{"id":4821,"date":"2022-01-25T00:04:00","date_gmt":"2022-01-24T23:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4821"},"modified":"2022-01-31T17:04:04","modified_gmt":"2022-01-31T16:04:04","slug":"der-komponist-wilhelm-furtwaengler-und-seine-gegner-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/25\/der-komponist-wilhelm-furtwaengler-und-seine-gegner-2\/","title":{"rendered":"Der Komponist Wilhelm\u00a0Furtw\u00e4ngler und\u00a0seine\u00a0Gegner (2)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Hatten wir uns in <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/25\/der-komponist-wilhelm-furtwaengler-und-seine-gegner-1\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/25\/der-komponist-wilhelm-furtwaengler-und-seine-gegner-1\/\">Teil&nbsp;1 <\/a>dieses Aufsatzes den drei gro\u00dfen Vorurteilen gegen den Komponisten Wilhelm Furtw\u00e4ngler und ihrer Widerlegung gewidmet, so befasst sich der zweite Teil (der heute zum 136. Geburtstag Furtw\u00e4nglers erscheint) zun\u00e4chst mit den Reaktionen der Musikkritik auf die 2021 bei cpo erschienene Aufnahme der Ersten Symphonie durch die W\u00fcrttembergische Philharmonie Reutlingen unter Fawzi Haimor und schlie\u00dft mit einer Untersuchung der Vorgehensweise eines besonders hartn\u00e4ckigen Gegners des Komponisten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Symphonie1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Symphonie1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4824\" width=\"456\" height=\"456\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Symphonie1.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Symphonie1-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Symphonie1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 456px) 100vw, 456px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Presseschau: Fawzi Haimors Einspielung der Ersten Symphonie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor kurzem erschien bei cpo eine Aufnahme der Ersten Symphonie durch die W\u00fcrttembergische Philharmonie Reutlingen unter Fawzi Haimor. Sie bedeutet in der Diskographie insofern einen Markstein, als dass mit Haimor sich erstmals ein Dirigent des Werkes angenommen hat, der an ihm keine Grundlagenarbeit mehr geleistet hat, denn der Dirigent der Erstaufnahme, Alfred Walter, leitete auch die Urauff\u00fchrung, George Alexander Albrecht, der die zweite Einspielung durchf\u00fchrte, war Herausgeber des Erstdrucks. Es ist also ein Schritt getan vergleichbar dem, als der Komponist 1954, kurz vor seinem Tod, mit Rolf Agop erstmals einem anderen Dirigenten seine Zweite Symphonie anvertraute \u2013 gewisserma\u00dfen ein Schritt in die Normalit\u00e4t. Die Kritiken fielen f\u00fcr das Werk nahezu durchweg anerkennend aus.<\/p>\n\n\n\n<p>So meint <em><a href=\"http:\/\/operalounge.de\/cd\/instrumentales\/ueberrschende-erste\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/operalounge.de\/cd\/instrumentales\/ueberrschende-erste\">Operalounge<\/a><\/em> zum Finale der \u201e\u00fcberraschenden Ersten\u201c: \u201eEs grenzt an Unm\u00f6glichkeit, hiervon unber\u00fchrt zur\u00fcckzubleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In <em><a href=\"https:\/\/svensopernparadies.wordpress.com\/2021\/06\/12\/wilhelm-furtwangler-symphony-no-1-fawzi-haimor-cpo\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/svensopernparadies.wordpress.com\/2021\/06\/12\/wilhelm-furtwangler-symphony-no-1-fawzi-haimor-cpo\/\">Svens Opernparadies<\/a><\/em> liest man, dass von diesem \u201e\u00fcberaus melodischen Werk\u201c eine Interpretation vorgelegt wurde, \u201edie man unbedingt geh\u00f6rt haben sollte\u201c. Au\u00dferdem sei es ein \u201eVorurteil\u201c, wenn behauptet w\u00fcrde, Furtw\u00e4nglers Werke seien \u201ehoffnungslos veraltet\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der <a href=\"https:\/\/www.jpc.de\/jpcng\/cpo\/detail\/-\/art\/wilhelm-furtwaengler-symphonie-nr-1\/hnum\/10515709\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.jpc.de\/jpcng\/cpo\/detail\/-\/art\/wilhelm-furtwaengler-symphonie-nr-1\/hnum\/10515709\">Angebotsseite von jpc<\/a> haben die dort regelm\u00e4\u00dfig schreibenden Rezensenten \u201emeiernberg\u201c und \u201eJAW-Records\u201c dem Werk und der Einspielung die H\u00f6chstpunktzahl (5\/5) gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em><a href=\"https:\/\/www.neckar-chronik.de\/Nachrichten\/Meistersinfonie-aus-dunkler-Zeit-509327.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.neckar-chronik.de\/Nachrichten\/Meistersinfonie-aus-dunkler-Zeit-509327.html\">Neckar-Chronik<\/a><\/em> gibt dem Interview mit dem Dirigenten Fawzi Haimor den Titel: \u201eMeistersinfonie aus dunkler Zeit\u201c.<a href=\"\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen w\u00e4rmte der <em><a href=\"https:\/\/www.kulturabdruck.de\/symphonische-ueberspannung\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.kulturabdruck.de\/symphonische-ueberspannung\">Kulturabdruck<\/a><\/em> alte Kamellen auf: \u201eDie 1. Symphonie, die zwischen 1938 und 1941 entstand und am \u00e4u\u00dfersten Rand der Sp\u00e4tromantik einen monstr\u00f6sen Kampf gegen das Verschwinden derselben f\u00fchrt, ist ein besonders undankbares Objekt. Denn obwohl die vier S\u00e4tze mit klassischen Grundmustern und Nachkl\u00e4ngen aus der Welt Anton Bruckners aufwarten, verliert sich der H\u00f6rer immer wieder in Furtw\u00e4nglers labyrinthischen Tonfolgen. Nach 90 Minuten bleibt das Gef\u00fchl einer vielfachen \u00dcberspannung und die Frage, ob hier nicht ein Kosmos um einen leeren Kern kreist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In <em>Crescendo<\/em> bemerkte Christoph Schl\u00fcren: \u201eTats\u00e4chlich handelt es sich bei Fawzi Haimors Reutlinger Aufnahme f\u00fcr cpo um die aufnahmetechnisch bislang gelungenste Darbietung des knapp 90-min\u00fctigen Kolossalwerks, das in seiner Innenschau so gar nichts gr\u00fcnderzeitlich Macherhaftes bietet, sondern die von aller Effekthascherei v\u00f6llig unabh\u00e4ngige Konzentration auf die pure organische Formentwicklung einfordert. Und wir warten weiter auf einen Dirigenten, der die gewaltigen Spannungsb\u00f6gen ad\u00e4quat zu verwirklichen versteht. Dann k\u00f6nnen wir auch dieses Werk, das noch immer erratisch erscheint, verstehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf <em><a href=\"http:\/\/www.classical-cd-reviews.com\/2021\/08\/furtwangler-symphony-no-1-haimor.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.classical-cd-reviews.com\/2021\/08\/furtwangler-symphony-no-1-haimor.html\">Classical CD Reviews<\/a><\/em> hielt Gavin Dixon zwar an der Auffassung fest, Furtw\u00e4nglers \u201emajor flaw\u201c sei \u201ea tendency towards large-scale, expansive structures, which, although in traditional forms, are not supported by the scale or invention of his melodic writing\u201c \u2013 also dem von mir in Teil&nbsp;1 beschriebenen Vorurteil Nr.&nbsp;3 \u2013, gesteht ihm jedoch als Komponisten \u201ea distinctive voice\u201c zu und lobt immerhin das Scherzo ohne Einschr\u00e4nkung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich \u00e4u\u00dfert sich Rob Maynard auf <em><a href=\"http:\/\/www.musicweb-international.com\/classrev\/2021\/Sep\/Furtwangler-sy1-5553772.htm\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.musicweb-international.com\/classrev\/2021\/Sep\/Furtwangler-sy1-5553772.htm\">Musicweb International<\/a><\/em>, der seinen Artikel mit folgendem Fazit beschlie\u00dft: \u201eWe must hope that it foreshadows a full cycle of Furtw\u00e4ngler\u2019s symphonic oeuvre that will bring his frequently flawed but nonetheless fascinating \u2013 and most certainly enjoyable \u2013 music to a wider audience.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst habe die Aufnahme auf <a href=\"http:\/\/www.klassik-heute.de\/4daction\/www_medien_einzeln?id=23646&amp;CDS30\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.klassik-heute.de\/4daction\/www_medien_einzeln?id=23646&amp;CDS30\"><em>Klassik-Heute<\/em><\/a> rezensiert und dort auch meine vom Gro\u00dfteil der zitierten Rezensionen abweichende Ansicht dargelegt, warum ich Haimors Einspielung nicht f\u00fcr diejenige Aufnahme halte, die den bestm\u00f6glichen Eindruck von der Komposition vermittelt. Aber darum geht es hier nicht. Wichtig erscheint mir festzuhalten, dass unter den Kritiken der cpo-CD die positiven Stimmen weit \u00fcberwiegen. Man kann anscheinend tats\u00e4chlich davon sprechen, dass die lange Zeit dominierende, von Vorurteilen gepr\u00e4gte Sicht auf den Komponisten Furtw\u00e4ngler nun einer unvoreingenommenen, von echtem Interesse gepr\u00e4gten Herangehensweise an seine Musik weicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Norman Lebrechts Attacke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch halt! Da meldet sich ein \u00e4lterer Herr zu Wort, um energisch sein Veto einzulegen. Es ist der britische Kritiker und Buchautor Norman Lebrecht, der sich in der Vergangenheit regelm\u00e4\u00dfig zu Wilhelm Furtw\u00e4ngler ge\u00e4u\u00dfert hat. Er steht offenbar im Ruf, ein Furtw\u00e4ngler-Experte zu sein, denn sonst h\u00e4tte ihn die Deutsche Grammophon 2019 kaum damit beauftragt, einen Einf\u00fchrungstext zu ihrer 34 CDs und eine DVD umfassenden Edition s\u00e4mtlicher DG- und Decca-Aufnahmen Furtw\u00e4nglers zu schreiben. Seine Kritik der Haimor-Aufnahme unterscheidet sich von den oben erw\u00e4hnten dadurch, dass sie in einem Kontext steht, den ihr Autor im Laufe vieler Jahre schuf. Lebrecht inszeniert sich als eine Art Enth\u00fcllungsjournalist der Musikwelt. Eine Konstante seiner T\u00e4tigkeit als Autor ist die Suche nach charakterlichen Schw\u00e4chen namhafter Musiker. Liest man seine Texte, meint man mitunter, ihn geradezu aufjauchzen zu sehen vor Freude, wenn er meint, etwas gefunden zu haben, das ihm die M\u00f6glichkeit gibt, eine bekannte Figur des Musiklebens als fehlerhaften Menschen darstellen zu k\u00f6nnen. Der Energie, die Lebrecht in Suchaktionen dieser Art steckt, steht eine bemerkenswerte Unachtsamkeit in Sachen Fakten gegen\u00fcber. Wer sich kurz informieren m\u00f6chte, wie dicht in seinen Ver\u00f6ffentlichungen Fehler auf Fehler folgt, der lese die in der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Norman_Lebrecht#Reception\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Norman_Lebrecht#Reception\">englischen Wikipedia<\/a> zitierten Ausschnitte aus Besprechungen des Buches <em>The Maestro Myth<\/em> (1991, deutsch: <em>Der Mythos vom Maestro<\/em>) durch John von Rhein (<em>Chicago Tribune<\/em>), Roger Dettmer (<em>Baltimore Sun<\/em>) und Martin Bernheimer (<em>Los Angeles Times<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Lebrechts Texte sind als Informationsliteratur nicht zu gebrauchen. Ihr Erfolg gr\u00fcndet sich auf die Art und Weise, wie der Autor Fakten, oder was er daf\u00fcr h\u00e4lt, pr\u00e4sentiert. Wer sich von seiner Diktion einlullen l\u00e4sst und ausreichend unkritisch alles schluckt, was Lebrecht seinen Lesern vorsetzt, wird am Ende damit belohnt, dass er es ihm gleichtun und sich wonnig in Schadenfreude suhlen kann. Diese Schadenfreude erscheint als die eigentliche Motivation der Lebrechtschen Schriftstellerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm Furtw\u00e4ngler geh\u00f6rt offensichtlich zu Lebrechts Lieblingszielscheiben. Was Lebrecht \u00fcber Furtw\u00e4ngler schreibt, ist im Grunde nicht interessant. Aber es ist interessant zu sehen, wie er gegen Furtw\u00e4ngler vorgeht und wie er Furtw\u00e4nglers Kompositionen in diesem Zusammenhang benutzt. Zun\u00e4chst l\u00e4sst sich feststellen, dass er Furtw\u00e4ngler keineswegs pauschal verdammt. Auch f\u00fcr Lebrecht ist Furtw\u00e4ngler ein gro\u00dfer Dirigent. Das muss er auch sein, denn Lebrecht gibt sich nicht mit kleinen Fischen zufrieden. Einem gro\u00dfen Mann Anr\u00fcchiges anzuh\u00e4ngen, das ist seine Freude. Au\u00dferdem geh\u00f6rt Lebrecht zu jenen Autoren, die nie ernsthaft gegen den Strom schwimmen. Er m\u00f6chte ein gro\u00dfes Publikum bedienen und braucht demzufolge die g\u00e4ngigen Klischees seiner Zeit, an die er ankn\u00fcpfen und die er in seinem Sinne zuspitzen kann. Also kann er sich in diesem Falle gar nichts anderes leisten als den Dirigenten Furtw\u00e4ngler einen gro\u00dfen Mann sein zu lassen. Er versucht deshalb, ihn auf anderen Gebieten zu demontieren: Sein Ziel ist es zu zeigen, dass der ber\u00fchmte Dirigent als Komponist wie als Mensch versagt habe. Auch dazu bedient er sich g\u00e4ngiger Klischees. Erwartet man etwas anderes?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 1992 ver\u00f6ffentlichte Lebrecht bei Simon&nbsp;&amp;&nbsp;Schuster, New York, einen <em>Companion to 20<\/em><sup><em>th<\/em><\/sup><em> Century Music<\/em>, der acht Jahre sp\u00e4ter unter dem hochtrabenden Titel <em>Complete Companion to 20<\/em><sup><em>th<\/em><\/sup><em> Century Music<\/em> in erweiterter Form neu aufgelegt wurde. Auf S.&nbsp;127 der Erstfassung findet sich \u00fcber Furtw\u00e4nglers Werke der folgende Absatz, der w\u00f6rtlich auch in die Neufassung \u00fcbernommen wurde:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>He saw himself, like Mahler, as primarily a composer, yet his music is of little consequence. In three symphonies (1941\u201354), he seems repeatedly to linger and luxuriate in the sound he has created, though none of it bears the mark of an original mind. The works lack momentum, daring and, above all, anything personal to say \u2013 an unbelievable neutrality, given the times and the composer&#8217;s musical stature. The third in C-minor is classically formed and derivative of Bruckner. There is also a piano concerto that does a thematic tour around the great composers.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier finden sich alle im ersten Teil des vorliegenden Textes ausf\u00fchrlich behandelten Vorurteile gegen Furtw\u00e4ngler gleichsam in der Nussschale zusammengefasst. Vor allem die Behauptung einer Bruckner-Abh\u00e4ngigkeit der Dritten Symphonie kann jeden, der mit dem Werk einigerma\u00dfen vertraut ist, nur belustigen. Kennt jemand eine Bruckner-Symphonie, die mit einem langsamen Satz beginnt, oder ein Scherzo enth\u00e4lt, in dem das Trio die Stelle einer Sonatendurchf\u00fchrung vertritt? Kann man sich auch nur ein Thema aus Furtw\u00e4nglers Werk in eine Bruckner-Symphonie versetzt vorstellen? Welche Themen anderer Komponisten Lebrecht im Klavierkonzert geh\u00f6rt hat, verschweigt er. W\u00fcrde er seine Funde \u00f6ffentlich machen, h\u00e4tte er zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder m\u00fcsste er zugeben, dass die \u00c4hnlichkeiten zu gering sind um von einer \u201ethematic tour\u201c zu sprechen (unter der er sich wahrscheinlich eine Art Potpourri vorstellt), oder dass Furtw\u00e4ngler die fremden Themen (welche auch immer es sein m\u00f6gen) so stark verwandelt hat, dass sie zu seinen eigenen geworden sind. Au\u00dferdem f\u00e4llt auf, dass Lebrecht sich in der Tonart der Dritten Symphonie irrt (cis-Moll muss es hei\u00dfen, nicht c-Moll!). Furtw\u00e4ngler schien ihm wohl der M\u00fche nicht wert gewesen zu sein, den Fehler in der zweiten Auflage auszubessern. Dort steht er noch auf S.&nbsp;136.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine zweite Angriffsfl\u00e4che sieht Lebrecht in Furtw\u00e4nglers Charakter im Allgemeinen und seinem Handeln w\u00e4hrend der NS-Zeit im Besonderen. Da greift er sehr hoch: \u201eMoralisch l\u00e4sst sich an Furtw\u00e4ngler nichts finden, das man bewundern k\u00f6nnte\u201c, hei\u00dft es im Begleittext zur oben genannten Edition der Deutschen Grammophon. Was soll man davon halten angesichts dessen, dass Furtw\u00e4nglers Einsatz f\u00fcr zahlreiche von den Nationalsozialisten Verfolgte eine durch Quellen hinreichend belegte Tatsache ist, und dass es darunter wenigstens zwei F\u00e4lle gegeben hat, in denen akut bedrohte Menschenleben durch eine direkte Intervention Furtw\u00e4nglers gerettet worden sind (Carl Flesch und Heinrich Wollheim)? Aber nein, Lebrecht will in ihm nur einen \u201eG\u00fcnstling des F\u00fchrers\u201c sehen, der \u201e[n]ach einem Zwist mit Joseph Goebbels wegen einer Hindemith-Symphonie [gemeint ist <em>Mathis der Maler<\/em>] [\u2026] f\u00fcr kurze Zeit von seinem Amt bei den Berliner Philharmonikern suspendiert\u201c, dann aber \u201evon Hitler h\u00f6chstselbst wieder eingesetzt\u201c worden sei. Wieder ein Lebrechtscher Fehler! Furtw\u00e4ngler ist als Chefdirigent der Philharmoniker 1934 aus eigenem Antrieb zur\u00fcckgetreten und \u00fcbernahm dieses Amt erst 1952 wieder. Es hat ihn niemand suspendiert, und erst recht hat ihn kein Hitler wieder eingesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Anscheinend immer bereit, in diese Kerbe zu hauen, frohlockte Lebrecht am 27.&nbsp;M\u00e4rz 2019 auf seiner Seite <em>Slipped Disc<\/em> \u00fcber ein angebliches \u201eunknown pic[ture] of Furtw\u00e4ngler and the F\u00fch[rer]\u201c, das er mit folgenden Zeilen begr\u00fc\u00dfte: \u201eAfter decades of censorship, whitewash and hagiolatry, documents continue to emerge of Wilhelm Furtw\u00e4ngler\u2019s deeply compromised position with the leadership of the Third Reich. This latest discovery is from the S\u00fcddeutsche Zeitung archives. It shows Furtw\u00e4ngler conducting a factory concert in 1939 in front of a huge portrait of his F\u00fchrer.\u201c Wer genau liest, wird feststellen, dass Lebrecht seine Leser mit der \u00dcberschrift in die Irre f\u00fchrt, denn, wie er ja selbst im Text schreibt, handelt es sich nicht um ein Bild, das Furtw\u00e4ngler mit Hitler zeigt, sondern lediglich um eine Aufnahme Furtw\u00e4nglers vor einem \u00fcberdimensionalen Hitler-Plakat (dem er \u00fcbrigens mit nicht gerade begeistertem Blick den R\u00fccken zukehrt). Das eigentlich Interessante an Lebrechts Beitrag ist allerdings, dass diese \u201elatest discovery\u201c gar nicht neu ist. Das Bild, von dem er spricht, war der \u00d6ffentlichkeit sp\u00e4testens bekannt, seit Fred K. Prieberg es 1986 in seinem Buch <em>Kraftprobe. Wilhelm Furtw\u00e4ngler im Dritten Reich<\/em> publiziert hatte, auf dessen Schutzumschlag es au\u00dferdem zu sehen ist. 1986 bis 2019 macht 33 Jahre. Lebrecht hat sich also wieder einmal geirrt. Nicht \u201ecensorship, whitewash and hagiolatry\u201c haben daf\u00fcr gesorgt, dass er die Photographie erst mit solch immenser Versp\u00e4tung zur Kenntnis genommen hat, sondern schlicht seine Unwilligkeit, sich korrekt zu informieren. Bezeichnend erscheint auch der Umstand, dass er auf ein Bild, das vor Jahrzehnten in dem Buch eines Musikhistorikers abgedruckt wurde, durch die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> aufmerksam geworden ist. (Die Photographie gefiel Lebrecht \u00fcbrigens so gut, dass er sie am 25.&nbsp;September 2019 zur Illustration eines weiteren Beitrags auf <em>Slipped Disc<\/em> verwendete, in welchem er \u201ea series of videocasts, elaborating on the unofficial aspects of the great conductor\u201c ank\u00fcndigte.)<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Lebrecht-SlippedDisc-27.03.19.png\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Lebrecht-SlippedDisc-27.03.19.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4822\" width=\"601\" height=\"324\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Lebrecht-SlippedDisc-27.03.19.png 925w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Lebrecht-SlippedDisc-27.03.19-300x162.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Lebrecht-SlippedDisc-27.03.19-768x414.png 768w\" sizes=\"(max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a><figcaption>Das angeblich neu entdeckte Bild 2019 auf Lebrechts Seite&#8230;<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-680x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4823\" width=\"332\" height=\"499\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-680x1024.jpg 680w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-768x1156.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-1020x1536.jpg 1020w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-1360x2048.jpg 1360w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Furtwaengler-Kraftprobe-scaled.jpg 1701w\" sizes=\"(max-width: 332px) 100vw, 332px\" \/><\/a><figcaption>&#8230; und 1986 auf dem Umschlag von Priebergs Buch. <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Soviel zu Lebrechts fr\u00fcheren Eskapaden. Die Ver\u00f6ffentlichung von Fawzi Haimors Aufnahme der Ersten Symphonie durch cpo nahm er nun zum Anlass, seinem jahrzehntelangen Ver\u00e4chtlichkeitsfeldzug die Krone aufzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Kritik findet sich im englischen Original auf <em><a href=\"https:\/\/myscena.org\/norman-lebrecht\/the-lebrecht-weekly-wilhelm-furtwangler-1st-symphony-cpo\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/myscena.org\/norman-lebrecht\/the-lebrecht-weekly-wilhelm-furtwangler-1st-symphony-cpo\/\">My Scena<\/a><\/em>, ist aber auch bereits auf Franz\u00f6sisch, Tschechisch und Spanisch erschienen. Auf seiner eigenen Seite k\u00fcndigte Lebrecht noch weitere \u00dcbersetzungen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Was er da in die Welt hinausgeschickt hat, ist, um es vorneweg zu sagen, ein Gebr\u00e4u aus offensichtlichen Fehlern, Halbwahrheiten, Verleumdungen und schwachen Versuchen witzig zu sein. Aber sehen wir uns den Text Absatz f\u00fcr Absatz genauer an!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>In the spring of 1943, with millions being murdered across the continent of Europe, Germany\u2019s wealthiest conductor summoned the Berlin Philharmonic Orchestra to rehearse a symphony he had written in B minor, his first. Furtw\u00e4ngler had been writing it, on and off, since 1908 and had lately added a fourth movement for which he had high hopes. These aspirations were dashed on first play-through. \u2018Am very depressed,\u2019 he told his wife.<\/em> [\/] <em>Of all things to get depressed about at this darkest moment in modern history, a symphony seems relatively trivial, but such was the size of the maestro\u2019s ego that it occluded most things around him, including the Nazi horrors which he chose to ignore. The symphony was supposed to be his ticket to posterity and he must have realised, during rehearsal, that it would not buy him a ride anywhere beyond the suburbs.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u2192 Zun\u00e4chst f\u00e4llt wieder ein sachlicher Fehler auf: Die Erste Symphonie wurde weitgehend in den sp\u00e4ten 30er und fr\u00fchen 40er Jahren komponiert. Will man ihre Entstehungsgeschichte mit dem Largo-Satz beginnen lassen, der mit dem Kopfsatz der Ersten Symphonie das Anfangsthema (und nur dieses) gemeinsam hat, und von Furtw\u00e4ngler 1906 in seinem ersten Konzert uraufgef\u00fchrt wurde, so muss man die Anf\u00e4nge der Komposition ins Jahr 1905 verlegen, nicht 1908.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 Lebrecht beginnt effektvoll mit dem Zweiten Weltkrieg. Furtw\u00e4ngler soll hier als moralisch fragw\u00fcrdiger, egoistischer Mensch erscheinen, der es sich mitten im Krieg gut gehen l\u00e4sst (\u201eGermany&#8217;s wealthiest conductor\u201c) und sich nur um seine Kompositionen sorgt. Schwerer wiegt die Behauptung, Furtw\u00e4ngler h\u00e4tte sich entschieden, die Nazi-Greuel zu ignorieren. Erneut muss man sich fragen: Wie kann man einem Manne, der sich pers\u00f6nlich f\u00fcr Verfolgte eingesetzt hat, der aus Protest gegen die Beeinflussung des Kulturlebens durch die Politik bereits 1934 alle \u00f6ffentlichen \u00c4mter niederlegte, der sich weigerte in von der Wehrmacht besetzten L\u00e4ndern zu dirigieren, der sich dem Missbrauch seiner Person durch die NS-Propaganda so weitgehend entzog, wie es ihm m\u00f6glich war, vorwerfen, er habe die Augen vor der nationalsozialistischen Terrorherrschaft verschlossen? Man lese zu diesem Thema seri\u00f6se B\u00fccher wie Klaus Langs <em>Wilhelm Furtw\u00e4ngler und seine Entnazifizierung<\/em> (Aachen: Shaker Media 2012) und Fred K. Priebergs <em>Kraftprobe. Wilhelm Furtw\u00e4ngler im Dritten Reich<\/em> (Wiesbaden: F.\u00a0A. Brockhaus 1986).<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 Lebrecht meint, Furtw\u00e4nglers Niedergeschlagenheit nach der Probe w\u00e4re Wasser auf seine M\u00fchlen. Nun hat Furtw\u00e4ngler tats\u00e4chlich nie wieder einen Takt aus der Ersten Symphonie dirigiert. Dies bedeutet aber nicht, er h\u00e4tte das Werk als misslungen betrachtet und beiseite gelegt. Nein, er \u00fcberarbeitete es ein weiteres Mal, sodass er 1946 Eugen Jochum schreiben konnte: \u201eVon meinen Symphonien wird eine in diesem Jahr, die andere ein Jahr sp\u00e4ter herauskommen.\u201c (Klaus Lang: <em>Wilhelm Furtw\u00e4ngler und die Tragik seines Komponierens<\/em>, Aachen: Shaker Media 2013, S.&nbsp;55) Dies h\u00e4tte er (damals noch unter Auftrittsverbot) nicht geschrieben, wenn ihm die Erste zu dieser Zeit nicht auff\u00fchrungsreif erschienen w\u00e4re. W\u00e4hrend er die Zweite (die er 1948 urauff\u00fchrte) als \u201efix und fertig\u201c ansah, war die Erste f\u00fcr ihn aber nur \u201efertig\u201c (ebenfalls an Jochum 1946, siehe Lang: <em>Tragik<\/em>, S.&nbsp;49), und noch 1954 feilte er an einzelnen Stellen der Partitur. Dass er bis in sein Todesjahr um die endg\u00fcltige Gestalt dieses Werkes rang, zeigt deutlich genug, wie wichtig ihm dieses St\u00fcck war. Ein K\u00fcnstler macht sich nicht eine solche Arbeit mit einem Werk, das er f\u00fcr misslungen h\u00e4lt! Es kam lediglich durch den Tod des Komponisten zu keiner \u201eFassung letzter Hand\u201c. Furtw\u00e4ngler hat die Erste Symphonie \u201e&#8217;fertig&#8216;, aber mit einigen Fragezeichen f\u00fcr die Nachwelt hinterlassen\u201c, wie Sebastian Krahnert \u00fcber den vergleichbaren Fall des Klavierquintetts schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Furtw\u00e4ngler died in 1954 and, though his cult as a legendary conductor continued to grow, his first symphony did not get performed until 1991. Two recordings were issued soon after, neither of them convincing. I was hoping for more from the W\u00fcrttemberg Philharmonie of Reutlingen, conducted by Fawzi Hamor [sic], on a label that performs noble service to German music, great and small. It soon confirmed my long impresion [sic] that Furtw\u00e4ngler\u2019s composing talent was too small to be measured on any musical scale.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich Lebrecht nicht entgehen, die lange Zeitspanne zwischen Furtw\u00e4nglers Tod und der Urauff\u00fchrung hervorzuheben. Der Grund f\u00fcr die versp\u00e4tete Urauff\u00fchrung (die Ersteinspielung geschah bereits 1989) lag, \u00e4hnlich wie im Falle des Klavierquintetts, in dem philologisch problematischen Zustand der Partitur begr\u00fcndet. Die Furtw\u00e4ngler-Pflege konzentrierte sich zun\u00e4chst auf die Werke, zu denen ein Notentext letzter Hand vorlag.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 Kann man Lebrecht angesichts seiner S\u00e4tze von 1992 tats\u00e4chlich glauben, wenn er schreibt: \u201eI was hoping for more\u201c, oder ist dies nur reine Rhetorik?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>If Bruckner married Mahler and hired Wagner and Brahms to tutor their backward child, the infant might have doodled something like Furtw\u00e4ngler\u2019s B-minor symphony. This work is not so much composed as collaged. Trademarked themes of other composers are pasted onto a vast canvas of almost ninety minutes, each movement opening with a tune you know you\u2019ve heard before.<\/em> [\/] <em>The wholesale theft of classical treasures becomes so blatant that, six minutes into the Adagio, Furtw\u00e4ngler starts churning out chunks of Beethoven\u2019s ninth symphony, as if we\u2019d never know. Vanity aside, he repeats himself (or others) over and over again until you wonder how it was possible that so insightful and atmospheric a conductor could be so deaf and senseless to his own emanations. The fine musicians of Reutlingen do their level best to get us through; the fawning sleeve-notes are the most muddled I have read in years.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 Hier wird Lebrecht nicht nur gegen Furtw\u00e4ngler ehrenr\u00fchrig, sondern auch gegen Eckhardt van den Hoogen, den Autor des Begleittextes. Als \u00dcbersetzung des Wortes \u201efawning\u201c wird mir von den konsultierten Nachschlagewerken nicht nur \u201eliebedienernd\u201c, sondern auch \u201ekriecherisch\u201c, \u201eh\u00fcndisch\u201c, \u201eschwanzwedelnd\u201c angeboten. Mit diesem Wort wird ein Autor bedacht, der sich sorgf\u00e4ltig mit Leben und Werk des von ihm dargestellten Komponisten vertraut gemacht hat und auf Grundlage dieses umfassenden Wissens in seinem Text ein m\u00f6glichst getreues Charakterbild des K\u00fcnstlers zu vermitteln strebt. Van den Hoogens Art, sich gleichsam in die Psyche der Komponisten, \u00fcber die er schreibt, hineinzudenken, mag nicht Jedermanns Sache sein und birgt gewiss Risiken. Gerade aber, weil van den Hoogen diese Risiken auf sich nimmt, verdient er Respekt. Er ist ein Autor, der wagt, was sich viele andere nicht trauen. Und das Ergebnis gibt ihm meistens Recht. Der Furtw\u00e4ngler-Text macht darin keine Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 Zum Schluss seines Artikels l\u00e4sst Lebrecht die Katze aus dem Sack und zeigt uns, dass er offensichtlich rettungslos in Reminiszenzenj\u00e4gerei befangen ist. Nach Ankl\u00e4ngen an andere Werke Ausschau zu halten, mag ein h\u00fcbscher Zeitvertreib sein und mitunter auch tats\u00e4chlich Interessantes zu Tage f\u00f6rdern, aber was ist davon zu halten, wenn diese T\u00e4tigkeit mit solch fanatischem Ernst betrieben wird, wie Lebrecht es hier tut? Lebrechts Worte sind ein Dokument uneingestandener Hilflosigkeit. Man hat einen routinierten Kritiker vor sich (oder besser: einen in Routine erstarrten Kritiker), welcher 1. offensichtlich weder willens noch f\u00e4hig ist, sich mit dem Werk ernsthaft auseinanderzusetzen, und 2. die Vorurteile, die er gegen\u00fcber dem Komponisten hegt und selbstgef\u00e4llig pflegt, auf Biegen und Brechen sich und anderen best\u00e4tigen will. F\u00fcr Lebrecht ist Furtw\u00e4ngler also ein Dieb (bereits 1992 klingt dies in seiner Einsch\u00e4tzung des Klavierkonzerts an), und der Kritiker h\u00e4lt sich f\u00fcr besonders schlau, weil er meint, diesen \u201eDieb\u201c \u00fcberf\u00fchrt zu haben. Wenn man wei\u00df, dass Lebrecht ein leidenschaftlicher Verehrer Gustav Mahlers ist, und bedenkt, dass er bereits 1992 in seinem Handbuchartikel Furtw\u00e4ngler und Mahler einander gegen\u00fcbergestellt hat, so m\u00f6chte man glauben, er versuche hier die Vorw\u00fcrfe, die man fr\u00fcher Mahler gemacht hat, auf einen anderen Komponisten (der zugleich, wie Mahler, ein gro\u00dfer Dirigent war) zu \u00fcbertragen und damit gleichsam ein Negativbeispiel zu Mahler zu schaffen: Seht her \u2013 scheint er uns zwischen den Zeilen sagen zu wollen \u2013, die Diebst\u00e4hle, die man Mahler zu Unrecht vorwarf, Furtw\u00e4ngler hat sie begangen! Da stellt sich die Frage, was eigentlich so schlimm daran sein soll, wenn ein Komponist aus einem fremden Einfall einen eigenen macht. Dass bei Mahler die Anfangsthemen der Dritten und Sechsten Symphonie und das Rondo-Thema der Siebten auffallend an Melodien von Brahms, Bruckner und Wagner anklingen, ist doch keine Schande! Wenn Mahler hier den Reminiszenzenj\u00e4gern K\u00f6der ausgelegt hat, so tat er das \u2013 Humorist, der er war \u2013, um sie zu foppen. Bereits bei der Komposition d\u00fcrfte er innerlich dar\u00fcber gelacht haben, dass das \u201ejeder Esel h\u00f6ren wird\u201c, um es mit Brahms zu sagen. Au\u00dferdem hat er allen Themen etwas Neues, Eigenes hinzugef\u00fcgt. In der Form, in der er sie pr\u00e4sentiert, sind sie nicht mehr die Themen anderer Komponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mahler ist kein Melodiendieb. Noch unsinniger wirkt der Versuch, Furtw\u00e4ngler dergleichen anzuh\u00e4ngen, denn dessen melodische Erfindung war so eigen, dass jedes Zitieren fremder Musik im Kontext seines Stiles wie ein Fremdk\u00f6rper h\u00e4tte wirken m\u00fcssen. Dabei gibt es allerdings Reminiszenzen in Furtw\u00e4nglers Werken. Ich erinnere an ein Thema im Kopfsatz der Ersten Symphonie, dessen Anfang im zweiten Satz der Dritten wieder auftaucht. Auch f\u00e4ngt das Symphonische Konzert mit beinahe dem gleichen Motiv an wie die Zweite Symphonie. Themen, die auf Tonleiterausschnitten basieren, oder solche mit sinusartigen Melodieverl\u00e4ufen gibt es in jedem Werk Furtw\u00e4nglers, sodass schon dadurch Ankl\u00e4nge der Werke untereinander gew\u00e4hrleistet sind. Dies liegt schlicht daran, dass Furtw\u00e4ngler der Archetyp eines \u201eIgels\u201c ist. So nennt Isaiah Berlin in seinem Buch <em>Der Igel und der Fuchs<\/em>, ankn\u00fcpfend an das antike Sprichwort \u201eDer Fuchs wei\u00df verschiedene Sachen, der Igel aber nur eine gro\u00dfe\u201c diejenigen K\u00fcnstler und Denker, die von einer gro\u00dfen Idee besessen sind, auf welche sie alles beziehen. Auch Furtw\u00e4ngler hat sein Leben lang eigentlich immer das gleiche Ziel verfolgt. Die einzelnen Werke sind individuelle L\u00f6sungen einer stets gleich bleibenden Aufgabenstellung \u2013 wie bei Bruckner, der ja auch als \u201eIgel\u201c in Reinform gelten kann (als sp\u00e4tere Vertreter dieses Typus lassen sich etwa Allan Pettersson, Robert Simpson, Peter Mennin nennen). Und so wie Bruckner mit gewisser Regelm\u00e4\u00dfigkeit sich selbst zitiert, vielleicht sogar unbeabsichtigt, so tut dies Furtw\u00e4ngler ebenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe gern zu, dass mir die Ankl\u00e4nge an Beethovens Neunte, die Lebrecht im Adagio der Ersten Symphonie Furtw\u00e4nglers zu h\u00f6ren meint, nie aufgefallen sind. Warum nicht? Weil dieses Adagio mich durch das, was es ist, so gefesselt hat, dass ich mich nicht darum k\u00fcmmerte, ob Reminiszenzen an ein anderes Meisterwerk darin sind oder nicht. Gedanken dar\u00fcber, was es zur individuellen Beschaffenheit dieses Satzes zu sagen geben k\u00f6nnte, kommen Lebrecht gar nicht. Meint er ernsthaft, dass es das Wesentliche an diesem St\u00fcck sei, dass Furtw\u00e4ngler hier \u201egestohlen\u201c habe? Lebrecht hat mit seinen Lesern etwas Bestimmtes vor: Sie sollen gedanklich gelenkt werden, und zwar nicht hin zu einem besseren Verst\u00e4ndnis des Werkes, sondern sie sollen ebenso eine Mauer zwischen sich und dem Werk hochziehen, wie sie Lebrecht f\u00fcr seine Person errichtet hat. Wenn in der Kritik steht, jeder Satz der Symphonie beginne mit einem Thema, von dem man wisse, dass man es schon einmal geh\u00f6rt habe, so ist das eine Aufforderung an die Leser, sich, wenn sie denn dazu kommen das St\u00fcck zu h\u00f6ren, auf die Frage zu konzentrieren, wo man dieses oder jenes Thema bereits geh\u00f6rt haben k\u00f6nnte. Sie sollen davon abgelenkt werden, den musikalischen Ereignissen zu folgen, so wie Lebrecht ihnen nicht mehr folgen kann, da seine alten Vorurteile gegen Furtw\u00e4ngler ihm den Weg versperrt haben. Man erlebt in seinem Text, wie ein Kritiker, um seine einmal gefestigten Ansichten \u00fcber einen Komponisten zu best\u00e4tigen, alle seine Kr\u00e4fte zur Reminiszenzenjagd aufbietet, um wenigstens irgendetwas zu finden, das gegen den Komponisten verwendet werden kann. Dass Lebrecht dann keine Kraft mehr hat, sich auf das Werk selbst zu konzentrieren, ist die nat\u00fcrliche Folge.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowenig man Furtw\u00e4ngler einen derivativen Komponisten nennen kann, so sehr sind Lebrechts Ausf\u00fchrungen zu seinem Schaffen von Anfang bis Ende ein Derivat, zusammengeleimt aus dem Billigsten, was an Klischees und Vorurteilen \u00fcber Furtw\u00e4nglers Kompositionen im Laufe der Zeit von Unwissenden und \u00dcbelwollenden in Umlauf gebracht worden ist. Unter seinen H\u00e4nden ist dieses Gedankengut geradezu eine Karikatur seiner selbst geworden. Man kann beinahe von einer unfreiwilligen Satire sprechen. Kann man angesichts dieser Bankrotterkl\u00e4rung eines der hartn\u00e4ckigsten Verleumder Furtw\u00e4nglers vermuten, dass die Gegner des Komponisten ihr Pulver verschossen haben? Gewiss wird man sie noch zu der einen oder anderen Schlammschlacht ausr\u00fccken sehen, aber ihre hohlen Phrasen, die sie mangels tats\u00e4chlicher Argumente gezwungen sind fortw\u00e4hrend zu wiederholen, werden sich immer weiter abnutzen. An Furtw\u00e4nglers Werken werden ihre Attacken zerschellen wie eh und je. Dem Konzertleben, den Tontr\u00e4gerproduktionen und der Musikwissenschaft dagegen steht ein zahlenm\u00e4\u00dfig nicht gro\u00dfes, aber daf\u00fcr umso gehaltvolleres Schaffen zur Verf\u00fcgung, das diejenigen reich belohnen wird, die sich mit Ernst und Zuneigung seiner Ergr\u00fcndung widmen. Es verdiente eine bessere Pflege als sie ihm im 20.&nbsp;Jahrhundert zu Teil wurde. Tun wir es nicht Lebrecht und seinesgleichen gleich, sondern:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>H\u00f6ren wir dem Komponisten Wilhelm Furtw\u00e4ngler gut zu!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/FurtwaenglerAgop.png\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/FurtwaenglerAgop.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4825\" width=\"521\" height=\"732\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/FurtwaenglerAgop.png 426w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/FurtwaenglerAgop-213x300.png 213w\" sizes=\"(max-width: 521px) 100vw, 521px\" \/><\/a><figcaption>Programmzettel zur ersten Auff\u00fchrung von Furtw\u00e4nglers Zweiter Symphonie, die nicht vom Komponisten selbst geleitet wurde. Es dirigierte Rolf Agop (1908-1998).<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Januar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hatten wir uns in Teil&nbsp;1 dieses Aufsatzes den drei gro\u00dfen Vorurteilen gegen den Komponisten Wilhelm Furtw\u00e4ngler und ihrer Widerlegung gewidmet, so befasst sich der zweite Teil (der heute zum 136. Geburtstag Furtw\u00e4nglers erscheint) zun\u00e4chst mit den Reaktionen der Musikkritik auf die 2021 bei cpo erschienene Aufnahme der Ersten Symphonie durch die W\u00fcrttembergische Philharmonie Reutlingen unter &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/25\/der-komponist-wilhelm-furtwaengler-und-seine-gegner-2\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Komponist Wilhelm\u00a0Furtw\u00e4ngler und\u00a0seine\u00a0Gegner (2)<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13,62],"tags":[4238,4245,1941,4134,4246,1132,428,1505,4242,4103,4117,4241,4177,156,4247,4243,1190,86,4239,4244,4128,4118,4114,4248,4098,4240],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4821"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4821"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4821\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4852,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4821\/revisions\/4852"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4821"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4821"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4821"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}