{"id":497,"date":"2016-02-03T16:12:00","date_gmt":"2016-02-03T15:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=497"},"modified":"2016-02-03T16:12:11","modified_gmt":"2016-02-03T15:12:11","slug":"rezensionen-im-vergleich-4b-argentinien-in-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/02\/03\/rezensionen-im-vergleich-4b-argentinien-in-muenchen\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich 4b:] Argentinien in M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Hugo Schuler spielt am 31. Januar 2016 im FMZ Bach, Kaminski, Schwarz-Schilling, Canepa und Ginastera<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stellen Sie sich vor: Sie sind ein wirklich \u00fcberragender Pianist, ber\u00fchmt im eigenen Land vor allem auch als Bach-Spieler \u2013 n\u00e4mlich ihrem Geburtsland Argentinien, wie Daniel Barenboim oder Martha Argerich eben \u2013 und fliegen nach M\u00fcnchen, um hier ein Konzert zu geben. Und Sie geben dieses Konzert nicht etwa in der Philharmonie oder wenigstens im Herkulessaal, nein, sie spielen im sog. \u201eFestsaal\u201c des FMZ = Freies Musikzentrum in der Ismaningerstrasse vor wieder einmal einer Handvoll Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer. Noch dazu ist den meisten M\u00fcnchnern erst gar nicht bekannt, wo das FMZ \u00fcberhaupt liegt, jedenfalls ernte ich oft ein Kopfsch\u00fctteln, wenn ich jemanden danach frage.<br \/>\nAm Fall des Freien Musikzentrums kann man sehen, wie schwer es ist, einen neuen Klassikstandort zu etablieren in einer Stadt, die dem etablierten Starkult fr\u00f6nt und sich selbst genug ist. Da brauchen auch so ausgezeichnete Reihen wie \u201aBackstage on Stage\u2019 Jahre, um gr\u00f6\u00dfere Publikumskreise zu erreichen. Nun, wir werden sehen, ob die M\u00fcnchner aufwachen\u2026<br \/>\nDoch genug der Klage, da bin ich sicher nicht allein. Zum Konzert selber:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In den vergangenen Jahren hat Hugo Schuler die Goldberg-Variationen oft gespielt, diesmal im ersten Teil ohne die \u00fcblichen Wiederholungen, was eine Spieldauer von ca. 40 Minuten bedeutet und eben erm\u00f6glichte, eine Pause einzulegen und danach noch ein Kontrastprogram zu bieten. Bei Schulers erstem Auftreten hier in Deutschland 2014 schrieb ich im alten, leider online nicht mehr verf\u00fcgbaren \u201eThe Listener\u201c:<br \/>\n\u201eV\u00f6llig uneitel, versunken, intensivst und gleichzeitig mit gr\u00f6\u00dfter Gelassenheit entfaltete Schuler die einleitende (und abschlie\u00dfende) Aria mit den folgenden 30 \u201eVer\u00e4nderungen\u201c, wie sie Bach f\u00fcr den Grafen Keyserlink und dessen Cembalisten Goldberg (einen Sch\u00fcler Bachs und seines Sohnes Friedemann) komponierte.\u201c<br \/>\nDem ist auch nach der \u201everk\u00fcrzten\u201c Fassung nichts hinzuzuf\u00fcgen, es sei denn, dass Hugo Schuler noch durchdringender, selbstverst\u00e4ndlicher \u2013 im besten Sinn des Wortes \u2013 und durchaus auch noch horchender, singender und entfaltender diesen Kosmos vor uns ausbreitet, dessen K\u00fchnheit \u2013 es gibt doch nur diese 88 Tasten, bei Bach noch nicht mal alle \u2013 mich jedes Mal aufs Neue \u00fcberrascht und mitnimmt. Es kommt eben in diesem Universum alles vor vom Leisesten, Melodi\u00f6sen bis zum Abstrakten, fast Freitonalen. Besonders in der 25. Variation, einem Adagio, glaube ich die Bach\u2019sche Tonsprache auch beim wiederholten H\u00f6ren nicht zu fassen, so unvermittelt kommen da \u2013 gegen jede Erwartung \u2013 die Melodiet\u00f6ne in der rechten Hand. Es ist immer wieder unfassbar, welche harmonischen und melodischen K\u00fchnheiten der alte Johann Sebastian aus der Kompositionstasche zieht, auf welche \u201eIrrwege\u201c er uns dann und wann lockt, die ja f\u00fcr ihn \u00fcberhaupt keine sind oder waren.<br \/>\nNach der Pause dann die Fortsetzung mit zwei Kompositionen von Heinrich Kaminski (1886-1946)\u00a0 \u2013 Pr\u00e4ludium und Fuge, erschienen 1935 \u2013 und seinem einstigen Sch\u00fcler Reinhard Schwarz-Schilling (1904-1985), die Klaviersonate von 1968.<br \/>\nIn beiden Kompositionen wird das polyphone Erbe Bachs deutlich und erkennbar, neben einem str\u00f6menden musikalischen Flie\u00dfen, wo nat\u00fcrlich die Errungenschaften der Musik des 20. Jahrhunderts im Ausdruck und im Charakter hinzukommen. Auch diese Musik lie\u00df Hugo Schuler in all ihrer Gr\u00f6\u00dfe und klanglichen Farbigkeit entstehen \u2013 es wird auch bald bei Aldil\u00e0 Records Schulers Deb\u00fct-CD mit den Goldberg-Variationen und diesen Werken erscheinen.<br \/>\nZum Abschluss zwei St\u00fccke argentinischer Komponisten. Der erste Julio Canepa, ein Zeitgenosse, geboren 1940, schrieb drei Klavierst\u00fccke nach einem Bilderzyklus mit einem Boot, die sehr impulsiv und expressiv waren, besonders den unteren Teil der Klaviatur betonend.<br \/>\nDie \u201eDanzas argentinas\u201c von 1937 \u2013 drei T\u00e4nze des gro\u00dfen argentinischen Komponisten Alberto Ginastera (1916-1983) \u2013 bildeten den temperamentvollen Abschluss und zeigten Hugo Schuler von seiner anderen Seite, die nicht nur dem Publikum, sondern auch ihm selber ersichtlichen Spa\u00df machte. So bleibt nur zu hoffen, dass die Karriere des jungen argentinischen Pianisten ihn auch hier in M\u00fcnchen bald wieder einmal in einem repr\u00e4sentativeren Rahmen dem gro\u00dfen Publikum erlebbar macht. Dr\u00fccken wir ihm und uns die Daumen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, Februar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hugo Schuler spielt am 31. 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