{"id":4804,"date":"2022-02-01T00:56:00","date_gmt":"2022-01-31T23:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4804"},"modified":"2022-02-07T10:30:42","modified_gmt":"2022-02-07T09:30:42","slug":"auf-tuchfuehlung-mit-dem-klavier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/02\/01\/auf-tuchfuehlung-mit-dem-klavier\/","title":{"rendered":"Auf Tuchf\u00fchlung mit dem Klavier"},"content":{"rendered":"\n<p>divine art, dda 21373; EAN: 8 09730 13732 7<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/At-the-heart-of-the-piano.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/At-the-heart-of-the-piano.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4805\" width=\"466\" height=\"466\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/At-the-heart-of-the-piano.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/At-the-heart-of-the-piano-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/At-the-heart-of-the-piano-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 466px) 100vw, 466px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In seiner 3-CD-Kollektion <\/em>At the Heart of the Piano<em> (\u201cAm Herzen des Klaviers\u201d) stellt Burkard Schliessmann ein Programm existentieller Klavierwerke unterschiedlicher Epochen zusammen. Er beginnt mit Bach\/Busonis Chaconne in d-Moll, bewegt sich \u00fcber Schumanns Gro\u00dfformen der Symphonischen Et\u00fcden op. 13 und der Phantasie C-Dur op. 27 zu Liszts h-Moll-Klaviersonate, pr\u00e4sentiert eine Auswahl an Scriabins Klaviermusik (Sonate fis-Moll op. 23, Auswahl an Et\u00fcden aus op. 2 und 8 sowie Pr\u00e9ludes aus den Opera 11, 16, 37 und 74, sowie die beiden T\u00e4nze op. 73), rundet schlie\u00dflich mit der Klaviersonate op. 1 von Alban Berg ab.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner 2016 erschienenen und von den Medien hoch gelobten 3-CD-Box<em> Chronological Chopin<\/em> legt Burkard Schliessmann bei divine art nun eine neue Sammlung an drei CDs vor, betitelt sie <em>At the heart of the piano<\/em>, zu deutsch \u201eAm Herzen des Klaviers\u201c. Es ist der Versuch, sich dem Klavier als Instrument zu n\u00e4hern und ihm seine innigsten Emotionen abzuringen. Der Titel spricht die philosophische Fragestellung an, ob das Klavier als zun\u00e4chst k\u00f6rperfremdestes aller Instrumente, bestehend gr\u00f6\u00dftenteils aus Holz und Metall, das ohne K\u00f6rpereinsatz durch simplen Tastendruck einen vollendeten Ton hervorbringt, \u00fcberhaupt Gef\u00fchle vermitteln und ausdr\u00fccken kann \u2013 ein Herz besitzt. Dies will Burkard Schliessmann beweisen durch ein sehr inniges Repertoire, das ihm sp\u00fcrbar viel bedeutet und das verschiedene Aspekte der Klavierliteratur auf (f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe des Projektes gar knapp bemessenen) drei CDs zusammenfasst. Es handelt sich ausschlie\u00dflich um \u00e4ltere Aufnahmen der Jahre 1990 (Scriabin), 1994 (Bach\/Busoni und Berg), 1999 (Schumann Fantasie und Liszt) und 2000 (Schumann Et\u00fcden), die jedoch entweder noch nie oder nur in kleiner Auflage und regional beschr\u00e4nkt erschienen sind, mit neuem Master in frischem Glanz erstrahlen, so dass ihnen nun die Reichweite erm\u00f6glicht wird, die ihnen zustehen. F\u00fcr s\u00e4mtliche Aufnahmen verwendete Schliessmann seinen eigenen Fl\u00fcgel, als Steinway Artist ist dies ein Steinway Piano D Concert Grand.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst bezeichnet sich Burkard Schliessmann in seinem ausf\u00fchrlich informierenden, sowohl Fakten als auch pers\u00f6nliche Anschauungen zu den St\u00fccken preisgebenden Begleittext zu der Trippel-CD als Repr\u00e4sentanten der \u201egro\u00dfe[n] romantischen Tradition. Technische Beherrschung ist nat\u00fcrlich wichtig, aber meine Interpretationen bleiben im Wesentlichen intuitiv. Ich denke nicht nach und mache mir keine Gedanken \u00fcber die Umsetzung meiner Interpretation.\u201c Wenngleich dies sicherlich f\u00fcr den Moment der Darbietung stimmen mag, so verschweigt er damit die immense Arbeit, die er zuvor mit den Werken hatte \u2013 gehabt haben muss. Denn es bleibt un\u00fcberh\u00f6rbar, dass sich Schliessmann genaue Gedanken gemacht hat, was er mit den Werken aussagen will und wie seine pers\u00f6nliche Stimme in die Noten miteinflie\u00dfen soll. In den Aufnahmen zeigt er sich als charakterstarker Pianist, der wei\u00df, die Werke nach seiner Vorstellung zu formen und sie so auf ihn zugeschnitten zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ber\u00fchmte <em>Chaconne d-Moll<\/em> mit Johann Sebastian Bach in der virtuosen Transkription Ferruccio Busonis gestaltet Schliessmann als Versuch einer Synthese einer barocken und einer fr\u00fchmodernen Spielweise, verzichtet auf halligen Klang und setzt auf pr\u00e4zisen, dabei wirkungsstark-pr\u00e4gnanten Anschlag. Das tempo rubato spart er sich f\u00fcr besondere Momente auf, um dort den Ausdruck zu maximieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schumann spielt Burkard Schliessmann wahrhaft appassionato, wobei er die <em>Phantasie<\/em> vergleichsweise noch klassischer nimmt, um daf\u00fcr die <em>Symphonischen Et\u00fcden<\/em> umso romantisch-beschwingter gestalten zu k\u00f6nnen \u2013 dieser Eindruck mag aber zum Teil auch am unterschiedlichen Hall liegen, denn bei den Et\u00fcden spielt leider der Raum deutlich mit hinein (w\u00e4hrend hingegen bei den anderen Aufnahmen die Akustik sehr deutlich und klar dem Klavierklang schmeichelt). Bei beiden St\u00fccken nutzt der Pianist deutliche Tempokontraste und Rubati f\u00fcr starken Effekt, setzt einzelne Passagen deutlich gegeneinander ab und gibt so der Musik plastisch-lebendiges, dabei spontanen erscheinendes, beinahe improvisatorisches Antlitz. Er spielt mit dem Nachhall des Pedals, um orchestrale Klangf\u00fclle zu entwickeln, wobei ich behaupten w\u00fcrde, er sieht das \u201eSymphonische\u201c der Et\u00fcden nicht auf die Nachahmung bestimmter Orchesterinstrumente, sondern rein auf die differenzierte Klangfarbigkeit des Klaviers bezogen. Auch experimentiert Schliessmann mit dem Verh\u00e4ltnis der Stimmen zueinander, was deutlich in den Variationen vier und sechzehn zutage tritt: Die Melodie bleibt deutlich, muss sich aber stets gegen die brodelnden Nebenstimmen behaupten, was das Zuh\u00f6ren ungemein spannend macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Franz Liszts gewagte, erst sp\u00e4t von der \u00d6ffentlichkeit anerkannte <em>Sonate h-Moll<\/em> stellt Burkard Schliessmann durchaus ruppig dar, l\u00e4sst den Klang in ungeahnte H\u00f6hen aufschaukeln und nimmt sich sogar die Freiheit, manche H\u00f6hepunkte gewaltt\u00e4tig darzustellen \u2013 wohl ganz so, wie der gro\u00dfe Virtuose und Publikumsmagnet Liszt es seinerzeit gespielt haben k\u00f6nnte, um mit dem Effekt zu polarisieren. Doch dass dieser bei Schliessmann nicht an erster Stelle steht, zeigt die zutiefst musikalische Ausgestaltung der Themen und deren Abwandlungen im Lauf des St\u00fcckes, wobei er besonders dem Hauptthema gespenstisch-erdr\u00fcckende Pr\u00e4senz verleiht. So gelingt ihm ein aus einem Guss erscheinender Gesamteindruck von ausgefeilter psychologischer Natur, die in sich stimmig erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Alexander Scriabin stellt Burkard Schliessmann ein Programm quer durch alle Schaffensperioden dar, von den noch auf Chopin bezogenen <em>Et\u00fcden<\/em> opp. 2 und 8 und den <em>Pr\u00e9ludes<\/em> op. 11 \u00fcber die an Eigenst\u00e4ndigkeit gewinnende <em>Sonate fis-Moll<\/em> op. 23 bis hin zu den sp\u00e4ten <em>T\u00e4nzen<\/em> op. 73 und <em>Pr\u00e9ludes<\/em> op. 74, welche in ihrem spirituell anmutenden Habitus und der komplex erweiterten Harmonik absolut eigenst\u00e4ndig in der Musikgeschichte erscheinen. Die flie\u00dfenden, frei anma\u00dfenden Formen liegen dem instinktiven Spiel des Pianisten, der so die einzelnen Momente zum Erbl\u00fchen bringt und dabei die Gesamtform zusammenzuhalten wei\u00df. Die rhythmische Polyphonie zwischen den H\u00e4nden oder deren einzelnen Stimmen stachelt ihn an, ein hohes Ma\u00df an Feinheit zu erhalten, selbst in gro\u00df auftrumpfenden Passagen. Die Kontraste treibt Schliessmann auf die Spitze und zeigt so bereits den fr\u00fchen Scriabin als modern-fortschrittlichen Komponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm schlie\u00dft mit Alban Bergs <em>Sonate<\/em> op. 1, ein Paradest\u00fcck der fr\u00fchen Moderne und besonders der freien Tonalit\u00e4t, die doch immer tonartliche Beziehungen erkennen l\u00e4sst. Schliessmann schafft hier eine Br\u00fccke zwischen Zweiter Wiener Schule und dem ekstatischen Scriabin, holt auch bei Berg gewisses Volumen hervor und erlaubt sich tempom\u00e4\u00dfige Freiheiten, um die Dichte der Polyphonie zu unterstreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>So gelingt eine stilistisch einheitliche und doch vielseitige Darstellung von Schliessmanns pianistischem Schaffen, die uns durch die h\u00f6chst pers\u00f6nlichen Anschauungen des Pianisten Meisterwerke verschiedener Epochen ganz menschlich nahebringt und uns einl\u00e4dt, sie zu erkunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>divine art, dda 21373; EAN: 8 09730 13732 7 In seiner 3-CD-Kollektion At the Heart of the Piano (\u201cAm Herzen des Klaviers\u201d) stellt Burkard Schliessmann ein Programm existentieller Klavierwerke unterschiedlicher Epochen zusammen. 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