{"id":5191,"date":"2022-04-08T00:04:00","date_gmt":"2022-04-07T22:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5191"},"modified":"2022-10-15T22:05:59","modified_gmt":"2022-10-15T20:05:59","slug":"kaikhosru-sorabji-sequentia-cyclica-beim-heidelberger-fruehling","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/08\/kaikhosru-sorabji-sequentia-cyclica-beim-heidelberger-fruehling\/","title":{"rendered":"Sorabjis \u201eSequentia Cyclica\u201c beim Heidelberger Fr\u00fchling"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Jonathan-Powell-Heidelberger-Fruehling-2022.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Jonathan-Powell-Heidelberger-Fruehling-2022-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5201\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Jonathan-Powell-Heidelberger-Fruehling-2022-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Jonathan-Powell-Heidelberger-Fruehling-2022-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Jonathan-Powell-Heidelberger-Fruehling-2022-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Jonathan-Powell-Heidelberger-Fruehling-2022.jpg 1100w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>The Sorabji Project im Heidelberger Fr\u00fchling 2022. \u00a9 Nico Rademacher\/studio visuell f\u00fcr den Heidelberger Fr\u00fchling<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Wegen Corona um ein Jahr verschoben, spielte der britische Pianist <\/em>Jonathan Powell <em>in der Aula der Alten Heidelberger Universit\u00e4t vom 1.\u20133. April 2022<\/em> <em>\u2013 verteilt auf f\u00fcnf Konzerttermine \u2013 die deutsche Erstauff\u00fchrung der gigantischen, \u00fcber 8-st\u00fcndigen <\/em>Sequentia Cyclica <em>des<\/em> <em>britisch-parsischen Komponisten <\/em>Kaikhosru Sorabji<em> beim Heidelberger Fr\u00fchling. Eine in jeder Hinsicht sensationelle Leistung, die erstaunlicherweise auch nicht-spezialisiertes Publikum begeistern konnte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Igor Levit, der sich ja gerade auch mit einem extrem umfangreichen Variationswerk \u2013 der <em>Passacaglia on DSCH<\/em> des Briten <em>Ronald Stevenson<\/em> \u2013 auseinandergesetzt hat, ist nun Co-Intendant des <em>Heidelberger Fr\u00fchlings<\/em>, der dieses Jahr sein 25-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um feiert. Seine Kammermusikreihe \u201eStandpunkte\u201c machte dieses Mal den Begriff \u201eEntgrenzung\u201c zum Thema; und es gibt wohl kein Musikst\u00fcck, das dem besser Ausdruck verleihen k\u00f6nnte als die monumentale <em>Sequentia Cyclica super Dies Irae ex Missa pro Defunctis ad Clavicembali usum<\/em> des britisch-parsischen Au\u00dfenseiters <em>Kaikhosru Shapurji Sorabji<\/em> (1892\u20131988). Dieser hinterlie\u00df ein Klavierwerk vom Umfange Liszts, das sich nicht nur durch exorbitante technische Anforderungen auszeichnet, die so zumindest zwischen 1920 und 1955 bei keinem anderen Klavierkomponisten zu finden sind. Dar\u00fcber hinaus beanspruchen etliche St\u00fccke Spieldauern von zwei bis \u00fcber 9 Stunden. Sorabji war sich wohl des geradezu \u00fcbermenschlichen Anspruchs seiner Musik an Ausf\u00fchrende wie Zuh\u00f6rer bewusst, und verhinderte ab ca.\u00a01936 f\u00fcr fast 40 Jahre jegliche Auff\u00fchrungen, behielt die ab 1930 entstandenen Riesenwerke gleich mal als Manuskripte in seiner Schublade. Erst Mitte der 1970er l\u00f6ste der Komponist diesen \u201eBann\u201c \u2013 vor allem auf Zureden seines Kollegen <em>Alistair Hinton<\/em>, der sich bis heute um Sorabjis Nachlass k\u00fcmmert, und mithilfe engagierter Musikwissenschaftler nun den Gro\u00dfteil der Klaviermusik in Computersatz-Editionen zug\u00e4nglich und damit \u00fcberhaupt erst spielbar gemacht hat (Link: <a href=\"http:\/\/www.sorabji-archive.co.uk\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">http:\/\/www.sorabji-archive.co.uk<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Spielbar bleibt Sorabjis Musik \u2013 nicht nur die epischen St\u00fccke \u2013 freilich ausschlie\u00dflich f\u00fcr Superpianisten vom Schlage <em>Jonathan Powells<\/em>. Selbst jemand wie Marc-Andr\u00e9 Hamelin sagt l\u00e4ngst, dass er Sorabjis Musik gerne \u201ej\u00fcngeren und kr\u00e4ftigeren H\u00e4nden\u201c \u00fcberlassen wolle, bzw.: <em>\u201eLife is too short to practice that.\u201c<\/em> Powell (Jahrgang 1969) hat sich schon als Jugendlicher mit \u00e4u\u00dferst avancierter Musik besch\u00e4ftigt, etwa der britischen Avantgarde (Michael Finnissy etc.), verfasste in den 1990ern eine Dissertation \u00fcber die russische Komponistengeneration in der Nachfolge Skrjabins \u2013 deren Musik er ebenfalls kongenial interpretiert. Auch zu Sorabji kam Powell fr\u00fch und ist heute zweifelsfrei der berufenste Pianist f\u00fcr dieses Extremrepertoire, hat mittlerweile 16 CDs damit eingespielt, mehrere St\u00fccke uraufgef\u00fchrt. Die <em>Sequentia Cyclica <\/em>ist mit \u00fcber acht Stunden Sorabjis zweitl\u00e4ngstes Klavierwerk \u2013 das er f\u00fcr sein bestes hielt. F\u00fcr die Ersteinspielung erhielt Powell 2020 den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Man muss Igor Levit und der Festivalleitung danken, dass sie diese Mammutauff\u00fchrung im Rahmen eines \u201enormalen\u201c, deutschen Musikfests nun erm\u00f6glicht haben \u2013 die wundersch\u00f6ne Alte Aula der Heidelberger Universit\u00e4t erwies sich daf\u00fcr als der perfekte Ort: nicht zu gro\u00df f\u00fcr Repertoire, das (bisher!) als absolutes Kassengift galt, und dazu akustisch dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p>In Heidelberg hat der Pianist die 27 Variationen \u2013 bei Sorabji m\u00fcssen das immer Quadrat- oder Kubikzahlen sein \u2013 auf f\u00fcnf Konzerte aufgeteilt, die somit zwischen 70 und 105 Minuten dauerten: Die Reihe begann am Freitag um 16 Uhr, am Samstag und Sonntag folgten jeweils um 11 bzw. 16 Uhr die weiteren Teile des Zyklus. Da auch noch interessante Programme des Festivals parallel liefen, hatten einige Besucher teils zwischendrin andere Verpflichtungen. Bemerkenswert ist aber, dass viele von ihnen sich von Sorabjis au\u00dferordentlich fordernder Musik nicht verschrecken lie\u00dfen, sondern dann wiederkamen. Und hier sa\u00dfen nicht nur wenige eingefleischte Sorabji-Fans im Publikum, sondern auch aufgeschlossene Neugierige, darunter etliche junge Zuh\u00f6rer. In jedem Fall erwies sich die Aufteilung als vern\u00fcnftig; die einzelnen Variationen haben ganz unterschiedliche L\u00e4ngen: von et\u00fcdenhaften knapp 2 Minuten bis hin zu drei Variationen \u2013 einem Choralvorspiel, einer Passacaglia mit ihrerseits 100 (!) Variationen sowie der abschlie\u00dfenden Quintupelfuge, die mehr als sechsstimmig wird \u2013 mit jeweils \u00fcber einer Stunde. Powell hat das Wahnsinnswerk tats\u00e4chlich erst am 23. M\u00e4rz in Riga sozusagen am St\u00fcck gespielt!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klaviermusik Sorabjis \u2013 Sohn eines parsischen Vaters aus Bombay und einer Britin \u2013 hat historisch verschiedene Wurzeln: Es beginnt um ca. 1915 mit Einfl\u00fcssen insbesondere des Impressionismus, bald darauf Skrjabins. Sehr schnell wird aber Ferruccio Busoni zum gro\u00dfen, geradezu verg\u00f6tterten Vorbild. Dabei spielt dessen sp\u00e4te, sogenannte <em>Junge Klassizit\u00e4t<\/em> eigentlich keine Rolle, vielmehr der hyperkomplexe Klaviersatz \u2013 namentlich des Klavierkonzerts und der <em>Fantasia contrappuntistica<\/em> \u2013 sowie Momente des Phantastischen (<em>Doktor Faust<\/em>). Diese Komplexit\u00e4t \u2013 im Rhythmischen geht er mit fast st\u00e4ndig irrationalen Schichtungen deutlich weiter \u2013 f\u00fchrt bei Sorabji schon allein durch ihre unerh\u00f6rte Dichte zu atonalen Bildungen, obwohl zwischendrin immer wieder tonale, leicht vergiftete Akkorde erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Sequentia Cyclica<\/em> \u2013 entstanden 1948\/49 und Busonis Lieblingssch\u00fcler Egon Petri gewidmet \u2013 ist allerdings zug\u00e4nglicher als fr\u00fchere Werke: Zum einen ist ja das Thema des <em>Dies irae<\/em> (Sorabji benutzt als Material jedoch nicht nur die ersten Verse, sondern den gesamten Hymnus) aus vielen anderen Paraphrasierungen bestens bekannt. Einige der Variationen sind zudem leicht nachvollziehbare Charakterst\u00fccke wie Walzer, Marcia funebre (im Stile Alkans), eine Hommage an Debussy, eine mit spanischem Kolorit (Ispanica) usw. Das ist zwar oft \u00fcberdimensional, und in der sich von der Zwei- bis zun\u00e4chst Sechsstimmigkeit aufbauenden Schlussfuge scheint der Komponist der fast chaotischen Entwicklung bereits der Einzelfugen scheinbar gar Einhalt gebieten zu m\u00fcssen, indem er zum Teil quasi einfach abbricht. Nat\u00fcrlich nur, um dann mit noch exquisiteren Einf\u00e4llen neu zu beginnen, bis sich zuletzt in einem gewaltigen <em>Stretto maestrale<\/em> die f\u00fcnf Themen zu einem Himalaya von Noten \u00fcbereinander t\u00fcrmen und in gewaltigen Akkordkaskaden (<em>con brio volcanico<\/em>) entladen. Das hat etwas vom Turmbau zu Babel, aber erinnert zugleich an phantastische Kunst wie die <em>Carceri<\/em> Piranesis oder die paradoxen Geometrien Maurits Eschers.<\/p>\n\n\n\n<p>Jonathan Powell ist von Beginn an hochkonzentriert; er spielt diesen Berg von 377 DIN A3-quer-Notenbl\u00e4ttern schlie\u00dflich nicht zum ersten Mal. Nur in den beiden Anfangsvariationen sp\u00fcrt man leichte Nervosit\u00e4t \u2013 vielleicht wegen des f\u00fcr Sorabji ungew\u00f6hnlich gro\u00dfen Publikumsinteresses? Sp\u00e4testens in Variation IV (dem gewaltigen Choralvorspiel, bereits \u00fcber weite Strecken auf vier Systemen notiert) ist er jedoch in seinem Element. Sein Klavierspiel zeichnet sich durch enorme Sonorit\u00e4t und genauestens ausdifferenzierte Dynamik aus; selbst an den lautesten Stellen \u2013 und die finden sich reichlich! \u2013 wird der Klang nie hart. Ein besonderes Problem bei Sorabji ist ja, dass meist Akkorde \u00fcber lange Zeit \u2013 es gibt nur ab und zu Taktstriche zur Orientierung, selten ein festes Metrum \u2013 gehalten werden m\u00fcssen. Das sogenannte Sostenuto-Pedal n\u00fctzt da leider nichts, so dass die gesamte D\u00e4mpfung freigegeben werden muss, aber die vielstimmigen Geschehnisse \u00fcber den Akkordpfeilern ja nicht zu unkenntlichem Brei verschwimmen d\u00fcrfen. Die daf\u00fcr n\u00f6tige Pr\u00e4zision des Anschlags beherrscht Powell meisterhaft \u2013 und er beh\u00e4lt ebenso den \u00dcberblick \u00fcber die gro\u00dfr\u00e4umigen harmonischen Verl\u00e4ufe.<\/p>\n\n\n\n<p>So bleibt seine Darbietung \u00fcber die gesamten acht Stunden ein einziger Genuss \u2013 fast unglaublich, wie der Pianist seine Konzentration aufrechterh\u00e4lt und gleichzeitig mit dem Publikum \u00fcber die Musik kommuniziert. Dass die Technik manuell absolut \u00f6konomisch bleiben muss, ist im Hinblick auf die haarstr\u00e4ubenden Schwierigkeiten nat\u00fcrlich \u00fcberlebenswichtig \u2013 Showeffekte \u00e0 la Lang Lang w\u00e4ren hier t\u00f6dlich. Powells Tempi sind \u2013 gerade auch in der Schlussfuge, wo er statt 79 Minuten nur knapp \u00fcber 60 Minuten braucht \u2013 teils deutlich schneller als in der CD-Aufnahme, ohne dass die Durchsichtigkeit darunter leidet. Das w\u00e4re bei einer zusammenh\u00e4ngenden Auff\u00fchrung wohl kaum so m\u00f6glich. Nie fallen die Riesenst\u00fccke auseinander; und die Dramaturgie des Gesamtwerkes \u00fcbertr\u00e4gt sich \u2013 trotz der Pausen zwischen den Konzerten \u2013 gleicherma\u00dfen auf die Zuh\u00f6rer, die die gesamte Zeit wie gebannt bei der Stange bleiben. Die vielf\u00e4ltigen Charaktere gelingen Powell auf den Punkt, sogar die rauen, komplizierten Abschnitte \u2013 eine der typischen Vortragsangaben Sorabjis dabei: <em>Ardito, focosamente<\/em> \u2013 geraten nie grob und bleiben bis in die ornamentalen Details farbig. Wie vielschichtig und abwechslungsreich Sorabjis Musik dann doch ist, demonstriert der Pianist auf hinrei\u00dfende Weise in besagter Passacaglia.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach jedem der vier ersten Konzerte erh\u00e4lt Jonathan Powell tosenden Applaus von einem restlos begeisterten Publikum, beinahe ungl\u00e4ubig angesichts dessen, was der Pianist mit zwei H\u00e4nden zu (be)greifen vermag. Nach der letzten Variation \u2013 am Ende der Partitur schreibt Sorabji: <em>Deo gratias et laudes<\/em> [\u2026] <em>AMEN<\/em> \u2013 erhebt sich die immer noch gut besuchte Aula sofort zu Standing Ovations. Der K\u00fcnstler, der die k\u00f6rperlichen wie musikalischen Herausforderungen souver\u00e4n gemeistert hat, ist sichtlich zufrieden. Und den Zuh\u00f6rern ist klar, dass die meisten einem in ihrem Leben vielleicht einmaligen Konzerterlebnis beigewohnt haben, das keinesfalls sportiven Charakter hatte. Fast geschlossen nehmen sie dann sogar noch an der anschlie\u00dfenden Podiumsdiskussion mit Powell und Prof. Christoph Flamm teil. Das Festival postet sp\u00e4ter, dass der Applaus in der bisherigen Geschichte des Heidelberger Fr\u00fchlings singul\u00e4r gewesen sei. Ist man in Baden sonst wirklich so zur\u00fcckhaltend? Das Experiment ist jedenfalls aufgegangen \u2013 gut, dass man sich in Heidelberg dazu getraut hat. Kassengift: mag sein \u2013 Publikumsgift: klares Nein! Schade nur, dass der Komponist einen solchen \u2013 von ihm stets bezweifelten \u2013 Erfolg zu Lebzeiten nie erleben durfte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 7. April 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wegen Corona um ein Jahr verschoben, spielte der britische Pianist Jonathan Powell in der Aula der Alten Heidelberger Universit\u00e4t vom 1.\u20133. April 2022 \u2013 verteilt auf f\u00fcnf Konzerttermine \u2013 die deutsche Erstauff\u00fchrung der gigantischen, \u00fcber 8-st\u00fcndigen Sequentia Cyclica des britisch-parsischen Komponisten Kaikhosru Sorabji beim Heidelberger Fr\u00fchling. 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