{"id":5126,"date":"2022-03-14T17:13:23","date_gmt":"2022-03-14T16:13:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5126"},"modified":"2022-03-14T18:12:19","modified_gmt":"2022-03-14T17:12:19","slug":"die-musica-viva-feiert-wolfgang-rihms-70-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/03\/14\/die-musica-viva-feiert-wolfgang-rihms-70-geburtstag\/","title":{"rendered":"Die Musica viva feiert Wolfgang Rihms 70.\u00a0Geburtstag"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am Freitag, 11.&nbsp;3.&nbsp;2022, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Musica-viva-Konzert unter Ingo Metzmacher ein der Musik Wolfgang Rihms gewidmetes Programm: <\/em>Erster Doppelgesang, W\u00f6lfli-Lieder, Die St\u00fccke des S\u00e4ngers<em> und <\/em>IN-SCHRIFT<em>. Die Solisten waren Lawrence Power (Viola), <\/em><em>Nicolas Altstaedt (Violoncello), Georg Nigl (Bassbariton) und Magdalena Hoffmann (Harfe).<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Magdalena-Hoffmann-u.-Ingo-Metzmacher-c-Astrid-Ackermann-fuer-musica-viva.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Magdalena-Hoffmann-u.-Ingo-Metzmacher-c-Astrid-Ackermann-fuer-musica-viva-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5127\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Magdalena-Hoffmann-u.-Ingo-Metzmacher-c-Astrid-Ackermann-fuer-musica-viva-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Magdalena-Hoffmann-u.-Ingo-Metzmacher-c-Astrid-Ackermann-fuer-musica-viva-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Magdalena-Hoffmann-u.-Ingo-Metzmacher-c-Astrid-Ackermann-fuer-musica-viva-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Magdalena-Hoffmann-u.-Ingo-Metzmacher-c-Astrid-Ackermann-fuer-musica-viva.jpg 1274w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Magdalena Hoffmann und Ingo Metzmacher \u2013 \u00a9 Astrid Ackermann f\u00fcr musica viva\/BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zwei Tage vor dem siebzigsten Geburtstag Wolfgang Rihms endete die dem wohl produktivsten lebenden deutschen Komponisten gewidmete Woche mit insgesamt vier Veranstaltungen in M\u00fcnchen mit einem Konzert des BR-Symphonieorchesters. Der schon l\u00e4nger mit einer schweren Erkrankung k\u00e4mpfende Jubilar war unter den Zuschauern und durfte einen Abend mit wirklich exzellenten Darbietungen miterleben. Angesichts der unfassbaren Kriegsereignisse in der Ukraine bat der k\u00fcnstlerische Leiter der <em>musica viva<\/em>, Winrich Hopp zun\u00e4chst um eine Schweigeminute \u2013 Totenstille im endlich wieder gut gef\u00fcllten Herkulessaal. Die erlaubten 75%-Auslastung wurden augenscheinlich erreicht \u2013 sicherlich dem Bekanntheitsgrad Rihms geschuldet; und auch, weil dieser Abend nach langer Zwangspause wieder \u00fcber die Abos lief. Dass das schon lange so geplante Programm mit \u00fcberwiegend \u00e4lteren Werken des Komponisten perfekt zum schockierenden Weltgeschehen passte, sollte sich schnell zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Rihms Schaffen hat mittlerweile einen so unglaublichen Umfang erreicht, dass kaum eine Handvoll Spezialisten da noch durchblicken kann. Rihm, der sehr fr\u00fch zu komponieren begann, konnte bereits Ende der 1970er seinen Ausdruckswillen in allen Musikgattungen perfekt umsetzen. Ihn \u2013 wie h\u00e4ufig sehr polemisch geschehen \u2013 als typischen Vertreter einer Postmoderne oder gar unpolitisch zu verorten, war schon damals reichlich kurz gegriffen bzw. schlicht falsch. Sein <em>Erster Doppelgesang,<\/em> ein Doppelkonzert f\u00fcr Bratsche und Violoncello, gibt den beiden Solisten \u2013 <em>Lawrence Power<\/em> und <em>Nicolas Altstaedt<\/em> meistern ihre h\u00f6chst virtuosen Parts atemberaubend \u2013 reichlich Gelegenheit zum Duettieren. Allerdings bedient dieses St\u00fcck nicht das traditionelle Narrativ: Individuen kontra Kollektiv. Vielmehr provozieren bereits die Soloinstrumente \u2013 Rihm hat auf die Gewaltt\u00e4tigkeit des Paares Rimbaud\u2013Verlaine hingewiesen \u2013 zunehmend perkussive Ausbr\u00fcche im Orchester; am Schluss zerschlagen Maschinengewehrsalven der kleinen Trommel \u2013 1980 bahnte sich der Erste Golfkrieg an \u2013 jeglichen \u201eGesang\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ingo Metzmacher<\/em> ist mit breitestem Repertoire und jahrzehntelangem Einsatz f\u00fcr moderne Musik genau der richtige Dirigent f\u00fcr Rihms Verkn\u00fcpfung von Intellektualit\u00e4t und subjektivem Ausdruck. Rhythmisch immer k\u00f6rperlich mitgehend, dabei gleichzeitig gespannt wie elastisch, verf\u00fcgt er \u00fcber eine v\u00f6llig unmissverst\u00e4ndliche Schlagtechnik und kann musikalische Entwicklungen minuti\u00f6s und planvoll gestalten, ohne Solisten in ihrer Freiheit einzuengen. Gerade in der folgenden Orchesterfassung der <em>W\u00f6lfli-Lieder <\/em>(1981) erzielt er Klangwirkungen, denen man sich kaum entziehen kann. Der schizophrene schweizerische K\u00fcnstler Adolf W\u00f6lfli (1864\u20131930) erweckte ab den 1970ern erneut das Interesse der Kulturszene. Rihms Liederzyklus kn\u00fcpft oberfl\u00e4chlich scheinbar an das romantische Kunstlied an \u2013 quasi schubertsche Gef\u00e4\u00dfe, gef\u00fcllt mit Blut und Wahnsinn. <em>Georg Nigl<\/em> gelingt mit Riesenstimme, klarster Artikulation und d\u00e4monischer Unw\u00e4gbarkeit der Emotionen ein eindringliches Portr\u00e4t aus der Nervenheilanstalt. Das Orchester enth\u00e4lt sich hier einer Wertung, \u00fcberh\u00f6ht daf\u00fcr die Br\u00fcche, \u00fcberl\u00e4sst das Publikum einem Wechselbad zwischen Schauder und Empathie \u2013 gro\u00dfartig!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel <em>Die St\u00fccke des S\u00e4ngers<\/em> meint nicht etwa Musikst\u00fccke, sondern die \u00dcberreste des von den M\u00e4naden zerrissenen S\u00e4ngers Orpheus. Das Harfenkonzert von 2001, das Wolfgang Rihm 2008 etwas erweitert hat, ist gleichzeitig ein vierteiliges Epitaph f\u00fcr den Dichter Heiner M\u00fcller. Im eher kleinen, dunkel timbrierten Orchester (Bl\u00e4ser!), das wom\u00f6glich den Styx repr\u00e4sentiert, konzertiert die Harfe meist erg\u00e4nzt durch Klavier \u2013 leider stellenweise etwas zu laut \u2013 und Schlagzeug; eine von Rihm mehrfach erprobte Kombination. Wie im vorigen St\u00fcck grollt gegen Schluss tiefes Schlagwerk. <em>Magdalena Hoffmann<\/em>, die ph\u00e4nomenale Solo-Harfenistin des BRSO,begeistert mit oft sehr robusten, geradezu plastischen Kl\u00e4ngen, ungemein engagiert und dabei meilenweit entfernt von \u00fcblichen Topoi des Instruments; daf\u00fcr gibt es tosenden Beifall.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch im letzten, umfangreichsten Werk des Abends, <em>IN-SCHRIFT<\/em> (1995), zu dessen Beginn R\u00f6hrenglocken auf den Urauff\u00fchrungsort \u2013 San Marco in Venedig \u2013 verweisen, dominieren die dunklen Farben: Es gibt keine hohen Streicher, daf\u00fcr 4 H\u00f6rner, 6 Posaunen plus Kontrabasstuba, die sich bei ihrem Eintritt zun\u00e4chst unisono wie ein potenziert bedrohlicher Fafner winden, um schlie\u00dflich hochenergetische Chorallinien herauszubr\u00fcllen. Ein herrlicher Moment der je 7-geteilten Celli und B\u00e4sse evoziert Erinnerungen an Renaissance-Polyphonie, und erneut scheint eine reine Schlagzeug-Stelle \u2013 die wohl f\u00fcr das Einmei\u00dfeln von Schrift steht \u2013 das Ganze zum Kippen zu bringen. Fl\u00f6ten und vor allem die Harfe, die <em>IN-SCHRIFT<\/em> beendet, verk\u00f6rpern hingegen anscheinend das Diesseitige, Lebendige; es ist immer wieder erstaunlich, wie klar sich Rihms Kl\u00e4nge vom Zuh\u00f6rer emotional fassen lassen. Metzmacher und das Orchester realisieren diese im Detail kompliziert changierende Musik mit ungemeiner Pr\u00e4zision und total kontrollierter dynamischer Abstufung: musica viva in Bestform. Der Schlussapplaus gilt dann nat\u00fcrlich trotzdem vorrangig dem doch etwas ger\u00fchrten Komponisten, dem man nur weiter solch \u00fcberbordende Schaffenskraft w\u00fcnschen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 13. M\u00e4rz 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag, 11.&nbsp;3.&nbsp;2022, spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Musica-viva-Konzert unter Ingo Metzmacher ein der Musik Wolfgang Rihms gewidmetes Programm: Erster Doppelgesang, W\u00f6lfli-Lieder, Die St\u00fccke des S\u00e4ngers und IN-SCHRIFT. Die Solisten waren Lawrence Power (Viola), Nicolas Altstaedt (Violoncello), Georg Nigl (Bassbariton) und Magdalena Hoffmann (Harfe). 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