{"id":5051,"date":"2022-03-05T23:57:00","date_gmt":"2022-03-05T22:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5051"},"modified":"2022-03-14T18:28:01","modified_gmt":"2022-03-14T17:28:01","slug":"ein-quartett-fur-den-frieden-robert-simpson-streichquartett-nr-10","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/03\/05\/ein-quartett-fur-den-frieden-robert-simpson-streichquartett-nr-10\/","title":{"rendered":"Ein Quartett f\u00fcr den Frieden: Robert Simpsons Streichquartett Nr.\u00a010"},"content":{"rendered":"\n<p>CD: Hyperion CDA66225; EAN: 0 34571 16225<\/p>\n\n\n\n<p>Noten: Roberton Publications 95448<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-CD.png\"><img loading=\"lazy\" width=\"455\" height=\"454\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-CD.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5055\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-CD.png 455w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-CD-300x300.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-CD-150x150.png 150w\" sizes=\"(max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Robert Simpson war Symphoniker durch und durch. Wie nur wenige andere Komponisten seiner Zeit beherrschte der 1921 geborene Brite die Kunst des Spannungsaufbaus \u00fcber lange Strecken hinweg. Motivisch dicht gearbeitet, meist nur wenige motivische Zellen fortw\u00e4hrend variierend, dabei von einer nirgends nachlassenden Bewegungsenergie getragen, sind seine rund 60 Kompositionen durchweg Meisterleistungen in der Gestaltung gro\u00dfer Zusammenh\u00e4nge. In einigen seiner Werke finden sich Abschnitte, die zum Eruptivsten geh\u00f6ren, was im 20.&nbsp;Jahrhundert geschrieben worden ist. So entfalten beispielsweise die Ecks\u00e4tze der F\u00fcnften Symphonie eine geradezu manische Aktivit\u00e4t; zwei Blechbl\u00e4serst\u00fccke werden durch ihre Titel <em>Volcano<\/em> und <em>Vortex<\/em> hinreichend charakterisiert; und der Schlussteil der Siebten Symphonie d\u00fcrfte wohl der m\u00e4chtigste Eissturm sein, den je ein Komponist durch den Konzertsaal hat tosen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Simpson komponierte nicht aus der abgesicherten Position akademisch kodifizierter Regeln heraus. Seine Motivtransformationen, seine Stimmf\u00fchrung, seine Harmonik wirken im besten Sinne abenteuerlich. Die Form eines St\u00fcckes war f\u00fcr ihn nichts, das sich im Vorhinein festlegen lie\u00dfe, sondern ergab sich immer aus dem jeweiligen Kompositionsprozess, der durchaus auch f\u00fcr den Komponisten selbst \u00dcberraschungen bereit halten konnte. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Sch\u00f6pfer und Sch\u00f6pfung w\u00e4hrend des Schaffens umschrieb er einmal dergestalt, dass er sich daran erfreue, ein wildes Tier (\u201ebeast\u201c) loszulassen und es dann zu reiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausbr\u00fcche und gro\u00dfen Steigerungen der Simpsonschen Musik stehen freilich stets in einem Kontext, der auch Momente der Ruhe und Einkehr umfasst. Die beiden erw\u00e4hnten Symphonien enden leise und enthalten ausgedehnte langsame Abschnitte, die sich kaum \u00fcbers <em>piano<\/em> erheben. Auch gro\u00dfe Teile der raschen S\u00e4tze Simpsons spielen sich im <em>piano<\/em>-Bereich ab. Der h\u00e4ufige Gebrauch von Vortragsbezeichnungen wie <em>tranquillo<\/em>, <em>dolce<\/em> und <em>cantabile<\/em> sollte zudem eine Warnung davor sein, den Komponisten auf die schroffen und kantigen Charakteristika seines Schaffens zu reduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weltanschauung dieses Mannes, der f\u00e4hig war Musik von \u00e4u\u00dferster Heftigkeit zu schreiben, war zutiefst pazifistisch. Er wuchs in einer Familie auf, deren s\u00e4mtliche Mitglieder in der Heilsarmee aktiv waren. Seinen eigenen Angaben zufolge wurde er als Neunj\u00e4hriger zum entschiedenen Gegner aller kriegerischer Handlungen, nachdem er auf einer Heilsarmee-Veranstaltung die Rede eines ehemaligen Soldaten \u00fcber dessen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg geh\u00f6rt hatte. Beeindruckt vom Wirken Albert Schweitzers schwankte Simpson als junger Mann eine Zeit lang, ob er Musiker oder Mediziner werden sollte. Als er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum Kriegsdienst eingezogen wurde, verweigerte er den Dienst an der Waffe und verbrachte den Rest des Krieges als Mitglied einer mobilen Sanit\u00e4tseinheit. In der Nachkriegszeit verfolgte er das atomare Wettr\u00fcsten der beiden Machtbl\u00f6cke mit gro\u00dfer Sorge. Zunehmend abgesto\u00dfen von dem aufr\u00fcstungsfreudigen Kurs der Regierung Thatcher verlie\u00df er Gro\u00dfbritannien 1986 und zog nach Irland.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein schwerer Schlaganfall riss Simpson 1991 aus der produktivsten Phase seines Lebens. Hatte er in den vorangegangenen zehn Jahren rund die H\u00e4lfte seines Lebenswerks geschaffen, so gelang es ihm bis zu seinem Tode 1997 nur noch, ein bereits begonnenes Streichquintett fertigzustellen. Zu den Projekten, die Simpson nicht mehr realisieren konnte, geh\u00f6rt seine Zw\u00f6lfte Symphonie, die als Chorsymphonie gedacht war. Es hat sich allerdings ein Programm erhalten, demzufolge das Werk die Evolution des Lebens zum Thema haben und auf eine pazifistische Botschaft hinauslaufen sollte:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eI. The formation of the sun and solar systems in a gas cloud.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>II. The appearance of the most primitive form of live.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>III. Division into plant and animal kingdoms.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>IV. The active, aggressive animal \u2013 the growth of intelligence.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>V. Violence. The aggressive stimulus to inventiveness.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>VI. Wisdom. At all times it has existed, but has never been able to prevent the pervasive violence.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>VII. The species has hitherto been able to survive its own violence, but no longer. Now it can destroy itself.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>VIII. Non-violence or non-existence (Martin Luther King). The laws of chance provide for no other solution.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5053\" width=\"447\" height=\"596\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Simpson-Streichquartett-10-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 447px) 100vw, 447px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein ausdr\u00fccklich dem Thema \u201eFrieden\u201c gewidmetes Werk existiert jedoch aus Simpsons Feder: das Streichquartett Nr.&nbsp;10, dem er den Titel <em>For peace<\/em> gab. Es entstand 1983 im Auftrag des dem Schaffen des Komponisten besonders verbundenen Coull Quartet, das am 23.&nbsp;Juni 1984 in der University of Warwick die Urauff\u00fchrung spielte. Im Vorwort zur Partitur schrieb Simpson, diese Musik sei \u201ekein Ausdruck qu\u00e4lender Angst\u201c, sondern \u201eversuche den Zustand des Friedens zu definieren\u201c. Wie das Programm zur Zw\u00f6lften Symphonie verr\u00e4t, sieht Simpson den Frieden als Entschluss der Menschen gegen die Entfesselung der zerst\u00f6rerischen (und selbstzerst\u00f6rerischen) Kr\u00e4fte, die ihnen durch die Evolution zuteil geworden sind. Es geht um den bewussten Umgang mit etwas, das in der Welt ist und weder ungeschehen gemacht, noch geleugnet werden kann. Frieden zu halten ist mithin ein Akt der Entscheidung und des Handelns.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schl\u00e4gt sich das in der Musik nieder? Simpson hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er nichts davon hielt, die auf Quintverwandtschaften aufgebaute Tonalit\u00e4t durch pr\u00e4fixierte Systeme wie die Zw\u00f6lftontechnik zu ersetzen. Er arbeitet immer mit tonalen Bez\u00fcgen. Allerdings vermeidet er weitgehend den Einsatz klassischer Dominantharmonien und h\u00e4lt stattdessen die Musik nahezu durchgehend in einem harmonischen Schwebezustand. Bereits die Themen selbst durchschreiten in der Regel mehrere tonale Zentren. Simpson denkt polyphon und bildet durch Stimmf\u00fchrung eine Vielzahl Vorhaltsdissonanzen unterschiedlicher Spannungsgrade, die er oft nicht aufl\u00f6st. Daraus ergibt sich, dass in seiner Musik \u00fcber lange Strecken Dissonanzen auf Dissonanzen folgen. Verwundert es angesichts dieser Stilmittel, dass er sein Komponieren als einen Ritt auf einem wilden Tier beschrieb? Eine latente Spannung ist also bei Simpson immer vorhanden, auch im Streichquartett \u201ef\u00fcr den Frieden\u201c. In diesem Werk enth\u00e4lt er sich nach eigenen Worten der \u201eAgressionen, nicht aber der starken Gef\u00fchle\u201c. Die Herausforderung bestand f\u00fcr den Komponisten offenbar darin, mit Stilmitteln, die zur Sch\u00e4rfung des Tons und zur Zuspitzung konflikthafter Situationen bestens geeignet sind, ein Werk friedlichen Grundcharakters zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Simpsons Zehntes Streichquartett ist dreis\u00e4tzig und dauert ungef\u00e4hr 27 Minuten. Einem <em>Allegretto<\/em>-Kopfsatz (3\/4-Takt) folgt ein ganz kurzes, scherzoartiges <em>Prestissimo<\/em> (2\/4-Takt). Das Finale ist ein langsamer Satz (<em>Molto Adagio<\/em>, 3\/4-Takt, am Ende 9\/8-Takt bei gleichem Tempo), der allein etwa zwei Drittel der Gesamtspielzeit einnimmt. Satzfolge und Proportionen des Werkes erinnern an Beethovens Klaviersonate op.\u00a0109, allerdings ist nicht bekannt, ob Simpson \u2013 immerhin einer der besten Beethoven-Kenner \u2013 eine Anspielung an dieses St\u00fcck beabsichtigt hat. Alle drei S\u00e4tze sind \u00fcberwiegend leise gehalten, aber jeder von ihnen steigert sich gegen Ende zu einem H\u00f6hepunkt im <em>fortissimo<\/em>, bevor sich die Musik wieder beruhigt. Dass der Frieden durchaus gef\u00e4hrdet ist, macht vor allem der letzte Satz deutlich. Sein Hauptgedanke ist ein Doppelthema, dessen zwei Stimmen vorwiegend in konsonanten Zusammenkl\u00e4ngen gef\u00fchrt werden, wobei sich keine eindeutige Tonika durchsetzt. Es gewinnt im Laufe des Satzes durch rhythmische Variation ein wenig an Lebhaftigkeit, ohne dadurch seine ruhige Grundstimmung einzub\u00fc\u00dfen. Auch verbleibt die Musik \u00fcber weite Strecken in der Zweistimmigkeit. Umso mehr \u00fcberrascht das Fugato im letzten Satzdrittel. Mit der Ruhe ist es hier schlagartig vorbei: Alle vier Instrumente spielen durchweg <em>fortissimo<\/em>, immer kleinere Notenwerte dominieren das Geschehen und scheinen das Adagio in ein entfesseltes Allegro verwandeln zu wollen. Da besinnt sich die Musik pl\u00f6tzlich eines anderen und sinkt ins pianissimo zur\u00fcck. Die erste Violine spielt eine grazi\u00f6se Melodie, ein letztes Mal erscheint das Hauptthema in seiner Anfangsgestalt, und das Werk verklingt in einem ganz leisen Quartsextakkord.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen dieser kurzen Vorstellung ist es unm\u00f6glich, auf die ganzen Feinheiten ausf\u00fchrlich einzugehen, die dieses Quartett (wie auch die \u00fcbrigen Streichquartette Simpsons) bietet. Wer h\u00f6ren will, wie Robert Simpson sich die musikalische Umsetzung des Friedens dachte, greife zu der Einspielung, die das Coull Quartett 1986 f\u00fcr Hyperion gemacht hat. Die Partitur ist 1990 bei Roberton Publications erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, M\u00e4rz 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CD: Hyperion CDA66225; EAN: 0 34571 16225 Noten: Roberton Publications 95448 Robert Simpson war Symphoniker durch und durch. 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