{"id":4890,"date":"2022-02-22T07:30:00","date_gmt":"2022-02-22T06:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4890"},"modified":"2022-02-22T11:51:23","modified_gmt":"2022-02-22T10:51:23","slug":"antonio-pappanos-erster-auftritt-in-der-isarphilharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/02\/22\/antonio-pappanos-erster-auftritt-in-der-isarphilharmonie\/","title":{"rendered":"Antonio Pappanos erster Auftritt in der Isarphilharmonie"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Sir Antonio Pappano trat an drei Abenden (17.\u201319.2.2022) zum ersten Mal mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der neuen Isarphilharmonie auf. Auf dem Programm standen Dvo\u0159\u00e1ks <\/em>Othello-<em>Ouvert\u00fcre op. 93, Liszts Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur mit Yuja Wang sowie Nielsens 4. Symphonie <\/em>\u201eDas Unausl\u00f6schliche\u201c<em>. Die Rezension bezieht sich auf das dritte Konzert vom Samstag, 19.2.2022.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/L8A8350-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/L8A8350-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4900\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/L8A8350-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/L8A8350-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/L8A8350-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/L8A8350-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/L8A8350-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Yuja Wang und Sir Antonio Pappano; Konzertfoto vom 17.2.2022 \u00a9 Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wohl aus organisatorischen Gr\u00fcnden hatte sich der Bayerische Rundfunk entschieden, nach einer erneuten, coronabedingten Zwangspause bis Ende Februar bei 50% Saalauslastung \u2013 erlaubt w\u00e4ren bereits 75% \u2013 zu bleiben. Unter dieser Pr\u00e4misse schienen die Konzerte mit <em>Antonio Pappano<\/em> ihr Publikum gefunden zu haben \u2013 vielleicht gerade wegen der chinesischen Starpianistin <em>Yuja Wang<\/em>, die zwar in M\u00fcnchen schon \u00f6fter mit den Philharmonikern zu h\u00f6ren war, tats\u00e4chlich beim BRSO mit diesem Programm deb\u00fctierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der charmante, irgendwie immer noch jugendlich erscheinende Musikdirektor des <em>Royal Opera House (Covent Garden)<\/em> in London beginnt mit der mittlerweile selten aufgef\u00fchrten, knapp viertelst\u00fcndigen Konzertouvert\u00fcre <em>Othello<\/em> von <em>Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k<\/em>\u2013 nicht nur von der L\u00e4nge her fast eine symphonische Dichtung. Pappano ist musikalisch ein \u00c4sthet; handwerklich \u2013 auch er dirigiert neuerdings ohne Taktstock \u2013 sowieso. So erklingt bei ihm der Beginn weich und innig, dabei immer hochpr\u00e4zise. F\u00fcr den Rezensenten ist dies der zweite Besuch in der Isarphilharmonie \u2013 diesmal eher im Zentrum (Reihe 10) des Geschehens. Die Streicher wirken hier einerseits homogener, dabei zugleich k\u00f6rperlicher als am Rosenheimer Platz. Dass Solostellen ebenso unmittelbar ankommen, kann man sp\u00e4ter am Abend bei Nielsen h\u00f6ren. Dvo\u0159\u00e1k hat den Bezug zum Shakespeare-Drama erst nachtr\u00e4glich gew\u00e4hlt; urspr\u00fcnglich sollten die drei Ouvert\u00fcren opp. 91\u201393 eine Naturtrilogie bilden. Der H\u00f6rer darf daher keinerlei bildhafte Assoziationen, etwa zum Meer, Venedig oder dergleichen erwarten. Zum von den Holzbl\u00e4sern herrlich vorgetragenen \u201eNatur-Motiv\u201c stehen kontrastierend scharfkantige Streichereinw\u00fcrfe f\u00fcr \u2013 hier durch Othello personifizierte \u2013 zerst\u00f6rerische Kr\u00e4fte, die dann das Hauptmotiv des <em>Allegro con brio<\/em> in Sonatenform generieren. Viele Ideen der Ouvert\u00fcre finden sich wenig sp\u00e4ter in der 9. Symphonie \u2013 so der Paukenwirbel unmittelbar vor dem schnellen Teil \u2013 und in <em>Rusalka<\/em> wieder. Die Steigerungswellen geraten Pappano stets sehr nat\u00fcrlich, durchaus energisch, aber eben ohne jeden zus\u00e4tzlichen \u201eDr\u00fccker\u201c; beim fulminanten Schluss legt er nicht derartig den Turbo ein wie Kubelik in seiner Aufnahme. Dennoch d\u00fcrfte die Dynamik gerade bei Decrescendi noch differenzierter sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Yuja Wang \u2013 heute im knallroten Kleid und nach der Laser-OP erstmals ohne Brille \u2013 spielt <em>Franz Liszts<\/em> Klavierkonzert Nr. 1 die ganze Zeit quasi mit geschlossenen Augen; ihrer perfekten Treffsicherheit tut das keinen Abbruch. Wie man mit derart hohen Pumps die Pedale so kultiviert bedienen kann, bleibt hingegen dem m\u00e4nnlichen Publikum v\u00f6llig schleierhaft. Mit ihren absolut \u00fcberragenden technischen F\u00e4higkeiten ist Liszt f\u00fcr die Pianistin kein gro\u00dfes Ding. Wie gestaltet sie nun dieses Standardkonzert? Dezidiert und mit geradezu m\u00e4nnlicher Wucht und Riesen-Dynamik erscheint bereits die Fortsetzung des Hauptthemas wie ein direkter Schlagabtausch mit dem Orchester \u2013 den Wang bei seiner Wiederkehr vor dem <em>Allegro marziale animato <\/em>nochmals steigern kann. Wo immer m\u00f6glich agiert sie jedoch gesanglich, klanglich dabei etwas zu trocken. Aber leider wird auch einiges regelrecht verschenkt, wodurch der ganze erste Abschnitt wie eine Einleitung wirkt: aber zu was? \u00dcberzeugend gelingt Wang das gro\u00dfe Solo im <em>Quasi Adagio,<\/em> als sei es improvisiert \u2013 ganz im Sinne Liszts; kontrastierend dazu die Recitativo-Einw\u00fcrfe als Realit\u00e4ts-Schock. Dass von der oft bel\u00e4chelten Triangel im Scherzo-Abschnitt, obwohl von Pappano vorne in den Streichern platziert, wenig zu h\u00f6ren ist, irritiert ziemlich, mag aber der Sitzposition des Rezensenten direkt hinter dem ge\u00f6ffneten Klavierdeckel geschuldet sein. Der Dirigent hat hier nicht mehr zu tun, als sensibel zu begleiten; das ginge durchaus pr\u00e4ziser. Das Orchester l\u00e4uft bei Yuja Wang zum Gl\u00fcck nie Gefahr, sie zuzudecken. Die heutige Darbietung bleibt so eine Shownummer, die den H\u00f6rer zwar packt, es jedoch an echter Tiefe fehlen l\u00e4sst. Dass es bei Liszt zudem verst\u00f6rend dunkle Seiten gibt, hat z.B. Martha Argerich regelm\u00e4\u00dfig gezeigt; davon will Yuja Wang \u2013 noch? \u2013 nichts wissen. Frenetischer Applaus f\u00fcr die Pianistin, die sich mit zwei aberwitzigen Zugaben bedankt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Carl Nielsens<\/em> (1865\u20131931) 4. Symphonie ist ein in Deutschland leider immer noch untersch\u00e4tztes Meisterwerk. Der D\u00e4ne begann mit der Komposition bereits kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und der Titel <em>Das Unausl\u00f6schliche<\/em> \u2013 gemeint ist der \u00dcberlebenswille der Natur und des Menschen \u2013 stand wohl ebenfalls sofort fest. In der Einf\u00fchrung wies Antonio Pappano bei seinem empathischen Pl\u00e4doyer f\u00fcr das St\u00fcck auf Gemeinsamkeiten mit Liszt \u2013 etwa die Integration der Viers\u00e4tzigkeit in eine gro\u00dfe Bogenform \u2013 sowie Mahler (Naturmystik) hin. Nat\u00fcrlich ist diese Musik bereits \u201emoderner\u201c als die des gleichaltrigen Jean Sibelius, allerdings geht Maestro Pappano der unmittelbare, bewusst chaotische Beginn der Symphonie ganz sch\u00f6n in die Hose. Zwar trifft der H\u00f6rer hier auf gegenstrebige Materialien; so ungeordnet wie hier ist das aber keineswegs gedacht; bereits ab Ziffer [2] k\u00f6nnte die Musik strukturierter erklingen als an diesem Abend. Das eigentliche Hauptthema des ganzen Werkes \u2013 wie bei Dvo\u0159\u00e1k ein \u201eNaturmotiv\u201c zun\u00e4chst im Holz \u2013 kommt dadurch fast wie aus einer anderen Welt. Immer wieder fordert Pappano vom Orchester \u2013 beim kleinsten Detail ist er bei den entsprechenden Spielern \u2013 h\u00f6chste Emotionalit\u00e4t; und das Orchester liefert! Ein Kabinettst\u00fcckchen f\u00fcr die Holzbl\u00e4ser ist das idyllische <em>Poco allegretto;<\/em> die von harten Akzenten gest\u00f6rte, breite Streicherlinie des <em>Poco adagio quasi andante<\/em> geht in der Isarphilharmonie durch Mark und Bein. Wer die Symphonie bereits kennt, wartet freilich auf das ph\u00e4nomenale Paukenduell im Finale \u2013 ein absolutes Novum der zeitgen\u00f6ssischen Symphonik. Ob hier wirklich \u2013 in Stereo! \u2013 realistisch an Artilleriefeuer erinnert werden soll, oder die Musik mahnend die emotionalen Schrecken des Krieges reflektiert: Diese Stelle wird jedem H\u00f6rer auch optisch im Ged\u00e4chtnis bleiben; f\u00fcr die beiden Pauker des BRSO nat\u00fcrlich eine Paradenummer. Am Ende siegt das Naturthema als triumphale Hymne. Pappano hat sich samt dem ihm bis an die energetischen Grenzen folgenden Orchester ziemlich verausgabt und Nielsens gro\u00dfartige Symphonie dem begeisterten Publikum eine Spur zu direkt nahegebracht. Nach Stenhammar mit Blomstedt \u2013 der Nielsen noch um einiges besser draufh\u00e4tte \u2013 ein weiterer Beweis f\u00fcr die Qualit\u00e4t nordischer Musik. Da gibt\u2019s noch mehr!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 20. Februar 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sir Antonio Pappano trat an drei Abenden (17.\u201319.2.2022) zum ersten Mal mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der neuen Isarphilharmonie auf. Auf dem Programm standen Dvo\u0159\u00e1ks Othello-Ouvert\u00fcre op. 93, Liszts Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur mit Yuja Wang sowie Nielsens 4. Symphonie \u201eDas Unausl\u00f6schliche\u201c. 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