{"id":4863,"date":"2022-02-15T23:44:00","date_gmt":"2022-02-15T22:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4863"},"modified":"2022-02-19T20:18:56","modified_gmt":"2022-02-19T19:18:56","slug":"fuer-hausmusik-und-klavierunterricht-klussmanns-xenien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/02\/15\/fuer-hausmusik-und-klavierunterricht-klussmanns-xenien\/","title":{"rendered":"F\u00fcr Hausmusik und Klavierunterricht: Klussmanns Xenien"},"content":{"rendered":"\n<p>Sikorski SIK0201; ISMN: 9790003033143<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/KlussmannXenien.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/KlussmannXenien.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4865\" width=\"336\" height=\"479\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/KlussmannXenien.jpg 288w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/KlussmannXenien-211x300.jpg 211w\" sizes=\"(max-width: 336px) 100vw, 336px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie suchen nach Klaviermusik des 20.&nbsp;Jahrhunderts f\u00fcr den Hausgebrauch? Nach St\u00fccken von geringer Schwierigkeit, die trotzdem anspruchsvoll komponiert sind und ihrem Spieler Vergn\u00fcgen bereiten? Antiquarisch fiel mir vor kurzem ein Heft mit sechs kurzen Klavierst\u00fccken in die H\u00e4nde, von denen ich meine, dass sie diesen Anforderungen gerecht werden. Es handelt sich um die <em>Xenien<\/em> op.&nbsp;27 von Ernst Gernot Klussmann. Sie sind bei Sikorski erschienen und wurden erstmals 1951 ver\u00f6ffentlicht, k\u00f6nnen aber nach wie vor vom Verlag bezogen werden, weswegen hiermit ausdr\u00fccklich auf sie hingewiesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Gernot Klussmann wurde 1901 in Hamburg geboren, war also etwas j\u00fcnger als Paul Hindemith und Johann Nepomuk David, gleichaltrig mit Ernst Pepping, und etwas \u00e4lter als G\u00fcnter Raphael und Kurt Hessenberg. Wie diese wuchs er noch in der Tradition des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts auf \u2013 sein Kompositionslehrer war der als Symphoniker und Oratorienkomponist hochbedeutende Altonaer Musikdirektor Felix Woyrsch \u2013 und suchte ab den 1920er Jahren neue Wege. Auch f\u00fcr Klussmann wurde der Eindruck barocker Polyphonie bedeutsam. Eine Vorliebe f\u00fcr kontrapunktischen Tonsatz, die sich in zahlreichen als Choralbearbeitung, Passacaglia oder Fuge gestalteten S\u00e4tzen niederschl\u00e4gt, pr\u00e4gt sein gesamtes Schaffen. Seit 1942 als Musikp\u00e4dagoge in seiner Geburtsstadt wirkend, genoss Klussmann den Ruf eines hervorragenden Lehrers. Als Komponist war er vor allem durch seine ab 1928 entstandenen ersten f\u00fcnf Symphonien bekannt geworden. Hatte er in diesen Werken streng tonal zentriert komponiert, so vollzog er in den 50er Jahren einen radikalen Stilwandel, indem er sich der Zw\u00f6lftonmusik zuwandte. Unter Verwendung der Zw\u00f6lftonmethode, die er, \u00e4hnlich wie Alban Berg, Nikos Skalkottas oder Alberto Ginastera, zunehmend frei behandelte, schrieb er bis zu seinem Tode 1975 weitere f\u00fcnf Symphonien und mehrere Opern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Xenien<\/em> geh\u00f6ren zu den letzten nicht-zw\u00f6lft\u00f6nigen Werken Klussmanns. Es handelt sich eindeutig um Nebenwerke, allerdings um Nebenwerke eines reifen Meisters, der kurz zuvor seine F\u00fcnfte Symphonie beendet hatte. Der Symphoniker zeigt sich in diesen St\u00fccken, von denen das k\u00fcrzeste eine halbe, das l\u00e4ngste drei Druckseiten umfasst, als konzentriert arbeitender Miniaturist. Kein Takt ist hier zu viel, und jeder hat Anteil an einer konsequent vorangetriebenen, in sich geschlossenen Entwicklung. Klussmann l\u00e4dt den Spieler ein und macht ihm Mut, indem er mit einem sehr einfachen, zweistimmigen St\u00fcck beginnt, das nur 24 Takte dauert, \u201eModernismen\u201c ganz dezent einsetzt (erniedrigter Leitton, offene Quintparallele) und sich geradewegs vom Blatt spielen l\u00e4sst. Nichtsdestoweniger werden beide H\u00e4nde bereits hier selbstst\u00e4ndig behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nr.&nbsp;2, in e-phrygisch, die durch einen ruhelosen, elegischen Ton besticht, steht in langsamem 3\/4-Takt und wird von einem durchgehenden Achtelduktus getragen. Das St\u00fcck schult beide H\u00e4nde gleicherma\u00dfen im Spiel gesanglicher Melodielinien: Erst tauschen Rechte und Linke nach vier Takten die Stimmen, dann erh\u00e4lt jede Hand eine ostinate Begleitung, zu welcher die jeweils andere auf einfache Weise mehrstimmig spielt. Herbe Dissonanzen, die sich aus der Stimmf\u00fchrung ergeben, verleihen der Musik zus\u00e4tzlichen Reiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dritte St\u00fcck ist ein sehr sparsam gesetzter, nur in wenigen Takten die Zweistimmigkeit verlassender L\u00e4ndler. Die linke Hand \u00fcbernimmt kurz in der Mitte die Melodie, hat aber ansonsten eine durchgehend staccato vorzutragende, in gleichm\u00e4\u00dfigen Vierteln gehaltene Begleitung aus Quarten und Tritoni zu spielen. Die Dynamik muss der Spieler aus der Musik herausf\u00fchlen, da der Komponist lediglich den Schluss (in F statt des erwarteten E) mit einer Angabe versehen hat (pp).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die \u201eruhig bewegte\u201c, aber durchaus beschwingt wirkende Nr.&nbsp;4 (g-Moll) gibt der linken Hand \u00fcber weite Stecken eine gleichm\u00e4\u00dfige Begleitung zu spielen, diesmal allerdings in Form st\u00e4ndiger Quintspr\u00fcnge. Harmonisch ist das St\u00fcck offensiver modern als die vorigen: Die rechte Hand spielt zahlreiche Sekundparallelen, und in den G-Schlussakkord mischen sich ein F und ein A. Spieltechnisch geschult werden die H\u00e4nde hier durch die Umkehrung der Motive in der zweiten H\u00e4lfte des St\u00fccks.<\/p>\n\n\n\n<p>Die an f\u00fcnfter Stelle stehende Invention, die gleich zu Beginn E und G in der Linken auf Es in der Rechten treffen l\u00e4sst und die gleiche Konstellation zum Schluss in die Dissonanz E-G-D \u201eaufl\u00f6st\u201c (es wirkt tats\u00e4chlich entspannend), ist das einzige St\u00fcck der Reihe, das gr\u00f6\u00dfere Anspr\u00fcche an die Fingerfertigkeit stellt. Die H\u00e4nde tauschen hier untereinander eine melodisch pr\u00e4gnante Stimme und albertibassartige Sechzehntelfigurationen aus, wobei sich in letzteren eine latente Zweistimmigkeit verbirgt, die vom Spieler zur Geltung zu bringen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u201evirtuosen\u201c St\u00fcck beschlie\u00dft Klussmann seine kleine Sammlung mit einer Air in e-Moll (3\/4-Takt), deren Schwierigkeitsgrad etwa demjenigen des zweiten St\u00fccks entspricht. Wie dieses strahlt Nr.&nbsp;6 strenge, apollinische Sch\u00f6nheit aus. In der rechten Hand entfaltet sich ein den Grundton immer nur streifender, sich erst am Schluss auf ihm niederlassender Melodiebogen, der im Laufe des St\u00fcckes mehrere Oktaven durchmisst, w\u00e4hrend die linke mit einer in gleichm\u00e4\u00dfigen Vierteln pochenden, meist dreistimmigen Begleitung grundiert. Sehr interessant ist es zu verfolgen, wie Klussmann mittels Sekundr\u00fcckungen die Musik durch immer neue harmonische Zwischenstufen f\u00fchrt und sie dabei allm\u00e4hlich zu gl\u00fchender Intensit\u00e4t steigert. Gro\u00dfartig wirkt insbesondere der Abgesang, der melodisch, erst in der Rechten, dann in der Linken, G-Dur durchmisst, dieses aber in der jeweils anderen Stimme mit der Quartsextakkordfolge E-, D-, C-, B-, As-, Ges-, F-, Es- und D-Dur umkleidet. Ich stehe nicht an, das Xenion Nr.&nbsp;6 ein kleines Juwel zu nennen. Es d\u00fcrfte sich auch ideal dazu eignen, Klaviersch\u00fcler mit den Reizen freier Stimmf\u00fchrung bekannt zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel, den der Komponist der Sammlung gegeben hat, bezieht sich wohl nicht auf die Tradition sp\u00f6ttischer Epigramme, wie sie in der deutschen Literatur von den <em>Xenien<\/em> Goethes und Schillers begr\u00fcndet wurde \u2013 dazu sind Klussmanns eher introvertierte St\u00fccke zu wenig keck. Eher scheinen mir hier im urspr\u00fcnglichen Wortsinne \u201eGastgeschenke\u201c vorzuliegen \u2013 Dinge also, die ins Haus mitgebracht werden. Um Hausmusik handelt es sich eindeutig: um St\u00fccke zum Selbstspielen oder zum Gebrauch im Klavierunterricht. Zu beiderlei seien die <em>Xenien <\/em>op.&nbsp;27 von Ernst Gernot Klussmann w\u00e4rmstens empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Februar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sikorski SIK0201; ISMN: 9790003033143 Sie suchen nach Klaviermusik des 20.&nbsp;Jahrhunderts f\u00fcr den Hausgebrauch? Nach St\u00fccken von geringer Schwierigkeit, die trotzdem anspruchsvoll komponiert sind und ihrem Spieler Vergn\u00fcgen bereiten? Antiquarisch fiel mir vor kurzem ein Heft mit sechs kurzen Klavierst\u00fccken in die H\u00e4nde, von denen ich meine, dass sie diesen Anforderungen gerecht werden. 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