{"id":5117,"date":"2022-03-09T09:26:20","date_gmt":"2022-03-09T08:26:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5117"},"modified":"2022-03-09T09:26:24","modified_gmt":"2022-03-09T08:26:24","slug":"eberls-quartette-erblicken-das-licht-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/03\/09\/eberls-quartette-erblicken-das-licht-der-welt\/","title":{"rendered":"Eberls Quartette erblicken das Licht der Welt"},"content":{"rendered":"\n<p>Solo Musica, SM 391; EAN: 4 260123 643911<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das casalQuartett entdeckt die Musik von Anton Eberl, bei Solo Musica erscheint nun unter dem Titel \u201eRediscovered\u201c die Weltersteinspielung der drei Streichquartette op. 13.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5118\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/SM391-Cover-2048x2048.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Anton Eberl \u2013 bei eingehenderer Besch\u00e4ftigung mit der Musik der Wiener Klassik kommt man kaum um diesen Namen herum; zu h\u00f6ren ist sein Schaffen allerdings ausgesprochen selten. Seine zu Lebzeiten hochgelobten Werke tauchen erst seit der Jahrtausendwende wieder vereinzelt auf der Bildfl\u00e4che auf. Vor zwei Jahren erschienen die sieben Klaviersonaten in einer Einspielung durch Luca Quintavalle (Brilliant Classics), ebenso das <em>Konzert f\u00fcr zwei Klaviere<\/em> durch das Duo Tal &amp; Groethuysen mit der Frankfurt Radio Symphony unter Reinhard Goebel (Sony), 2000 kamen die Symphonien durch das Concerto K\u00f6ln heraus (Teldec). Nun darf das casalQuartett f\u00fcr sich beanspruchen, die Quartette Anton Eberls wiederentdeckt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name Eberl steht zumeist in unmittelbarer Verbindung zur Familie Mozart. Wolfgang Amadeus unterwies den um neun Jahre j\u00fcngeren Kollegen, woraus eine lebenslange Freundschaft zwischen den Familien erwuchs, die auch \u00fcber den Tod Mozarts bestehen blieb, n\u00e4mlich zu Constanze und ihrer Schwester. Der 1765 geborene Eberl trat in Kindertagen als Pianist auf, verschrieb sich nach einem aus finanziellen Gr\u00fcnden abgebrochenen Jurastudium vollst\u00e4ndig der Musik. Fortan findet sich sein Name immer wieder an prominenter Stelle, so in Lobeshymnen von unter anderem Gluck, als Kapellmeister von Haydns <em>Sch\u00f6pfung<\/em> in Russland, als Solist seines eigenen <em>Klavierkonzerts<\/em> neben Beethovens <em>Eroica<\/em> und als eigentlicher Autor von Mozart zugeschriebenen Werken. Die Presse \u00fcberschlug sich f\u00f6rmlich des Lobes, zumeist \u00fcbrigens mehr als \u00fcber die Musik seiner heute bekannten Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie so oft f\u00e4llt, wenn ein unbekannter Tonsetzer aus der Vergessenheit geborgen wird, schnell das Wort \u201eEpigonentum\u201c, und es wird versucht, ihn in den Schatten des bew\u00e4hrten Meister zu stellen. Auch Anton Eberl war davor nicht gefeit, schnell reduzierte man ihn auf seinen Lehrer. Zwar l\u00e4sst sich nicht bestreiten, dass Mozart seine Handschrift bei seinem Sch\u00fcler hinterlie\u00df, allerdings nur im Bewusstsein dar\u00fcber, wie die Naturgesetze der Funktionsharmonik walten und an welchen Stellen sie kurzzeitig umgangen werden k\u00f6nnen. Eberl lernte die Wendigkeit des musikalischen Geschehens und das Gef\u00fchl f\u00fcr gezielte \u00dcberraschungen und Unvorhersehbarkeiten. Die Art der Themenfindung, die aufkommenden Stimmungen und die Fortf\u00fchrung seines Materials hingegen sind genuin auf Eberl selbst zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Drei Quartette<\/em> op. 13 gab Anton Eberl 1801 geb\u00fcndelt heraus und konzipierte sie als bewussten Zyklus dreier dennoch eigenst\u00e4ndiger Werke, die sich in Gehalt und Spannung steigern \u2013 \u00e4hnlich ging vor allem Beethoven bei seinen fr\u00fchen Opera vor, so den drei <em>Sonaten<\/em> op. 2. Die <em>Drei Quartette<\/em> halten sich an die klassische Viers\u00e4tzigkeit und deren Formmodelle, brechen allerdings immer weiter die Strukturen auf. Gibt sich das <em>Erste<\/em> in <em>Es-Dur<\/em> noch recht normbewusst, begehrt die Nummer <em>Zwei<\/em> in <em>D-Dur<\/em> schon mehr auf. Das Hauptthema wirkt wie aus einer Oper entsprungen, schnell jedoch kippt die Situation und die Musik pr\u00e4sentiert auf knappem Raum eine Vielzahl an Stimmungen. Das Allegro-<em>Menuett<\/em> steht an zweiter Stelle und das <em>Adagio non troppo<\/em> an dritter: Hier keimt eine unerh\u00f6rte Dunkelheit auf, die in ihrer introvertierten Spannung h\u00f6chstens mit wesentlich sp\u00e4ter entstandenen Werken Schuberts vergleichbar w\u00e4re. Meisterlich gelingt der \u00dcbergang in den Schlusssatz, der noch verunsichert anhebt und erst allm\u00e4hlich anrollt, in der vorliegenden Aufnahme geschlagene zwanzig Sekunden braucht, bevor sich die gel\u00f6ste Stimmung etabliert. Dies beweist, dass Eberl nicht nur an die S\u00e4tze an sich dachte, sondern die gesamte Dramaturgie bedachte. Das <em>Dritte Quartett<\/em> stellt ein <em>Adagio<\/em> an die erste Stelle, das in der Tonart g-Moll Licht und Schatten auslotet, wieder in beachtenswerte Tiefen blickt. Symphonisch hebt das <em>Menuetto<\/em> an, das bei aller scheinbaren Heiterkeit einen bitteren Beigeschmack nicht verliert. Auch in den kommenden S\u00e4tzen demonstriert Eberl die enorme Wirkung des schlichten Molls, spielt mit Kontrasten und legt bei enormer Wendigkeit des Geschehens jede Harmonie auf die Goldwaage.<\/p>\n\n\n\n<p>Das casalQuartett setzt die Musik auf eine distanziert n\u00fcchterne Weise um, bleibt dabei h\u00f6chst aufmerksam auf den Strom der Musik und geht in feinen Schattierungen auf die raschen Wechsel ein, welche h\u00f6rbar werden, ohne zu sehr hervorzustechen. \u00dcberm\u00e4\u00dfige Kontraste vermeiden die vier Musiker, h\u00fcten sich also vor vermeidlichen Romantismen, welche die luzide Textur der Quartette zerfasern k\u00f6nnten. Die Stimmen entwickeln sich aus einem einheitlichen Klang heraus, bei dem die klangtechnisch oftmals auffallend weichere Bratsche sichtlich in die h\u00e4rteren Randinstrumente integriert erscheint. Das erm\u00f6glicht eine besondere Plastizit\u00e4t und Mehrdimensionalit\u00e4t des Klanges, da dieser einen einzigen Ursprung zu haben scheint. Unverkennbar besticht das fundierte Wissen, das die vier Streicher \u00fcber die Entstehungszeit der Quartette und deren Auff\u00fchrungspraxis besitzen (man beachte das Begleich-\u201eBuch\u201c ihrer f\u00fcnfteiligen Aufnahme <em>Beethovens Welt 1799-1851<\/em> [Solo Musica, SM 283] mit allein 67 Seiten auf Deutsch vom Bratschisten des Quartetts). Dabei stellt das casalQuartett die Quartette nicht als verstaubte Museumsst\u00fccke dar, sondern holt die Kenntnis \u00fcber jene Zeit in unsere heutige Klangkultur und schafft ein St\u00fcck lebendige Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solo Musica, SM 391; EAN: 4 260123 643911 Das casalQuartett entdeckt die Musik von Anton Eberl, bei Solo Musica erscheint nun unter dem Titel \u201eRediscovered\u201c die Weltersteinspielung der drei Streichquartette op. 13. 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