{"id":4887,"date":"2022-02-27T17:44:00","date_gmt":"2022-02-27T16:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4887"},"modified":"2022-03-04T20:45:24","modified_gmt":"2022-03-04T19:45:24","slug":"mark-andre-drei-exemplarische-urauffuehrungen-der-musica-viva-auf-cd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/02\/27\/mark-andre-drei-exemplarische-urauffuehrungen-der-musica-viva-auf-cd\/","title":{"rendered":"Mark Andre: Drei exemplarische Urauff\u00fchrungen der musica viva auf CD"},"content":{"rendered":"\n<p>BR Klassik 900637; EAN: 4 035719 006377<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mark-Andre-musica-viva-37.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mark-Andre-musica-viva-37-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4888\" width=\"451\" height=\"451\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mark-Andre-musica-viva-37-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mark-Andre-musica-viva-37-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mark-Andre-musica-viva-37-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mark-Andre-musica-viva-37-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mark-Andre-musica-viva-37.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 451px) 100vw, 451px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>BR Klassik hat in der Reihe <\/em>musica viva<em> drei Urauff\u00fchrungen von Werken des Deutsch-Franzosen Mark Andre aus den Jahren 2017 und 2018 mitgeschnitten. <\/em>iv 13 (Miniaturen f\u00fcr Streichquartett)<em>, <\/em>iv 15 (Himmelfahrt)<em> f\u00fcr Orgel und <\/em>woher\u2026wohin<em> f\u00fcr Orchester. Es spielen das Arditti String Quartet, Stephan Heuberger (Orgel) sowie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Matthias Pintscher.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik des zun\u00e4chst in Paris ausgebildeten, heute in Berlin lebenden Deutsch-Franzosen Mark Andre (Jahrgang 1964) hat in den letzten beiden Jahrzehnten zu einer ganz pers\u00f6nlichen und mittlerweile unverwechselbaren Klangsprache gefunden: Nur unter technischen Aspekten sp\u00fcrt man noch Einfl\u00fcsse seiner Lehrer <em>Claude Ballif<\/em> und des Spektralisten <em>G\u00e9rard Grisey<\/em>. St\u00e4rker scheinen noch Eigenheiten durch, die Andre in den 1990ern bei Helmut Lachenmann perfektionieren durfte: h\u00f6chste klangliche Differenzierung bei gleichzeitiger Reduktion bis an die Grenzen des H\u00f6rbaren sowie eine gewisse Vorliebe f\u00fcr starke Kontraste. Jedoch wurde Mark Andre \u2013 entgegen erster Bef\u00fcrchtungen des Rezensenten \u2013 keineswegs zum Epigonen von Lachenmanns Verweigerungs\u00e4sthetik, die dort immer mit erheblichem Provokationspotential einherging. Andre zwingt sein Publikum zwar zu enormer Konzentration, \u00f6ffnet aber gleichzeitig immer eine T\u00fcr zu metaphysischen und religi\u00f6sen Sph\u00e4ren \u2013 auf beeindruckend zwingende Weise. Die drei auf der 37. Folge der \u201emusica viva\u201c CD-Edition des BR vorgestellten Urauff\u00fchrungen f\u00fcr ganz unterschiedliche Besetzungen belegen exemplarisch, wie stark Mark Andres Musik nun gereift ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei der St\u00fccke geh\u00f6ren zur mittlerweile 19teiligen Werkreihe \u00bbiv\u00ab, wobei das K\u00fcrzel f\u00fcr \u00bbintrovertiert\u00ab steht. Die zw\u00f6lf \u2013 sicher nicht zuf\u00e4llig wieder eine \u201eheilige\u201c Zahl \u2013 <em>Miniaturen (iv 13) <\/em>f\u00fcr Streichquartett sind mit zusammen 24 Minuten jeweils deutlich l\u00e4nger als Anton Weberns epochale <em>6<\/em> <em>Bagatellen op. 9 <\/em>von 1911. Dennoch scheint ein Echo Weberns durch Andres Werk zu uns hin\u00fcber zu wehen. Die Spieltechniken \u2013 insbesondere verschiedenste M\u00f6glichkeiten der D\u00e4mpfung \u2013 sind penibelst notiert, daf\u00fcr selten \u201enormal\u201c; die Grunddynamik ist extrem leise. Das <em>Arditti Quartet<\/em> ist bei solchen Herausforderungen nat\u00fcrlich in seinem Element, realisiert die Partitur pr\u00e4zise ohne bei den bewusst gesetzten Momenten des <em>Verschwindens<\/em> \u2013 ein zentrales Merkmal von Mark Andres Musik \u2013 jemals in ein Loch zu fallen: h\u00f6chst beeindruckend!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Orgelst\u00fcck <em>Himmelfahrt (iv 15) <\/em>gelingt Andre die Realisierung einer \u00c4sthetik der Instabilit\u00e4t durch Techniken wie etwa das Ausschalten des Motors, wodurch der Winddruck nachl\u00e4sst, und oft gleichzeitig stattfindende, originelle Registrierungen, die zu fast paradox erscheinenden Effekten f\u00fchren k\u00f6nnen: <em>\u201eeine Pr\u00e4senz des G\u00f6ttlichen, die im Verschwinden erkannt wird und im Erkennen verschwindet\u201c<\/em>, wie es Christof Breitsamer in seinem Booklettext treffend beschreibt. <em>Stephan Heuberger<\/em> spielt auf dem Mitschnitt der Urauff\u00fchrung der elektrischen Registrierfassung mit Verst\u00e4ndnis und Hingabe \u2013 und es ist geradezu ph\u00e4nomenal, wie er \u00fcberhaupt in der Lage ist, mit der \u00e4u\u00dferst kritischen Akustik der Pfarr- und Universit\u00e4tskirche St. Ludwig in M\u00fcnchen zurechtzukommen: ohne die nun mehr als 20-j\u00e4hrige Erfahrung mit der dortigen Beckerath-Orgel von 1960 ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Auch der Tontechnik des SWR Experimentalstudios (Joachim Haas) muss man in diesem Zusammenhang gr\u00f6\u00dften Respekt zollen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6hepunkt der CD ist dann jedoch Andres Orchesterst\u00fcck <em>\u201ewoher\u2026wohin\u201c<\/em>, das im Rahmen der <em>Happy New Ears <\/em>Preisverleihung der <em>Hans und Gertrud Zender-Stiftung<\/em> 2017 vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter dem sensationell mitrei\u00dfend agierenden <em>Matthias Pintscher<\/em> im Herkulessaal dargeboten wurde. Das Werk bezieht sich auf das Johannes-Evangelium, Kap. 3, Vers 8: <em>\u201eDer Wind weht, wo er will; du h\u00f6rst sein Brausen, wei\u00dft aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.\u201c<\/em> Hierzu sei auf meine <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/07\/08\/neue-orchesterkunst-vom-feinsten\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/07\/08\/neue-orchesterkunst-vom-feinsten\">Besprechung<\/a> besagten Konzerts verwiesen, das hier vom BR \u2013 aufnahmetechnisch gleicherma\u00dfen perfekt \u2013 mitgeschnitten wurde. Die aufschlussreiche Zusammenstellung mit gutem, sich der jeweiligen Programmhefte bedienenden Booklet erscheint dem Rezensenten dann ebenfalls durchaus preisw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Februar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BR Klassik 900637; EAN: 4 035719 006377 BR Klassik hat in der Reihe musica viva drei Urauff\u00fchrungen von Werken des Deutsch-Franzosen Mark Andre aus den Jahren 2017 und 2018 mitgeschnitten. iv 13 (Miniaturen f\u00fcr Streichquartett), iv 15 (Himmelfahrt) f\u00fcr Orgel und woher\u2026wohin f\u00fcr Orchester. 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