezember 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SWR Classic, SWR19089CD; EAN: 7 47313 90898 In dieser Folge unseres Kleinen Beethoven-Vademecums werden die bei SWR Classic gesammelt herausgebrachten Beethoven-Aufnahmen eines besonderen Dirigenten vorgestellt: Hans Rosbaud. Den Symphonien Ludwig van Beethovens d\u00fcrften sich so viele Dirigenten gewidmet haben wie keiner anderen Gruppe von Orchesterwerken irgendeines Komponisten. Man hat also die Wahl zwischen Unmengen an &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/12\/12\/kleines-beethoven-vademecum-3-hans-rosbauds-vermaechtnis\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kleines Beethoven-Vademecum (3): Hans Rosbauds Verm\u00e4chtnis<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13,62],"tags":[2317,3776,4171,86,2318,2320],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4701"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4701"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4701\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4706,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4701\/revisions\/4706"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4701"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4701"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4701"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}