{"id":5135,"date":"2022-03-25T15:18:32","date_gmt":"2022-03-25T14:18:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5135"},"modified":"2022-03-25T15:18:36","modified_gmt":"2022-03-25T14:18:36","slug":"ebenbild-juri-vallentin-trio-d-iroise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/03\/25\/ebenbild-juri-vallentin-trio-d-iroise\/","title":{"rendered":"Ebenbild"},"content":{"rendered":"\n<p>PASCHENrecords, PR 220072; EAN: 4250976100723<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Ebenbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Ebenbild.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5136\" width=\"471\" height=\"419\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Ebenbild.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Ebenbild-300x267.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 471px) 100vw, 471px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Unter dem Titel <\/em>Ebenbild<em> pr\u00e4sentieren Juri Vallentin, Oboe, und das (Streich-)Trio d&#8217;Iroise ein durch verschiedene L\u00e4nder und Zeiten f\u00fchrendes imagin\u00e4res Konzert, dessen Leitfaden das Lied <\/em>Mein G&#8217;m\u00fct ist mir verwirret<em> (bzw. <\/em>O Haupt voll Blut und Wunden<em>) bildet. Eingespielt wurden Werke von Hans Leo Ha\u00dfler, Johann Sebastian Bach, Johann Gottlieb Janitsch, Charles Bochsa, Frederick Septimus Kelly und Theo Verbey.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>1601 ver\u00f6ffentlichte Hans Leo Ha\u00dfler (1564\u20131912) in seinem <em>Lustgarten neuer deutscher Ges\u00e4ng<\/em> das Lied <em>Mein G&#8217;m\u00fct ist mir verwirret<\/em>. F\u00fcgt man die Anfangsbuchstaben der f\u00fcnf Strophen zusammen, ergibt sich der Name der \u201eJungfrau zart\u201c, die der unbekannte Dichter besingt: Maria \u2013 es kann also auch die Mutter Gottes gemeint sein. Damit reicht das Liebeslied in die geistliche Sph\u00e4re hin\u00fcber, der es sp\u00e4ter durch verschiedene Umtextierungen ganz einverleibt wurde. Als <em>Wie soll ich Dich empfangen<\/em>, vor allem aber als <em>O Haupt voll Blut und Wunden<\/em> wurde es zu einem der bekanntesten geistlichen Lieder deutscher Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Oboist Juri Vallentin und das Trio d&#8217;Iroise \u2013 Sophie Pantzier (Violine), Fran\u00e7ois Lef\u00e8vre (Viola) und Johann Caspar Wedell (Violoncello) \u2013 haben Ha\u00dflers Lied als Leitfaden ihres Albums <em>Ebenbild<\/em> ausgew\u00e4hlt. Die CD enth\u00e4lt nicht einfach nur einzelne St\u00fccke, die mehr oder weniger in Beziehung zueinander stehen, sondern bietet ein imagin\u00e4res Konzert, dessen Programm von den Musikern sorgf\u00e4ltig \u201ekomponiert\u201c wurde und in einem Zug, als ein gro\u00dfer Spannungsbogen, geh\u00f6rt werden will. Regelm\u00e4\u00dfig erscheint darin Ha\u00dflers Melodie: Sie findet ihr \u201eEbenbild\u201c in verschiedenen Bearbeitungen, teils ist sie nur als Anklang pr\u00e4sent \u2013 und manchmal verschwindet sie auch ganz, um sp\u00e4ter wieder aufzutauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn erklingen die Diminutionen, die Hans Leo Ha\u00dfler selbst \u00fcber sein Lied geschrieben hat. Es handelt sich um Figuralvariationen, in deren Verlauf die Notenwerte der das Thema umspielenden Kontrapunkte immer st\u00e4rker \u201edimininuiert\u201c, also verkleinert, werden. Im Folgenden fungieren vier Bearbeitungen der Melodie durch Johann Sebastian Bach \u2013 drei aus der <em>Matth\u00e4us-Passion<\/em>, eine aus dem <em>Weihnachtsoratorium<\/em> \u2013 als R\u00fcckgrat des Programms. Der zyklische Charakter der Vortragsfolge wird unterstrichen, indem die Musiker das Ende jedes dieser f\u00fcnf St\u00fccke in einen ganz leisen Orgelpunkt \u00fcberf\u00fchren, \u00fcber welchem anschlie\u00dfend die Schauspielerin Caroline Junghans jeweils eine Strophe des Originaltextes rezitiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazwischen nehmen uns Juri Vallentin und das Trio d&#8217;Iroise auf eine abwechslungsreiche Reise durch L\u00e4nder und Zeiten mit. Zun\u00e4chst f\u00fchrt sie ins friderizianische Berlin, zu Johann Gottlieb Janitsch (1708\u20131762), einen Hofmusiker Friedrichs des Gro\u00dfen, der Mitte des 18.&nbsp;Jahrhunderts als erster in der preu\u00dfischen Hauptstadt \u00f6ffentliche Konzerte f\u00fcr ein b\u00fcrgerliches Publikum veranstaltete. In seiner Quartettsonate g-Moll \u2013 den Basso continuo erg\u00e4nzt am Cembalo Bernward Lohr \u2013 spart Janitsch nicht mit galanten Melodien, doch seine musikalische Muttersprache ist der strenge barocke Kontrapunkt. Werke wie diese Sonate machen so recht verst\u00e4ndlich, warum sich gerade Berlin nach 1750 zu einem Zentrum der Pflege Johann Sebastian Bachs entwickelte: Man wusste dort den Ernst dieser Kunst zu sch\u00e4tzen und nahm sie sich zum Vorbild zu eigener sch\u00f6pferischer Arbeit. Der dritte Satz der Sonate verarbeitet <em>O Haupt voll Blut und Wunden<\/em> in der Art einer Choralbearbeitung. Die Melodie hat Janitsch mit empfindsamen Verzierungen versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem Ersten Weltkrieg komponierte der am Frankfurter Konservatorium ausgebildete Australier Frederick Septimus Kelly (1881\u20131916) ein Streichtrio, aus dem hier der langsame Satz, die <em>Romance<\/em>, zu h\u00f6ren ist. Sie beginnt mit Pizzicati der tiefen Streicher, \u00fcber denen sich eine Violinkantilene ausgiebig entfalten darf. Im Mittelteil wechselt die Musik von Dur nach Moll und alle drei Instrumente werden gleicherma\u00dfen am Geschehen beteiligt, das durch expressive Melodik beeindruckt. Immer wieder scheinen Wendungen aus Ha\u00dflers Lied aufzublitzen, wobei man sich fragt, ob Kelly dies beabsichtigt hat, oder ob es nur aufgrund des Kontextes so wirkt, in den das St\u00fcck in der vorliegenden Aufnahme gestellt wurde. Immerhin erscheint eine Andeutung von <em>Mein G&#8217;m\u00fct ist mir verwirret<\/em> wahrscheinlich, da der Komponist das Werk f\u00fcr seine Kammermusikpartnerin, die Geigerin Jelly d&#8217;Ar\u00e1nyi geschrieben hat, die ihn schw\u00e4rmerisch verehrte. Bedenkt man aber, dass Kelly als Soldat im Ersten Weltkrieg sein Leben verlor, wirken die Ankl\u00e4nge an <em>O Haupt voll Blut und Wunden<\/em> wie eine d\u00fcstere Vorahnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein verspieltes Intermezzo erklingt in Gestalt des Oboenquartetts in d-Moll von Charles Bochsa, einem nach Frankreich ausgewanderten B\u00f6hmen, \u00fcber dessen Leben wenig bekannt ist, der aber der Generation Mozarts angeh\u00f6ren d\u00fcrfte und 1821 starb. Melodiebetont, in freundlichem Serenadenton gehalten und dem effektvollen Brillieren nicht abgeneigt, bietet das nur aus Allegro und Rondo bestehende Werk angenehme Unterhaltung in einem Stil, der eher \u201efr\u00fchromantisch\u201c als \u201eklassisch\u201c anmutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den <em>4 Preludes to Infinity<\/em> des Niederl\u00e4nders Theo Verbey (1959\u20132019) gelangen wir in die j\u00fcngste Vergangenheit. Die vier kurzen St\u00fccke zeugen von der F\u00e4higkeit ihres Komponisten, einem kleinen Kammerensemble eine Vielzahl reizvoller Kl\u00e4nge zu entlocken. Verbey l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass er den Bezug zur Vergangenheit sucht. Fr\u00fchere Epochen spiegeln sich deutlich in jedem der St\u00fccke. Die ersten beiden \u2013 ein mysteri\u00f6s tremolierendes Vorspiel und ein Scherzino im Gigue-Tempo \u2013 stehen in franz\u00f6sisch-impressionistischer Tradition. Die ruhige Nr.&nbsp;3 kommt ganz ohne \u201eModernismen\u201c aus, die Harmonik gemahnt in ihrer Schlichtheit an die Renaissance \u2013 wodurch ein Bogen zu Ha\u00dfler geschlagen wird. Nr.&nbsp;4 ist offensichtlich eine Hommage an Sibelius&#8216; <em>Schwan von Tuonela<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das imagin\u00e4re Konzert endet offen, denn am Schluss steht ein unvollendetes Werk: der Contrapunctus XIV aus Johann Sebastian Bachs <em>Kunst der Fuge<\/em>. Die Realisierung als St\u00fcck f\u00fcr Oboe und Streichtrio ist insofern problematisch, als dass die von der Oboe gespielte Stimme automatisch hervorsticht und die anderen Stimmen auch dann in den Hintergrund dr\u00e4ngt, wenn sie eigentlich einer von ihnen den Vorrang lassen m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Juri Vallentin und das Trio d&#8217;Iroise musizieren durchweg auf sehr hohem Niveau. Die Auff\u00fchrungen wurden sorgf\u00e4ltig einstudiert, wie die feinen Differenzierungen in der Dynamik verraten, die allenthalben anzutreffen sind. \u00dcberlegte Phrasierungen zeugen von einem Sinn aller Beteiligten f\u00fcr melodische Entwicklung. Besonders loben muss man die Musiker daf\u00fcr, dass sie die St\u00fccke Ha\u00dflers, Bachs und Janitschs nicht einer bekannten Mode folgend in Form \u00fcberakzentuierter Notentextreferate dargeboten haben, sondern wirklich \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 Zwischent\u00f6ne h\u00f6rbar machen. Im Falle des diskographisch bislang noch kaum erkundeten Janitsch kann man durchaus von einer Referenzaufnahme sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, M\u00e4rz 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PASCHENrecords, PR 220072; EAN: 4250976100723 Unter dem Titel Ebenbild pr\u00e4sentieren Juri Vallentin, Oboe, und das (Streich-)Trio d&#8217;Iroise ein durch verschiedene L\u00e4nder und Zeiten f\u00fchrendes imagin\u00e4res Konzert, dessen Leitfaden das Lied Mein G&#8217;m\u00fct ist mir verwirret (bzw. O Haupt voll Blut und Wunden) bildet. 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