{"id":4856,"date":"2022-02-04T04:47:49","date_gmt":"2022-02-04T03:47:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4856"},"modified":"2022-02-04T05:02:30","modified_gmt":"2022-02-04T04:02:30","slug":"beethovens-diabelli-variationen-mit-klanglichem-feingefuehl-spartak-margaryan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/02\/04\/beethovens-diabelli-variationen-mit-klanglichem-feingefuehl-spartak-margaryan\/","title":{"rendered":"Beethovens Diabelli-Variationen mit klanglichem Feingef\u00fchl"},"content":{"rendered":"\n<p>Sonus Eterna, 37423; EAN: 4 260398 610090<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/BeethovenMargaryan.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/BeethovenMargaryan.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4857\" width=\"454\" height=\"413\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/BeethovenMargaryan.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/BeethovenMargaryan-300x273.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der 1994 in Hamburg geborene Pianist Spartak Margaryan stellt sich Ludwig van Beethovens kolossalen <\/em>33 Ver\u00e4nderungen \u00fcber einen Walzer von Anton Diabelli<em> in C-Dur op.\u00a0120, heute haupts\u00e4chlich als <\/em>Diabelli-Variationen<em> bekannt. Die CD erschien beim Label Sonus Eterna.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die umfangreichen wie anspruchsvollen, allein durch die L\u00e4nge von etwa einer Stunde ehrfurchtgebietenden <em>Diabelli-Variationen<\/em> C-Dur op. 120 geh\u00f6ren zu den Meilensteinen der Klavierliteratur, zu einem H\u00f6hepunkt der Form allgemein. Dass Beethoven das schlichte, zu Beginn seiner diesbez\u00fcglichen Besch\u00e4ftigung gar als \u201eSchusterflecke\u201c verh\u00f6hnte Thema nicht mit blo\u00dfer Ornamentik und glitzerndem Fingerwerk f\u00fcllen w\u00fcrde, erkl\u00e4rt sich von selbst, besieht man seine anderen als Variationen titulierten wie auch in anderen Gro\u00dfformen enthaltenen Ketten an Ver\u00e4nderungen. Selbst in seinen mit zw\u00f6lf Jahren komponierten <em>Dressler-Variationen<\/em> WoO 63 beweist er schon das Gesp\u00fcr, Themen nicht blo\u00df zu f\u00fcllen, sondern als Ausgangspunkt f\u00fcr eigene Entwicklungen zu nutzen. Die Gattung der Variation sah Beethoven als lebenslanges Training f\u00fcr Kreativit\u00e4t und Formgestaltung, feilte entsprechend unentwegt daran, den Themen immer neue Facetten abzuringen. In den <em>Diabelli-Variationen<\/em>, einem seiner sp\u00e4testen Klavierwerke, forderte er die Variation in all ihren Aspekten heraus, bewies vollst\u00e4ndige Durchdringung des Themas und konnte jeden noch so nichtig erscheinenden Aspekt herauspicken und eigens ins rechte Licht r\u00fccken. Anders als in den zwischenzeitlich entstandenen drei letzten Klaviersonaten von 1822, wo die thematischen Fortspinnungen in Gro\u00dfformen zusammengeschwei\u00dft wie aus einem Guss erscheinen, brechen sich die Ver\u00e4nderungen des Diabelli-Walzers auf und scheinen in gewissen Teilen gar untereinander austauschbar zu sein: Beethoven pr\u00e4sentierte ein Kaleidoskop an M\u00f6glichkeiten, eine kaum w\u00fcrdig erscheinende Vorlage in hohe Kunst zu transformieren. (Dabei sollte die Vorlage doch nicht verachtet werden, denn sie wurde explizit als Vorlage f\u00fcr Variationen komponiert. Ihre Anlage fordert es, mit ihr frei zu verfahren, den Sinn f\u00fcr eigene Expansion und Gestaltungsgabe auf die Probe zu stellen.)<\/p>\n\n\n\n<p>In der hier vorliegenden Aufnahme wagt sich ein junger, aufstrebender Pianist an dieses Sp\u00e4twerk, welches neben fingertechnischen wie auch gestalterischen H\u00f6chstleistungen profunde Kenntnis der Genese der Beethoven\u2019schen Variationsformen voraussetzt. W\u00e4re dies nicht schon bemerkenswert genug, dass Spartak Margaryan sechsundzwanzigj\u00e4hrig das Studio betritt mit solch einem schwierigen, in zahlreichen Referenzaufnahmen bereits erschienenen \u201eBrocken\u201c der Klavierliteratur, so besticht seine enorme Gesetztheit und profunde Kenntnis, ja Durchdringung des Werkes. Das Spiel ist weit entfernt von jugendlichem St\u00fcrmen und Dr\u00e4ngen, von Selbstpr\u00e4sentation \u2013 ganz im Gegenteil: Margaryan reduziert \u00e4u\u00dferen Glanz auf ein Minimum und taucht ein in die Tiefen von Beethovens Klangkosmos.<\/p>\n\n\n\n<p>Spartak Margaryan sieht Beethoven nicht als polternden Vorreiter einer Ausdruckskunst, die wir landl\u00e4ufig als \u201eRomantik\u201c bezeichnen, sondern bezieht Beethovens Satz auf die klangliche Verfeinerung und Differenziertheit der Wiener Klassik. Ungest\u00fcmen Forti und Sforzati schw\u00f6rt er ab, nimmt auch Pedal mit Bedacht, l\u00e4sst so eine luzide, geb\u00e4ndigte Klangkultur aufkeimen. Dabei schafft Margaryan doch Kontraste durch den deutlichen Unterschied zwischen Forte und Piano sowie zwischen den Variationen durch gew\u00e4hlte Tempi. Gerade die langsamen Ver\u00e4nderungen nimmt Margaryan gewagt langsam, fordert den innermusikalischen Zusammenhalt in einer Extremsituation heraus \u2013 geht aber in den meisten F\u00e4llen siegreich hervor. Lediglich die Variationen, die sich ununterbrochen um das immer gleiche Motivfragment drehen, so insbesondere die Variationen I und IX, k\u00f6nnten noch an Stringenz des Aufbaus hinzugewinnen, um die Form zu straffen. Umso gelungener daf\u00fcr die kontrapunktische Ausgestaltung aller Stimmen, durch die selbstredend gerade die mehrstimmig angelegten Variationen aufbl\u00fchen (also in erster Linie IV, V, XI, XIV, XIX, XXIV, XXX und XXXII), doch auch die restlichen Ver\u00e4nderungen ziehen gro\u00dfe Vorteile aus der aktiven Gestaltung der Gegenstimmen, namentlich III, XII, XV und XVIII. Dagegen wei\u00df Spartak Margaryan auch, Stimmen im Untergrund zu belassen, die ansonsten durch ihre Klangf\u00fclle die Melodie st\u00f6ren k\u00f6nnten (XVI und XXI).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gesamteindruck legt Spartak Margaryan eine beeindruckende und in jeder Hinsicht bemerkenswerte Darlegung der <em>33 Ver\u00e4nderungen eines Walzers von Diabelli<\/em> op. 120 vor, die durch pr\u00e4zise Kenntnis, musikalisches Feingef\u00fchl und gew\u00e4hlte Klangvorstellung \u00fcberzeugt. Wir k\u00f6nnen gespannt bleiben, wie sich dieser junge Musiker weiterhin entwickeln wird!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonus Eterna, 37423; EAN: 4 260398 610090 Der 1994 in Hamburg geborene Pianist Spartak Margaryan stellt sich Ludwig van Beethovens kolossalen 33 Ver\u00e4nderungen \u00fcber einen Walzer von Anton Diabelli in C-Dur op.\u00a0120, heute haupts\u00e4chlich als Diabelli-Variationen bekannt. 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