{"id":4757,"date":"2022-01-18T04:11:00","date_gmt":"2022-01-18T03:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4757"},"modified":"2022-02-03T15:27:52","modified_gmt":"2022-02-03T14:27:52","slug":"tonales-und-zwolftoeniges-von-nikos-skalkottas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/18\/tonales-und-zwolftoeniges-von-nikos-skalkottas\/","title":{"rendered":"Tonales und Zw\u00f6lft\u00f6niges von Nikos Skalkottas"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574182; EAN: 7 47313 4182 7<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Skalkottas-Orchesterwerke-Tsialis-Naxos-8.574182.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Skalkottas-Orchesterwerke-Tsialis-Naxos-8.574182-1024x1016.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4758\" width=\"490\" height=\"486\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Skalkottas-Orchesterwerke-Tsialis-Naxos-8.574182-1024x1016.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Skalkottas-Orchesterwerke-Tsialis-Naxos-8.574182-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Skalkottas-Orchesterwerke-Tsialis-Naxos-8.574182-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Skalkottas-Orchesterwerke-Tsialis-Naxos-8.574182-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Skalkottas-Orchesterwerke-Tsialis-Naxos-8.574182.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 490px) 100vw, 490px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Grieche Nikos Skalkottas (1904\u20131949) war wohl der begabteste Sch\u00fcler aus Arnold Sch\u00f6nbergs Berliner Komponistenschmiede. Nachdem sich das schwedische BIS-Label mit bislang 20 Ver\u00f6ffentlichungen um die Entdeckung seines vielschichtigen Werkes verdient gemacht hat, zieht jetzt Naxos nach. Die aktuelle CD mit dem Athens State Orchestra unter Stefanos Tsialis enth\u00e4lt neben den ersten 12 \u2013 von insgesamt 36 \u2013 <\/em>Griechischen T\u00e4nzen<em> drei f\u00fcr Kammerorchester gesetzte Ausz\u00fcge aus der Ballettmusik <\/em>Das Meer<em> sowie als Ersteinspielung (!) eine von Skalkottas\u2018 bedeutendsten Zw\u00f6lftonkompositionen: die <\/em>Suite Nr.\u00a01 f\u00fcr gro\u00dfes Orchester <em>von 1929\/35.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nikos [Nikolaos] Skalkottas entstammte einer \u00e4u\u00dferst musikaffinen Familie aus der Arbeiterschicht, in der bis in die Generation seines Urgro\u00dfvaters nachweislich mindestens semiprofessionell musiziert wurde. Nach einem bereits mit 16 Jahren noch in seiner Heimat abgeschlossenen Violinstudium \u2013 beim deutschen Professor Tony Schultze \u2013 kam der junge Geiger 1921 nach Berlin, wo er sich zun\u00e4chst von Willy Hess auf seinem Instrument fortbilden lie\u00df, sich aber bald mehr dem Komponieren zuwandte, dann von Philipp Jarnach und dessen Sch\u00fcler Kurt Weill unterrichtet wurde. Schlie\u00dflich gelangte er in Arnold Sch\u00f6nbergs ber\u00fchmte Kompositionsklasse (1927\u20131931). Schnell z\u00e4hlte ihn der Lehrer zu seinen begabtesten Nachwuchstalenten. Wohl aus reiner Geldnot, weniger wegen der sich abzeichnenden Umw\u00e4lzungen, die das Leben als ausl\u00e4ndischer \u201eNeut\u00f6ner\u201c in Nazi-Deutschland bald unm\u00f6glich machen w\u00fcrden, kehrte Skalkottas mit zeitweise labiler Psyche im M\u00e4rz 1933 nach Athen zur\u00fcck, wo er aber kompositorisch geradezu ignoriert wurde. Dennoch entstanden dort die meisten seiner bedeutenden Werke, die sich durch \u2013 oft zeitgleiche \u2013 stilistische Vielfalt auszeichnen: von Tonalit\u00e4t \u00fcber freie Atonalit\u00e4t bis zur Zw\u00f6lft\u00f6nigkeit mit einer ganz pers\u00f6nlichen Reihentechnik, dabei oft griechisch-folkloristische Elemente mit einbeziehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer CD, die sich einigen rein tonalen St\u00fccken aus Skalkottas recht divergentem Sp\u00e4twerk widmete, wird auf der zweiten Naxos-Ver\u00f6ffentlichung die Spannweite des Komponisten angemessen deutlich: Von den folkloristisch inspirierten <em>Griechischen T\u00e4nzen <\/em>\u2013 die ersten 12 der insgesamt 36 St\u00fccke entstanden 1931\u20131935 \u2013 \u00fcber die Ausschnitte aus der tonalen Ballettmusik <em>Das Meer <\/em>(1949) h\u00f6ren wir die erste vollst\u00e4ndige Aufnahme der hochbedeutenden, zw\u00f6lft\u00f6nigen <em>Ersten Orchestersuite <\/em>(1929\/35). Wenn sich das <em>Athens State Orchestra <\/em>heute r\u00fchmt, den Komponisten zu seinen \u2013 damals noch <em>Athener Konservatoriumsorchester<\/em> \u2013 ehemaligen Mitgliedern z\u00e4hlen zu d\u00fcrfen, erscheint das fast wie Hohn. Skalkottas spielte tats\u00e4chlich nach seiner R\u00fcckkehr bis zu seinem fr\u00fchen Tod 1949 \u2013 an den Folgen einer zu sp\u00e4t behandelten Leistenhernie \u2013 im Orchester, verdiente sich so den Gro\u00dfteil seines Lebensunterhalts. Jedoch ist es nicht zuletzt diesem Ensemble und den dahinterstehenden, allzu konservativen Entscheidungstr\u00e4gern zu verdanken, dass zu Lebzeiten etwa kein einziges von Skalkottas\u2018 Zw\u00f6lftonwerken aufgef\u00fchrt wurde \u2013 und der als Komponist verschm\u00e4hte Geiger bald ans hinterste Pult verbannt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten vier <em>Griechischen T\u00e4nze <\/em>waren so die einzige Musik, welche das Athener Orchester schon 1934, unter keinem Geringeren als <em>Dimitri Mitropoulos<\/em>, zu Geh\u00f6r brachte. Zwar weitestgehend tonal, sind sie keinesfalls simple Transkriptionen von Volksmusik; \u00fcberdies verwendet Skalkottas eigenes Material, vergleichbar mit Bart\u00f3ks Adaptionen. Und obwohl eines von nur drei zu Lebzeiten publizierten Werken, wurden sie schnell \u00fcber Griechenland hinaus erfolgreich: Selbst das <em>Berliner Philharmonische Orchester<\/em> spielte die T\u00e4nze 1938 im Konzert \u2013 wohl ohne zu ahnen, dass der Komponist nach der Nazi-Ideologie eigentlich als <em>entartet <\/em>h\u00e4tte gelten m\u00fcssen. Der u.&nbsp;a. lange in Deutschland \u2013 etwa in Meiningen und bei der <em>Th\u00fcringen Philharmonie<\/em> \u2013 aktive Dirigent <em>Stefanos Tsialis <\/em>leitet die erste Serie mit Geschmack, kostet die enorm farbige und charakterisierungsstarke Instrumentation mindestens ebenso gut aus wie Nikos Christodoulou in der BIS-Reihe. Aufnahmetechnisch kommt Naxos da fast heran, ist der Erst(?)-Aufnahme unter Byron Fidetzis aus Swerdlowsk (heute wieder Jekaterinburg) in jedem Fall weit \u00fcberlegen. Stellenweise scheint Tsialis sich leider allzu beh\u00e4big auf den folkloristischen Anteilen auszuruhen; die unterschwellig bissige Ironie in Skalkottas\u2018 Auseinandersetzung mit nationalem Volkstum wird allenthalben ignoriert. Zumindest gelingt so eine wirklich klangsch\u00f6ne Darbietung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei kurzen Ausschnitte aus dem sp\u00e4ten Ballett <em>Das Meer <\/em>hat Skalkottas in seiner Reduktion f\u00fcr Kammerorchester (1949) noch auf \u00c4gina geh\u00f6rt. Das in Zusammenarbeit mit der bedeutenden Tanzp\u00e4dagogin Polyxeni Math\u00e9y entstandene Werk wurde in der Fassung f\u00fcr normales Theaterorchester bereits von Fidetzis auf BIS eingespielt; die reduzierte Version schm\u00e4lert den gekonnten Eindruck der Komposition keinesfalls. Die <em>Suite Nr. 1 <\/em>\u2013 vom Komponisten selbst formal als \u201esymphonisch\u201c bezeichnet, geh\u00f6rt zu den legend\u00e4ren St\u00fccken aus seiner Zeit in der Sch\u00f6nberg-Klasse, deren Manuskripte Skalkottas 1933 in Berlin zur\u00fccklie\u00df, und die nun leider zum gr\u00f6\u00dften Teil als verschollen gelten m\u00fcssen. Die Suite versuchte er jedoch nach \u00dcberwindung seiner psychischen Krise um 1935 aus dem Ged\u00e4chtnis zu rekonstruieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch immer, haben wir es hier mit einer Zw\u00f6lftonkomposition allerh\u00f6chster Reife zu tun \u2013 mit klaren Einfl\u00fcssen Sch\u00f6nbergs, dabei bereits sehr eigenst\u00e4ndiger Behandlung der Reihentechnik; sogar mit Integration einiger diatonischer Themen! Die sechss\u00e4tzige Suite von beachtlichen 35 Minuten Spieldauer \u2013 damit \u00fcbertraf sie von der L\u00e4nge her bis dato s\u00e4mtliche dodekaphonischen, reinen Instrumentalwerke Sch\u00f6nbergs \u2013 ist nat\u00fcrlich von ganz anderer Komplexit\u00e4t als die mehr oder weniger tonale Musik des Griechen. Skalkottas verstand die Zw\u00f6lftonmusik denn auch als seinen weitaus wichtigeren Beitrag. Die Urauff\u00fchrung fand erst 1970 in Birmingham statt. Tsialis realisiert die Partitur durchsichtig und engagiert, klanglich wiederum einf\u00fchlsam. Die noch deutlich an Sch\u00f6nberg geschulte, manchmal leicht schneidende Expressivit\u00e4t kommt jedoch ziemlich gegl\u00e4ttet daher \u2013 vermutlich beabsichtigt. Skalkottas\u2018 Umgang mit der Dodekaphonie ist undogmatisch und vertr\u00e4gt durchaus eine etwas weichere Behandlung. Der Booklettext ist knapp, aber informativ. Allein die lange herbeigesehnte Einspielung der Orchestersuite f\u00fchrt f\u00fcr Freunde von Skalkottas\u2018 Werk zur Kaufverpflichtung \u2013 als erster Zugang zu dessen Musik ist die CD gleichfalls gut geeignet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen: [<\/strong>36 Griechische T\u00e4nze] BBC Symphony Orchestra, Nikos Christodoulou (BIS-CD-1333\/1334, 2002); Ural State Philharmonic Orchestra, Byron Fidetzis (Lyra CD0052\/53, 1990); [Das Meer, Ballettsuite] Iceland Symphony Orchestra, Byron Fidetzis (BIS-CD-1384, 2012)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Januar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574182; EAN: 7 47313 4182 7 Der Grieche Nikos Skalkottas (1904\u20131949) war wohl der begabteste Sch\u00fcler aus Arnold Sch\u00f6nbergs Berliner Komponistenschmiede. Nachdem sich das schwedische BIS-Label mit bislang 20 Ver\u00f6ffentlichungen um die Entdeckung seines vielschichtigen Werkes verdient gemacht hat, zieht jetzt Naxos nach. 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