{"id":5238,"date":"2022-05-08T19:09:40","date_gmt":"2022-05-08T17:09:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5238"},"modified":"2022-05-08T19:09:44","modified_gmt":"2022-05-08T17:09:44","slug":"interview-albena-petrovic-die-neugier-besonderheiten-zu-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/05\/08\/interview-albena-petrovic-die-neugier-besonderheiten-zu-entdecken\/","title":{"rendered":"Die Neugier, Besonderheiten zu entdecken"},"content":{"rendered":"\n<p>CD: <em>Dreamlover, Music for Saxophone by Albena Petrovic.<\/em> Joan Mart\u00ed-Fresquier, Kebyart Ensemble, Cynthia Knoch, Romain Nosbaum. <\/p>\n\n\n\n<p>Solo Musica, SM 394; EAN: 4 260123 643942.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AlbenaPetrovic.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AlbenaPetrovic.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5239\" width=\"454\" height=\"454\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AlbenaPetrovic.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AlbenaPetrovic-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AlbenaPetrovic-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p> <em>Al<\/em><em>bena Petrovic geh\u00f6rt zu den produktivsten Komponistinnen unterer Zeit. Die in Bulgarien geborene, in Luxemburg lebende und wirkende Musikerin schrieb \u00fcber 600 Werke in unterschiedlichsten Gattungen und f\u00fcr diverse Besetzungen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie 2013 den <\/em><em>Ordre de M\u00e9rite du Grand-Duch\u00e9 de Luxembourg<\/em><em> (Rangstufe: Chevalier). Soeben erschien nach <\/em>Crystal Dream<em>, <\/em>The Voyager<em> und <\/em>Bridges of Love<em> ihre nunmehr vierte monographische CD beim M\u00fcnchner Label Solo Musica: Es tr\u00e4gt den Titel <\/em>Dreamlover<em> und umfasst Werke f\u00fcr Saxophon, die in Bezug stehen zum aus\u00fcbenden K\u00fcnstler Joan Mart\u00ed-Frasquier. Albena Petr<\/em><em>ovic bezeichnet <\/em>Dreamlover<em> als \u201eKonzeptalbum\u201c, das exemplarisch ihr Schaffen f\u00fcr das Saxophon in seinen verschiedenartigen Facetten umrei\u00dft. In diesem Interview spricht die Komponistin Albena Petrovic \u00fcber ihren Zugang zur Musik, \u00fcber das Saxophon und die Werke, die auf ihrem neuen Album <\/em>Dreamlover<em> zu h\u00f6ren sein werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oliver Fraenzke (OF)<\/strong>: Albena Petrovic, Ihre neueste CD widmet sich dem Saxophon. Dieses ist zumindest in der klassischen Musik ein vergleichsweise neues Instrument, das abgesehen von wenigen Ausnahmen (wie bei Bizet) erst im 20. Jahrhundert aufbl\u00fchte: man denke an Debussy und Ravel, an Glasunow und an Alban Berg. Am meisten verbinden wir es aber nach wie vor mit dem Jazz, wo es zwar ebenso sp\u00e4t einzog, sich aber nachhaltig durchsetzte. Wie kamen Sie dazu, f\u00fcr dieses Instrument zu komponieren und was spricht Sie an ihm so an?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Albena Petrovic (AP):<\/strong> Tats\u00e4chlich war es der Zufall, der viele Dinge bewirkt, der mich dazu gebracht hat, Saxophonisten kennenzulernen. Ich hatte vorher nie die Gelegenheit, f\u00fcr Saxophon zu komponieren, weil ich keine Konzert-Interpreten kannte \u2013 ganz logischerweise lag dieses Instrument nicht in meinem Blickfeld. 2006 komponierte ich das Quartett <em>Gebet zum Nichterscheinen<\/em>, das von der Musikwissenschaftlerin Danielle Roster und ihrem Projekt mit <em>CID Femmes-Luxembourg<\/em> bei mir in Auftrag gegeben wurde. Ich war sehr dankbar f\u00fcr dieses Projekt, das die meisten Blasinstrumente umfasste. Nach der Urauff\u00fchrung wurde das Quartett mehrfach aufgef\u00fchrt \u2013 unter anderem in \u00d6sterreich. Dann schrieb ich mehrere andere Kammermusikst\u00fccke, darunter mit Saxophon, aber nichts f\u00fcr dieses Instrument allein. Entscheidend war mein Treffen mit Joan Mart\u00ed-Frasquier bei Classical Next im Jahr 2016. Er ist eine Art F\u00fcrsprecher f\u00fcr sein Instrument \u2013 das Bariton-Saxophon: Er bittet Komponisten oft um neue St\u00fccke f\u00fcr sein Instrument. Er hat mehr als 30 Werke uraufgef\u00fchrt und mit seiner Hingabe an das Schaffen und Entdecken hat er es geschafft, dass ich Lust bekommen habe, f\u00fcr ihn zu komponieren. Au\u00dferdem engagiert er sich enorm f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik, ganz \u201epuristisch\u201c: Kommerzielle Musik passt keine Spur in sein Repertoire. Mit kommerzieller Musik meine ich St\u00fccke, die mit dem Publikum \u201eflirten\u201c und in Richtung Populismus abgleiten. Nach dem ersten St\u00fcck \u2013 DREAMLOVER \u2013 komponierte ich 2018 das Konzert mit Streichorchester und die Ouvert\u00fcren zum Operndyptich <em>Liebe und Eifersucht<\/em>. Dies war schon genug Musik, um an eine CD zu denken!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: <\/strong>Bei den Werken dieser CD erkunden Sie explizit die Spieltechniken jenseits der \u201etraditionellen\u201c Musizierweise. Welche klangtechnischen Besonderheiten entdeckten Sie beim Saxophon?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Die Saxophonfamilie ist sehr reich an Klangm\u00f6glichkeiten \u2013 so virtuos wie eine Klarinette, aber mit Vorteilen in der Klangpalette \u2013 sehr unterschiedliche Klangfarben, mehrere Register von Ger\u00e4uschen und Effekten und nat\u00fcrlich mehr Kraft und Lautst\u00e4rke. Im Bereich des Ausdrucks und der Suche nach dunklen, auch unsch\u00f6nen Paletten ist das Bariton-Saxophon also in seiner St\u00e4rke. Gleichzeitig kann es auf Anfrage wie die menschliche Stimme singen und zart und warm sein \u2013 es f\u00e4llt mir schwer zu sagen, was mit diesem Instrument nicht m\u00f6glich ist, besonders wenn der Instrumentalist so virtuos ist wie Joan Mart\u00ed.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: <\/strong>Wenn mir gestattet ist, die vorausgegangene Frage weiterzuverfolgen: Allgemein f\u00e4llt auf, dass Sie in fast jeder Phrase erweiterte Spielweisen benutzen und die klanglichen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr jedes Instrument durch neue Techniken ausreizen. Sind Sie der Ansicht, die traditionelle Tongebung habe f\u00fcr die neue Musik ausgedient, sei abgenutzt? Oder geht es Ihnen hierbei mehr um eine Umsetzung Ihrer Vorstellungen, die nur eben durch solche Klangsph\u00e4ren erreichbar gemacht werden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Ich denke, tonale Musik ist unbegrenzt, man kann mit Tonalit\u00e4t viel machen, aber ich habe eine sehr gro\u00dfe Neugier, Besonderheiten zu entdecken und zu suchen. Au\u00dferdem geht es mir darum, meine Ideen gem\u00e4\u00df meiner pers\u00f6nlichen \u00c4sthetik auszudr\u00fccken, und ich brauche meine pers\u00f6nliche Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren sind die Themen, die mich besch\u00e4ftigen, eher d\u00fcster, und ich orientiere mich an der philosophischen oder tragischen Seite der Dinge. Ich kann nicht wirklich (nach eigener Entscheidung) Musik zur Unterhaltung komponieren \u2013 daf\u00fcr gibt es sehr spezifische Genres. Gelehrte Musik, wie wir sagen, Kunstmusik, muss sich von Themen und tiefen Gef\u00fchlen n\u00e4hren, und das inspiriert mich auch. Es f\u00e4llt mir schwer, meine Entt\u00e4uschung oder die Einsamkeit von heute mit einer Melodie auszudr\u00fccken, die vor 200 Jahren h\u00e4tte komponiert werden k\u00f6nnen. Und jeder Sch\u00f6pfer ist in seiner eigenen Welt \u2013 das &#8222;Gep\u00e4ck&#8220;, das er mit sich tr\u00e4gt und seine menschlichen Erfahrungen sind absolut untrennbar mit seiner Sch\u00f6pfung verbunden. Meine pers\u00f6nliche Reise war sehr schwierig und voller Hindernisse \u2013 die Zeit meiner Jugend war sehr dramatisch und das ist der Grund, dass mein Aussehen und meine \u00c4sthetik nicht die gleichen sind wie die Sch\u00f6pfer, die in einem einfachen und unbeschwerten Kontext sich entwickelt haben. Auf heute projiziert: K\u00f6nnten diese Menschen, die unter den Bombardements in der Ukraine aufwachsen, die gleichen Visionen haben wie die anderen, die auf Mallorca Urlaub machen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF:<\/strong> Ihr musikalisches Material setzt sich bei den Werken dieser CD haupts\u00e4chlich zusammen aus kurzen Motiven, die vor allem rhythmisch-dynamischer Natur sind oder sich durch individuelle Klanglichkeit auszeichnen. Wie kreieren Sie damit Zusammenhang in den gro\u00dfen Formen? Auf welche Weise gelingt es Ihnen, die einzelnen S\u00e4tze oder Werke zusammenzuhalten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Gro\u00dfe Formbauten \u2013 hier zum Beispiel das Concerto \u2013 werden wie gro\u00dfe Geb\u00e4ude gebaut \u2013 proportional und der Form und Dramaturgie eines zuvor erstellten Plans folgend, sonst st\u00fcrzt das Geb\u00e4ude ein. Kleine Formen sind Detailarbeit, die oft schwieriger zu erreichen ist. Bei kleinen Formen ist jede kleine Geste sehr wichtig und sichtbarer. In Topform arbeite ich als Architekt \u2013 ich plane, bevor ich anfange, und folge dem Plan. Dann hat jede Stufe ihre Rolle in der Dramaturgie des Ganzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: <\/strong>Allgemein f\u00e4llt auf, dass Ihre Musik ausgesprochen sanft und weich erscheint, bewusst extreme Kontraste in Sinne von H\u00e4rte umgeht. Dazu verleihen Sie Ihren Werken vornehmlich poetische Titel, die ebenfalls tr\u00e4umerischen bis melancholischen Charakters sind. Was wollen Sie mit Ihrer Musik vermitteln? Welchen Eindruck erhoffen Sie, bei Ihren H\u00f6rerinnen und H\u00f6rern beim ersten H\u00f6reindruck zu erzielen? Und durch welche Haupt-Charakteristika wollen Sie diesen Eindruck in erster Linie erreichen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Meine pers\u00f6nliche \u00c4sthetik ist stark von den Impressionisten und Expressionisten beeinflusst. F\u00fcr mich muss jede Musik eine Inspiration in sich tragen, die vom Herzen kommt. Meine Musik ist rational komponiert und oft \u00fcberm\u00e4\u00dfig durchdacht, aber der Hauptzweck ist, dass sie beim Zuh\u00f6rer ein Gef\u00fchl und eine Reaktion hervorruft. Diese nachdenkliche Seite ist f\u00fcr mich essenziell. Also suche ich nach einem einzigartigen und wiedererkennbaren Sound-Look. Ich m\u00f6chte nicht, dass wenn Sie sich mein St\u00fcck anh\u00f6ren, sich fragen, ob das Gershwin oder Bernstein oder Poulenc ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: <\/strong>Beim ersten Werk auf der vorliegenden CD handelt es sich um ein Solokonzert, urspr\u00fcnglich f\u00fcr Bariton-Saxophon und Streichorchester als op.&nbsp;204 komponiert, auf Wunsch von Joan Mart\u00ed-Frasquier sp\u00e4ter in der hier zu h\u00f6renden Fassung mit Klavier umgeformt. Wie treten Sie der klassischen Form des Solokonzerts heute gegen\u00fcber? Welche formalen Teile projizierten Sie in die Gegenwart und wie schaffen Sie eine nach wie vor aktuelle Form?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Das Konzert ist zweis\u00e4tzig \u2013 vor und nach einer imagin\u00e4ren Katastrophe \u2013 ein Vorwarnteil voller Angst und Drohung und ein Teil zur Trauer \u00fcber die Katastrophe. Es gibt auch Sonaten und Konzerte in einem Satz, was seit dem 20. Jahrhundert ein Trend ist, der auch sehr typisch f\u00fcr Opern ist, die bereits in 1\u20132 Akten \u00fcblich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte es f\u00fcr sinnvoll, die L\u00e4ngen zu k\u00fcrzen \u2013 ich entziehe mich nicht dem Trend, Formen zu schneiden und Mittel zu sparen. Heutzutage dauern Konzerte nicht l\u00e4nger als 60\u201375 Minuten ohne Pause und das war&#8217;s; Das Publikum h\u00f6rt nicht mehr zu, wenn die Musik komplex ist und Reflexion und nicht nur Unterhaltung erfordert. Die Zeit vergeht anders und das wirkt sich auf die Gr\u00f6\u00dfe der Werke aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: <\/strong>Bemerkenswert gestaltet sich Ihr Zyklus <em>Po\u00e8mes\u2013Masques<\/em> op.&nbsp;236, der die bislang einzigartige Formation zwischen Gesang und Saxophon in den Mittelpunkt stellt. Wie harmonisieren die menschliche Stimme, die ja vor allem in der Mittellage bis H\u00f6he Glanz und Volumen erreicht, und das Saxophon, welches ja in der Tiefe m\u00e4chtig erscheint? Auf welche Weise wirken die zwei Melodieinstrumente zusammen und wie k\u00f6nnen sie gemeinsam harmonische Vielfalt erreichen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Es ist sehr nat\u00fcrlich \u2013 ich behandle das Bariton-Saxophon wie eine menschliche Stimme, aber ohne Worte \u2013 es steht logischerweise im Dialog mit dem Sopran. Und es ist auch sehr harmonisch und sogar melodi\u00f6s. Ich habe mehrere andere St\u00fccke, in denen ich die Stimme als Instrument behandle, aber hier habe ich die Entscheidung nach dem Inhalt getroffen \u2013 die <em>Po\u00e8mes\u2013Masques <\/em>sind sehr theatralisch, wie kleine Skizzen \u2013 es gibt Vorschl\u00e4ge, mit denen man den H\u00f6rer nicht ablenken darf durch zu viel Virtuosit\u00e4t, die Intimit\u00e4t des Textes suggeriert auch eine intime Textur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: <\/strong>Die Texte der vier Lieder stammen ebenfalls aus Ihrer Feder. Im Booklet beschrieben Sie, dass der sch\u00f6pferische Prozess des Entstehens von Text und Musik zusammenf\u00e4llt. Wie kann man sich das vorstellen? K\u00f6nnten Sie das anhand eines Beispiels erkl\u00e4ren, wie Sie bei Liedkompositionen vorgehen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP:<\/strong> Ich denke \u00fcber die Botschaft nach, die ich vermitteln m\u00f6chte, dann fange ich an, eine Textur auszuarbeiten \u2013 Instrumente, Klangfarben und die Worte, die diese Botschaft am besten ausdr\u00fccken. Rational und intuitiv sind die beiden Arbeitsweisen, die bei meiner Textarbeit Hand in Hand gehen. Arbeiten ohne Text ist viel rationaler.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF:<\/strong> Es folgen drei St\u00fccke f\u00fcr das Saxophon allein: <em>DREAMLOVER<\/em> op.&nbsp;189 (2017) und die Zwei St\u00fccke f\u00fcr Alt-Saxophon o.&nbsp;O., die aus Ihrer Kammeroper <em>Love &amp; Jealousy<\/em> stammen. Ein Melodieinstrument ohne Begleitung stellt Komponistinnen und Komponisten vor besondere Herausforderungen. Vor welchen Aufgaben standen Sie hier?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Es ist wirklich sehr anspruchsvoll, ein St\u00fcck f\u00fcr Soloinstrument zu bauen, aber ich mache es nur, wenn ich wirklich glaube, dass dies der einzige Weg ist, die Botschaft zu vermitteln \u2013 in der Dyptich-Oper <em>Love &amp; <\/em>Jealousy, also <em>Liebe und Eifersucht<\/em>, ist das Saxophon die Verk\u00f6rperung der Einsamkeit \u2013 es spielt diese Rolle auch in der Dramaturgie der Klangfarben; im <em>DREAMLOVER<\/em> ist es \u00e4hnlich \u2013 marginal, realit\u00e4tsfern in Einsamkeit und Isolation.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF:<\/strong> Zu <em>DREAMLOVER<\/em> vermerkten Sie, es lie\u00dfe viel Raum f\u00fcr die Phantasie der Interpretinnen und Interpreten. Auf welche Weise?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP:<\/strong> Eines der B\u00fccher, das mich gepr\u00e4gt hatte, war <em>Op\u00e9ra Aperta<\/em> des Schriftstellers und Philosophen Umberto Eco \u2013 die offene Form, die Raum l\u00e4sst f\u00fcr die anderen Teilnehmer des Dreiecks \u2013 f\u00fcr Darsteller und sogar f\u00fcr die aktive Teilnahme des Publikums im Bezug auf die &#8218;Ausf\u00fchrung&#8216; des musikalischen Werkes \u2013 ich gehe nicht zu weit in diese Richtung, aber ich gebe dem Interpreten kontrollierte Freiheit, damit er dem Endergebnis seinen Stempel aufdr\u00fccken kann. Er muss sich wirklich in die Haut des Komponisten hineinf\u00fchlen und die Emotion seines eigenen Wesens leben. Ansonsten sind die Noten streng geschrieben, auch die Nuancen. Die Freiheit betrifft Rhythmus, Tempo und Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: <\/strong>Das letzte der zu h\u00f6renden Werke tr\u00e4gt den Titel <em>Gebet zum Nichterscheinen<\/em> op.&nbsp;102, es ist das fr\u00fcheste der aufgenommenen Werke und f\u00fcr vier Saxophone komponiert. Hier n\u00e4herten Sie sich das erste Mal dem Saxophon: Wie bereiteten Sie sich auf das Schreiben f\u00fcr dieses Instrument vor? Und was zeichnete die Arbeit an dem Werk aus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AP: <\/strong>Das ist mein erstes Werk f\u00fcr Saxophon, es gab einen Auftrag, dieses Werk zu komponieren, aber ich kannte die Instrumente schon lange vorher, seit dem Ende meines Studiums; 2006 ergab sich die Gelegenheit. Das ist f\u00fcr mich etwas ganz Besonderes \u2013 ich muss immer einen B\u00fchnentermin im Blick haben, sonst kann ich nicht komponieren. Wenn es m\u00f6glich ist, die Interpreten sogar pers\u00f6nlich zu kennen, ist dies der beste Weg, um die Werke zu f\u00fchlen und ihnen Energie zu verleihen. Und der erste Klick ist sehr wichtig \u2013 die Idee und der Titel. Ohne Titel und Idee, die einander entsprechen, kann ich ebenfalls nicht komponieren. Und doch ist es der Ton, der die Inspiration bringt. Ich habe <em>Blaubart<\/em> von Kurt Vonnegut gelesen und fand die Reflexion von Erscheinen und Nichterscheinen sehr inspirierend. Ich habe mich auch entschieden, mit \u201esoggeto cavato\u201c und \u201eAugenmusik\u201c zu experimentieren und bestimmte Texte, Namen etc. in das thematische Material zu kodieren \u2013 das ist das Unsichtbare hinter den Noten. Da es sich bei Saxophonen um transponierbare Instrumente handelt, ist diese Codierung in der C-Partitur ersichtlich. Dasselbe mache ich seit Jahren mit vielen Instrumentalst\u00fccken \u2013 es ist eine Technik, die es mir erlaubt, eine gewisse Erdung und eine artifizielle Modalit\u00e4t \/ fast Tonalit\u00e4t zu erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF:<\/strong> Ich bedanke mich sehr herzlich f\u00fcr Ihre Antworten!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Interview gef\u00fchrt von: Oliver Fraenzke, April 2022]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CD: Dreamlover, Music for Saxophone by Albena Petrovic. Joan Mart\u00ed-Fresquier, Kebyart Ensemble, Cynthia Knoch, Romain Nosbaum. Solo Musica, SM 394; EAN: 4 260123 643942. Albena Petrovic geh\u00f6rt zu den produktivsten Komponistinnen unterer Zeit. Die in Bulgarien geborene, in Luxemburg lebende und wirkende Musikerin schrieb \u00fcber 600 Werke in unterschiedlichsten Gattungen und f\u00fcr diverse Besetzungen. 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