{"id":4848,"date":"2022-02-08T00:02:00","date_gmt":"2022-02-07T23:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4848"},"modified":"2022-02-04T04:48:18","modified_gmt":"2022-02-04T03:48:18","slug":"klassischer-jazz-notierte-improvisation-nikolai-kapustin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/02\/08\/klassischer-jazz-notierte-improvisation-nikolai-kapustin\/","title":{"rendered":"Klassischer Jazz, notierte Improvisation"},"content":{"rendered":"\n<p>Edition Schott: Gingerbread Man op. 111 ED 23033; Wheel of Fortune op 113 ED 23035<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mehrere sp\u00e4te Werke des ukrainischen Komponisten Nikolai Kapustin erschienen nun bei Schott, darunter die hier besehenen <\/em>Gingerbread Man<em> op. 111 und <\/em>Wheel of Fortune<em> op. 113.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die meiste Zeit seines Lebens blieb Nikolai Kapustin ein Geheimtipp. Man war sich uneins \u00fcber seine Position, konnte seine widerspr\u00fcchliche Musik nicht so recht einordnen. Den Umsturz bedeutete eine Aufnahme Steven Osbornes aus dem Jahr 2000, die mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik pr\u00e4miert wurde und pl\u00f6tzliches Interesse an der Musik Kapustins aufkeimen lie\u00df. Vor allem Pianisten folgten: Marc-Andr\u00e9 Hamelin, Christopher Park und Elisaveta Blumina seien exemplarisch f\u00fcr die Vielzahl an namhaften Virtuosen genannt, die nun den Ukrainer entdeckten und ebenfalls einspielten. Als Kapustin am 2. Juli 2020 verstarb, \u00fcberschlugen sich die Medien geradezu vor Kondolenzbekundungen \u2013 aus dem Insider war einer der gefragtesten Musiker geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Laufbahn des am 22. November 1937 in Nikitowka, Vorort der ukrainischen Stadt Horliwka, geborenen Nikolai Kapustin fand nahezu vollst\u00e4ndig in Moskau statt. Nach erstem Klavierunterricht durch seine Mutter und durch Pjotr Winnitschenko (unter dem auch eine <em>Erste Klaviersonate<\/em> entstand, geschrieben mit dreizehn Jahren), reiste er 1952 in die russische Metropole, um sich f\u00fcr das Academic Music College zu bewerben. Dort nahm in Awrelian Rubach in seine Klasse auf, einem sehr gefragten Lehrer, der aus der Tradition Felix Blumenfelds kam. 1956 bestand er seine Pr\u00fcfung f\u00fcrs Moskauer Konservatorium, studierte dort beim legend\u00e4ren Pianisten und Komponisten Alexander Goldenweiser. Anzumerken sei hierbei, dass Kapustin sich ausschlie\u00dflich am Klavier ausbilden lie\u00df, sich das Komponieren autodidaktisch erarbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag hatte der Student seine Passion f\u00fcr Jazz entdeckt und empfand diesen als die ideale, seinem Naturell entsprechende Form der musikalischen Kommunikation. Er spielte in mehreren Bigbands, gr\u00fcndete ein Jazz-Quintett und musizierte \u00fcber mehr als zehn Jahre im Orchester von Oleg Lundstrem, einem Sch\u00fcler Ellingtons und Armstrongs. In den 70ern kam Kapustin ins Orchester von Boris Karamyschew, das bekannt war, auch symphonischen Jazz zu spielen, und schrieb f\u00fcr dieses zahlreiche Kompositionen \u2013 unter anderem das <em>Zweite Klavierkonzert<\/em> op. 14, durch das er 1980 zum Mitglied des Sowjetischen Komponistenverbands wurde, wodurch erstmals sein Werk auch als staatlich anerkannt galt. Von 1984 an wirkte er ausschlie\u00dflich freiberuflich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik Kapustins empfindet man beim H\u00f6ren als dem Jazz deutlich verwandt, wobei die Strukturen denen klassischer Formen n\u00e4her sind. Die meisten Werke strahlen durch treibende Rhythmik und physisch-virtuose Brillanz, die einen unverkennbar haptischen bis gar k\u00f6rperlichen Eindruck verleiht. Die Linien wirken oftmals frei, wie improvisiert, und doch steckt eine innere Struktur dahinter, die auf eine deutliche Reifung durch den Kompositionsprozess verweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hauptverleger Kapustins ist der deutsche Verlag <em>Schott<\/em>, der Ende 2021 wieder neue Werke in seinen Katalog aufnahm \u2013 namentlich k\u00fcrzere Klavierkompositionen nach 2000, die Opusnummern \u00fcber 100 aufweisen. Von diesen liegen hier <em>Gingerbread Man<\/em> op.&nbsp;111 (ED 23033) und <em>Wheel of Fortune<\/em> op. 113 (ED 23035) vor. Es handelt sich in beiden F\u00e4llen um von den Erben autorisierte Versionen, die erstmalig auf dem Markt erschienen. Die beiden im Jahr 2003 komponierten Werke unterscheiden sich deutlich durch Struktur und Klang: <em>Gingerbread Man<\/em> op.&nbsp;111 k\u00f6nnte vom H\u00f6reindruck ausgehend rein aus der Improvisation entstanden sein, denn das thematische Material kehrt nie w\u00f6rtlich zur\u00fcck, nur in gr\u00f6\u00dftenteils recht weit vom Ausgangspunkt entfernten Variationen. Schon nach wenigen Takten spinnt sich der Initialgedanke fort und in der Mitte der zweiten Seite heben improvisatorisch anmutende Linien an, uns vollends vom Ausgangspunkt fortzutragen. Man folgt dem Fluss der Musik, l\u00e4sst sich treiben und bewundert die immer neuen rhythmischen wie harmonischen Wunder, die an einem vorbeiziehen. Dabei steht <em>Gingerbread Man<\/em> durchweg im 4\/4-Takt ohne Tempo\u00e4nderungen, folgt also einem kontinuierlichen Strom. Ganz anders <em>Wheel of Fortune<\/em>, das wie der durch den Titel besungene Reichtum launisch und wechselhaft erscheint. Im Zentrum steht eine eing\u00e4ngige, rhythmisch aufgeladene Bassfigur, die immer wieder deutlich hervortritt und somit die Form pr\u00e4gt. Dadurch wirkt das St\u00fcck ungleich klassischer, durchkomponierter. Dazwischen heben wieder freie, virtuose L\u00e4ufe an, doch scheinen sie hier gefasster im allgemeinen Strom \u2013 auch wenn die regelm\u00e4\u00dfigen Taktwechsel mit Fokus auf den 7\/8-Takt versuchen, dies zu unterminieren. Beide St\u00fccke erfordern fundierte technische Kenntnisse des Klaviers, rhythmische Pr\u00e4gnanz, klaren Anschlag und gewisses Grundwissen auch \u00fcber Harmonik und Auff\u00fchrungspraxis im Jazz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausgaben von Schott setzen auf ein klares, feines Notenbild, das die Noten vergleichsweise klein setzt, um Raum f\u00fcr die Vielzahl an auftretenden Vorzeichen zu lassen und die rhythmische Struktur offenzulegen. Auch f\u00fcr Anmerkungen beim \u00dcben finden wir reichlich Platz zwischen den Systemen, was das Arbeiten mit diesen Ausgaben ausgesprochen angenehm macht. Alles wirkt geordnet, regelrecht \u201eaufger\u00e4umt\u201c. Dadurch erh\u00f6ht sich nat\u00fcrlich die Seitenanzahl, wobei das Bl\u00e4ttern bei solch einer pausenlos str\u00f6menden Musik nicht immer leichtf\u00e4llt; doch darf dies im Ausgleich f\u00fcr das leicht leserliche und gut konturierte Notenbild zweifelsohne das kleinere \u00dcbel (und kaum vermeidbar gewesen) sein. Die Fingers\u00e4tze erscheinen durchweg gew\u00e4hlt und sinnig, dabei nicht inflation\u00e4r, sondern nach M\u00f6glichkeit an Stellen, die mehrere Optionen offenlassen und somit die Hand in die Irre f\u00fchren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edition Schott: Gingerbread Man op. 111 ED 23033; Wheel of Fortune op 113 ED 23035 Mehrere sp\u00e4te Werke des ukrainischen Komponisten Nikolai Kapustin erschienen nun bei Schott, darunter die hier besehenen Gingerbread Man op. 111 und Wheel of Fortune op. 113. 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