{"id":4751,"date":"2022-01-04T00:01:00","date_gmt":"2022-01-03T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4751"},"modified":"2021-12-30T03:37:58","modified_gmt":"2021-12-30T02:37:58","slug":"ausdruck-durch-wort-und-ton","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/04\/ausdruck-durch-wort-und-ton\/","title":{"rendered":"Ausdruck durch Wort und Ton"},"content":{"rendered":"\n<p>Sonus Eterna 37423; EAN: 4 260398 610076<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Sherwood-Lieder2.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Sherwood-Lieder2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4752\" width=\"469\" height=\"424\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Sherwood-Lieder2.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Sherwood-Lieder2-300x272.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 469px) 100vw, 469px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Im Zweiten Teil der Gesamteinspielung aller Liedkompositionen des amerikanischen Komponisten Gordon Sherwood stehen die Four Romantic Songs op. 32, Seven Songs Of Mother Nature op. 46 und Songs From My Childhood op. 43, jeweils nach eigenen Texten, auf dem Programm. Die K\u00fcnstlerinnen der Aufnahme sind die Sopranistin Felicitas Breest und Masha Dimitrieva am Klavier.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Klavierlied stellt besonders f\u00fcr Komponisten des 20. Jahrhunderts eine Gattung von zentraler Bedeutung dar. In einer Zeit, da die Suche nach einem Individualstil sich schwieriger gestaltet denn je, wo sich Tonsetzer zuerst durch den Dschungel an unersch\u00f6pflichen M\u00f6glichkeiten zu einer f\u00fcr einen selbst stimmigen Ausdruckssph\u00e4re bahnen m\u00fcssen, da liegt es auf der Hand, sich zun\u00e4chst an definierten Worten zu orientieren, anstelle sich von Anbeginn an auf absolute, textlose Musik zu setzen. Eine Liste derer, deren Fr\u00fchwerk vornehmlich aus Liedern besteht, lie\u00dfe sich lange erweitern, man denke allein an Namen wie Alban Berg, Richard Strauss, Walter Braunfels oder Eduard Erdmann. Die meisten dieser Komponisten blieben der Stimme als Ausdrucksmedium ihr Leben lang treu, zumeist sp\u00e4ter allerdings in Form gro\u00dfformatiger B\u00fchnenwerke \u2013 doch manche fokussierten sich nach der Lehrzeit durch das Lied haupts\u00e4chlich auf rein instrumentale Musik, so beispielsweise Erdmann, aber auch Gordon Sherwood.<\/p>\n\n\n\n<p>Gordon Sherwoods Liedschaffen l\u00e4sst sich mit Ausnahme eines Nachz\u00fcglers (op. 96 von 1994) vollst\u00e4ndig auf die Jahre zwischen 1967 und 1978 datieren. Zu dieser Zeit war der 1929 geborene Komponist freilich nicht mehr auf der Suche nach einem Einstieg in die Komposition: Im Gegenteil, er war durchaus gefragt vor allem durch die Urauff\u00fchrung von <em>Introduction and Allegro<\/em> 1957 durch Dimitri Mitropoulos, hatte durch Studien bei den drei stilpr\u00e4genden Meistern Aaron Copland, Philipp Jarnach und Goffredo Petrassi handwerklichen Feinschliff erfahren. Und doch steht das Lied an bedeutsamer Position Sherwoods Biographie. Denn nach seinem Abschluss 1967 in Rom, wo der erste der Liederzyklen entstand, wandte sich Sherwood vom gro\u00dfen Musikbetrieb ab, nutzte keine der ihm offenstehenden T\u00fcren, sondern zog sich zur\u00fcck, eigene Erfahrungen zu machen und die Welt zu erleben. Er ging mit seiner Frau Ruth nach Beirut, wo die beiden sich durch Auftritte in Bars und Hotels durchschlugen \u2013 und auf diese Weise beil\u00e4ufig mit dem sp\u00e4ter nicht mehr aus Sherwoods Stil fortzudenkenden Boogie- und Blues-Element vertraut wurden \u2013, sp\u00e4ter nach Kenia. 1980, also kurz nach seinen Liederjahren, trennte sich Sherwood von seiner Frau und ging nach S\u00fcdostasien, den Buddhismus n\u00e4her kennenzulernen. So begleitete ihn das Lied von seiner Stellung als anerkannter Komponist bis hin zur Entscheidung zu seinem sp\u00e4teren Leben, das gepr\u00e4gt war durch unerm\u00fcdliches Reisen, Selbstsponsoring durch Betteln, dem Komponieren und Entdecken als Hauptinhalte seines Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt zwanzig von Sherwoods hundertdreiundvierzig Opusnummern bezeichnen Liederzyklen, wobei sich die Gesamtzahl an Liedern auf etwas \u00fcber 80 summiert. Die Texte schrieb er dabei bis auf wenige Ausnahmen \u2013 namentlich die beiden fr\u00fchesten Sammlungen opp. 23 und 29 sowie Zitate aus op. 62 \u2013 selbst; hierbei ma\u00df er den Gedichten eigenst\u00e4ndigen Stellenwert bei, skizzierte sie also nicht als blo\u00dfes Mittel zum Kompositionszweck. Die Themen reichen weit, decken viele Aspekte des Lebens ab, konzentrieren sich oftmals auf Natur- und Liebesthematiken, k\u00f6nnen aber bisweilen auch kecken bis derben Humor aufweisen. Seine auf dem ersten Teil der Gesamteinspielung aufgenommenen <em>Six Songs for Women\u2019s Fashion<\/em><em> of the 1960\u2019s<\/em> beispielsweise geben recht drastische, teils auf den sexuellen Aspekt reduzierte Urteile \u00fcber gewisse Kleidungsst\u00fccke ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lieder des vorliegenden zweiten Teils segeln vornehmlich unter romantischer Flagge, wobei auch der Blues gelegentlich durchblitzt. Die <em>Four Romantic Songs<\/em> op.&nbsp;32 bilden als durchkomponierter Zyklus ein Panorama vom Fr\u00fchlingserwachen bis hin zu einem Liebesabend am See, gemahnen stilistisch teils gar noch an Schubert, wobei Sherwood einige harmonische Wendungen doch der Bluesidiomatik entlehnte. Hier zeigt sich, wie sehr Sherwood sich in der Wahl seiner stilistischen Mittel auf das Sujet bezog, dann die einzelnen Elemente zu einer Einheit verschmolz, die in sich stimmig erscheint, ohne eine eindeutige Stillinie zu verfolgen. Die <em>Seven Songs of Mother Nature<\/em> op.&nbsp;46 geben textlich tiefe Eindr\u00fccke von Sherwoods Bewunderung den Naturph\u00e4nomenen gegen\u00fcber, wobei ihn eine Biene nicht minder beeindrucken kann als eine Nacht unter dem Sternenhimmel. Die Musik wirkt bekenntnishaft, zieht sich erneut Ausdrucksmittel unterschiedlichster Kulturen und Epochen heran, die jeweils zum Moment passen, ohne den Bezug zur Gesamtform zu verlieren. Am Ende sein Statement: <em>You Cannot Beat Nature<\/em>. Autobiographisch erscheinen die acht wieder zyklisch anmutenden Lieder, die er <em>Songs From My Childhood<\/em> op.&nbsp;43 betitelte. Unter dem harmlos anmutenden Titel verbergen sich teils aufr\u00fcttelnde Momente, aber auch gewisse Sehns\u00fcchte, bei denen wieder Derbheit mitschwingt. So erinnert er sich beispielsweise, dass er seine Sandkastenliebe ohne Scham bewundern konnte. Das <em>Haunted House<\/em> erw\u00e4chst mit einer L\u00e4nge von knappen sieben Minuten zur Ballade, ist tiefsch\u00fcrfend ausgestaltet mit einem symphonischen Spannungsaufbau und einer atemberaubenden Klimax.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese eigenst\u00e4ndige, pers\u00f6nliche und in jedem Lied doch andersgeartete Musik stellt an die Ausf\u00fchrenden h\u00f6chste Anspr\u00fcche. Denn nicht nur verlangt Sherwood gewisse Kenntnisse in grundverschiedenen Stilen vom Volks- und Kunstlied zur Jazzidiomatik, sondern er will auch seine pers\u00f6nliche Note darin verstanden und h\u00f6rbar gemacht wissen. Das Duo Felicitas Breest und Masha Dimitrieva kann mittlerweile auf eine beachtliche Anzahl an reinen Sherwood-Auftritten blicken, ebenso auf die erfolgreiche erste Platte ihrer Gesamteinspielung. So verwundert wenig, dass dieser zweite Teil nun noch eindringlicher wirkt als der erste. Vor allem bei Felicitas Breest bemerkt man eine ge\u00e4nderte Einstellung zum Oeuvre Sherwoods, was sich in der Form der Textausdeutung, auch im balladesken Tonfall bemerkbar macht, mehr sogar noch in der Findung eines genre\u00fcbergreifenden Klanges, der eine Einheit in der Vielfalt findet. Gerade f\u00fcr die menschliche Stimme, die \u00fcblicherweise f\u00fcr jedes Genre und jeden Stil, teils gar f\u00fcr bestimmte Komponisten eigene Techniken kennt, ist dieser Schritt bemerkenswert, zeugt von langer Auseinandersetzung mit der Materie. Breest setzt auf expressive Melodiegestaltung, parallel unbek\u00fcmmerte Leichtigkeit, wobei ihr die musikalische Empfindung wichtiger ist als Textbekleidung. Masha Dimitrieva geht vollst\u00e4ndig auf ihre Partnerin ein, stellt das Klavier in den Dienst der Stimme, ohne dabei an Eigenst\u00e4ndigkeit zu verlieren. Sie, die \u00fcbrigens musikalische Erbin Sherwoods ist und das Label Sonus Eterna zu seinem Andenken gegr\u00fcndet hat, kennt die Werke Sherwoods wie niemand sonst, spielt entsprechend souver\u00e4n mit profundem Verst\u00e4ndnis des Notentextes und Wissen, wie man diesen im Sinne Sherwoods umsetzen kann. In jeder Note h\u00f6rt man die Freude am Musizieren dieser beiden K\u00fcnstlerinnen heraus, den Wunsch, alles aus den Partituren herauszuholen und den H\u00f6rer durch die Musik allein und nicht durch Geb\u00e4rden zu begeistern. Es ist wahres aufrichtiges Musizieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonus Eterna 37423; EAN: 4 260398 610076 Im Zweiten Teil der Gesamteinspielung aller Liedkompositionen des amerikanischen Komponisten Gordon Sherwood stehen die Four Romantic Songs op. 32, Seven Songs Of Mother Nature op. 46 und Songs From My Childhood op. 43, jeweils nach eigenen Texten, auf dem Programm. 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