{"id":4787,"date":"2022-01-13T08:55:00","date_gmt":"2022-01-13T07:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4787"},"modified":"2022-01-14T09:48:31","modified_gmt":"2022-01-14T08:48:31","slug":"meisterhafte-orchesterwerke-einer-fruehvollendeten-vitezslava-kapralova","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/13\/meisterhafte-orchesterwerke-einer-fruehvollendeten-vitezslava-kapralova\/","title":{"rendered":"Meisterhafte Orchesterwerke einer Fr\u00fchvollendeten [Rezensionen im Vergleich\u00a01]"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574144; EAN: 7 4731341447 5<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Kapralova-Orchesterwerke-Kiesler-Naxos.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Kapralova-Orchesterwerke-Kiesler-Naxos-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4788\" width=\"493\" height=\"488\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Kapralova-Orchesterwerke-Kiesler-Naxos-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Kapralova-Orchesterwerke-Kiesler-Naxos-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Kapralova-Orchesterwerke-Kiesler-Naxos-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Kapralova-Orchesterwerke-Kiesler-Naxos.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 493px) 100vw, 493px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Eine au\u00dfergew\u00f6hnliche CD mit knapp zwei Dritteln des Orchesterwerks von V\u00edt\u011bzslava Kapr\u00e1lov\u00e1 (1915\u20131940), die im Anschluss an das gro\u00dfe, der fr\u00fch verstorbenen tschechischen Komponistin gewidmete Festival in Ann Arbor aufgenommen wurde, hat Naxos vorgelegt; darunter die Ersteinspielung des Orchesterliedes <\/em>Smutn\u00fd ve\u010der<em>. Au\u00dferdem erklingt unter Leitung von Kenneth Kiesler das Orchester der University of Michigan mit der Milit\u00e4r-Sinfonietta, dem Klavierkonzert (Solistin: Amy I-Lin Cheng), der Suite en miniature, dem kurzen Pr\u00e9lude de No\u00ebl sowie der Orchesterfassung des Liedes <\/em>Sbohem a \u0161\u00e1te\u010dek<em> mit dem Tenor Nicholas Phan.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Tschechin <em>V\u00edt\u011bzslava Kapr\u00e1lov\u00e1<\/em> galt nicht nur als ungew\u00f6hnliche kompositorische Hochbegabung, die nach anf\u00e4nglichem Unterricht durch ihren Vater V\u00e1clav Kapr\u00e1l \u2013 selbst noch Sch\u00fcler Jan\u00e1\u010deks \u2013 bei V\u00edt\u011bzslav Nov\u00e1k in Prag, schlie\u00dflich in Paris bei Bohuslav Martin\u016f studierte. F\u00fcr ihr zweites gr\u00f6\u00dferes Orchesterwerk, der dem damaligen Pr\u00e4sidenten Edvard Bene\u0161 gewidmeten <em>Milit\u00e4r-Sinfonietta<\/em>, erhielt sie 1937 den prestigetr\u00e4chtigen Preis der Smetana Gesellschaft \u2013 zusammen mit dem sp\u00e4ter in Auschwitz ermordeten Pavel Haas. Damit, nun quasi ihre Visitenkarte als Komponistin, trat die erst 22-J\u00e4hrige zudem jeweils als erste weibliche Dirigentin \u2013 ihre Lehrer hierbei waren keine Geringeren als Zden\u011bk Chalabala und Charles Munch \u2013 der Tschechischen Philharmonie und dann 1938 beim IGNM-Festival in London des BBC Symphony Orchestra auf, wohin man sie als Repr\u00e4sentantin ihres Landes empfohlen hatte. Schon dies machte sie sofort in ganz Europa bekannt. Im Oktober 1937 zog Kapr\u00e1lov\u00e1 nach Paris, wo sie Privatunterricht bei Martin\u016f nahm. Konnte sie mit ihrem Dirigierlehrer Munch auf Deutsch kommunizieren, reichten ihre Franz\u00f6sischkentnisse f\u00fcr einen regul\u00e4ren Unterricht bei Nadia Boulanger jedoch nicht aus. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis im M\u00e4rz 1939 blieb sie in Paris und heiratete den Schriftsteller Ji\u0159\u00ed Mucha, Sohn des ber\u00fchmten Jugendstil-Malers Alfons Mucha. Mit ersten Krankheitssymptomen evakuierte man sie 1940 vor dem Einmarsch der Deutschen nach Montpellier, wo sie am 16. Juni \u2013 wohl an Typhus \u2013 verstarb.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen der fr\u00fche Tod, zum anderen der Bann ihrer Musik als \u201edekadent\u201c durch die Kommunisten, sorgten daf\u00fcr, dass Kapr\u00e1lov\u00e1 alsbald in v\u00f6llige Vergessenheit geriet \u2013 gerade in ihrem Heimatland. Trotz einiger ber\u00fchmter F\u00fcrsprecher (Kubelik, Firku\u0161n\u00fd\u2026) erlangte sie nie den Nimbus einer Kultfigur, wie etwa Lili Boulanger. Zum Gl\u00fcck hat sich das Blatt in den letzten Jahren komplett gewendet: Ihre immerhin 50 Werke fast aller Gattungen sind mittlerweile vollst\u00e4ndig gedruckt; zur Zentenarfeier 2015 wurde ihre Musik weltweit in Erinnerung gebracht und ist nunmehr diskographisch ebenso halbwegs zug\u00e4nglich. In Ann Arbor hatte man sogar innerhalb einer Woche das Gesamtwerk aufgef\u00fchrt. Der Musikdirektor des University of Michigan Symphony Orchestra, <em>Kenneth Kiesler<\/em>, hat vor einigen Jahren mit einer exemplarischen Darbietung von Milhauds Orestie-Trilogie h\u00f6chstes Lob geerntet; auch die Kapr\u00e1lov\u00e1-CD gl\u00e4nzt wieder mit einer gr\u00fcndlichen, musikalisch wie aufnahmetechnisch exzellenten Erarbeitung dieses Neulands. Die Leistungsf\u00e4higkeit amerikanischer Unis im Musiksektor ist einmal mehr wirklich beeindruckend.<\/p>\n\n\n\n<p>Der viertelst\u00fcndigen, eins\u00e4tzigen <em>Milit\u00e4r-Sinfonietta <\/em>gelingt eine Verbindung zwischen einer nur noch in Grundz\u00fcgen traditionellen Sonatenhauptsatzform und darin ansatzweise integrierter Viers\u00e4tzigkeit. Gleichzeitig stellt sie, unterschwellig programmatisch, die Frage nationaler, tschechischer Existenz \u2013 just zu diesem geschichtstr\u00e4chtigen Zeitpunkt. Die Harmonik bleibt weitgehend tonal bzw. modal, wobei Quartenstrukturen bereits eine wichtige Rolle zukommt. Das alles weist klare Bez\u00fcge zur Musik ihres Prager Lehrmeisters Nov\u00e1k auf, dabei mit selbstbewusster Eigenst\u00e4ndigkeit. Das Klavierkonzert in d-moll von 1935 war Kapr\u00e1lov\u00e1s erstes Orchesterwerk, gleichzeitig ihr Dirigierdeb\u00fct in Br\u00fcnn. Als Jugendliche hatte sie \u2013 mit deutlichen Einfl\u00fcssen des Vaters \u2013 gelernt, effektiv und wirkungsvoll f\u00fcr Klavier zu schreiben; ihre grandiose <em>Sonata appassionata <\/em>war gerade fertiggestellt. Die Schreibweise des Konzerts folgt noch der Sp\u00e4tromantik. Der kurze, langsame Satz ist eigentlich nur die Introduktion zu einem gro\u00dfartigen Rondo, in dem dann kurz mal Jazzelemente aufblitzen \u2013 freilich l\u00e4ngst nicht so radikal wie bei Jaroslav Je\u017eek oder Erwin Schulhoff. Eine konsequente und geschickte Verarbeitung des Materials beherrscht sie vollkommen. Das dankbare und niemals oberfl\u00e4chliche St\u00fcck gelingt der Pianistin <em>Amy I-Lin Cheng <\/em>absolut \u00fcberzeugend: kraftvoll, zugleich empfindsam in den lyrischen Passagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Suite en miniature <\/em>aus demselben Jahr ist mehr als nur eine Instrumentation von vier \u00e4lteren Klavierst\u00fccken \u2013 mit gravierenden, substanziellen Ver\u00e4nderungen. Das kurze <em>Pr\u00e9lude de No\u00ebl <\/em>entstand in nur einer Nacht, wurde sofort f\u00fcrs Radio aufgenommen und Heiligabend 1939 gesendet. Den H\u00f6hepunkt der CD bilden dann allerdings die beiden Orchesterlieder \u2013 das erst 2006 entdeckte <em>Smutn\u00fd ve\u010der <\/em>(\u201eTrauriger Abend\u201c), anscheinend auf einen eigenen Text, sowie Kapr\u00e1lov\u00e1s sicher bedeutendstes Lied <em>Sbohem a \u0161\u00e1te\u010dek <\/em>(\u201eAdieu und T\u00fcchelchen\u201c \u2013 Text: V\u00edt\u011bzslav Nezval). Hierin zeigt sich eine musikalische Reife, sowohl im Handwerklichen wie im pr\u00e4zisen, empathischen Nachsp\u00fcren feinster emotionaler Momente der Lyrik, die es m\u00fchelos mit den besten Vertretern der Gattung dieser Epoche aufnehmen kann \u2013 zweifelsfrei echte Meisterwerke.<\/p>\n\n\n\n<p>Der amerikanische Tenor <em>Nicholas Phan <\/em>verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber die n\u00f6tige Sensibilit\u00e4t f\u00fcr diese Klangwelt, sondern dar\u00fcber hinaus \u00fcber eine sch\u00f6ne, in allen Registern tragf\u00e4hige Stimme, die einfach aufhorchen lassen muss. Nicht umsonst wurde der mit einem ungew\u00f6hnlich breiten Repertoire auftretende K\u00fcnstler mehrmals f\u00fcr einen Grammy nominiert. Allein diese beiden Lieder w\u00fcrden den Rezensenten zu einer ausdr\u00fccklichen Empfehlung bewegen \u2013 die ganze CD erscheint fraglos als eine lang ersehnte Repertoire-Erweiterung, nicht nur f\u00fcr Freunde tschechischer Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Januar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574144; EAN: 7 4731341447 5 Eine au\u00dfergew\u00f6hnliche CD mit knapp zwei Dritteln des Orchesterwerks von V\u00edt\u011bzslava Kapr\u00e1lov\u00e1 (1915\u20131940), die im Anschluss an das gro\u00dfe, der fr\u00fch verstorbenen tschechischen Komponistin gewidmete Festival in Ann Arbor aufgenommen wurde, hat Naxos vorgelegt; darunter die Ersteinspielung des Orchesterliedes Smutn\u00fd ve\u010der. 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