{"id":4739,"date":"2021-12-27T20:13:14","date_gmt":"2021-12-27T19:13:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4739"},"modified":"2022-01-10T16:54:55","modified_gmt":"2022-01-10T15:54:55","slug":"totgesagte-leben-laenger-robert-simpsons-symphonien-nr-5-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/12\/27\/totgesagte-leben-laenger-robert-simpsons-symphonien-nr-5-6\/","title":{"rendered":"Totgesagte leben l\u00e4nger: Robert\u00a0Simpsons Symphonien\u00a0Nr.\u00a05\u00a0&#038;\u00a06"},"content":{"rendered":"\n<p>Lyrita, SRCD 389 (Vertrieb: Naxos); EAN: 5 020926 038920<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Simpson-Sym56.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Simpson-Sym56.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4740\" width=\"484\" height=\"484\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Simpson-Sym56.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Simpson-Sym56-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Simpson-Sym56-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass die Symphonie tot sei, war sozusagen angesagte Losung einer ganzen Generation von Komponisten, Intendanten, Dirigenten und Musikkritikern. Eine der d\u00fcmmsten Losungen aller Zeiten, und \u2013 so k\u00f6nnte man sagen \u2013 \u201eTotgesagte leben l\u00e4nger\u201c. Dieser Versuch der Geschichtsbeeintr\u00e4chtigung seit Anfang der 1950er Jahre stammt zudem ausgerechnet aus einer Zeit, in welcher einige der gr\u00f6\u00dften Symphoniker unbeeindruckt von derartigem ideologischen Quatsch munter weitergewirkt haben \u2013 es sei aus der \u00e4lteren Generation hier nur an Egon Wellesz, L\u00e1szlo Lajtha, Sergej Prokofieff, Darius Milhaud, Arthur Honegger, Havergal Brian, Max Butting, Hilding Rosenberg, Willem Pijper, Walter Piston, Roberto Gerhard, Paul Hindemith, Harald S\u00e6verud, Alexander Tansman, Marcel Mihalovici, Alexander Tscherepnin, Carlos Ch\u00e1vez, Ernst Krenek oder Edmund Rubbra erinnert. Und dann nat\u00fcrlich der heute alles \u00fcberragende Dmitri Schostakowitsch, umgeben von Meistern wie William Walton, Aram Chatschaturian, Eduard Tubin, Karl Amadeus Hartmann, Vittorio Giannini, Michael Tippett, Henk Badings, S\u00e1ndor Veress, Vagn Holmboe, Daniel Jones, William Schuman oder Witold Lutoslawski. Die meisten werden das wenigste davon kennen, was sich freilich kontinuierlich ver\u00e4ndert, denn die ideologischen Barrieren sind l\u00e4ngst aufgeweicht. In den folgenden Generationen geht es unver\u00e4ndert so weiter, bis heute wird die Symphonie reich und substanziell gepflegt, wobei gewiss auch zu konstatieren ist, dass sich der Gattungsbegriff generell sehr erweitert hat. Hans Werner Henze, von den deutschen Fachidioten in ihrem geistigen Schreberg\u00e4rtnertum immer wieder als \u201eletzter Symphoniker\u201c tituliert (welche Peinlichkeit f\u00fcr die hiesige Musikwissenschaft!), war unter all den Symphonikern seiner Generation beispielsweise eher ein pr\u00e4tenti\u00f6ser Zwerg, auch wenn er seine Symphonien teils sehr elefantenh\u00e4utig instrumentierte (Nr. 7 und 9). Und an dieser Stelle sei nur noch ein Blick auf die Spitze des Eisberges geworfen, also auf die Meister neben und nach Schostakowitsch, die mit einem vergleichbar umfangreichen symphonischen \u0152uvre hervorgetreten sind: der schwedische Einzelg\u00e4nger Allan Pettersson mit 16, der sowjetisierte Pole Mieczyslaw Weinberg mit 22, der irophile Brite Robert Simpson mit 11, der St. Petersburger Russe Sergej Slonimsky mit 33 und heute der Finne Kalevi Aho mit bislang 17 Beitr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00c4u\u00dferster Pol des Unsentimentalen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Serient\u00e4tern nimmt Robert Simpson (1921\u20131997) eine einzigartige Position ein. Ohne Umschweife kann man seine Musik als \u00e4u\u00dfersten Pol des Unsentimentalen in der Musik des 20. Jahrhunderts definieren. Er h\u00e4lt sich mit keiner Stimmung, mit keinem Sentiment auf, und sei es noch so verzaubernd und verlockend, wie so oft in seinem Schaffen. Seit geraumer Zeit ist die Gesamteinspielung seiner Symphonien unter Vernon Handley (Hyperion) nicht mehr verf\u00fcgbar, und daher ist es emphatisch zu begr\u00fc\u00dfen, dass nun doch noch in seinem Jubil\u00e4umsjahr 2021 \u2013 mit Unterst\u00fctzung der Robert Simpson Society \u2013 bei Lyrita Records eine CD mit den BBC-Urauff\u00fchrungsmitschnitten seiner Symphonien Nr. 5 (1972) und Nr. 6 (1977) erschienen ist \u2013 diese Werke stehen so ungef\u00e4hr im zeitlichen Zentrum seines Lebenswerks und bestechen unmittelbar mit der enormen Spannweite des Ausdrucks zwischen harscher, strukturell strikter Offensivkraft und herrlichster lyrischer Introspektion, durchaus in maximalem Kontrastverh\u00e4ltnis zueinander ausgef\u00fchrt. Dass Simpson sich stark von Haydn und Beethoven, von Bruckner und Carl Nielsen beeinflusst wusste, wird \u2013 ganz besonders im Falle Nielsen \u2013 hier schnell sinnf\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Universelle Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Exzellent ist hier vor allem die Auff\u00fchrung der F\u00fcnften Symphonie durch das London Symphony Orchestra unter dem damals jungen, bis heute f\u00fcr hohe Qualit\u00e4t b\u00fcrgenden Andrew Davis (1973). Die in einem 39 Minuten langen, durchgehenden Satz sich artikulierende Gesamtform wird von zwei m\u00e4chtigen Allegros\u00e4tzen gerahmt, die das Zeug haben, das Erbe der Beethoven-Bruckner-Tradition in erneuerter Form weiterzutragen. In der Mitte finden wir ein knappes, unerbittlich treibendes Scherzo, und als langsame Zwischenspiele sind zwei intim verwobene Canoni eingef\u00fcgt, die in scharfem Gegensatz zu den schnellen S\u00e4tzen stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Die Auff\u00fchrung der Sechsten Symphonie 1980 durch das London Philharmonic Orchestra unter Charles Groves ist, wie auch der Bookletautor bezugnehmend auf die Aussagen des Komponisten best\u00e4tigt, viel roher, al fresco. Das 33min\u00fctige Werk gliedert sich in zwei gro\u00dfe Abteilungen und fesselt mit ungeheuerlichem Momentum. Und obwohl die Auff\u00fchrung fern einer idealen Erf\u00fcllung bleibt, ist diese Aufnahme zumindest f\u00fcr all jene unverzichtbar, die bereits wissen, dass Simpson zu den gr\u00f6\u00dften Meistern des 20. Jahrhunderts z\u00e4hlt und es sich lohnt, alles von ihm zu haben: Denn es wird hier die Urfassung der Sechsten gespielt, und Simpson hat zum Beispiel den Anfang in der revidierten Fassung komplett ge\u00e4ndert. Nat\u00fcrlich wird diese Musik nicht jedem gefallen \u2013 also weder den bequemlichen Traditionalisten, die auf Gef\u00e4lligkeit Wert legen, noch den besserwisserisch belehrenden ideologischen Fanatikern des dystopischen Post-Holocaust-Bruchs mit jeglicher Tradition \u2013, doch wer sich darauf einl\u00e4sst, kann sich dem Sog kaum entziehen. Und wenn man das Gef\u00fchl hat, sich hier auf ein unerbittliches Rauhbein eingelassen zu haben, dann erlebt man umso \u00fcberraschter, zu welch subtiler Z\u00e4rtlichkeit Simpson in der Lage, sobald er die Musik in die ganz und gar ungegenst\u00e4ndlichen Gefilde jenseits des forschen Drangs, des unaufhaltsamen Momentum wandern l\u00e4sst \u2013 nicht weniger streng, aber dies ist dann ausschlie\u00dflich die innere Disziplin, die er niemals vermissen l\u00e4sst. Simpson liebte die Astronomie, und auch in der Musik vertraute er auf universelle Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Nachdr\u00fcckliche Empfehlung!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Dezember 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lyrita, SRCD 389 (Vertrieb: Naxos); EAN: 5 020926 038920 Dass die Symphonie tot sei, war sozusagen angesagte Losung einer ganzen Generation von Komponisten, Intendanten, Dirigenten und Musikkritikern. Eine der d\u00fcmmsten Losungen aller Zeiten, und \u2013 so k\u00f6nnte man sagen \u2013 \u201eTotgesagte leben l\u00e4nger\u201c. Dieser Versuch der Geschichtsbeeintr\u00e4chtigung seit Anfang der 1950er Jahre stammt zudem ausgerechnet &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/12\/27\/totgesagte-leben-laenger-robert-simpsons-symphonien-nr-5-6\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Totgesagte leben l\u00e4nger: Robert\u00a0Simpsons Symphonien\u00a0Nr.\u00a05\u00a0&#038;\u00a06<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[4197,4193,4195,4196,1255,603,4128,4194],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4739"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4739"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4739\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4809,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4739\/revisions\/4809"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}