{"id":4746,"date":"2022-01-01T00:01:00","date_gmt":"2021-12-31T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4746"},"modified":"2022-01-09T15:42:03","modified_gmt":"2022-01-09T14:42:03","slug":"charles-villiers-stanfords-unterschaetzte-kammermusik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/01\/charles-villiers-stanfords-unterschaetzte-kammermusik\/","title":{"rendered":"Stanfords untersch\u00e4tzte Kammermusik"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio C5381; EAN: 8 45221 05381 3<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4772\" width=\"480\" height=\"480\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stanford-Quintette-Capriccio.jpg 1875w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Quasi als Visitenkarte des <\/em>Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin<em> scheint das Label Capriccio eine neue CD mit Quintetten des irisch-st\u00e4mmigen Komponisten Charles Villiers Stanford vermarkten zu wollen, da, abgesehen vom Berliner Pianisten <\/em>Nikolaus Resa, <em>s\u00e4mtliche beteiligten Musiker Mitglieder des Orchesters sind. Eingespielt wurden Stanfords gro\u00dfformatiges Klavierquintett d-Moll op.&nbsp;25 sowie zwei der sp\u00e4ten Fantasien f\u00fcr Streichquartett plus Horn bzw. Klarinette. Diese wertvolle Kammermusik ist auch auf Tontr\u00e4gern kaum angemessen vertreten, so dass eigentlich jede Neueinspielung willkommen sein sollte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Tatsache, dass der aus Dublin stammende <em>Charles Villiers Stanford <\/em>(1852\u20131924) im Grunde die halbe nachfolgende britische Komponistengeneration ausgebildet hat \u2013 darunter Bridge, Holst, Vaughan Williams, Ireland, Howells und Coleridge-Taylor, um nur ein paar zu nennen \u2013, und seine eigenen Kompositionen zu Lebzeiten von den namhaftesten K\u00fcnstlern gespielt wurden, ist es kaum verst\u00e4ndlich, dass diese Musik schon ab dem Ersten Weltkrieg schnell in Vergessenheit geriet. Auf dem Kontinent hatte Stanford eh nie richtig Fu\u00df fassen k\u00f6nnen \u2013 trotz bedeutender F\u00fcrsprecher: allen voran Joseph Joachim und Hans Richter. Aber selbst Richter hat hier regelm\u00e4\u00dfig lediglich einige der sechs <em>Irischen Rhapsodien<\/em> Stanfords dirigiert, von seinen sieben ausgezeichneten Symphonien hingegen nur die dritte (\u201e<em>Irische\u201c<\/em>). Joseph Joachim, der viel in England unterwegs war, f\u00f6rderte Stanford bereits ab 1875, und war schon im Vorfeld neugierig auf das ausladende Klavierquintett d-Moll von 1886 \u2013 das Booklet liegt hier mit 1887 falsch. Mehrere von Stanfords acht Streichquartetten erfuhren erst k\u00fcrzlich ihre Ersteinspielung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind vor allem deutsche Einfl\u00fcsse, die zumindest Stanfords Instrumentalstil gepr\u00e4gt haben. Hatte der in einer musikalischen Familie aufgewachsene Ire ab 1870 zun\u00e4chst in Cambridge studiert, verbrachte er 1874 und die beiden Folgejahre jeweils zur H\u00e4lfte in Deutschland \u2013 seine Lehrer waren hier Carl Reinecke in Leipzig und Friedrich Kiel in Berlin. Der reisefreudige Brite kam dann auch schnell in Kontakt etwa zu Brahms oder Offenbach. So verwundert es kaum, dass unter zahlreichen Aspekten die Klavierquintette seiner beiden, gro\u00dfen Vorbilder \u2013 Schumann und Brahms \u2013 Pate f\u00fcr Stanfords Gattungsbeitrag gestanden zu haben scheinen. Unter der halbwegs ruhigen, aber stets dunklen Oberfl\u00e4che des 13-min\u00fctigen Kopfsatzes brodelt es gewaltig. Strukturell klar, dabei enorm beziehungsreich, ist dies \u00fcber Strecken emotionaler als Brahms, vom Klang gleicherma\u00dfen orchestral \u2013 als Kammermusik ebenso noch Schumann verpflichtet. Das Scherzo im 9\/8-Takt (eine <em>Jig<\/em>) \u00fcberrascht vor allem durch nerv\u00f6se, rhythmische Verschiebungen und ein verhaltenes, volksliedhaftes Trio als Ausgleich. Melodisch voller gelungener Wendungen, von deren eine (zuf\u00e4llig?) ein wenig an Mendelssohns <em>Hochzeitsmarsch <\/em>erinnern mag, hellt sich im <em>Adagio espressivo<\/em> die Stimmung langsam auf. Das Finale (D-Dur) schlie\u00dflich verstr\u00f6mt erfrischende, selbstsichere Heiterkeit. Gro\u00dfartige Musik, die zudem \u2013 gerade im Vergleich zu Brahms\u2018 f-Moll-Quintett \u2013 wegen ihres deutlich leichter \u201egreifbaren\u201c Klaviersatzes recht problemlos zu realisieren ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nikolaus Resa und die vier Mitglieder des <em>Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin <\/em>\u2013 Anne Feltz, Brigitte Draganov, Alejandro Regueira Caumel und Georg Boge \u2013 legen eine klanglich sensible, durchsichtige und agogisch vollends nat\u00fcrliche Darbietung hin, die allerdings die Brahms-N\u00e4he fast \u00fcberbetont. Obwohl sie in allen vier S\u00e4tzen teils nur um jeweils wenige Sekunden langsamer sind als die Vergleichsaufnahme mit <em>Piers Lane<\/em> und dem RT\u00c9 Vanbrugh Quartet, wirkt diese um die entscheidende Spur aufregender, engagierter und \u2013 gerade im Scherzo \u2013 spritziger. Der Neuaufnahme merkt man diesen leichten Hang zur Beh\u00e4bigkeit jedoch nur stellenweise wirklich an; als Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein wirklich repertoirebereicherndes, umf\u00e4ngliches Klavierquintett leisten die f\u00fcnf Berliner Musiker allemal gelungene \u00dcberzeugungsarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Fantasien f\u00fcr Streichquartett plus Horn (a-Moll) bzw. Klarinette (F-Dur) \u2013 f\u00fcr letztere Besetzung existiert noch eine weitere \u2013 sind echte Sp\u00e4twerke (1922); und hier zeigt sich, dass die ungebrochen konservative, sp\u00e4tromantische Haltung des Komponisten schon damals als nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df empfunden wurde, so dass diese St\u00fccke bislang ungedruckt blieben. Vor allem die Hornfantasie bietet wenig M\u00f6glichkeiten solistischer Entfaltung; das ist eher ein Streichquartett mit obligatem Horn als ein Solost\u00fcck mit Begleitung. Feinsinnige und stimmungsvolle Musik gibt es da auf jeden Fall zu h\u00f6ren \u2013 f\u00fcr uns heute vielleicht einfach herrlich altmodisch. D\u00e1niel Ember und Christoph Korn spielen die beiden etwas zu langen Preziosen mit Charme. Leider nivelliert die ziemlich schwammig und zu wenig pr\u00e4sent klingende Aufnahme \u2013 obwohl in der f\u00fcr ihre gute Raumakustik ber\u00fchmten Jesus-Christus-Kirche entstanden \u2013 die Bem\u00fchungen der Musiker um Durchsichtigkeit. Hier konnte die Hyperion-Einspielung aber ebenso wenig punkten. Im Booklet gibt es zwar umf\u00e4ngliche K\u00fcnstlerbiographien \u2013 erstaunlicherweise auch vom als Ganzes gar nicht beteiligten Orchester. Die Anmerkungen zu Stanford und den Werken selbst sind dagegen ein wenig sp\u00e4rlich geraten. Trotzdem: Endlich mal ein deutscher Beitrag zur v\u00f6llig untersch\u00e4tzten Kammermusik Stanfords, die ganz eindeutig mehr Geh\u00f6r verdient hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahme (Klavierquintett): <\/strong>Piers Lane, RT\u00c9 Vanbrugh Quartet (2004, Hyperion CDA67505) &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Januar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio C5381; EAN: 8 45221 05381 3 Quasi als Visitenkarte des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin scheint das Label Capriccio eine neue CD mit Quintetten des irisch-st\u00e4mmigen Komponisten Charles Villiers Stanford vermarkten zu wollen, da, abgesehen vom Berliner Pianisten Nikolaus Resa, s\u00e4mtliche beteiligten Musiker Mitglieder des Orchesters sind. 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