{"id":4884,"date":"2022-02-24T07:10:00","date_gmt":"2022-02-24T06:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4884"},"modified":"2022-02-20T17:54:05","modified_gmt":"2022-02-20T16:54:05","slug":"interview-ensemble-clazzic-die-ueberzeugung-dass-neues-kommt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/02\/24\/interview-ensemble-clazzic-die-ueberzeugung-dass-neues-kommt\/","title":{"rendered":"Die \u00dcberzeugung, dass Neues kommt"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Interview mit Susanna Klovsky und Martina Silvester vom Ensemble Clazzic<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Ensemble-Clazzic.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Ensemble-Clazzic.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4885\" width=\"461\" height=\"461\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Ensemble-Clazzic.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Ensemble-Clazzic-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Ensemble-Clazzic-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Ensemble Clazzic spielt mit Genregrenzen, bahnt sich im Dickicht unterschiedlichster Stile und Einfl\u00fcsse einen ganz eigenen Weg, frei und eigenst\u00e4ndig. Nach zw\u00f6lf Jahren ihres Bestehens legten die vier Musiker nun ein Debut-Album vor, das vor spr\u00fchender Lebendigkeit nur so strotzt (<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/16\/nicht-fur-puristen-doch-fuer-alle-anderen-ensemble-clazzic\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/01\/16\/nicht-fur-puristen-doch-fuer-alle-anderen-ensemble-clazzic\/\">Solo Musica SM 371<\/a>). An einem sp\u00e4therbstlichen Nachmittag Ende Oktober traf ich die beiden Gr\u00fcndungsmitglieder Susanna Klovsky und Martina Silvester zum Interview.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke:<\/strong> Bei solch einer Musik, die zwischen allen St\u00fchlen steht, muss ich nat\u00fcrlich zun\u00e4chst fragen: Wie w\u00fcrdet Ihr den Stil Eures Ensembles beschreiben, wo positioniert Ihr Euch selbst?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Unseren Stil vergleiche ich gerne mit dem Bild eines Baums: Die Wurzeln befinden sich in der Klassik, und der Stamm auch noch. Dar\u00fcber hinaus besitzen wir eine ganze Menge an Bl\u00e4ttern und Bl\u00fcten, die den Duft ganz anderer Genres verstr\u00f6men. Prinzipiell sind wir f\u00fcr alles offen und das merkt man auch, so dass wir gerne Elemente beispielsweise des Jazz oder des Tangos aufgreifen \u2013 und mal sehen, was noch alles kommen wird! Das Wichtigste f\u00fcr uns ist, ein klassisches Ensemble zu sein, dass dann aber weitergeht und sich \u00f6ffnet.<br \/><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Was mir an unserem Ensemble so gut gef\u00e4llt, ist, dass wir alle vier eine klassische Ausbildung durchlaufen haben, aber dar\u00fcber hinaus vielseitig interessiert blieben. Unser Schlagzeuger beispielsweise hat unter anderem viel im Bereich Pop gewirkt, unser Bassist spielt in Balkan-Formationen mit deren ureigenen Rhythmuselementen, f\u00fchlt sich auch im Jazz beheimatet. Martina hat sich auch neben anderem mit dem Beatboxen auseinandergesetzt und ich habe in Latin Bands gespielt. Wir beide vertreten parallel zum Ensemble Clazzic auch ganz andere Konzepte, wo man prinzipiell \u00fcber stilistische Tellerr\u00e4nder blicken muss. So kann jeder von sich Ideen einbringen. Wir gehen \u00fcblicherweise von einem Grund-Werk aus, das bereits so vorliegt und im Idealfall f\u00fcr uns komponiert wurde, und sehen dann, was sich daraus ergibt, was wir alles daraus machen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Wie lief dies denn im Falle Eures Paradest\u00fccks ab, der <em>Clazzic Suite<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> <em>The<\/em> <em>Clazzic Suite<\/em>, die man auf unserer Debut-CD <em>Intersec#ion<\/em> h\u00f6ren kann, wurde extra f\u00fcr uns komponiert. Wir fragten den israelischen Komponisten Uri Brener, ob er solch eine Suite f\u00fcr uns schreiben w\u00fcrde und waren auch selbst am Kompositionsprozess beteiligt. Uri fragte dezidiert nach unseren W\u00fcnschen an das Werk und welche Musik wir gerne h\u00f6ren, hat uns damit das Werk f\u00f6rmlich auf den Leib geschrieben. Wir legten auch Wert darauf, dass jeder von uns einen eigenen Satz bekommt, was ja dann auch so geschah: <em>Saltarello<\/em> ist mehr der Schlagzeug-Satz, <em>Funky Bird<\/em> geh\u00f6rt dem Bass und hat ein gro\u00dfes, von Strawinskys <em>Feuervogel<\/em> abgeleitetes Solo, Susanna am Klavier darf in <em>Amadevans<\/em> an Mozarts <em>A-Dur-Klaviersonate<\/em> treten und <em>Syrinxation<\/em> kommt nat\u00fcrlich von <em>Syrinx<\/em>, einem Fl\u00f6tenwerk von Debussy. Der Bachsatz, <em>Walking Bachwards<\/em>, stammt von einer Gambensonate (urspr\u00fcnglich f\u00fcr zwei Fl\u00f6ten) \u2013 diese habe ich mir gew\u00fcnscht, weil ich diese Sonate so sehr liebe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Jede Epoche und Musikstr\u00f6mung bringt ja auch ganz eigene Techniken mit sich, was sich am Klavier beispielsweise durch die Anschlagsart abzeichnet, beim Gesang sogar durch ganz unterschiedliche Mundhaltung und Stimmf\u00e4rbung. Wie geht Ihr auf Euren Instrumenten mit diesem Mix an Grundtechniken um; entlehnt Ihr Euch diese nach Bedarf aus den jeweiligen Stilen oder bleibt Ihr im Ursprung den klassischen Artikulationsweisen treu?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Es schadet nicht, die Stilistik der jeweiligen Str\u00f6mungen zu kennen. In meinem Falle ist es so, dass mein Vater Jazzmusiker ist und ich so ganz nat\u00fcrlich auch mit deren besonderer Phrasierung und Artikulation in Ber\u00fchrung gekommen bin. Und immer, wenn ich dorthin kam, etwas in diesem Stilbereich zu spielen, sagte mein Vater mir, wie ich es zu phrasieren und artikulieren habe. Aber das wirkt f\u00fcr das Ensemble Clazzic eher im Unterbewusstsein, denn wir wollen uns nicht den Anstrich verpassen, Jazzmusiker zu sein: Das sind wir nicht! Man m\u00f6chte zwar schon einer gewissen Phrasierung gerecht werden, die dem geforderten stilistischen Idiom entspricht, aber wir bleiben uns treu.<br \/><strong>Martina Silvester:<\/strong> Das ist ein Credo: Wir bleiben uns treu. Was bei Susanna der Jazz ist, ist bei mir Bach: Ich studierte auch Traverso und wei\u00df, wie man Bach \u201epur\u201c spielt. Das versuche ich auch in unseren Arrangements zu integrieren, aber nicht wortw\u00f6rtlich, sondern angepasst, dass es wieder \u201eunseres\u201c wird. Beim Spielen denken wir, so habe ich das Gef\u00fchl, gar nicht zu viel nach, was alles in uns verwurzelt ist und wie genau wir etwas umsetzen, das Gedankliche geschieht oftmals erst im Nachhinein. Im Zusammenspiel mit dem Ensemble bemerken wir dann auch eigene Grenzen und wollen uns dementsprechend fortbilden. Was Susanna nun im Jazzidiom bereits kannte, musste ich erst lernen, und nahm dann Unterricht in diesem Bereich bei einem Saxophonisten. Ebenso f\u00fcr Milonga: Hier lernte ich noch bei einer Tango-Fl\u00f6tistin, der Frau des Komponisten Exequiel Mantega. Und am Ende flie\u00dfen unsere Vorz\u00fcge und alles Gelernte zusammen, m\u00fcnden dann in einem gro\u00dfen Ganzen, das uns ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Also kann der Prozess beim spielerischen Erkunden bis zur finalen Wiedergebe als nat\u00fcrliche Genese beschrieben werden, so dass am Ende die Intuition das Gelernte \u00fcberlagert?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Es entsteht aus unserer Zusammenarbeit, besonders aus dem gegenseitigen Zuh\u00f6ren. Bei der Einstudierung h\u00f6ren wir beispielsweise, dass der Bass von Alex [Bayer] \u2013 der sich im Bereich Jazz ja zuhause f\u00fchlt \u2013 groovt und swingt. Das setzt eine Kommunikation in Gang, auf die wir reagieren. Man t\u00fcftelt, man probiert aus, man hinterfragt: Ist das der Weg, den wir gehen wollen? Obwohl es so klingt, m\u00f6chten wir es vielleicht doch ganz anders machen? Das ist das Spannende daran, dass wir vier uns austauschen. Wir schauen, wie wir am besten zusammenkommen, dass es auch danach klingt.<br \/><strong>Martina Silvester:<\/strong> Unsere Formation hat sich im Laufe der Zeit auch mal ver\u00e4ndert; unser Schlagzeuger Thomas [Sporrer] kam als letztes hinzu. Er hat dann neue Facetten hineingebracht, sogar die Suite bereichert \u2013 dem Schlagzeugsatz viel gr\u00f6\u00dfere Dimensionen verliehen, als vorgesehen war. Das hat uns dann erst zu dem Klang verholfen, den wir heute haben.<br \/><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Darum hei\u00dft unser Album auch <em>Intersec#ion<\/em>, Schnittpunkte. Weil wir vier uns gerade hier in dieser Formation treffen und unsere jeweiligen Wurzeln und Kenntnisse zusammenf\u00fchren. Wir kommen aus verschiedenen Richtungen, treffen uns im Hier und Jetzt, schauen dann, wo wir gemeinsam hingehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke:<\/strong> Die Idee, verschiedene Stile zu vermengen, gibt es wohl schon seit Jahrhunderten, wobei nat\u00fcrlich die Entwicklung und vor allem Popularisierung von Musikwiedergabemedien Anfang des 20. Jahrhunderts einen gewaltigen Sprung mit sich f\u00fchrte: Denn pl\u00f6tzlich schwappte der Jazz auch nach Europa und viele Komponisten griffen ihn auf. Die Liste derer, die das in ihren Stil integrierten, was man als Jazz bezeichnete, ist lang, von Milhaud \u00fcber Antheil zu Krenek, Schnabel etc. \u2013 und umgekehrt wollten Komponisten wie Gershwin und Ellington die klassische Welt erkunden. Dieser Austausch herrscht bis heute an, man denke allein an die Klazz Brothers oder Cuba Percussion, Joachim Horsley oder Ern\u00e1n L\u00f3pez-Nussa. Habt Ihr in diesem gewaltigen Kosmos konkrete Vorbilder oder eine Idiomatik, die Ihr weiterf\u00fchren wollt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Am Anfang, bevor es unser Ensemble Clazzic gab, habe ich mit Freude Ensembles wie die Klazz Brothers geh\u00f6rt und fand diese Stilvermengung immer cool. Ich sage nicht, dass ich so etwas einmal machen wollte, aber ich fand es \u00e4u\u00dferst erfrischend, weil es anders war als das, was man sonst kennt. Die Idee, mal raus zu kommen aus den Konventionen, das befl\u00fcgelte uns nat\u00fcrlich. Kopieren wollten wir aber nie \u2013 immer unser Eigenes sein.<br \/><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Wir begannen mit Suiten von Claude Bolling, die bereits damals auf Tontr\u00e4ger zu h\u00f6ren waren \u2013 so tasteten wir uns allm\u00e4hlich an die Stilvermengung heran. Aber schon da dachten wir uns, dass wir das noch aufbrechen und extremer machen m\u00fcssten. Meine gro\u00dfen Vorbilder hier sind Michel Camilo und Chick Corea. Es gibt ja auch auskomponierte Teile bei ihnen und trotzdem klingt alles frisch und lebendig, alles brodelt.<br \/><strong>Martina Silvester:<\/strong> Damit begann unsere Suche. Bei der Bolling-Suite kam Susanna pl\u00f6tzlich auf die Idee, dass man doch einen HipHop-Rhythmus daruntersetzen k\u00f6nnte. Daraus wurde \u201eBolling Reloaded\u201c \u2013 ich habe dann probiert, dazu ein wenig zu beatboxen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Das sind ja alles Sachen, die man zun\u00e4chst beherrschen, also lernen muss. Mit den Grundelementen des Jazz sind die meisten klassischen Musiker durch die Musik des 20. Jahrhunderts zumindest rudiment\u00e4r vertraut, aber HipHop liegt in einer ganz anderen Sph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> F\u00fcr den HipHop-Part haben wir mit unserem Schlagzeuger wahnsinnig viel get\u00fcftelt, bis wir vom Ergebnis \u00fcberzeugt waren. Andere sonst wenig vertretene Elemente lagen uns da deutlich n\u00e4her, so beispielsweise der Salsa, denn fr\u00fcher habe ich viel in Salsa-Bands gespielt, so war mir das zumindest in Grundz\u00fcgen vertraut. Daher wohl auch die Verbindung zum Latin Jazz mit Michel Camilo.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Also begegneten Euch die meisten diese Elemente schon w\u00e4hrend Eurer Laufbahn?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Zu guten Teilen ja. Anderes wie das Beatboxen habe ich erst jetzt angefangen. Auch nehme ich nun Jazzunterricht, da ich einfach keine Jazz-Fl\u00f6tistin bin und da Nachholbedarf versp\u00fcre. Ich will und werde nie eine Jazz-Fl\u00f6tistin sein, habe auch beim Improvisieren einen ganz eigenen, eher aus der Klassik kommenden Stil, aber ich will es kennenlernen, die Theorie dahinter und einige Handgriffe verstehen.<br \/><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Wir wollen den Fachleuten auch nichts vormachen: Wir sind wer wir sind. So werden Jazz-Puristen bei uns keine Freude haben, aber das ist okay, denn in dem Bereich gibt es genug gro\u00dfartige Musiker und Bands, da wollen wir uns nicht einmischen. Wir finden einen Haken f\u00fcr verschiedene Menschen, so erreichen wir viele, die wenig vertraut sind mit einigen der Genres, die wir verarbeiten. Es gibt genug reine Klassik-H\u00f6rer, die keinen Kontakt mit Jazz hatten, und unsere Konzerte gro\u00dfartig fanden; auch manche, die nie Bezug zur Klassik hatten, konnten wir ansprechen.<br \/>Aber nat\u00fcrlich, vieles kennen wir von fr\u00fch auf, so hat mein Vater immer sehr produktive Tipps gegeben, wenn ich ge\u00fcbt habe, und hat auch unser Ensemble am Anfang gecoacht. Er hat uns sogar ein St\u00fcck geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Das kommt dann auf Eure zweite CD?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Ja, wir sind schon am Sammeln!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Da hat Euch nun wohl das CD-Fieber gepackt! <em>Intersec#ion<\/em> ist ja Euer erstes Album, dabei existiert das Ensemble Clazzic seit zw\u00f6lf Jahren. Wie kamt Ihr dazu, erst jetzt und genau jetzt ins Studio zu gehen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Wir hatten einen langen Weg und zwischenzeitlich mit unterschiedlichen Bassisten und Schlagzeugern gespielt \u2013 nur Susanna und ich blieben uns von Anfang an treu. Wie gesagt begannen wir mit Bolling, lie\u00dfen uns dann aber recht bald die <em>Clazzic Suite<\/em> schreiben. Die haben wir auch aufgef\u00fchrt, dachten aber lange nicht daran, sie auf Tontr\u00e4ger festzuhalten.<br \/><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Wir hatten verschiedene Mitmusiker, und manche stellten einfach fest, dass dies nicht die Richtung war, in die sie gehen wollten \u2013 was vollkommen in Ordnung ist, und sie sind dem Ensemble noch sehr lieb verbunden. Diese Suite zun\u00e4chst so zu lernen, wie sie dort steht, das lag manchen nicht im Naturell. Bis man dann die f\u00fcr unseren Weg richtigen Leute findet, und sich dann ein Stil kristallisiert, mit dem wir so zufrieden waren, dass wir ihn festhalten wollten, das hat lange Zeit gedauert. Auch Corona war nat\u00fcrlich noch einmal ein gro\u00dfer Schlag.<br \/><strong>Martina Silvester:<\/strong> Wir haben bei allem immer an unser Projekt geglaubt. Unsere Konzerte kamen von Anfang an gut an und wir alle hatten gro\u00dfen Spa\u00df dabei. Doch nat\u00fcrlich musste man zun\u00e4chst Worte finden, sich zu beschreiben, \u00fcberhaupt an Veranstalter und zu Publikum zu kommen \u2013 auch den richtigen Moment zu finden. Wenn man nur liest, was wir machen, sagt das vermutlich den meisten nichts, deshalb haben wir nun die CD als klingende Visitenkarte, die zeigt, wie wir t\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Im Kern der CD steht die <em>Clazzic Suite<\/em>. Nun habe ich ja bereits einiges von Eurer Musizierpraxis geh\u00f6rt: Klingt die Suite noch so, wie sie in der Partitur steht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Nein, die Suite hat sich mit uns gewandelt. Wir haben einige der Rhythmen ge\u00e4ndert und auch die Klangfarben; dann gibt es improvisierte Teile.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Vorgegebene oder selbst eingef\u00fcgte?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Beides. Manche schrieb Uri Brener vor, andere stammen von uns. In <em>Syrinxation<\/em> gab es eine Solostelle, wo ich zun\u00e4chst alles w\u00f6rtlich so spielte, wie es in den Noten stand \u2013 dann fragte ich aber Uri, ob ich nicht auch etwas Eigenes hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnte, und er antwortete: \u201eSuper, noch viel besser!\u201c Ich glaube sogar, es entspricht seinen Vorstellungen, dass nun jeder von uns eigene Improvisationen einflie\u00dfen l\u00e4sst.<br \/><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Die Suite wurde ja schon recht fr\u00fch komponiert, und da wussten wir selbst noch nicht, in welche Richtung es uns treiben w\u00fcrde. Und das hat Uri gemerkt, der schlie\u00dflich selbst ein Ensemble hat, wo er \u00e4hnliches tut \u2013 so war ihm klar, dass man so etwas nicht einfach schwarz auf wei\u00df in Noten fassen kann, sondern Freir\u00e4ume lassen muss, die wir im Laufe der Jahre f\u00fcllen; oder uns eigene Freir\u00e4ume schaffen.<br \/><strong>Martina Silvester:<\/strong> Ich schickte ihm eine ganz fr\u00fche Aufnahme der Suite. Seiner Antwort zu Folge fand er es <em>sch\u00f6n<\/em>, aber \u2013 mit anderen Worten \u2013 noch recht <em>brav<\/em> gespielt. Als ich ihn dann in die CD reinh\u00f6ren lie\u00df, war er begeistert: \u201eJa, das ist es!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Neben der Suite gibt es noch zwei Milongas auf der Platte. Nun ist das wieder ein anderer Fall, denn solch eine Tangomusik l\u00e4sst sich schwieriger in Noten fassen als eine klassische Komposition.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Beim Tango ist die erste Frage stets: Wie instrumentiere ich ihn? Der Rhythmus ist ja festgelegt. Wir haben nun kein Tangoorchester, sondern sind mit vier Musikern eh recht reduziert. Beim Schlagzeuger w\u00fcrde man fragen, welche Instrumente er einsetzt. Die Cajon, die Thomas verwendet, hat eigentlich in der Milonga traditionell nichts zu suchen, f\u00fcgt aber eine sehr sch\u00f6ne Klangfarbe hinzu. Und je nachdem, wie ich dann phrasiere, oder der Bassist Alex, \u00e4ndert sich die Klangtextur, wird m\u00f6glicherweise etwas sch\u00e4rfer als im Original. F\u00fcr eine Tanzauff\u00fchrung braucht es eine gewisse Kontinuit\u00e4t, damit die T\u00e4nzer darauf \u00fcberhaupt tanzen k\u00f6nnen; wir k\u00f6nnen uns f\u00fcr eine Konzertauff\u00fchrung mehr Freiheiten nehmen. So k\u00f6nnen wir an einer Stelle etwas akzentuierter spielen, fetziger, an anderer Stelle eher sentimentaler werden, als man es sonst machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Sind die beiden St\u00fccke auf Eurer CD dann noch Milonga geblieben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Ja, auf jeden Fall. Wir sind jetzt nicht ein Schrecken von Komponisten geworden, dass wir alles m\u00f6glichst anders machen. Wir wollen ja den Kern der Musik erkunden, und nicht zwanghaft Anders sein. Bei vielen aufgeschriebenen Milongas steht sogar das Wort \u201efrei\u201c dezidiert in der Partitur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke:<\/strong> Wo wollt Ihr Eure Musik dann im Konzert positionieren: Konzertsaal oder Jazzclub?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beide:<\/strong> Im Konzertsaal.<br \/><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Wir sehen die Musik ganz eindeutig f\u00fcr den Saal. Gl\u00fccklicherweise konnten wir uns mittlerweile auch einen Ruf aufbauen, sodass die Zeiten vorbei sind, wo niemand wusste, was wir machen, und wir nur Stand- oder gar elektronische Klaviere zur Verf\u00fcgung hatten.<br \/><strong>Martina Silvester:<\/strong> Wobei wir sogar schon in Jazzclubs gespielt haben. Am Bodensee traten wir einmal in einem Club auf, wo es wahnsinnig eng war, Susanna und ich dann R\u00fccken an R\u00fccken spielten, nur \u00fcber einen Spiegel kommuniziert haben. Dennoch war es ein wahnsinnig sch\u00f6nes Konzert mit ganz eigener Stimmung. Auch wenn solch ein Ambiente nicht unserem Hauptidiom entspricht, bleiben wir da nat\u00fcrlich m\u00f6glichst offen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Also Hauptsache akustisches Klavier.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Ja, diese Musik kann man einfach nicht auf einem E-Piano spielen, noch weniger auf einem Synthesizer. Da m\u00fcsste man die gesamte Musik neu darauf auslegen, aber das wollen wir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Und wie sieht es mit dem Bass aus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martina Silvester:<\/strong> Uri Brener hat tats\u00e4chlich \u00fcberlegt, ob er <em>Funky Bird<\/em> f\u00fcr E-Bass konzipiert, und Alex k\u00f6nnte das ja auch spielen, aber wir kamen dann doch weg von dieser Idee.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Beim Bass macht es aber mehr Sinn, denn auch der E-Bass hat noch echte Schwingungen, ist nur durch die B\u00fcnde und den elektronischen Klang gekennzeichnet.<br \/>Aber ist es nicht schwierig, einen Veranstalter zu finden, wenn man so wie Ihr zwischen den St\u00fchlen steht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Ja, gerade am Anfang. Veranstalter brauchen immer eine Kategorie, m\u00fcssen einen in eine gewisse Schublade stecken \u2013 das war schwierig f\u00fcr uns. Dies wurde schlie\u00dflich auch zu einem der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr unsere CD, denn wenn man uns h\u00f6rt, versteht man unsere Intention und kann uns einordnen. Aber gl\u00fccklicherweise sprechen sich Auftritte schnell herum, und wenn man einen gro\u00dfen Auftritt hatte, bekommt man auch andere Auftr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke: <\/strong>Und wie wird es weitergehen; folgt noch eine zweite <em>Clazzic Suite<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Ich glaube, wir werden in andere Richtungen weitergehen. Diese eine Suite ist so stimmig, da brauchen wir gar keinen Nachfolger. Nun haben wir neue Ideen, es wartet schon einiges neues auf uns.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke:<\/strong> Also gerade nun, wo Ihr eine Schiene gefunden habt, dr\u00e4ngt es Euch schon weiter?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Susanna Klovsky:<\/strong> Genau. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn wir uns stets selbst neu erfinden k\u00f6nnten! Zwar sehen wir es nicht als konkrete Aufgabe, Neues zu suchen, sind aber \u00fcberzeugt, dass Neues kommt. Zumindest war es bisher immer so. Wir haben so verschiedene Einfl\u00fcsse und machen so viele neue Erfahrungen, dass diese unweigerlich ins Ensemble (zur\u00fcck-)flie\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Susanna Klovsky und Martina Silvester vom Ensemble Clazzic Das Ensemble Clazzic spielt mit Genregrenzen, bahnt sich im Dickicht unterschiedlichster Stile und Einfl\u00fcsse einen ganz eigenen Weg, frei und eigenst\u00e4ndig. 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