{"id":5138,"date":"2022-03-28T00:35:00","date_gmt":"2022-03-27T22:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5138"},"modified":"2022-03-27T21:40:11","modified_gmt":"2022-03-27T19:40:11","slug":"noerdlich-anmutende-stimmungsbilder-und-rauer-charme-william-wordsworth-3-toccata-classics","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/03\/28\/noerdlich-anmutende-stimmungsbilder-und-rauer-charme-william-wordsworth-3-toccata-classics\/","title":{"rendered":"N\u00f6rdlich anmutende Stimmungsbilder und rauer Charme"},"content":{"rendered":"\n<p>Toccata Classics, TOCC 0600; EAN: 5 060113 446008<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/WordsworthIII.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/WordsworthIII.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5139\" width=\"459\" height=\"459\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/WordsworthIII.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/WordsworthIII-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/WordsworthIII-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 459px) 100vw, 459px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die dritte Folge der Einspielungen von Orchestermusik des britischen Sinfonikers William Wordsworth (1908\u20131988) des Labels Toccata pr\u00e4sentiert sein Cellokonzert op. 73 und seine Sinfonie Nr. 5 a-moll op. 68 aus den fr\u00fchen 1960er Jahren. Es spielt das Sinfonieorchester der lettischen Stadt Liep<\/em><em>\u0101<\/em><em>ja unter der Leitung von John Gibbons; Solist ist Florian Arnicans.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So beachtlich die Diskographie britischer Sinfonik auch ist, die Labels wie Chandos, Hyperion, Lyrita, Naxos und Dutton (um nur einige zu nennen) im Laufe von mittlerweile mehreren Dekaden zusammengetragen haben: es gibt auch auf diesem Gebiet nach wie vor eine ganze Reihe ausgezeichneter Komponisten zu entdecken. Aus den Ver\u00f6ffentlichungen der letzten Jahre w\u00e4ren hier z.&nbsp;B. der Waliser Daniel Jones hervorzuheben, dessen 13 Gattungsbeitr\u00e4ge nun endlich komplett auf Tontr\u00e4ger verf\u00fcgbar sind (Lyrita), oder der Schotte Thomas Wilson, dessen Sinfonien Nr. 2\u20135 bei Linn Records erschienen sind. Auch Toccata Classics hat eine Reihe von beachtlichen CDs mit britischer Sinfonik herausgebracht, und insbesondere ist hier die laufende Serie mit Orchesterwerken von William Wordsworth (1908\u20131988) zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wordsworth, Sch\u00fcler von Donald Francis Tovey und Nachfahre eines Bruders des gleichnamigen Dichters, hat eine breite Palette von Orchesterwerken hinterlassen, die seine gesamte kompositorische Laufbahn umfassen, darunter acht Sinfonien und eine Sinfonia f\u00fcr Streicher. Im umfangreichen, insbesondere Leben und Pers\u00f6nlichkeit Wordsworths schildernden (und dabei mit einigen recht am\u00fcsanten Anekdoten aufwartenden) Essay von Paul Conway im Beiheft werden Sibelius, Bart\u00f3k, Nielsen sowie (\u201eto a lesser extent\u201c) Bax und Vaughan Williams als Einfl\u00fcsse verortet. In der Tat sind dies die stilistischen Koordinaten, die f\u00fcr eine grobe Einordnung von Wordsworths Musik relevant sein d\u00fcrften, wobei nat\u00fcrlich klar ist, dass bei einem solch gro\u00dfen Spektrum etwas Differenzierung gefragt ist. H\u00f6rt man auf der vorliegenden CD etwa die Ecks\u00e4tze der F\u00fcnften Sinfonie, so wird man rein vom Klangbild her sicherlich nicht an Bart\u00f3k denken: in diesem Punkt unterscheidet sich Wordsworths in breiten Linien dahinstr\u00f6mende, oft von lang gehaltenen Dreikl\u00e4ngen in tieferen Lagen bestimmte und wenigstens mittelbar durchaus in der Romantik verwurzelte Musik deutlich von der Musik des gro\u00dfen Ungarn. Hier liegt der Vergleich zu Sibelius oder eben doch auch Vaughan Williams n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Wordsworth an Bart\u00f3ks Musik bewunderte, war insbesondere seine Arbeit mit Motiven und thematischen Fragmenten. In der Sinfonie Nr. 5 etwa wird gleich zu Beginn eine Art \u201eMotto\u201c vorgestellt, das die gesamte Sinfonie durchzieht und als Skala, harmonische Grundlage und thematisches Ger\u00fcst fungiert, n\u00e4mlich a-b-c-cis-dis-e-f-des-b-as-g-f-e. Hier mag man sich in der Ferne vielleicht etwas an den Beginn von Bart\u00f3ks <em>Musik f\u00fcr Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta<\/em> erinnert f\u00fchlen, andererseits sind nat\u00fcrlich auch die Unterschiede zu Bart\u00f3k unverkennbar. Typisch f\u00fcr Wordsworth sind dabei u.&nbsp;a. die in seiner Musik h\u00e4ufig anzutreffenden modalen Elemente und Sekundr\u00fcckungen, wie man \u00fcberhaupt feststellen muss, dass seine Musik bei allen genannten Pr\u00e4gungen sehr wohl ihren eigenen Stempel besitzt. Einfl\u00fcsse modernerer Musik rezipiert Wordsworth vereinzelt, ohne deshalb seine stilistische Grundpositionierung aufzugeben, und wie so oft ist dies eher ein Ph\u00e4nomen, das in seinen sp\u00e4teren Werken auftritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden auf dieser CD vorgestellten Werke entstanden in relativ enger zeitlicher Nachbarschaft (die Sinfonie 1957\u201360, das Konzert 1962\/63), zeigen aber unterschiedliche Facetten von Wordsworths Stil. Insgesamt ist die Sinfonie (speziell in ihren Ecks\u00e4tzen) in einem traditionelleren Idiom gehalten als das Konzert, und insofern zeigen die beiden Werke ihren Sch\u00f6pfer wohl auch ein wenig am Scheideweg (wobei von einem echten Bruch nicht die Rede sein kann). Die Sinfonie ist dreis\u00e4tzig, und an erster Stelle steht ein umfangreiches, von dunklen Farben gepr\u00e4gtes Andante maestoso. Dabei speist sich der Satz zu wesentlichen Teilen aus dem oben bereits diskutierten Mottothema, auch in der Harmonik: zum Beispiel erscheinen cis-moll und b-moll in diesem Kontext als mit der Grundtonart a-moll eng verwandt. So entfaltet sich eine Art Fantasie, ein n\u00f6rdlich anmutendes Stimmungsbild, wobei allerdings nicht zuletzt Wordsworths Vorliebe f\u00fcr Fugatopassagen dem Satz sinfonisches Gewicht verleiht. Immer wieder treten einzelne Instrumente und Instrumentengruppen hervor bis hin zum langen Abgesang der Solovioline am Ende. An zweiter Stelle steht ein deutlich knapperes Scherzo, das mit allerlei Schlagzeugeffekten und dissonant gesch\u00e4rfter Harmonik aufwartet, auch hier teilweise unter Einbeziehung des Mottothemas. Noch st\u00e4rker vom Motto gepr\u00e4gt ist der Finalsatz, der es mannigfaltig abwandelt, die ihm innewohnende Dur-Moll-Ambiguit\u00e4t nun eher in Richtung A-Dur interpretiert und die Sinfonie schlie\u00dflich zu einem triumphalen Schluss f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Cellokonzert ist dreis\u00e4tzig, und wiederum legt Wordsworth viel Wert auf thematisch-motivische Verkn\u00fcpfungen. Am Beginn steht erneut eine Art Motto, zwei gleichzeitig erklingende gegenl\u00e4ufige Skalenbewegungen (eine steigt auf, die andere ab), aus denen sich ein eher rhapsodisch gepr\u00e4gter, wohl tonaler, aber im Vergleich zur Sinfonie harmonisch versch\u00e4rfter (dissonanterer, oft auf Quarten und Quinten aufgebauter) Satz entwickelt. Auff\u00e4llig ist dabei u.a. ein markanter Rhythmus, der sich in etwa ab 3:10 herauskristallisiert und oftmals dynamische Kulminationspunkte markiert. Wiederum ist der zweite Satz deutlich k\u00fcrzer, in diesem Falle ein herb-vertr\u00e4umtes Nocturne mit kurzem bewegtem Mittelteil, der einen Sturm eher andeutet als wirklich realisiert. Das Finale wirkt ein wenig wie ein stilisierter Tanz, vielleicht eine Art Jig; vieles ist aus dem vorherigen Geschehen abgeleitet (der oben erw\u00e4hnten rhythmischen Figur aus dem ersten Satz begegnet man sofort wieder, auch die Skalenbewegungen oder das lyrische Seitenthema aus dem ersten Satz werden schnell in Erinnerung gerufen). Prinzipiell ein gut gelaunter Abschluss des Konzerts, aber nicht ganz ohne Vorbehalte. Ohnehin ist dem Konzert eine gewisse Janusk\u00f6pfigkeit zu eigen, wie z.&nbsp;B. das lyrische Seitenthema des Kopfsatzes illustriert, das in etwa ab 4:08 seine endg\u00fcltige Gestalt annimmt (und dann sofort erneut variiert bzw. gespiegelt wird): im Grunde genommen eine aufsteigende und eine absteigende Bewegung (insofern den Beginn reflektierend), die aufsteigende in gro\u00dfen Intervallschritten (Quinten), die wohl die Blechbl\u00e4sergesten der Einleitung aufgreifen, w\u00e4hrend die absteigende auf Tonleiterbasis erfolgt und die Tonalit\u00e4t H-Dur entschieden festigt, fast ein wenig im Stile eines lyrischen Idylls. Der Eindruck einer gewissen Disparit\u00e4t l\u00e4sst sich hier nicht ganz von der Hand weisen, wie das Thema auch eher konstruiert als inspiriert anmutet. Sein st\u00e4rkstes Werk ist Wordsworths Cellokonzert sicher nicht, aber es hat seine Momente, eine Art rauen Charme.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Interpretationen durch das Sinfonieorchester Liep\u0101ja unter der Leitung von John Gibbons, im Cellokonzert zusammen mit dem Solisten Florian Arnicans, bewegen sich auf einem guten, sehr soliden Niveau. Das Orchester ist bereits in einer ganzen Reihe weiterer Toccata-Produktionen zum Einsatz gekommen und erweist sich einmal mehr als gepflegt aufspielender Klangk\u00f6rper. Grunds\u00e4tzlich tendieren die Darbietungen ins Lyrische, breit Ausgespielte mit ruhigen Tempi. Hier f\u00fcgt sich auch das runde, warme Spiel von Florian Arnicans nahtlos ein. Was dabei allerdings ein wenig auf der Strecke bleibt, sind die Kontraste und die gro\u00dfen Linien, die Entwicklungen der Musik. Dies zeigt sich insbesondere im Vergleich mit den Alternativeinspielungen: ein Rundfunkmitschnitt der F\u00fcnften Sinfonie mit Stewart Robertson am Pult des BBC Scottish Symphony Orchestra ist bei Lyrita erschienen (anders als auf jener CD angegeben allerdings in Mono), und vom Cellokonzert existiert eine Rundfunkaufnahme mit Moray Welsh (wohl ein Mitschnitt der im Rundfunk erfolgten Urauff\u00fchrung), die allerdings niemals kommerziell erschienen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sinfonie nimmt Robertson insgesamt deutlich fl\u00fcssiger und mit gr\u00f6\u00dferem Augenmerk auf ihrer Dramaturgie, was der (ja z.&nbsp;T. durchaus gewollt einheitlich wirkenden) Musik gut bekommt. Hinzu kommt, dass Wordsworth eher kein gro\u00dfer Melodiker ist; im ersten Satz der Sinfonie ist es zum Beispiel vorwiegend das Mottothema, das dem H\u00f6rer im Ged\u00e4chtnis bleibt (die Englischhornmelodie, die im Begleittext als zweites Thema bezeichnet wird, bleibt demgegen\u00fcber recht blass). Umso n\u00f6tiger ist es, die Entwicklungen der Musik st\u00e4rker in den Fokus zu r\u00fccken. Aber auch im Scherzo versteht es Robertson besser, das irrlichternde Moment, den rhythmischen Puls hinter all den bei Gibbons eher isoliert wirkenden Signalen herauszuarbeiten. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich auch im Cellokonzert: man kann das Werk nat\u00fcrlich eher lyrisch verstehen, aber ein pl\u00f6tzlicher Ausbruch wie gegen 4:00 im Finale (mit auf einmal bemerkenswert harscher Harmonik) kann eigentlich nur dann sinnvoll ins Gesamtbild integriert werden, wenn bereits vorher eine gewisse Spannung herrscht, wenn es unter der Oberfl\u00e4che stets doch ein wenig brodelt. Hier macht sich auch der variablere, tendenziell nerv\u00f6sere Ton von Moray Welsh bezahlt. Abstriche muss man bei diesen Aufnahmen freilich bei der Klangqualit\u00e4t machen, etwa dann, wenn sich am Schluss der F\u00fcnften Sinfonie die Musik wie ein gro\u00dfes Panorama vor dem H\u00f6rer entfaltet, was nat\u00fcrlich in moderner Klangqualit\u00e4t eindrucksvoller wirken muss als bei einer (privat auf Tonband mitgeschnittenen) Rundfunkaufnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt besitzt Toccatas Wordsworth-Serie gro\u00dfe Meriten, weil hier die Orchestermusik eines bis dato kaum mehr denn als Randerscheinung hervorgetretenen sehr respektablen Komponisten systematisch erschlossen wird. Vielleicht besteht ja sogar Hoffnung, eines Tages in diesem Rahmen der (vokalsinfonischen) Sechsten Sinfonie zu begegnen, die meines Wissens bis zum heutigen Tag ungeh\u00f6rt geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, M\u00e4rz 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toccata Classics, TOCC 0600; EAN: 5 060113 446008 Die dritte Folge der Einspielungen von Orchestermusik des britischen Sinfonikers William Wordsworth (1908\u20131988) des Labels Toccata pr\u00e4sentiert sein Cellokonzert op. 73 und seine Sinfonie Nr. 5 a-moll op. 68 aus den fr\u00fchen 1960er Jahren. 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