{"id":5222,"date":"2022-04-25T00:41:59","date_gmt":"2022-04-24T22:41:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5222"},"modified":"2022-11-12T18:10:14","modified_gmt":"2022-11-12T17:10:14","slug":"henzes-das-verratene-meer-aus-der-wiener-staatsoper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/25\/henzes-das-verratene-meer-aus-der-wiener-staatsoper\/","title":{"rendered":"Henzes \u201eDas verratene Meer\u201c aus der Wiener Staatsoper"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio C5460 (2CD); EAN: 8 45221 05460 5<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Henze-Das-verratene-Meer-Capriccio.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Henze-Das-verratene-Meer-Capriccio-1024x912.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5223\" width=\"481\" height=\"428\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Henze-Das-verratene-Meer-Capriccio-1024x912.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Henze-Das-verratene-Meer-Capriccio-300x267.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Henze-Das-verratene-Meer-Capriccio-768x684.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Henze-Das-verratene-Meer-Capriccio.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 481px) 100vw, 481px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Erstauff\u00fchrung von <\/em>Hans Werner Henzes<em> Oper <\/em>Das Verratene Meer <em>an der Wiener Staatsoper musste im Dezember 2020 coronabedingt noch live ohne Publikum aufgezeichnet werden. Die Dirigentin <\/em>Simone Young <em>und das Regieteam von <\/em>Jossi Wieler <em>und <\/em>Sergio Morabito <em>hatten aus den beiden existierenden Fassungen von 1986-89 und 2003-2005<\/em> <em>eine musikalisch absolut schl\u00fcssige Version ausgearbeitet, die nun auf CD brillieren kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schon im Titel seiner Einf\u00fchrung zu Hans Werner Henzes <em>Das verratene Meer<\/em>, die anl\u00e4sslich der Urauff\u00fchrung an der Deutschen Oper Berlin am 5.&nbsp;5.&nbsp;1990 erschien, wies Peter Petersen auf ein Alleinstellungsmerkmal unter dem (bis dato) guten Dutzend abendf\u00fcllender Musiktheaterwerke des Komponisten hin: Das St\u00fcck sei Henzes erste <em>Zeit-Oper, \u201ein der unsere Gegenwart nicht nur das Thema, sondern auch die Spielzeit und den Spielort bildet\u201c<\/em>. Neben den m\u00e4rchenhaften, mythischen bzw. in einer n\u00e4her bestimmbaren Vergangenheit verortbaren Opernsujets steht die Dramatisierung von Yukio Mishimas 1963 ver\u00f6ffentlichtem Roman <em>Gogo no Eiko <\/em>(deutsch: <em>Der Seemann, der die See verriet<\/em>) in der Tat mit beiden Beinen in der Realit\u00e4t; nur in seiner allerletzten Oper <em>Gisela! <\/em>(2010) \u2013 die freilich mit einem fiktiven Ausbruch des Vesuvs endet \u2013 wagte sich Henze nochmals so dezidiert an die Jetztzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Handlung ist schnell erz\u00e4hlt: Als sich die verwitwete Fusako in den Seemann Ryuji verliebt, beobachten ihr 13-j\u00e4hriger Sohn Noboru \u2013 durchaus voyeuristisch \u2013 und dessen Halbstarken-Gang dies zun\u00e4chst mit Faszination. Ryujis Entscheidung gegen die Seefahrt zugunsten einer Heirat mit Fusako wird von den Jugendlichen jedoch als Verrat gedeutet, so dass sie ihn schlie\u00dflich grausam ermorden. Dahinter verbergen sich bereits bei Mishima h\u00f6chst komplexe wie divergierende gesellschaftskritische und psychologische Aspekte, die Henze zu seiner vielleicht besten <em>Kammer<\/em>oper inspiriert haben. Kammeroper deshalb, weil im Gegensatz etwa zu den <em>Bassariden <\/em>\u2013 wo neben grandios besetzten Figuren f\u00fcr nahezu alle klassischen Gesangsf\u00e4cher ein gewaltiger Chor der eigentliche Star ist \u2013 nur die drei obigen Hauptpersonen plus die \u201eGang\u201c, ein namenloses Herrenquintett mit Noboru als \u201eNummer Drei\u201c, auftreten. Das Orchester hingegen ist sehr \u00fcppig besetzt, mit nur ein paar Japonismen, <em>Das verratene Meer <\/em>daher nur f\u00fcr die gr\u00f6\u00dften B\u00fchnen realisierbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz einer musikalisch pr\u00e4chtigen Premiere in Berlin unter Markus Stenz war Henze mit der Regie von G\u00f6tz Friedrich sehr unzufrieden; nach drei weiteren Produktionen (u.&nbsp;a. in San Francisco) verschwand das Werk von den Spielpl\u00e4nen. Henze war sehr wohl klar, dass er hier seine wom\u00f6glich psychologisch differenzierteste und am besten instrumentierte Oper geschaffen hatte. So kam es 2003\u20132005 zu einer Neufassung mit einigen Erweiterungen, namentlich der Zwischenspiele, aber auch kleineren Streichungen, vor allem jedoch einer R\u00fcck\u00fcbersetzung von Hans-Ulrich Treichels Libretto ins Japanische \u2013 was man \u00fcberaus fragw\u00fcrdig finden mag. Jedenfalls wurde diese Version als <em>Gogo no Eiko <\/em>nach Japan dann konzertant bei den Salzburger Festspielen 2006 gegeben; der Mitschnitt unter Gerd Albrecht ist auf CD greifbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Produktionsteam an der Wiener Staatsoper, allen voran der Dirigentin <em>Simone Young<\/em>, waren gewisse Inkonsistenzen der Neufassung sofort bewusst. Sie gingen textlich auf das urspr\u00fcngliche Deutsch zur\u00fcck, \u00fcbernahmen s\u00e4mtliche neu komponierte Musik, \u00f6ffneten aber auch wenige Striche teilweise wieder (Youngs Videobeitrag dazu auf Youtube:<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gjr8RTZ1rK0\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> siehe hier<\/a>). Das Booklet gibt dar\u00fcber dankenswert detailliert Auskunft \u2013 und diese Version erweist sich nun als wirklich optimal. Youngs Dirigat ist insgesamt energischer, dabei gleichzeitig \u00fcber Strecken langsamer als bei Albrecht. Young hebt gewisse, oftmals \u00e4u\u00dferst raue Z\u00fcge dramatisch hervor; und die bruitistischen Elemente der Partitur (Alltagskl\u00e4nge vom Band wie M\u00f6wengeschrei, Presslufth\u00e4mmer, Abrissbirne usw.) sind im Gegensatz zu Salzburg nat\u00fcrlich alle wieder da.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wiener S\u00e4ngerriege agiert \u00e4hnlich: Staatsopern-Neuzugang <em>Vera-Lotte Boeckers <\/em>Fusako ger\u00e4t durchaus vielschichtig, die lyrischen Seiten der Figur werden nicht derart \u00fcberbetont wie von Mari Midorikawa, die ihre reine Stimmsch\u00f6nheit fast zu sehr zelebriert. Die Momente von Sehnsucht, Unsicherheit, gar Wut, schlagen bei Boecker schnell in pure Dramatik um. <em>Bo Skovhus <\/em>hat sich in den letzten 25 Jahren etliche Rollen des modernen, deutschen Repertoires gr\u00fcndlichst erarbeitet \u2013 darunter <em>Wozzeck, Dr.&nbsp;Sch\u00f6n, Karl&nbsp;V. <\/em>und <em>Lear.<\/em> Ryuji wird er ebenfalls mehr als gerecht; ganz anders als der merkw\u00fcrdig blasse Tsuyoshi Mihara in Albrechts Japan-Riege. Trotz seiner guten, klaren Diktion und bewusster dynamischer Gestaltung muss sich Skovhus aber mittlerweile einen gewissen pauschalen Klang eines immerzu heldischen Baritons vorwerfen lassen. Dem spielt Henze hier freilich noch in die H\u00e4nde, wenn er z.&nbsp;B. ausgerechnet bei der Stelle <em>\u201eWillst Du mich heiraten? Ob Du mich heiraten willst?\u201c<\/em> die Vortragsanweisung \u201e<em>br\u00fcllend, als m\u00fcsse er gegen einen Sturm anschreien\u201c <\/em>gibt. Derlei Paradoxien werden dann beinahe zur Karikatur. An die eindringliche, glaubw\u00fcrdige Emotionalit\u00e4t eines Andreas Schmidt bei der Urauff\u00fchrungsserie 1990 in Berlin kommen beide nicht heran.<\/p>\n\n\n\n<p>Problematischste Rolle des <em>Verratenen Meers<\/em> bleibt allerdings Noboru: Wirkte Jun Takahashi mit seinem extrem hell timbrierten Tenor geradezu weibisch, kann <em>Josh Lovell<\/em> rein stimmlich und ausdrucksm\u00e4\u00dfig zwar \u00fcberzeugen, sein Deutsch ist daf\u00fcr leider noch alles andere als akzentfrei. Warum l\u00e4sst man das an der Wiener Staatsoper so durchgehen? Bei der \u201eGang\u201c ist <em>Erik Van Heyningen<\/em> (Nummer Eins, hoher Bariton) immer bedrohlich, kann sich gleichzeitig gut ins f\u00fcnfstimmige Ensemble \u2013 neben Lovell kommen dazu <em>Kangmin Justin Kim<\/em>, Countertenor, <em>Stefan Astakhov<\/em>, Bariton und <em>Martin H\u00e4\u00dfler<\/em>, Bass \u2013 einf\u00fcgen; ein Mitglied des Opernstudios, das sogleich aufhorchen l\u00e4sst. Bei den bewusst polyphonen Passagen erscheint das japanische Ensemble dennoch etwas souver\u00e4ner einstudiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Albrecht wirkt mit dem Turiner Orchester des RAI in vielen Details sensibler, daf\u00fcr jedoch matter, unentschiedener als Young \u2013 genau jenes Geschm\u00e4cklerische, das Kritiker Henze immer vorgeworfen haben. Young liefert robustes Musikdrama, mit einem nat\u00fcrlich absolut hervorragend mitgehenden <em>Orchester der Wiener Staatsoper<\/em>, das selbst bei Grobheiten farbig bleibt, wie den Mordszenen der beiden Aktschl\u00fcsse: Zun\u00e4chst probieren die Jungs das T\u00f6ten an einer Katze aus. Aufnahmetechnisch ist der Mitschnitt des \u00d6sterreichischen Rundfunks aus der Wiener Staatsoper dem aus Salzburg zumindest leicht \u00fcberlegen und f\u00fcr einen Live-Mitschnitt sch\u00f6n durchsichtig. F\u00fcr dieses hochbedeutende Werk, das der Rezensent auf gleichem Niveau ansiedelt wie die <em>Bassariden, <\/em>w\u00fcnscht man sich gerne ein Video der Wiener Auff\u00fchrung \u2013 die CD-Ausgabe mit enorm informativem Booklet samt Libretto ist bereits fraglos eine der wichtigsten Einspielungen der letzten Jahre und Pflicht f\u00fcr alle Opernfreunde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahme: <\/strong>Midorikawa, Mihara, Takahashi etc., Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai, Gerd Albrecht (Orfeo C 794 092 I, 2006)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, April 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio C5460 (2CD); EAN: 8 45221 05460 5 Die Erstauff\u00fchrung von Hans Werner Henzes Oper Das Verratene Meer an der Wiener Staatsoper musste im Dezember 2020 coronabedingt noch live ohne Publikum aufgezeichnet werden. 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