{"id":4754,"date":"2022-01-16T09:40:00","date_gmt":"2022-01-16T08:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4754"},"modified":"2022-01-23T02:01:51","modified_gmt":"2022-01-23T01:01:51","slug":"nicht-fur-puristen-doch-fuer-alle-anderen-ensemble-clazzic","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/16\/nicht-fur-puristen-doch-fuer-alle-anderen-ensemble-clazzic\/","title":{"rendered":"Nicht f\u00fcr Puristen \u2013 doch f\u00fcr alle Anderen"},"content":{"rendered":"\n<p>Solo Musica SM 371; EAN: 4 260123 643713<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Ensemble-Clazzic.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Ensemble-Clazzic.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4755\" width=\"474\" height=\"474\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Ensemble-Clazzic.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Ensemble-Clazzic-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Ensemble-Clazzic-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Mit ihrem Debut-Album <\/em>Intersection<em> definiert sich das 2009 gegr\u00fcndete Ensemble Clazzic. Die vier Musiker mit Wurzeln in der Klassik und F\u00fchlern in s\u00e4mtlichen anderen Musikstr\u00f6mungen stellen sich ihren Stil zusammen zu einer Kreation jenseits dessen, was man mit Genrebezeichnungen fassen k\u00f6nnte. Es spielen Martina Silvester an der Quer- und der Piccolofl\u00f6te, Susanna Klovsky am Klavier, Alex Bayer am Bass und Thomas Sporrer an den Drums. Zentrum ihrer Aufnahme bildet die f\u00fcnfs\u00e4tzige Clazzic Suite, die ihnen der israelische Komponist Uri Brener auf den Leib geschrieben hat. Um diese herum h\u00f6ren wir die Milonga Camarga von Exequiel Mantega und die Milonga de mis amores von Pedro Laurenz und Jos\u00e9 Mar\u00eda Contursi, jeweils in freien Abwandlungen des Ensembles.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zw\u00f6lf Jahre hat es gedauert, bis das Ensemble Clazzic sich sicher war, eine stilistische Ausrichtung gefunden zu haben, die sie auf CD brennen k\u00f6nnen. Doch nun ist das Ensemble angekommen \u2013 und liefert ein von vorne bis hinten durchdachtes, quicklebendiges und pers\u00f6nliches Album ab, sichert sich auf Anhieb einen festen Platz in der Musikwelt irgendwo zwischen Klassik, Jazz und allem nicht Benennbaren. Dass diese Titel nur ein Durchgang sind, ein festgehaltener Augenblick, der schon wieder in neue Richtungen weist, erkl\u00e4rt sich dabei von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Tiefgehender auf die Frage nach einer Stilistik einzugehen, w\u00e4re an dieser Stelle unn\u00f6tig: Nicht alles braucht einen Namen. Es reicht zu wissen, dass alle vier der hier zu h\u00f6renden Musiker eine klassische Ausbildung absolvierten, ihre Interessen allerdings von Anfang an auch in ganz anderen Bereichen hatten und sich nie verschiedenen Einfl\u00fcssen gegen\u00fcber verschlossen haben. Versehen mit uneingeschr\u00e4nktem Drang, alles auszuprobieren und noch mehr zu wagen, war der Plan zu einem genre\u00fcbergreifenden Projekt schon halb geschmiedet. Dabei blieb klar, dass die notierte Musik auch Grundlage bleiben sollte, wozu die Gr\u00fcndungsmitglieder Susanna Klovsky und Martina Silvester den israelischen Komponisten Uri Brener beauftragten, eine Suite zu schreiben, welche mit den Grenzen spielt und sie idealerweise nivelliert. Die so entstandene <em>Clazzic Suite<\/em> bildet einen Ausgangspunkt der stilistischen Ausrichtung, andererseits wurde auch sie im Laufe des Einstudierens und Experimentierens immer weiter ver\u00e4ndert, so dass die Noten eine Basis, nicht aber das Ganze bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcnf S\u00e4tze der <em>Clazzic Suite<\/em> entspringen f\u00fcnf klassischen Werken aus verschiedenen Epochen. Pr\u00e4destiniert f\u00fcr ein Unterfangen, es in Richtung anderer Musen zu \u00f6ffnen, steht Debussys <em>Syrinx<\/em> am Beginn, <em>Syrinxation<\/em>: Die Harmonik ist bereits so reich an Erweiterungen, dass der Schritt in Richtung Jazz alleinig durch rhythmische Aufheizung getan ist, teils gar nur durch Voicing. Auch Bach, dessen <em>Triosonate<\/em> BWV 1039 den zweiten Satz \u2013<em> Walking Bachwards<\/em> \u2013 definiert, begr\u00fc\u00dft freudig neue Stilistiken, denn diese Musik erf\u00fcllt ihre Intention gleich auf welchem Instrument und bei entsprechend handwerklichem Geschick auch gleich welcher Verarbeitung. <em>Funky Bird<\/em>, diese Satzbezeichnung deutet zu Strawinskys <em>Feuervogel<\/em>, dessen ruppige Ader dem Rock\u2019n\u2019Roll Pate steht. Davor noch, in der Mitte der Suite, holt uns <em>Saltarello<\/em> ins Mittelalter, und bleibt doch in der Jetztzeit. Das gewagteste Thema stellt das von Mozarts <em>A-Dur-Sonate<\/em> KV 331 dar, welches in der luziden Leichtigkeit auch extrem fragil erscheint und durch die kleinste Verzerrung zu zerbr\u00f6ckeln droht. Brener l\u00f6st dies, indem er das Thema unver\u00e4ndert an den Beginn stellt \u2013 wo es nach den vorausgegangenen vier S\u00e4tzen (durchaus bewusst) wie ein Fremdk\u00f6rper wirkt. Und als Mozart beginnt, das Thema zu variieren, so setzen nach und nach die anderen Musiker ein und bewegen sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck vom Original fort, wobei einige der Variationen wiederkehrendes thematisches Material einwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was entsteht, ist ein vielseitiges, vielschichtiges und vielgestaltes Album, das zu H\u00f6ren wahrhaft Spa\u00df macht. Es kann locker im Hintergrund laufen und f\u00fcr gute Laune sorgen; l\u00e4dt aber noch mehr zum Entdecken ein, es mit vollem Fokus auf die Musik zu h\u00f6ren. Immer wieder entdeckt man kleine Seitenhiebe, Themen s\u00e4mtlicher Epochen und Genres, die doch in eine gro\u00dfe, funktionierende Form eingebettet sind. Puristen gleich welcher Gattung w\u00fcrden sich wohl beleidigt f\u00fchlen, denn es ist keine Klassik mehr und doch deutlich kein Jazz: W\u00fcrde man die Musik auf die Goldwaage legen, so w\u00e4re sie eher im Konzertsaal als im Club beheimatet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt freilich mittlerweile eine ganze Reihe an Formationen, welche sich fernab der Genres bewegen und Klassik mit Jazz oder lateinamerikanischen Rhythmen und Harmonien mixen. Die meisten eint, dass sie sich selbst nicht zu ernst nehmen wollen, sondern locker und keck mit dem Material jonglieren. Dies unterscheidet das Ensemble Clazzic von ihnen: Denn die Musikerinnen und Musiker nehmen sich sehr wohl ernst und wissen um ihre Wurzeln. Dass dar\u00fcber hinaus im Ge\u00e4st auch mal eine humoristische Blume bl\u00fcht, geh\u00f6rt dazu, doch der Stamm bleibt in einer jahrhundertelangen Tradition, die geschm\u00fcckt wird mit allem, was die Musikgeschichte noch zu bieten hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solo Musica SM 371; EAN: 4 260123 643713 Mit ihrem Debut-Album Intersection definiert sich das 2009 gegr\u00fcndete Ensemble Clazzic. Die vier Musiker mit Wurzeln in der Klassik und F\u00fchlern in s\u00e4mtlichen anderen Musikstr\u00f6mungen stellen sich ihren Stil zusammen zu einer Kreation jenseits dessen, was man mit Genrebezeichnungen fassen k\u00f6nnte. 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